Ergänzende Statistik zu Moabit

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In meiner Bachelorarbeit gab es einen Teil, in welchem ich mich statistisch mit Moabit auseinander gesetzt habe. Diesen möchte ich euch, wenn auch in verkürzter Form, nicht vorenthalten.  Dieser Abschnitt ergänzt auch gut einige der Aussagen, die wir in unser Statistikstunde im Kurs hatten.

[…] Moabit wird oft als „sozialer Brennpunkt“ bezeichnet. Um diesen Begriff statistisch zu klären, muss man erst einmal definieren, was einen „sozialen Brennpunkt“ ausmacht.  Als soziale Brennpunkte werden nach einer Definition des Deutschen Städtetages (1979) Wohngebiete bezeichnet, „in denen Faktoren, die die Lebensbedingungen ihrer Bewohner und insbesondere die Entwicklungschancen beziehungsweise Sozialisationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen negativ bestimmen, gehäuft auftreten.“[1] Herrscht demzufolge eine hohe Arbeitslosigkeit  und allgemein eine gewisse Einkommensarmut, sowie fehlende Infrastruktur und kaum bildungspolitisches und freizeitgestalterisches Angebot, wird der entsprechende Stadtteil gerne als sozialer Brennpunkt  bezeichnet.

Betrachtet  man die Bevölkerungsentwicklung in Moabit, kann man feststellen, dass es nach dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, einen deutlichen Rückgang der  Bevölkerung um 6 %  von 1991 bis 2004 gegeben hat. Neuere Zahlen desselben Instituts beschreiben zwar, dass 2006 nach einem deutlichen Abwanderungsprozess im Jahr 2006 wieder einen Zuwachs zu verzeichnen war, aber auch dieser ist im Jahr 2007 wieder  zurückgegangen, sodass Moabit zur Zeit ca. 69.491 Einwohner hat. Die meisten Anwohner in Moabit sind zwischen 27-45 Jahre alt (21.644).[2]

Das „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ von 2010 gibt Auskunft über die Statusindikatoren der Bezirksregionen. Hier wird Moabit in zwei Bereiche aufgeteilt, einmal in Moabit Ost und einmal in Moabit West. Schaut man sich die Zahlen zur Arbeitslosigkeit an, liegen beide Bezirke knapp über dem Berliner Durchschnitt von 9,9%. Wobei Moabit West mit 12,3 % schlechter dasteht als Moabit Ost mit 10,9%. Zum Vergleich gibt es im Bezirk Prenzlauer Berg 9,4% Arbeitslosigkeit und in Wedding im Bezirk Osloer Straße 16,1% Arbeitslosigkeit.  Ein weiterer Indikator für einen sozialen Brennpunkt sind die Arbeitslosen unter 25 Jahren. Hier liegt der Berliner Durchschnitt bei 6% aller Einwohner.  Moabit West scheidet hier auch wieder etwas schlechter ab, liegt jedoch sehr nahe am Durchschnitt mit 6,1%. Moabit Ost liegt mit 5,2% unter dem Durchschnitt. Schaut man zum Vergleich wieder auf Prenzlauer Berg und Wedding, ist Prenzlauer Berg hier etwas niedriger als Moabit Ost  mit 4,8% und die Osloer Straße wieder darüber mit 8% erwerbslosen Jugendlichen. Die Quote der Langzeitarbeitslosen liegt in Moabit Ost und West leicht über dem Durchschnitt von 3,4%,  nämlich Ost mit 3,7% und West mit 4 %. Zum Vergleich auch hier wieder der Bezirk Prenzlauer Berg mit nur 2,8% und Wedding – Osloer Straße ,  mit 5,6%.  Im Berliner Durchschnitt nehmen 13,8% aller Nichtarbeitslosen zusätzlich Existenzsicherungsleistungen entgegen. In Moabit West liegt hier die Quote bei 19,4% und in Ost ähnlich hoch bei 18,9%. Wesentlich mehr Existenzsicherungsleistungen beziehen Anwohner in Wedding – Osloer Straße:  dort ist die Quote bei 30,2%, und liegt somit unter den negativen „Top 10“ von Berlin. Ganz anders ist  hier wieder die Quote im Prenzlauer Berg mit 8,8%. Möchte man einen Indikator für Kinderarmut haben, kann man auf die Werte für „nicht-erwerbsfähige Empfängerinnen und Empfänger von Existenzsicherungsleistungen unter 15 Jahren“ schauen. In Moabit West sind 52,7% und in Moabit Ost 51,2% aller Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren von Transferleistungen abhängig. Also mehr als die Hälfte, der Berliner Durchschnitt liegt auch hoch mit 37,4%. Hier zeigt sich wieder am Beispiel der Osloer Straße in Wedding, dass dieser Wert noch sehr viel höher sein kann, hier sind es  72,4% minderjährige Jugendliche, die von Transferleistungen leben müssen.  Einen schlechteren Wert hat nur noch der Bezirk Köllnische Heide in Neukölln  mit 75%. Im Prenzlauer Berg hingegen liegt dieser Wert wieder unterhalb des Durchschnitts, bei 19,8%. Ein letzter Statusindikator auf der Ebene der Bezirksregionen ist die Anzahl an Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren  mit Migrationshintergrund. Hier liegt der Berliner Durchschnitt bei 43,1%. Moabit Ost und West liegen  deutlich darüber mit 68,1% (West) und 71% (Ost).  Aber auch die angrenzenden Bezirke wie z.B. Tiergarten Süd und der größte Teil von Wedding haben sehr hohe Zahlen. Die Osloer Straße wird mit 80,8% angegeben. Deutlich niedriger schneidet hier der Prenzlauer Berg mit 23,2% ab. Die niedrigsten Werte haben die Außenbezirke Malchow, Wartenberg und Falkenberg mit 5,8%. Insgesamt leben in Moabit 31.072 Einwohner mit Migrationshintergrund, das sind 44,7 % aller Einwohner. Zum Vergleich hat Kreuzberg 49,5% Einwohner mit Migrationshintergrund und Prenzlauer Berg 17,9%.

Leider wird auch oftmals die Ausländerquote als ein Indikator für ein benachteiligtes Stadtteilgebiet gezählt. Im Jahr 2010 lag der Durchschnitt der Ausländerquote in Berlin bei 466.054 Einwohnern von  3.404.382. Der Mittelwert liegt pro Bezirk bei 13,7%.  In Moabit leben nach dem aktuellen statistischen Bericht vom Land Berlin vom 30. Juni 2011  25% ausländische Einwohner. Im Vergleich dazu  sind es in Kreuzberg  28,3%  und im Prenzlauer Berg 11,3%. Die Stadtteile mit den höchsten Ausländerquoten sind demnach Kreuzberg, Wedding, Neukölln, Tiergarten und Gesundbrunnen.

Schaut man auf das „Monitoring für Soziale Stadtentwicklung von 2010“ wird Moabit in lebensweltlich orientierte Räume aufgeteilt. Das heißt, dass  man  Moabit nicht gesamt betrachtet, sondern in kleinere Einheiten aufteilt und sich  diese Kieze bzw. „lebensweltlich orientierten Räume (kurz loR)“ anschaut. Moabit wird demnach in 13 Einheiten aufgeteilt. Betrachtet wird  der Entwicklungsindex, welcher wiederum in vier Bereiche gegliedert ist: hoher Entwicklungsindex (1), mittlerer Entwicklungsindex (2), niedriger Entwicklungsindex (3) und sehr niedriger Entwicklungsindex (4). Es gibt demzufolge in Moabit zwei Tendenzen: Die an Tiergarten und Charlottenburg angrenzenden Kieze entwickeln sich positiver als der Rest, die nach Norden hin tendierenden Bezirke bleiben unverändert (schlecht) in ihrer Entwicklung. So haben der Huttenkiez, die Zwinglistraße, Lübecker Straße und die Heidestraße seit drei Jahren einen unveränderten, sehr niedrigen Entwicklungsindex. Außerdem ist der Beusselkiez  von  niedrig nach  sehr niedrig abgestuft worden und landet damit in der untersten Kategorie. Stark abgestiegen, vom mittleren Entwicklungsindex zum sehr niedrigen Entwicklungsindex ist auch der Bereich Heidestraße. Gleichzeitig ist aber der nahe dem Regierungsviertel liegende Bereich Zillesiedlung von sehr niedrig zum mittleren Entwicklungsindex aufgestiegen. Ohne Veränderung, nämlich mit einem mittleren Entwicklungsindex versehen, sind die an die südlichen Bezirke angrenzenden Bereiche Elberfelder Straße, Hansaviertel, Thomasiusstraße und die Lüneburger Straße. Einen guten Entwicklungsindex hat keiner der Bezirke in Moabit und auch nicht im angrenzenden Wedding. Aber selbst die bei Neueinzügen sehr gefragten Bezirke wie Kreuzberg-Nordost und Neukölln-Nord weisen keine guten (1) Entwicklungstendenzen auf. Aufgrund dieser negativen Befunde wurden Moabit und Wedding –  neben Neukölln, Kreuzberg und Marzahn – nun zu „Aktionsräumen plus“ ernannt; Auf diese Stadtteile soll ein verstärkter Fokus  in Bezug auf die Stadtentwicklung gelegt werden, um ein weiteres Absinken im Index zu verhindern.

Eine weitere Statistik ist die „Wirtschaftsstrukturuntersuchung zum Bezirk „Mitte„ von Berlin. Hier geht es um die empirische Erfassung vom Gewerbebestand und Gewerbeleerstand in Moabit[3]. Anhand dieser Parameter kann man etwas über die wirtschaftliche Lage über den Standort Moabit erfahren.

Zunächst  kann festgestellt werden, dass die größte Zahl der Betriebe in Moabit sich in der Einzelhandelsbranche und in der Gastronomie befinden. Interessant wird es, wenn man sich die Betriebe im Kreditwesen im Vergleich zu anderen Mitte-Bezirken ansieht. Hier fällt auf, dass im Gebiet Mitte die Hälfte aller Betriebe im Kreditwesen sitzen. Moabit steht mit 19 Betrieben an letzter Stelle in der Rangliste.

Abbildung 2[4]

Von diesen Kreditwesen sind die höchste Anzahl Kreditbanken in Moabit, dicht gefolgt von „Sonstiges Kreditwesen“.

Abbildung 3[5]

Betrachtet man nun genauer die Kategorie „Sonstiges Kreditwesen“, soll dies eine Form von Leihhäusern im Kreditwesen sein. Schaut man nun auf die Anzahl der Leihhäuser im Vergleich zu den anderen Gebieten im Bezirk Mitte, lässt sich feststellen, dass diese Geldinstitute  fast auschließlich in Moabit angesiedelt sind. Moabit steht mit 6 Leihhäusern an erster Stelle in der Rangliste. Warum diese nun ausgerechnet in Moabit angesiedelt  sind, und ob das ein schlechtes Zeichen für den Stadtteil ist, lässt sich nicht

Abbildung 4[6]

eindeutig  sagen. Es zeigt aber, mit einem vergleichenden Blick auf die Kreditinstitute, dass es in anderen Bezirken, vor allem in Mitte, sehr viel mehr „übliche“ Kreditinstitute wie z.B. Banken und Sparkassen gibt. Man könnte  daraus den Schluss ziehen, dass  die Einwohner in Moabit mehr auf alternative Kreditvergabe, wie Pfandleihhäuser, angewiesen sind, weil sie bei gewöhnlichen Banken eher keinen Kredit bekommen würden. In einem Leihhaus kann ein Fahrrad, das Motorrad, Schmuck oder ein seltenes Objekt abgegeben werden, und man bekommt ohne eine Prüfung und ohne Verbindlichkeiten Geld ausgezahlt. Das würde für eine sozial schwächere Schicht in diesem Areal  sprechen, soll hier  aber nur eine These sein.

Desweiterem geht aus dem Wirtschaftsstrukturatlas Moabits hervor, dass in Moabit das Gesundheitswesen  in Relation zur Bevölkerungsmenge normal zu sein scheint und sich nicht groß von den anderen Gebieten  in Mitte  unterscheidet. Auch steht Moabit in der Anzahl der Betriebe im Rechtswesen an dritter Stelle im Bezirk Mitte, wobei  in Mitte mehr als doppelt so viele Kanzleien sind. Der Wirtschaftsstrukturatlas macht auch Aussagen zum Leerstand. So stehen in Moabit 162 Ladenflächen leer, eine Zahl, die jedoch in Relation zu den anderen Bezirksteilen nur leicht erhöht ist. So hat Mitte 97, Gesundbrunnen 150 und Wedding sogar 250  leerstehende Geschäfte. Tiergarten ist hier  aufgrund seiner geringen Größe und wenigen Einwohner nicht in die Statistik mit eingeflossen. Im Bereich leerstehende Gastronomie schneidet Moabit ganz gut ab mit nur 16 leerstehenden Flächen,  im Gegensatz zu Wedding mit ganzen 157 Flächen.

Insgesamt kommt der Wirtschaftsstrukturatlas zu dem Ergebnis der Untersuchung, „dass die Gewerbestruktur und der Leerstand im erfassten Gebiet durchaus zufriedenstellend sind“ […] Offen bleibt zur Zeit, welche Entwicklungen für das Quartier die geeignetsten sind.“

Ergänzend soll hier nochmal ein kurzer Blick in den Kriminalitätsatlas der Stadt Berlin geworfen werden, auch wenn dieser nicht ganz unkritisch zu betrachten ist, gibt er eine ungefähre Aussage über die Stadtteile.

[…] Schaut man sich diesen „Kriminalitäts-Atlas“ genauer an, wird angegeben, dass im Bezirk Mitte die meisten Straftaten insgesamt begangen werden (22911), gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg (17312) und Charlottenburg-Wilmersdorf  (16414). Mitte steht im Straßenraub, im Raub, bei den Körperverletzungen und den schweren Körperverletzungen auf Platz 1. Schaut man sich nun auf Bezirksebene die Straftaten insgesamt an, weisen Mitte und Tiergarten höhere Deliktzahlen auf  als die oftmals so negativ besprochenen Bezirksteile Moabit, Wedding und Gesundbrunnen. Bei den Delikten „Raub“ und „Straßenraub“ weist Moabit sogar die niedrigsten Straftaten in ganz Mitte auf. Auch bei Körperverletzungen und den schweren Körperverletzungen  sind für  Moabit niedrigere Zahlen aufgelistet als für den Bezirk Mitte. Das gleiche gilt für Einbruch und Sachbeschädigung. Vergleicht man Moabit mit Charlottenburg oder Charlottenburg-Nord, schneidet auch hier Moabit besser ab. Trotzdem sollte bedacht werden, dass diese Statistik für manche Gebiete sehr von Nachteil  ist. Denn  Stadtteile mit  großen öffentlichen Plätzen  werden von vielen Touristen besucht; an diesen Plätzen kann es zu vermehrtem Straßenraub kommen, was die Statistik in die Höhe gehen lässt, auch wenn es außerhalb dieser Plätze kaum Straftaten gibt […]


[1] Deutscher Städtetag. (Hg.). (1979). Hinweise zur Arbeit in sozialen Brennpunkten, DST-Beiträge zur Sozialpolitik, Reihe D, 10. Köln

[2] Statistischer Bericht A I 5 – hj 1/11; Einwohner und Einwohnerinnen im Land Berlin am 30.Juni.2011, Statistik Berlin Brandenburg,  http://www.statistik-berlin-brandenburg.de/Publikationen/Stat_Berichte/2011/SB_A1-5_hj01-11_BE.pdf (letzter Aufruf: 01.06.2012)

[3]Wirtschaftsstrukturuntersuchung zum Bezirk „Mitte“ von Berlin: Teilbericht 1 Moabit, BBJ Service gGmbh, Berlin, Oktober 2004, u.a zu finden unter http://www.berlin.de/imperia/md/content/bamitte/wirtschaftsfoerderung/moabit.pdf?start&ts=1174554580&file=moabit.pdf (letzter Aufruf: 12.06.2012)

[4] Wirtschaftsstrukturuntersuchung zum Bezirk „Mitte“ von Berlin: Teilbericht 1 Moabit, BBJ Service gGmbh, Berlin, Oktober 2004

[5] S.o

[6] S.o

Aus: „Wirklichkeitskonstruktionen von Kriminalität und Bedrohung in Berlin-Moabit. Über Medienmacht, Stigmatisierungsprozesse und widerständige Lesarten“ von Christoph Nagel

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