Moabit unter Druck: Spreebogen

Print Friendly

Marktdruck oder Gentrifizierung

– Eine sozialräumliche Analyse –

 

 

Moabit ist ein zentral gelegener Ortsteil in Berlin der seit 2001 zum Bezirk Mitte gehört[1] und über 70.000 Einwohnern hat (Stand 2010)[2].

 

Dem Seminar „Moabit unter Druck“[3] liegt folgende Forschungsfrage zu Grunde: Handelt es sich bei den zu beobachtenden Veränderungen in Moabit um klassische Gentrifizierung oder ist der allgemeine Marktdruck dafür verantwortlich? Angenommen es handelt sich um Gentrifizierung, müsste sich Moabit einer der weiter unten beschriebenen Phasen des Ablaufmodells zuordnen lassen. Wie dort beschrieben, verläuft Gentrifizierung kleinräumlich und es würde sich bei genauerer Betrachtung der einzelnen Quartiere ein differenziertes Bild Moabits ergeben. Bei genauerer Untersuchung des Gebietes um den Spree-Bogen gilt das Hauptaugenmerk also jenen Veränderungen und Begebenheiten, die auf Gentrifizierung schließen lassen. Werden die Beobachtungen in der Summe ein Bild des Quartieres zeichnen, welches keiner der Phasen zugeordnet werden kann, liegt die Vermutung nahe, dass die Veränderungen der Bürger dieses Stadtteils weniger mit dem Konzept der Gentrifizierung erklärt werden können, sondern vielmehr der Besonderheit des gesamtstädtischen Immobilienmarktes geschuldet sind. Das würde bedeuten, dass in Moabit weder der Prozess einer symbolischen Aufwertung oder einer In-Wertsetzung von Pionieren voraus ging, sondern einfach auf Grund seiner innenstädtischen Lage und seines vergleichsweise niedrigen Mietniveaus für Mieter und Immobilienwirtschaft interessant geworden ist.

 

Gentrifizierung

 

Der Begriff der Gentrifizierung hat in den vergangenen Jahren den Sprung aus dem Vokabular einer Fachwelt in die Feuilletons deutscher Zeitungen geschafft und ist mittlerweile ein öffentlich diskutiertes Thema. Dabei gibt es in der Literatur weder eine einheitlich akzeptierte Definition vom „Gentrifizierungsprozess“ – noch besteht Einigkeit darüber, welche Prozesse unter dem Begriff Gentrifizierung letztlich zusammenzufassen sind.

 

Zu allererst wurde der Begriff 1964 von Ruth Glass verwendet, welche darunter städtische Veränderungen im Londoner Stadtteil Islington zusammenfasste. Den Begriff der Gentrifizierung leitete Ruth Glass vom Wort “gentry” ab, welches im deutschen mit “niedriger Adel” übersetzt werden kann, im gegenwärtigen Kontext allerdings eher die “neue bzw. obere Mittelschicht”[4] bezeichnet. In ihrer Definition aus dem Jahre 1964 finden sich einige Elemente wieder, welche auch in den meisten nachfolgenden Definitionen Erwähnung finden[5]. Dazu gehört die Aufwertung sowohl in baulicher, als auch in ökonomischer Dimension, der Bevölkerungsaustausch einer statusniedrigeren durch eine statushöhere Bevölkerungsgruppe, sowie der Vermerk auf die Entstehungszeit und Art der Bebauung von Stadtvierteln in denen Gentrifizierungsprozesse ablaufen.

 

Eine auf den Aspekt des Bevölkerungsaustauschs reduzierte Definition aus dem deutschsprachigen Raum stammt von Jürgen Friedrichs: „Gentrification ist der Austausch einer statusniedrigen Bevölkerung durch eine statushöhere Bevölkerung in einem Wohngebiet.“[6] Der Aspekt der physischen Aufwertung fehlt in seiner Definition vollständig, wobei dieser in anderen Definitionen vielfach Beachtung findet und laut Friedrichs auch zweifelsohne ein Aspekt von Gentrification ist. Neben dem Austausch der Bevölkerung und der baulichen Aufwertung ist auch die “umfassende Veränderung des Nachbarschaftscharakters” ein weiteres Merkmal der Gentrification.

 

Holm verweist darauf, dass Gentrifizierung nach oben hin kein Ende hat. Dies lässt sich an Luxussanierungen in bereits aufgewerteten Quartieren beobachten, wofür sich der Begriff der „Hypergentrifizierung“  etabliert hat. Der Regelfall aber ist, dass Gentrifizierung dort stattfindet, wo der Bestand an unsanierten Häusern groß ist und die Mieten niedrig sind. Denn in solchen Gebieten werden die größten Aufwertungspotentiale vermutet. Dieses erklärt sich durch die Differenz der derzeitigen Miete und der zu erwartenden höheren Miete nach Modernisierung. Diese Ertragslücke ist in den Erklärungsmodellen der Gentrifizierung eine Grundbedingung.[7]

 

Gentrifizierung findet meist in innenstadtnahen Quartieren mit einer maroden Bausubstanz statt. Die Gebäude entstanden häufig um die Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert, was durch ausbleibende Sanierungen zu einer maroden Bausubstanz führte, was ebenfalls ein Merkmal darstellt. Zudem haben die Bewohner dieser Viertel meist einen niedrigen sozialen Status. Das Miet- und Bodenpreisniveau ist ebenso niedrig. Gebiete, in denen Gentrifizierung stattfindet, müssen dabei keinesfalls alle dieser Merkmale aufweisen. In den meisten Fällen handelt es sich um eine Kombination dieser.[8] Genauso wenig findet Gentrifizierung zwangsläufig dann statt, wenn ein Gebiet alle diese Merkmale aufweist. Gentrifizierung ist ein kleinräumlicher Prozess und betrifft stets nur räumlich begrenzte Gebiete.[9]

 

Eine vielbeachtete und weitläufig anerkannte Beschreibung des Gentrifizierungs-Prozesses liefert ein Phasenmodell, welchem ein Invasions-Sukzessions-Zyklus zu Grunde liegt[10]. Dies ist ein soziologisches Modell, entwickelt durch die Chicagoer-Schule, welches die Verdrängung einer Bevölkerungsgruppe durch eine andere Bevölkerungsgruppe in einem Wohngebiet beschreibt. Anders als im ursprünglichen Modell wird bei Gentrifizierung eine statusniedrigere Gruppe durch eine statushöhere Gruppe verdrängt. Weil mit den Pionieren und den Gentrifizierern zwei verschiedene Gruppen mit einem höheren sozialen Status in ein Gebiet mit einer Bevölkerung mit einem niedrigeren sozialen Status eindringen, spricht man bei der Gentrifizierung von einem doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus[11].

Das Modell unterscheidet vier Phasen. In der ersten Phase dringt eine statushöhere Gruppe in das Wohngebiet ein und besetzt Wohnungen, die zuvor leer standen, weshalb es zu keinen Verdrängungsprozessen kommt. Die Angehörigen dieser statushöheren Gruppe werden Pioniere genannt. Diese verfügen über einen höheren Bildungsstand und ein größeres kulturelles Kapital, nicht aber über ein höheres Einkommen. Studenten und Fotografen werden dieser Gruppe zugerechnet. Diese ziehen in das Viertel, weil sie die dort vorgefundene soziale Mischung und die günstige, mitunter marode aber durchaus attraktive Bausubstanz schätzen. In Deutschland sind dies meist innenstadtnahe Altbauviertel; in Berlin die typischen Mietskasernen, welche in dichter Bauweise Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Die Pioniere führen häufig einfache Renovierungsmaßnahmen durch, welche dem Zustand der Gebäude zu Gute kommen. Zudem entwickelt sich durch die Pioniere ein erstes neues Infrastruktur-Angebot, zu dem kleinere Galerien, Cafés oder Bars gehören können.

 

Durch die zugezogenen Pioniere hat sich der Wohnungsleerstand merklich reduziert, was durch den weiteren Zuzug von Pionieren und erstmals auch vergleichsweise risikofreundlicheren Gentrifizierern zu ersten Verdrängungstendenzen der angestammten Bewohner kommt. In dieser zweiten Phase der Gentrifizierung ziehen demnach auch die Mieten an und es kommt zu ersten Sanierungen der Gebäude. Das Viertel wird interessant für die Immobilienwirtschaft, da mit dem Zuzug der ersten Gentrifizierern auch absehbar wird, dass sich der Charakter des Viertels weiterhin in Richtung einer “guten Gegend” entwickeln wird. Auch werden jetzt erstmals Medien und somit eine breitere Öffentlichkeit auf das Viertel aufmerksam. Wegen des breiten gastronomischen Angebots und einer vorhandene subkulturelle Szene wird der Kiez als neues In-Viertel oder “Geheimtipp” angepriesen. Mit Blick auf Berlin sei an dieser Stelle die Bedeutung der Stadtmagazine wie „Zitty“ und „Tip“ verwiesen, welche sich seit Jahren mit großen Leitstories den gerade angesagten Vierteln widmen (2009: Neukölln: „Unterwegs in Berlins derzeit spannendsten Stadtteil“) oder sich gar im Wahrsagen üben (z.B. Zitty 2006: „Der Wedding kommt“).

 

In Phase 3 schließlich zeigt Gentrifizierung “ihr Wesen”. Es kommt zu maßgeblichen Verdrängungsprozessen[12]. Diesem fallen durch die gestiegenen Mieten nicht ausschließlich die angestammte Bevölkerung zum Opfer, sondern erstmals auch Pioniere, die den Veränderungen im Viertel dazu noch negativ gegenüber stehen. Zu diesen Veränderungen gehören ein verändertes infrastrukturelles Angebot, welches durch den starken Zuzug von Gentrifizierern entstanden ist und ein allgemein veränderter Charakter des Viertels. Die bunte Mischung der Bevölkerung und der morbide, urbane Charme des Viertels sind den Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen und den damit verbundenen Verdrängungsprozessen zum Opfer gefallen. In dieser Phase kommt es zudem zu tiefgreifenden Veränderungen in den Besitzverhältnissen. Zum einen nimmt die Anzahl der privaten Eigentümer ab, die durch die gestiegenen Bodenpreise zum Verkauf angeregt werden. Zum anderen steigt der Anteil der professionellen Immobilienunternehmen, die über ein größeres Kapital verfügen und somit einfacher kapitalintensive Modernisierungsmaßnamen durchführen können.

 

Das Vierphasen-Model findet seinen Endpunkt darin, dass ein Großteil der angestammten Bevölkerung verdrängt wurde, das Viertel seinen Charakter verändert und sich als “gute Adresse” etabliert hat. Die Mieten sind stark gestiegen, die zuziehenden Gentrifizierer-Haushalte sind äußerst risikoscheu und kaufkräftig[13] (vgl. Friedrichs, S.57 – 66).

 

Bekannte Beispiele, in denen Gentrifizierung relativ modellhaft ablief, dürften bei aller Einzigartigkeit der Situation, ostdeutsche Städte nach der Wiedervereinigung und die Sanierungsgebiete in Berlin-Mitte und dem Prenzlauer Berg sein. Vor Beginn der Sanierungsmaßnahmen gehörte das Gebiet “Rosenthaler Vorstadt” zu den ärmsten ganz Berlins. Zum Zeitpunkt des Ablaufs des Förderprogramms war geradezu das Gegenteil der Fall. Dies ging mit einem nahezu vollständigen Austausch der Bevölkerung einher [14].

 

Um festzustellen ob in Moabit nun eine klassische Gentrifizierung stattfindet, wurden verschiedene Punkte untersucht: mit Gebietsrundgängen wollten wir uns selbst einen Eindruck verschaffen, außerdem haben wir uns die Geschichte Moabits sowie aktuelle Statistiken angeschaut und führten mit einigen Experten und auch Nichtexperten Interviews zum Thema „Moabit unter Druck – Marktdruck oder Gentrifizierung?“

 

Geschichte

 

Erste Siedlungsspuren am heutigen Helgoländer Ufer lassen sich bereits aus dem 13. Jahrhundert nachweisen.[15] Der Bereich südlich des gegen Ende des 12. Jahrhunderts als Verbindung von Berlin nach Spandau angelegten älteren Spandauer Heerweges, heute Alt-Moabit, ist also der älteste Teil Moabits.[16] Es dauerte dann allerdings noch einmal einige Jahrhunderte, bis man hier endgültig sesshaft wurde. Lange Jahre zur Zeit Berlin-Cöllns war der heutige Stadtteil bewaldet und diente der Jagd. An Landwirtschaft war aber in dem sumpfigen Gelände kaum zu denken.[17] Im Jahre 1656 kamen zum alten Spandauer Heerweg der neue Spandauer Heerweg (Turmstraße) und der Hintere Tiergarten (Kleiner Tiergarten) hinzu und man begann nur langsam mit der Erschließung der Bereiche nördlich der Spree durch den Ankauf weiterer Ländereien im 17. Jahrhundert.[18] Zunächst dominierten hier Viehmast, Ackerbau und Waldland, jedoch wuchs Berlin-Cölln im 18. Jahrhundert von der kurfürstlichen Residenzstadt zur Hauptstadt Brandenburg-Preußens und somit zur europäischen Metropole heran.[19] Es folgte der Bau des Schloss Charlottenburg 1695 und das Schloss Monbijou 1708.[20] Zur Metropole gehörten damals Einrichtungen wie der Pulverhof oder der Exerzierplatz, die in Moabit Anfang des 18. Jahrhunderts ihren Platz fanden. Der Tiergarten hatte sich durch seine Lage zwischen der Stadt und dem Schloss Charlottenburg mittlerweile vom Jagdgebiet zum repräsentativen Landschaftspark gewandelt.[21] (Abb. 1) So gewann auch das nördliche Spreeufer im Süden Moabits gestalterisch und städtebaulich enorm an Bedeutung. Mit dem Beginn der Textilindustrie versuchte man sich in Moabit in der Seidenraupenzucht und gewährte mit einem Stück Land und dieser Aufgabe einigen Hugenotten Zuflucht.[22] [23] Damit war Moabit nun endgültig besiedelt. Es sollte aber noch mehr als ein Jahrhundert dauern, bevor Moabit seinen wirklichen Bevölkerungssprung erlebte.

Die Seidenraupenzucht schlug fehl und die Kolonistenhäuser wurden zu Sommersitzen im Naherholungsgebiet der Berliner.[24] Berlin wuchs weiter bis an die Grenzen Moabits heran und das gesamte Waldgebiet Moabits wurde schließlich 1818 gerodet und 1840 in großzügig geschnittenen Parzellen zum Verkauf freigegeben.[25] [26] Diese großen Parzellen hatten eine lockere Bebauungsstruktur zur Folge.[27] In der Zwischenzeit hatten sich bereits eine Reihe von handwerklichen, industriellen und nahrungs- und genussmittelproduzierenden Betrieben im Süden angesiedelt. So entstanden 1826 an der Stromstraße die Brauerei Crull, Berlins älteste noch tätige Brauerei[28], 1832 die Porzellanmanufaktur Schumann in Alt-Moabit oder 1836 die Maschinenbauanstalt Kirchstraße der Königlichen Seehandlung.[29] Letztere Eisengießerei am Spreeufer läutete in Moabit die Industrialisierung ein und Moabit wurde als Vorort Berlins zur Industriesiedlung.[30] Es wird auch oft von der „Randwanderung“[31] der Industrie gesprochen, welche sich später jenseits der Ringbahn fortsetzen sollte, wobei es sich laut Burkhard Hofmeister aber lediglich um die „westwärtige Ausdehnung des Industriegebiets an der Chausseestraße“[32] handeln könnte. 1846 kam das Moabiter Zellengefängnis hinzu und auch der Bau des Spandauer Schiffahrtkanals von 1848 war eine, im wahrsten Sinne des Wortes, einschneidende Baumaßnahme.[33] (Abb. 2) Sie machte Moabit vollständig zur Insel, begrenzt im Süden und Westen durch die Spree, im Norden und Osten durch den neuen Kanal und den ebenfalls neu entstandenen Humboldthafen. Mit den Borsigwerken kam 1850 der wichtigste damalige Akteur nach Moabit. Ursprünglich an der Chausseestraße ansässig, kaufte August Borsig das Gelände zwischen Alt-Moabit und der Spree von der Königlichen Seehandlung und erweiterte das Gelände laufend.[34] (Abb. 3) Auf Grund der Sichtweite zum repräsentativen Tiergarten, gab es zur Bebauung strenge gestalterische Auflagen.[35] (Abb. 4) Die industrielle und ebenfalls stark militärische Nutzung Moabits verringerten das Ansehen des Stadtteils und es kam daher nicht mehr als Wohngebiet für die Oberschicht in Frage.[36] Die dennoch verkehrsgünstige Lage zusätzlich zum stärker werdenden Bedürfnis nach Trennung von Wohnraum und Arbeitsplatz machten Moabit aber für die Arbeiterbevölkerung als Wohnviertel attraktiv.[37] Durch die niedrigen Bodenpreise entwickelte sich eine immer stärkere und großflächige industrielle Ausrichtung. So waren die Jahre bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sicher die für den Stadtteil prägendsten. Ingrid Thienel kommentiert hierzu: „Von nun an bestimmten die beiden Borsig-Unternehmen für ein halbes Jahrhundert die wirtschaftlichen Funktionen dieses Vororts und späteren Stadtteils von Berlin; vor allem führte sie zur Zentralisierung der Metall- und Maschinenindustrie an diesem Ort.“[38]

 

Firmen wie Borsig, Siemens, AEG produzierten hier, aber auch mehrere Porzellanfabriken, Metall- und Maschinenbau, Gießereien, Brauereien oder Betriebe der Leder- und Textilindustrie.[39] 1861 wurde Moabit schließlich eingemeindet und unmittelbar darauf folgte die Erstellung des Hobrecht-Plans mit Einbeziehung Moabits.[40] Allerdings verzichtete man hierbei auf sternförmige Straßenfluchten oder besondere repräsentative Ausgestaltung von Straßen und Plätzen.[41] Mit der Industrialisierung kamen der rasche Bevölkerungsanstieg und die für damalige Verhältnisse sehr hohe Verdichtung. Waren es 1849 noch 2196 Einwohner, erreichte Moabit 1871 etwa 14 800, im Jahre 1900 sogar knapp 160 000 Einwohner.[42] Dabei krempelte man die vorhandene 2-3-geschossige Bebauung komplett um und ersetzte sie durch 4-5-geschossige Mietskasernen einfacher Ausstattung mit Hinterhöfen, Seitenflügeln und Hinterhäusern.[43] „Die in diesem Bezirk vorhandene billige Wohnsubstanz hatte für ihre Bewohner einen Vorteil: Sie konnten niedrigen Lohn mit niedriger Miete kompensieren, guter Lohn, wie ihn etwa ein qualifizierter Maschinenbauer bei Borsig beziehen konnte, brachte erhebliche Fortschritte. Die Entfernung von der akuten Armutsgrenze fiel leichter.“[44] Weitere Veränderungen bleiben mit der 1890 fertiggestellten Kanalisation, der 1891 eröffneten Arminius-Markthalle und der jeweils 1892 und 1894 eingeweihten St. Pauluskirche und Heilandskirche zu nennen. Die wichtigste Kirche, die Johanniskirche, war bereits im Jahre 1835 eingeweiht worden.

 

Mit dem Wachstum zogen auch die Grundstückspreise an, sodass sich viele Betriebe zum Wegziehen gezwungen sahen. Auch Borsig erwarb in Tegel große Flächen zum Bruchteil des Grundstückspreises in Moabit und gab den Standort im Jahre 1898 auf.[45] Burkhard Hofmeister spricht in seinem Aufsatz von zwei Transformationsprozessen, die nun ihren Lauf nahmen: der erste sei die „Überführung von Industriefläche in Wohnfläche“[46], so geschehen beispielsweise mit dem Gelände der Firma Borsig, das ab 1897 mit Wohnhäusern bebaut wurde[47], der zweite die Ablösung einer „ursprünglich dort ansässigen Branche von einer anderen“[48]. Beispiel dafür ist der Konkurs der Porzellanfirma Schumann im Jahre 1879, dessen Grundstück daraufhin von der Firma Bolle übernommen wurde und hier lange Jahre die Meierei am Spreeufer betrieb.[49] Für diese Transformationsprozesse war auch die Inbetriebnahme der Ringbahn maßgeblich verantwortlich, welche auch weiter entfernte Randbereiche als Arbeitsplätze erschloss und somit attraktiv machte.[50]

 

Mit der Abwanderung vieler Industriezweige hielt der Wohnungsbau im 20. Jahrhundert Einzug in Moabit. Dafür verringerte sich die Branchenvielfalt der Industrie auf Betriebe der Metallindustrie und Nahrungs- und Genussmittelindustrie.[51] 1901 wurde der Betrieb der elektrischen Straßenbahnlinie Charlottenburg-Moabit-Gesundbrunnen aufgenommen, ein großer Fortschritt fürs Moabiter Verkehrssystem.[52] 1907 und 1914 erfolgten die Einweihung der Reformationskirche, Wiclefstraße und die Synagoge, Levetzowstraße, welche die Pogromnacht von 9. November, 1938 vergleichsweise gut überstand. Bereits 1911 bestand von den ehemaligen Borsigwerken und auch der Borsig’schen Villa an der Stromstraße von Johann Heinrich Strack mit dem von Lenné gestalteten Garten nichts mehr.[53] [54] Die Fabriken waren 1908 abgerissen worden, die Villa folgte sogleich 1911. Auf dem gleichen Gelände westlich der Stromstraße wurden danach weitere Wohngebäude errichtet. Städtebaulich war die Entwicklung und Verdichtung Moabits besonders um die Stromstraße, Alt-Moabit und am Bundesratsufer bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs weitgehend abgeschlossen.[55] Laut Klaus-Peter Kloss lässt sich die Bebauungsstruktur Moabits in drei Phasen einteilen: die Phase der lockeren Bebauung mit Villen, Anfang des 19. Jahrhunderts, die Phase der Industrialisierung mit Produktionsstätten und Arbeiterwohnungen Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts und schließlich die reine Wohnbebauung zum Anfang des 20. Jahrhunderts.[56] Er schreibt hierzu, dass jede Phase der Bebauung die vorangegangene „fast total vernichtet“[57] hat.

 

Das 20. Jahrhundert brachte also weniger bauliche, sondern eher politische Veränderungen mit sich. Zur Nazi-Diktatur wurde 1941 die Synagoge in der Levetzowstraße zum Deportationslager für 1000 Menschen umfunktioniert, der Bahnhof Putlitzstraße diente als Abholstation für die Todeslager. Obwohl der Zweite Weltkrieg in Moabit schwere Zerstörungen angerichtet hat, blieb die Bau- und Stadtstruktur zum Großteil erhalten. Durch die Luftangriffe am 23. November, 1943 wurden aber rund 112 000 Menschen obdachlos.[58] Am Ende des Krieges hatte Moabit etwa die Hälfte seiner Einwohner verloren.[59] Im Jahre 1959 wurden die Überreste des Lehrter Bahnhofs gesprengt.[60] Zum Wiederaufbau Moabits kam auch der Mauerbau hinzu, welcher Moabit nun zum Randgebiet machte.[61]

 

Die deutsche Wiedervereinigung im Jahre 1989 brachte schließlich wieder Bewegung nach Moabit. Auf dem Gelände der Kampffmeier-Mühlen GmbH entstanden mit dem Focus Teleport Projekt zwischen 1987 und 1990 großflächige Gewerbeeinheiten mit Büros der Computer und Elektronikbranche. Auch das große benachbarte Gelände der Bolle-Meierei östlich davon wurde 1989 von der Freiberger Holding GmbH aufgekauft und zum heutigen Spree-Bogen, welcher nicht mit dem Spreebogen um das Berliner Kanzleramt verwechselt werden darf, unter Einbeziehung der historischen Alten Meierei entwickelt. Dieses Ensemble beherbergt seit 1998 das Bundesministerium des Innern, welches als einziges Bundesministerium nur Mieter ist, unter anderem sind hier auch ein Hotel, eine Bank, ein Supermarkt, Gastronomie und weitere Gewerbeflächen untergebracht. (Abb. 5) 1995 begonnen die Arbeiten zum Berliner Hauptbahnhof und 2006 folgte die Eröffnung.[62] Damit stieß das Projekt die Entwicklung des großflächigen, noch heute weitgehend brach liegenden Areals an.

 

Die gegenwärtige und künftige Aufmerksamkeit der nächsten Jahre liegt nun auf zwei Arealen, die große Veränderungen für den Stadtteil mit sich bringen werden. Es handelt sich dabei um das Europacity-Projekt nordöstlich des Untersuchungsgebietes und um das Spree-Bogen-Quartier an der Straße Alt-Moabit, das einem Umzug des Bundesministeriums des Innern  ins Regierungsviertel entgegenblickt. Auf diese beiden Entwicklungen soll später näher eingegangen werden.

 

Betrachtet man nun die Geschichte von Moabit kann man sagen, dass seit jeher massive Veränderungen mit einem stetigen Auf- und Abschwung der Attraktivität prägnant für diesen Stadtteil sind. Es gab Pioniere und vielleicht Gentrifizierer – doch ist das schon eine ganze Weile her. Seit dem Mauerfall 1989 hat sich in Moabit, im Gegensatz zu anderen Stadtteilen in ähnlicher Lage, vergleichsweise wenig getan. Moabit hat etwas nachzuholen!

 

Gebietsbeschreibung

 

Seit 2006 sind die Bezirke Berlins zu Planungs- und Prognosezwecken in „Lebensweltlich orientierte Räume“ (LOR) eingeteilt (Abb. 6), auf die sich auch die Teilgebiete des Seminars beziehen. Der hier vertiefte Bereich ist der der „Thomasiusstraße“, im Seminar als Spree-Bogen bezeichnet.[63]

 

Begrenzt wird das Gebiet im Norden durch die Turmstraße sowie im Süden durch die Spree. Östlich liegen die Rathenower- und Paulstraße und im Westen verläuft die Stromstraße. Es sind zwei Grünanlagen vorhanden, zum einen der Kleine Tiergarten Ost an der Turmstraße, zum anderen der Carl-von-Ossietzky-Park im Osten. (Abb. 7) Die Verkehrsanbindung im Gebiet ist ausgezeichnet. Zahlreiche Buslinien sind vorhanden, unter anderem auch der TXL zum Flughafen Tegel. Der U-Bahnhof Turmstraße ist unweit, westlich der Stromstraße gelegen und eine S-Bahnverbindung bietet die Station Bellevue, die direkt auf der anderen Seite der Spree gelegen ist. (Abb. 8)

 

Die Straße Alt-Moabit verläuft in Ost-West-Richtung mittig durch das Untersuchungsgebiet und teilt dieses räumlich in einen Nord- und einen Südbereich. Eine weitere Trennung kommt durch die unterschiedlichen Nutzungen der Grundstücke zustande. Der denkmalgeschützte, neobarocke Bau des Amtsgerichts Tiergarten und das sternförmige Gebäude der Justizvollzugsanstalt Moabit machen nahezu den gesamt nordöstlichen Bereich des Untersuchungsgebietes aus. Im Gegensatz dazu besteht der nordwestliche Teil vorwiegend aus dem „Kleinen Tiergarten Ost“. Der im Südwesten befindliche Bereich weist kaum Wohnstrukturen auf – vorherrschend sind das Bundesministerium des Innern, das Verwaltungsgericht Berlin und ein großes Gewerbegebiet. Ausschließlich der südöstliche Quadrant kann als Wohngebiet bezeichnet werden. Im Zentrum des Untersuchungsgebietes liegt die Kirchengemeinde St. Johannis, sowie die leer stehende Breitscheid-Oberschule an der Ecke Turm-/ Wilsnacker Straße, am  Rande des Kleinen Tiergarten. Durch die vielen Sonderbauten im Gebiet gibt es hier eine stark heterogene Bebauung. Höchst interessant ist dabei der zukünftige Auszug des Amtsgerichts. Die Frage, was genau danach mit dem Gebäude passiert, ist noch nicht geklärt. Ein Leerstand in Wohn- und Gewerberäumen ist nur in einem geringen, unauffälligen Maß vorhanden.

 

Auffallend im Gebiet sind die Unterschiede des Gebäudezustandes zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil. Während die Bebauung an der Turmstraße einen eher vernachlässigten Eindruck macht und eine starke Durchmischung verschiedener Bautypen vorherrscht, bemerkt man im südlichen Teil vermehrt Sanierungsaktivitäten und einen gehobenen Qualitätsanspruch der Gebäude sowie auch ihrer Umgebung. Auch das bestehende Image der Leihhäuser, Automatenkasinos und „Dönerbuden“, welches von Moabit verbreitet ist, findet in der Turmstraße Bestätigung. (Abb. 9) Zu diesem Thema führte der Beschäftigungsträger BBJ Untersuchungen zur Wirtschaftsstruktur der Mitte Berlins im Jahr 2004 durch. Hierbei wurden die Bereiche Gesundbrunnen, Mitte, Moabit, Tiergarten und Wedding im Vergleich betrachtet. Moabit beherbergte diesen Untersuchungen zufolge zwar nur 8,56% der Kreditinstitute, in Bezug darauf allerdings über die Hälfte der Leihhäuser. Im Bereich Mitte waren im Vergleich dazu 52,48% der Kreditinstitute verortet und keine Leihhäuser vorhanden.[64]

 

Doch auch hier unterscheiden sich die an der Turmstraße unseres Gebietes gelegenen Bereiche stark vom Südteil, wo sowohl vermehrt Cafés im „Mitte-Schick“, als auch einige Restaurants zu finden sind. Vor allem die Kirchstraße fällt durch eine Vielzahl von gastronomischen Einrichtungen mit sehr gepflegtem öffentlichen Auftritt und gehobener Kundschaft auf. (Abb. 10) Allerdings sind diese Gastronomiebetriebe meist nur bis zum frühen Abend geöffnet. Bars und Kneipen sucht man in diesem Viertel vergeblich. Am Abend und am Wochenende wirkt das Gebiet um die Kirchstraße wie ausgestorben. Doch woran liegt das? Im Status-Index zum Thema „Wohnlage“ des „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ gilt das Gebiet Spree-Bogen als „mittel“, was auf einer vierstufigen Skala die zweitbeste Einstufung ist. Beim Rundgang durch das Wohngebiet im Kiez bestätigt sich, dass dieser keine größeren sozialen Probleme aufweist. Der Stadtraum vermittelt einen gepflegten Eindruck, ohne Graffiti an den Hauswänden oder beschädigte Stadtmöbel. Uns sind keine Leerstände aufgefallen was auf ein attraktives Wohngebiet schließen lässt. Trotz heterogener Baustruktur macht der Wohnkiez einen homogenen Eindruck. Er wirkt gediegen, „sicher“, gepflegt und wenig spektakulär. Die Zentralität im gesamt Berliner-Kontext, die Abgeschiedenheit, sowie die schöne Lage am Ufer machen aus diesem an sich unauffälligen Gebiet eine attraktive Wohnlage. In einem Interview mit Rainer Wild, dem Geschäftsführer des Berliner Mieterverein e.V., bestätigte er uns, dass es zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teilen Moabits klare Entwicklungsunterschiede gibt. Auch er sieht die Straße Alt-Moabit als eine Grenze zwischen Nord und Süd. Es herrschen hier schon immer „andere Wohnungs- und Bevölkerungsstrukturen als in dem Gebiet rund um die Turmstraße.“ Der südliche Spree-Bogen unterscheidet sich schon von jeher vom restlichen Moabit. Die leerstehenden Gewerbeeinheit in den Erdgeschossen erklärt Herr Wild damit, dass dies „kein neues Phänomen“ der Aufwertungsentwicklungen der letzten Jahre sei, sondern das dies ein „Problem vieler Quartiere darstellt, die fernab (…) der Dienstleistungszentren“ liegen. Der hohe Leerstand an Gewerbeeinheiten bedeutet nicht, dass es sich um ein unattraktives Wohngebiet handelt, was die hohen Mieten der Wohnungen und die vollständige Auslastung belegen.

 

Während einer zweiten Gebietsbegehung haben wir dann einige Kurzinterviews in jedem uns „Gentrifizierung verheißenden“ Betrieb durchgeführt, mit einem sehr aufschlussreichen Ergebnis: den von uns befragten Servicekräften zufolge besteht ein Großteil der Kunden aus den Mitarbeitern der Regierungsinstitutionen und Anwaltskanzleien in der Nähe, was auch die Leere an den Wochenenden erklärt. Ein Beispiel für einen solchen Mittagsbetrieb ist das „zwölf.uhr.mittags“ in der Kirchstraße 17. Handgefertigte Tagliatelle und Trüffelöl stehen hier mit auf der Speisekarte. Während unseres Spaziergangs durch die umliegenden Straßen konnten wir hier am Nachmittag nur schwer einen Platz zwischen den Gästen aus Anwälten und anderen „Anzugträgern“ finden. Aber wo verbringen die Bewohner des Spree-Bogens ihre Freizeit? Bei Kurzinterviews mit einigen Passanten wurde stets ein großer Mangel an Bars und Shoppingmöglichkeiten für Bekleidung in ganz Moabit beklagt. Dies findet auch Bestätigung in den bereits erwähnten Wirtschaftsstrukturuntersuchungen des BBJ.[65] So gehen die meisten Bewohner für ihre Freizeitaktivitäten in den Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Neukölln. An sozialen Einrichtungen, wie Kindergärten, scheint es in Moabit hingegen nicht zu fehlen.

 

Wichtig zu betrachten wären auch die anderen Teilgebiete des Seminars. Nur zusammen ergeben sie ein schlüssiges Bild. Nur kurz dazu: über den angrenzenden Stephankiez wird in den Medien derzeit am meisten berichtet. Dort, vor allem in der Stephanstraße, gibt es viele Sanierungen und Luxussanierungen. Der Kiez dort verändert sich gerade und viele befürchten, dass es so wird wie im Prenzlauer Berg. Doch übersieht man hier auch leicht, dass es viele Einrichtungen schon über viele Jahre gibt. Gerade der Stephankiez hat auch den Ruf eines Dorfes. Die Bewohner kennen und helfen sich. Der dort angrenzende Nordkiez ist ein fast ausschließlicher Wohnbezirk. Die Straßen und Straßenräume sind gepflegt und ansehnlich. Der Huttenkiez gilt als der, welcher das Moabiter Ur-Gefühl am stärksten repräsentiert. Ganz im Gegensatz dazu der Südkiez. Dieser ist unserem Wohnviertel im südlichen Spreebogen am ähnlichsten. Der Südkiez beherbergt durch seine Lage schon lange Zeit eine gehobene Bürgerschaft und galt lange Zeit als Geheimtipp. Die Lage an der Spree ist in unserem Wohngebiet auch gegeben, außerdem ist die Anbindung sehr gut und durch die Neubeplanung des Areals um den Hauptbahnhof sowie die neu entstehende Europacity ist auch unser Wohngebiet zwischen Kirch- und Paulstraße zum Geheimtipp geworden.

 

Während wir durch die Begehung des Gebietes Eindrücke und Gefühle für die Gründe der derzeitigen Entwicklung erlangten, konnten Kurz- und Experteninterviews diese stärken oder auch in komplett andere Richtungen führen. Doch nicht außer Acht dürfen hierbei auch die Statistiken für Moabit gelassen werden.

 

Statistiken

 

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung führt seit 1998 Untersuchungen zu verschiedenen Einflüssen der sozialen Stadtentwicklung durch, die Antworten auf unsere These bieten könnten.[66] Eines der Themen des „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ ist der Anteil der Arbeitslosen der zwischen 15- und 65-jährigen Einwohner Berlins. Auf Stadtebene ist hier durchaus eine positive Entwicklung zu verzeichnen. Der Anteil lag 2007 bei 10,2%[67] und fiel 2010 auf einen Mittelwert von 9,4%. Moabit hatte im Vergleich dazu eine durchgängig höhere Arbeitslosenquote von fast 12% im Jahr 2010. Ausgenommen davon und sehr auffällig sind die an der Spree gelegenen Teilgebiete, diese haben zwar eher leicht ansteigende Tendenzen, heben sich aber mit nur 8,57% im Jahr 2010 deutlich vom Rest Moabits ab.[68] Natürlich liegt hier die Vermutung von höheren Mieten und infolgedessen besser verdienenden, beziehungsweise situierten Bewohnern nahe. Ein Blick auf den Berliner Mietspiegel geht damit einher. Denn auch hier sondert sich der an der Spree gelegene Teil Moabits mit einer überwiegend mittleren Wohnlage vom Rest des Viertels ab.[69] Aufgefallen sind bei der Gebietsbegehung hierbei die Luxussanierungen in der Calvinstraße. (Abb. 11) Durch – es ist nicht anders zu bezeichnen – rücksichtslosen Umgang mit den verbliebenen Vermietern liegt die Vermutung einer radikalen Verdrängung nahe. Die Bewohner äußern ihren Unmut mit Plakaten auf denen steht: „Renovierungen JA, Vertreibungen NEIN“. Allerdings steigt der Mietpreisspiegel in Moabit etwa genauso, wie in gesamt Berlin, wo er jährlich um durchschnittlich 2,5% stieg.[70]

 

Es ist jedoch die Kirchstraße, die durch ihr so anderes Klientel unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Aus diesem Grund sprachen wir mit Patricia Taterra, der Eigentümerin des Baby- und Kinderladens „Hug & Grow“. Wir wählten dieses Geschäft, da es durch seine Werbung von ökologischen Produkten und einem eher Prenzlauer-Berg-gerechten, öffentlichen Auftritt die Frage aufwarf, ob es in Moabit überhaupt Abnehmer für ein solches Angebot gibt. Die Unterhaltung mit Patricia Taterra führte zu sehr aufschlussreichen Erkenntnissen. Der Umstand, dass sie ihren Laden 2009 in Moabit eröffnet hat, hat keinen weiteren Grund, als den, dass sie bereits davor in Moabit wohnte. Was anbei die Antwort der meisten befragten war. Ihre Kunden kommen wegen des einzigartigen Angebots zu einem nicht unbedeutenden Anteil auch aus anderen Bezirken. Das Image Moabits beurteilt sie mit „schlecht“. Sie selbst fühlt sich allerdings sehr wohl. Hauptgrund dafür ist der hohe Freizeitwert der Umgebung. Die Nähe zur Spree, zum Tiergarten sowie zum Hauptbahnhof und auch eine sonst sehr gute Anbindung sowie eine zentrale Stadtlage sind dabei überzeugende Argumente. Aufgrund des Veranstaltungsangebots von „Hug & Grow“ für Mütter und Familien kann sie uns auch berichten, dass viele andere diese Qualitäten ebenso zu schätzen wissen. Je mehr man sich mit dem Gebiet befasst, umso deutlicher wird klar, dass der südliche Bereich des Spree-Bogens ein Geheimtipp zu sein scheint.[71]

 

Ein Grund, warum der Nordteil davon ausgeschlossen ist, könnte der neutrale Streifen zwischen der Turmstraße und Alt-Moabit sein. Schon alleine diese beiden stark befahrenen Straßen stellen eine gefühlte Barriere dar. Doch auch das große Areal um das Gericht und die Vollzugsanstalt, welches nicht durchschritten werden kann, sondern umlaufen werden muss, teilt den Kiez. Weiterhin gilt der Kleine Tiergarten Ost nicht als Ort zum Verweilen. Große Bäume und Büsche machen den Park an vielen Stellen schlecht einsehbar und wecken ein ungutes Gefühl beim Durchqueren. Eine bereits geplante Umgestaltung, welche mit frühzeitiger Bürgerbeteiligung arbeitet, könnte dies ändern und den Park attraktiver machen. Doch sehen viele Bewohner diesen Schritt als unnötig an, da sie den Park mit seinem dichten Bewuchs schätzen, da dieser den Straßenlärm abhält.

 

Eine weitere Vermutung für das schlechte Image Moabits ist der hohe Anteil von Einwohnern mit Migrationshintergrund. Dieser konzentriert sich in Berlin deutlich im Westen um das Zentrum der Stadt und lag 2010 relativ unverändert bei 25,7%. In den nördlichen Teilen Moabits haben über 40% der Menschen einen Migrationshintergrund, wobei auch hier die Bereiche an der Spree wieder ausgenommen sind. Besonders gering ist der Anteil der Migranten im Gebiet der Elberfelder Straße, welches sich bei Statistiken stets am stärksten aus Moabit hervorhebt (2010-29,8%). Unser angrenzender Planungsraum Thomasiusstraße befand sich ebenfalls gleichbleibend im Jahr 2010 bei 33,3%.[72] Zum Thema der Einwohner mit Migrationshintergrund ist also zu sagen, dass Moabit zwar einen stetig höher liegenden Durchschnittsanteil als Berlin verzeichnet, dieser sich in den letzten Jahren aber kaum verändert hat und hier damit kein Zeichen einer Gentrifizierung zu finden ist.

 

Als einen Hinweis auf einen Imagewechsel könnte man allerdings die Entwicklung des Wanderungssaldos verstehen. Dieser hatte im Teilgebiet Thomasiusstraße im Jahr 2008 einen Tiefpunkt von -1,2%[73] und erfuhr danach einen stetigen Anstieg in positive Zahlen (2010-0,3%)[74]. Der Mittelwert Berlins hat im Vergleich dazu seit 2006 positive Differenzen.[75]

 

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Wohngebiete an der Spree schon länger hohe Mieten aufweisen und die Mieten, im Vergleich zu anderen Stadtteilen Berlins mit ähnlicher Lage, nicht höher sind. Ein Unterschied war und ist im Nord-Süd-Vergleich zu sehen. Hier sind große Unterschiede in den Statistiken bei der Wohnlage, Einwohnern mit Migrationshintergrund sowie dem Mietpreisspiegel festzustellen. Die größte Entwicklung der letzten Jahre dürfte wohl der stetige Anstieg des Wanderungssaldos darstellen. Hierbei ist zu bemerken, dass nur ein reger Mieteraustausch zu stark ansteigenden Mietpreisen bei Neuvermietung führen kann. Doch gibt es keinen Aufschluss darüber, weshalb so ein reger Mieteraustausch stattfindet.

 

Dass es in Moabit in den nächsten Jahren zu weiteren Veränderungen kommen wird, steht wohl außer Frage. Das Ministerium des Innern wird aus dem Spree-Bogen-Areal ausziehen und ein neuer Mieter ist noch nicht gefunden. Es gibt Umgestaltungen der Grünflächen und das Gebiet Turmstraße wurde als Sanierungsgebiet ausgeschrieben. Das Areal um den Hauptbahnhof, welches schon lange brach liegt, wird nun neu beplant und die Europacity wird im Norden des Hauptbahnhofes entstehen.

 

Zukünftige Entwicklungen

 

2008 wurde innerhalb Berlins ein Städtebauförderungsprogramm gestartet (siehe dazu auch Aktives Stadtteilzentrum: Turmstrasse). Die Ziele dessen sind die Stärkung der Zentren gewisser Stadtteile durch Verbesserung der Lebensqualität, Erhöhung der Attraktivität öffentlicher Räume und andere. [76] In diesem Rahmen bietet der Kleine Tiergarten/Ottopark einen großen Eingriffspunkt im Fördergebiet Turmstraße. Das Projekt ist seit 2009 am Laufen und hat als Ziele das Aufwerten der Qualitäten des Parks – Erholung, Aufenthalt, Sport, Spiel – im großen Rahmen also eine „Wiedergewinnung des Parks für alle Bewohner Moabits und die Anpassung an die heutigen Nutzungsansprüche […].“[77] Der Kleine Tiergarten stammt aus den 1950er Jahren und wurde damals von dem Gartenamtsleiter Willy Alverdes geplant. Heute ist es als Gartendenkmal eingetragen. Der Park soll nun von dem Landschaftsarchitekturbüro „Latz & Partner“ umgestaltet werden. (Abb. 12) Die Initiative „Planwerkstatt“ versucht hierbei durch frühe Bürgerbeteiligung und Workshops die Anwohner noch mehr mit in die Planung einzubeziehen[78], als bei der Initiative zum „Kleinen Tiergarten West“. „… Der als unsicher geltende Park wird wieder zum attraktiven, angstfreien und friedlichen Aufenthaltsort für alle sozialen Gruppen. Der neue Abschnitt wird lichtdurchflutet, klar strukturiert und übersichtlich sein. Dunkle, uneinsichtige Ecken werden zugunsten heller und offener Aufenthaltsbereiche für alle Nutzer in unterschiedlichster Art umgestaltet…“[79] Staatssekretärin Hella Dunger-Löper äußert sich zu den Vorhaben in einer Pressemitteilung: „Das Zentrum von Moabit wird durch den umgestalteten Park attraktiver, sicherer und erlebnisreicher. Ich bin überzeugt, die Anwohnerinnen und Anwohner werden die bestehende Parkanlage wiederentdecken und sich dort gerne erholen. Kinder und Jugendliche können sich auf den Spielplätzen austoben und ihren Spaß haben.“[80] Trotzdem ist unklar, ob diese Initiative den erwünschten Erfolg haben wird. Auch beim umgestalteten Ottopark und Kleinen Tiergarten West gab es negative Reaktionen. Zum vorgeschlagenen Landschaftspark von „Lanz & Partner“ waren einige Bewohner entsetzt von der “übermäßig betonierten, asphaltierten und versiegelten Parkumgestaltung“. Laut des Planes des Landschaftsarchitekturbüros sollen 111 Bäume fallen, damit neue Zugänge ermöglicht werden.[81] Der kleine Tiergarten Ost gilt immer noch als „letztes Naherholungsgebiet mitten im Kiez mit dichtem Grün und vielen großen Bäumen, welcher unbedingt erhalten bleiben müsse.“

 

Ein weiterer Bereich, der einen großen Einfluss auf die Entwicklung und öffentliche Wahrnehmung des Spree-Bogens haben wird, ist das Projekt Europacity an der Heidestraße (siehe dazu auch Stadtentwicklung Berlin und Fachzeitschrift: Detail). Der Masterplan dafür wurde 2008 von drei Firmen entwickelt Planungsbüro ASTOC, Köln (Städtebau), Studio Urban Catalyst, Berlin (Freiraumplanung), und ARGUS, Hamburg (Verkehrsplanung). [82] Das in unmittelbarer Nähe zu der ehemaligen Mauer befindliche Grundstück galt lange Zeit als „Niemandsland“ und wurde lange Zeit stark vernachlässigt. Doch nun hat man anscheinend erkannt, dass dieses Gebiet ein ungemein hohes Potenzial in sich trägt, eines der interessantesten innerstädtischen Räume zu werden. Die zentrale Lage innerhalb Berlins, die kurzen Wege zum Regierungsviertel und die gute Anbindung durch die Nähe zum Hauptbahnhof machen die Qualität des Gebietes aus.  Auf einer Fläche von 40 Hektar wird es eine Mischnutzung von Gewerbe, Büros, Wohnen, Einzelhandel sowie Freizeitangebote geben.[83] Die Europacity im Norden gilt für die weitere Zukunft Moabits als Hoffnungsträger. (Abb. 13) Ein Anfang ist mit dem Tour Total Hochhaus von Barkow Leibinger bereits gemacht. Der große Kritikpunkt dieses Projekts ist die Millionen-Investition des Senats in Erneuerung des Gebietes, obwohl Europacity dem privaten Großinvestor CA-Immo gehört. Da das Areal für Investoren, dank der großen Fläche und der Lage, sowieso attraktiv ist, folgt die Frage,  wieso investiert die Regierung so viel? Allein für den Ausbau der Heidestraße gab sie 10,71 Mio. aus sowie weitere 2,7 Mio. plus Steuergelder für die Neugestaltung des Europaplatzes Nord. Diese hohen Ausgaben, wenn doch „Haushaltsnotstand herrscht“ und wenn „die Finanzierung von Schulen, Kitas und Fahrradwegen noch nicht klar“ ist.[84]

 

Ein Neubau für das Bundesministerium des Innern ist ebenfalls schon in der Nähe im Bau. Damit fällt dem Spree-Bogen an der Straße Alt-Moabit voraussichtlich ab 2015 der größte Mieter, größte Arbeitgeber und damit auch der größte Akteur im Spree-Bogen-Areal weg.[85] Das Bundesministerium wird in einem neuen Gebäude am Kapelle-Ufer einziehen, unweit des jetzigen Standortes. Bisher ist noch unklar, was mit dem bestehenden Gebäude passieren wird. Einen neuen Mieter gibt es noch nicht und wegen der Größe des Areals wird es schwer, sein eine Institution zu finden an die es weiter vermietet werden kann. Es bleibt zu erwarten, dass hier mit niedrigen Mieten um neue Mieter geworben wird, da in dieser großen Immobilie – etwa die Hälfte des Gebäudes ist durch das Ministerium belegt – viel Leerstand droht. Eine solche Entwicklung, obwohl sie sich eher auf dem Gewerbe- als auf dem Wohnungsmarkt abspielt, könnte trotzdem den überhitzten Wohnungsmarkt entlasten, da sie als Gewerberäume genutzte Wohnungen mit einbezieht und so benötigten Wohnraum belegt. Dies könnte einer Gentrifizierung sogar entgegenwirken. Sicher wird es auch strukturelle Umbauten oder bauliche Anpassungen im derzeitigen Gebäude des Ministeriums geben, um auf den veränderten Gewerbemarkt entsprechend zu reagieren und neue Mieter anzulocken. Doch betrifft der Umzug des Ministeriums des Inneren die umgebende Gastronomie nicht so stark wie man annehmen mag. Als wir mit den Besitzern von „Mittagsgeschäft-Betrieben“ auf der Kirchstraße und anderen Einrichtungen in der Nähe sprachen, stellte sich heraus, dass die meisten Kunden von den anliegenden Gerichten und anderen Büros in der Nähe kommen.

 

Im Teilgebiet um das Spreeufer ist also in den nächsten Jahren wieder mit einem größeren Umbruch zu rechnen. In dem Kontext der zahlreichen Großprojekte filtert sich eine grundlegende Frage heraus: Was werden diese großen Planungen für eine Auswirkung auf das Gebiet  in Moabit haben? Der Kleine Tiergarten Ost sowie die „Sanierungsmaßnahmen Turmstraße“ können das Ansehen des Kiezes steigern und eine Mietsteigerung könnte herbeigeführt werden. Europacity als Komplex wird Gewerbeketten anziehen und Kleinhändler sowie Kleingewerbebetreiber könnten untergehen. Was wird aus dem Gebäude des Ministeriums des Innern nach dessen Auszug? Wird man einen neuen Mieter finden oder durchlebt das Areal möglicherweise eine Abwertung aufgrund von Leerstand? Aus allen Beispielen lässt sich schließen, dass der Spree-Bogen eine große Umstrukturierung vor sich hat, die unter Umständen eine große Aufwertung bedeuten könnte.

 

Fazit

 

Die Geschichte Moabits zeigt, dass es – besonders auch im Untersuchungsgebiet Spree-Bogen – in diesem Stadtteil schon viele radikale Umstrukturierungsprozesse gab. Erst als Vorstadt Berlins von einer kleinen Kolonie mit Villen erschlossen, dann der Umbruch hin zu einem wichtigen Industriestandort, später von dichter Wohnbebauung geprägt, wurde Moabit nach dem Mauerbau zum Randbezirk um nach der Wiedervereinigung wieder in die Mitte Berlins zu rücken. Wenn man es unter diesem Aspekt betrachtet, ist die derzeitige Veränderung in Moabit also nur geringfügig. Eine Stadt ist stetigen Umstrukturierungsprozessen unterlegen und davon lebt sie.

 

Moabit liegt also in sehr zentraler Lage mit Nähe zum Hauptbahnhof, dem Regierungsviertel sowie zum Tiergarten. Doch sind dies eher Bezugspunkte des südlichen Bereiches von Moabit. Es gibt nicht nur von der Lage her also einen großen Unterschied zwischen Nord und Süd, sondern auch, wie die Statistiken zeigen, in Bezug auf die Arbeitslosenquote, Menschen mit Migrationshintergrund sowie beim Mietspiegel. Der Südkiez ist schon über einige Jahre hinweg von besser situierten Bewohnern geprägt und galt lange Zeit als Geheimtipp. Ähnliches können wir in Ansätzen auch in unserem Wohngebiet zwischen der Kirch- und der Paulstraße feststellen. Die Luxussanierungen in der Calvinstraße scheinen den Verdacht zu bestätigen, dass hier mit bewusster Verdrängung der alten Bewohnerschafft gearbeitet wird. Herr Rainer Wild, Geschäftsführer des Berliner Mieterverein e.V., ist mit diesem Thema sehr vertraut. Er meint hierzu: „Eine durchmischte Bevölkerungs- und Bebauungsstruktur innerhalb des Spreebogen Quartiers war noch vor einigen Jahren vorzufinden. Teils repräsentative Altbauten, geringe Blocktiefen, aber auch Nischen mit einfachen Wohnungen zeichneten das Quartier aus. Die Wohnbevölkerung galt als durchmischt. Mieter mit geringem Einkommen und Professoren oder Diplomaten wohnten Tür an Tür.“ Der Beginn der Veränderungen an der Bausubstanz und der Eigentümerverhältnisse war aus Sicht von Herrn Wild der Hauptstadtbeschluss im Jahr 1991. Verstärkt wurde dies durch den Bau von hochwertigen Neubaublöcken, die eine andere Mieterstruktur anzogen sowie durch hohe Modernisierungskosten der Altbauten. Zu  beobachten ist dieser beschleunigte Aufwertungsprozess, laut Herrn Wild, seit ungefähr 2007. Aus vereinzelten Aufwertungstendenzen sei dann ein „Breitenprozess geworden“. Zurzeit kommt es zu „tiefgreifende Veränderungen in den Eigentümerstrukturen.“ Einzeleigentümer verkaufen an Großimmobilienunternehmen. Letztere sind laut Aussage der QM-Geschäftsführerin Susanne Torka im Gegensatz zu den Privateigentümern, eher in der Lage sich zu organisieren um Modernisierungen durchzuführen und die Wohnungen teurer wieder zu vermieten. Infrastrukturelle Veränderungen, angepasst an neue Bevölkerungsstrukturen und deren Bedürfnisse, wie es bei einem modellhaften  Gentrifizierungsprozess zu beobachten ist, sind hier nicht vorzufinden. Bars oder erste Galerien, wie sie für eine Pionierphase der Gentrifizierung charakteristisch sind, fehlten und fehlen.

 

Die Wirtschaftslage in ganz Berlin ist in den letzten Jahren stärker geworden. Damit ist auch das Absinken der Arbeitslosenzahlen zu erklären. Verbunden damit sind allerdings auch die steigende Beliebtheit der Stadt und wiederum damit eine steigende Belastung des Wohnungsmarktes von ganz Berlin, welche auch die Teilgebiete Moabits betreffen. Das Image von Moabit hat sich gewandelt – galt der Bezirk früher noch als „schmuddelig“ und vielleicht „unsicher“ erkennen die Leute nun diesen Trugschluss und das Potenzial des Kiezes. Moabit hat etwas nachzuholen! Ein Marktdruck herrscht und Moabit muss nachziehen. Andere vergleichbar, zentral gelegene Stadtbezirke haben schon seit Jahren viel höhere Mieten als es in Moabit, zum Teil bis heute, der Fall ist. Es wird sich etwas ändern. Das ausgeschriebene Sanierungsgebiet Turmstraße wird Einfluss auf den Kiez haben, vor allem aber wird die Neubeplanung des Areals um den Hauptbahnhof herum, zu Umstrukturierungsprozessen in Moabit führen.

 

Es gibt eindeutige Indizien, dass im Bereich um den Spreebogen Aufwertungsprozesse im Gange sind, die auf den ersten Blick als Gentrifizierung zu bezeichnen sind: Die Modernisierungsmaßnahmen und damit verbundene  steigende Mieten im Quartier, die Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen, die Veränderungen/Professionalisierung der Eigentümerstrukturen sowie die Investitionsbereitschaft der Immobilienwirtschaft lassen zunächst darauf schließen. In der Summe führt dies zur Verdrängung von Teilen der Bevölkerung, weil ärmere  Bewohner die steigenden Mieten nicht mehr zahlen können. Es kommt also zum Austausch von status-niedrigerer durch status-höhere Bevölkerung, was als das zentrale Merkmal von Gentrifizierung anzusehen ist.

 

Im Falle des Gebiets um den Spree-Bogen handelt es sich um eine Aufwertung auf einem bereits relativ hohen Niveau. Dafür spricht das starke Engagement der Immobilienwirtschaft im Quartier und die oben genannten Phänomene, welche im modellhaften Verlauf einer fortgeschrittenen Phasen entsprechen. Zudem gibt es keinerlei Anzeichen auf eine laufende oder bereits durchlaufene Pionierphase, sowohl was eine Existenz der Gruppe der Pioniere, als auch den Imagegewinn des Quartiers betrifft. In der aktuellen wissenschaftlichen Debatte wird darauf hingewiesen (Holm), dass die Bedeutung der Pioniere für den Prozess der Gentrifizierung in der Vergangenheit vielfach überschätzt wurde. Unsere Beobachtungen, sowie die Auswertung der Interviews stützen die These, dass es sich in Gebiet um den Spree-Bogen weniger um eine klassische Gentrifizierung handelt, als vielmehr um dynamische Prozesse im gesamtstädtischen Immobiliensektor, welches eine Folge eines „Berlinweit“ ungestillten Bedarfs an zentrumsnahem und gehobenem Wohnen, sowie der Investitionsbereitschaft und Rendite-Erwartung des Immobiliensektors sind.

 

Moabit macht also keine klassische Gentrifizierung durch. Der nördliche Teil wird von Großinvestoren aufgekauft, es wird saniert und der Kiez wird mehr Leute von außerhalb anziehen. Im Süden findet eine Gentrifizierung auf hohem Niveau statt – eine „Hypergentrifizierung“. Diese Prozesse laufen aber nicht ungeplant und leise ab – sie werden von großen Investmentfonds und der Stadtplanung herbeigeführt. Somit kann man die These des Seminars bestätigen:

 

Moabit steht unter Druck! – Unter Marktdruck.

 


[1]   Vgl. Bezirksamt Mitte: Berlin.de. Das offizielle Hauptstadtportal. Ortsteil Moabit. Zentrum von Industrie, Recht und Politik [online], 2011 Zugriff: http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/ortsteile/moabit.html [17.März, 2013]

[2]   Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2011 Berlin. 2.2. Statusindikatoren auf Ebene der Bezirksregionen am 31.12.2010 [online], 2010 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/download/2011/tab/2.2.Statusindikatoren2010_Bezirksregionen.pdf [17.März, 2013]

[3]   Seminar von Aljoscha Hofmann geführt, TU Berlin, WS 2012/13

[4]   Vgl. Blasius, Jörg und Dangschat, Jens S.: Die Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete – Grundlagen und Folgen S.11, in: dies. (Hg.): Gentrification – Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Frankfurt am Main und New York 1990, S.11

[5]   Vgl. Holm, Andrej (2012): Gentrification. In: Eckhardt, Frank, 1967 – (Hg.): Handbuch Stadtsoziologie / Frank Eckard (Hrsg.). – Wiesbaden : Springer VS, 2012, S.662

[6]   Friedrichs, Jürgen: Gentrification : Theorie und Forschungsergebnisse / Jürgen Friedrichs (Hg.). Leske + Budrich, Opladen 1996, S. 14

[7]   Vgl. Holm, Andrej (2012): Gentrification. In: Eckhardt, Frank, 1967 – (Hg.): Handbuch Stadtsoziologie / Frank Eckard (Hrsg.). – Wiesbaden : Springer VS, 2012, S. 665

[8]   Vgl. Jürgen Friedrichs: Gentrification. In: Hartmut Häußermann (Hg.): Großstadt. Soziologische Stichworte. Leske + Budrich, Opladen 2000, S.59

[9]   Blasius, Jörg und Dangschat, Jens S.:Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnungebiete, a.a.O., S.11

[10]   Vgl. Jürgen Friedrichs: Gentrification, a.a.O., S.63

[11]   Vgl. Esd.; S.63

[12]   Vgl. Marcuse, Peter (1992): Gentrification und die wirtschaftliche Umstrukturierung New Yorks: In: Helms, Hans G. (Hg.): Die Stadt als Gabentisch. Beobachtungen zwischen Manhatten und Berlin-Marzahn, Leipzig: Reclam Verlag, S.80

[13]   Friedrichs, Jürgen: Gentrification, a.a.O., S.57-66

[14]   Vgl. Holm, Andrej: Die Restrukturierung des Raumes : Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin: Interessen und Machtverhältnisse / AndrejHolm. -Bielefeld : Transcript, 2006. S. – 35

[15]   Vgl. Escher, Felix: Siedlungsgeschichte Moabits. In: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Band I. Aufsätze. Die Entwicklung der Industriestadt Berlin – das Beispiel Moabit. [o.Hg.] [o.O] [o.J.], S. 443

[16]   Vgl. MoabitOnline. Chronik Moabit [online], 2007 Zugriff: www.moabitonline.de/21 [10. März, 2013]

[17]   Vgl. Escher, Siedlungsgeschichte, S. 443

[18]   Ebd.

[19]   Ebd., S. 444

[20]   Ebd.

[21]   Ebd.

[22]   Ebd.

[23]   Vgl. MoabitOnline, Chronik

[24]   Vgl. Escher, Siedlungsgeschichte, S. 444

[25]   Vgl. Hofmeister, Burkhard: Durchgangssituation im Zuge der Randwanderung der Industrie. In: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Band I. Aufsätze. Die Entwicklung der Industriestadt Berlin – das Beispiel Moabit. [o.Hg.] [o.O] [o.J.], S. 186

[26]   Vgl. Escher, Siedlungsgeschichte, S. 444 – 445

[27]   Ebd., S. 445

[28]   Vgl. MoabitOnline. Aus der Chronik Moabits [online], 2007 Zugriff: www.moabitonline.de/41 [14. März, 2013]

[29]   Vgl. MoabitOnline, Chronik

[30]   Vgl. Hofmeister, Durchgangssituation, S. 183

[31]   Ebd.

[32]   Ebd.

[33]   Vgl. Escher, Siedlungsgeschichte, S. 446

[34]   Ebd.

[35]   Ebd.

[36]   Vgl. Hofmeister, Durchgangssituation, S. 186

[37]   Ebd., S. 187

[38]   Thienel, Ingrid: Städtewachstum im Industrialisierungsprozess des 19. Jahrhunderts. Das Berliner Beispiel. Veröffentlichungen der Historischen Kommission, Band 39, Berlin, 1973, S. 184; Zitiert nach: Hofmeister, Durchgangssituation, S. 188

[39]   Vgl. Hofmeister, Durchgangssituation, S. 184

[40]   Ebd., S. 187

[41]   Vgl. Escher, Siedlungsgeschichte, S. 449

[42]   Ebd.

[43]   Ebd.

[44]   Wietog, Jutta: Berliner Wohnungsverhältnisse bis zur Gründung des Kaiserreiches. In: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Band I. Aufsätze. Die Entwicklung der Industriestadt Berlin – das Beispiel Moabit. [o.Hg.] [o.O] [o.J.], S. 276

[45]   Vgl. Kling, Michael: Borsig – Ein Abriß der Unternehmensgeschichte. In: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Band I. Aufsätze. Die Entwicklung der Industriestadt Berlin – das Beispiel Moabit. [o.Hg.] [o.O] [o.J.], S. 198

[46]   Hofmeister, Durchgangssituation, S. 189

[47]   Vgl. Hofmeister, Durchgangssituation, S. 189

[48]   Hofmeister, Durchgangssituation, S. 189

[49]   Vgl. Hofmeister, Durchgangssituation, S. 189

[50]   Ebd.

[51]   Ebd.

[52]   Vgl. MoabitOnline, Chronik

[53]   Vgl. Kling, Borsig, S. 195

[54]   Vgl. Kloss, Klaus-Peter: Veränderung städtebaulicher Strukturen während der Industrialisierung. In: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Band I. Aufsätze. Die Entwicklung der Industriestadt Berlin – das Beispiel Moabit. [o.Hg.] [o.O] [o.J.], S. 482 – 483

[55]   Ebd., S. 483

[56]   Ebd., S. 483 – 484

[57]   Ebd., S. 484

[58]   Vgl. MoabitOnline, Chronik

[59]   Ebd.

[60]   Ebd.

[61]   Ebd.

[62]   Ebd.

[63]    Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Stadtwissen und Daten [online], 2013 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/lor/ [17.März, 2013]

[64]  BBJ SERVIS gGmbH: Wirtschaftsstrukturuntersuchung zu Bezirk ,,Mitte,, von Berlin [online], 2004 Zugriff: https://www.berlin.de/imperia/md/content/bamitte/wirtschaftsfoerderung/moabit.pdf?start&ts=1174554580&file=moabit.pdf [17.März, 2013]

[65]  BBJ SERVIS gGmbH: Wirtschaftsstrukturuntersuchung zu Bezirk ,,Mitte,, von Berlin [online], 2004 Zugriff: https://www.berlin.de/imperia/md/content/bamitte/wirtschaftsfoerderung/moabit.pdf?start&ts=1174554580&file=moabit.pdf [17.März, 2013]

[66]  Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Stadtwissen und Daten [online], 2013 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/lor/ [17.März, 2013]

[67]  Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Indikatoren des Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2008 auf Ebene der Lebensweltlich Orientierten Räume (LOR). 2.1. Statusindikatoren auf Ebene der Planungsräume am 31.12.2007, 2007 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/download/lor2007/tab/2.1.Statusindikatoren2007_Planungsraeume.pdf [17.März, 2013]

[68]  Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2011. 2.1. Statusindikatoren auf Ebene der Planungsräume am 31.12.2010, 2010 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/download/lor2007/tab/2.1.Statusindikatoren2007_Planungsraeume.pdf [17.März, 2013]

[69]  Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin: Berliner Mietspiegel 2011, 2011 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/mietspiegel/de/download/Mietspiegel2011.pdf [17.März, 2013]

[70]  Ebd.

[71]  Patricia Taterra, Inhaberin vom Geschäft „Hugh & Grow“, Interview am 30. Januar 2013

[72]  Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2011. 6.1. Ergänzende Daten zur demografischen Struktur (Alter und Herkunft) auf Ebene der Planungsräume am 31.12.2010, 2012 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/download/2011/tab/6.1.ErgaenzendeDaten2010_Planungsraeume.pdf [17.März, 2013]

[73]  Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2009. 3.1 Dynamikindikatoren auf Ebene der Planungsräume (31.12.2007-31.12.2008), 2010 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/download/2009/tab/3.1.Dynamikindikatoren2008_Planungsraeume.pdf [17.März, 2013]

[74]  Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Monitoring Soziale Stadtentwicklung 20011. 3.1 Dynamikindikatoren auf Ebene der Planungsräume (31.12.2009-31.12.2010), 2012 Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/download/2011/tab/3.1.Dynamikindikatoren2010_Planungsraeume.pdf [17.März, 2013]

[75]  Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Monitoring Soziale Stadtentwicklung. 3.1 Dynamikindikatoren (Berichte 2007-2012), Zugriff: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/index.shtml [17.März, 2013]

[76]  Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Förderprogramm „Aktive Zentren“ [online], Zugriff:

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/staedtebau/foerderprogramme/aktive_zentren/

[18. März, 2013]

[77] Aktives Stadtzentrum Turmstraße: Projekte und Maßnahmen „Kleiner Tiergarten [online], Zugriff:

http://www.turmstrasse.de/projekte/kleiner-tiergarten.html [18. März, 2013]

[78] Bürgerinitiative Silberahorn [online], Zugriff:

http://silberahorn.wordpress.com/2012/10/13/kleiner-tiergarten-ost-umgestaltungsplane-und-burgerbeteiligung/ [18. März, 2013]

[79] Berlin Online, Lokalnachrichten, 14. Februar 2013,  [online], Zugriff: http://www.berlinonline.de/

nachrichten/tiergarten/umgestaltung-kleiner-tiergarten-ottopark-beginnt-22867 [18. März, 2013]

[80]   Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Pressemitteilung, 12. Juli 2010,  Archiv [online], Zugriff:

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/aktuell/pressebox/archiv_volltext.shtml?arch_1007/nachricht3958.html [18. März, 2013]

[81] Bürgerinitiative kleiner Tiergarten/Ottopark, 23. Oktober 2012, [online], Zugriff:

http://biktomoabit.wordpress.com/2012/10/23/kleiner-tiergarten-ost-verhindern-sie-ahnliches-wie-im-ottopark/ [18. März, 2013]

[82] Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: Heidestraße/Europacity [online], Jahr Zugriff:

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtplanerische_konzepte/heidestrasse/de/masterplan.shtml [18. März, 2013]

[83] vgl. Heidestraße/Europacity [online], Zugriff:

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtplanerische_konzepte/heidestrasse/ [18. März 2013]

[84] Tagesspiegel , 06. November 2012, [online], Zugriff

http://www.tagesspiegel.de/berlin/-millionen-fuer-europacity-steuergeld-fuer-strassenbau-in-moabiter-viertel/7348488.html [18. März, 2013]

[85] Informationen zum Neubau des BMI (Stand: September 2012) [online], 2012  Zugriff: www.bmi.bund.de/ SharedDocs/Downloads/DE/Ministerium/neubau_september2012.pdf?__blob=publicationFpub [15. März, 2013]

Quellen

Statistiken

It\'s only fair to share...Email this to someonePrint this pageShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on Pinterest

Schreibe einen Kommentar