Moabiter Impressionen – Kiezspaziergang mit Aljoscha

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Wer als Ortsfremder einen Kiez durchstreift, blättert in einem aufgeschlagenem Bilderbuch. Aus den Eindrücken und seinen Assoziationen formt sich nach und nach ein Text. Menschen, Gesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume setzen sich zu Worten, Sätzen und schließlich zu einem ganzen Buch zusammen (1). Wird der Flaneur von einem Ortskundigen begleitet, dann kommt mit dessen Wissen eine weitere Ebene hinzu. Die Geschichte wird aufgeblättert, Prozesse werden sichtbar, Indizien für die weitere Entwicklung lassen sich entdecken.

Dass selbst ein Kiez ganz unterschiedliche Gesichter haben kann, wird bei unserem Kiezrundgang mit Aljoscha deutlich. Wir treffen uns an der Spree. Die Uferzone ist ein attraktiver Lebensraum, gleichzeitig begrenzt der Fluss den Kiez und schafft verkehrsberuhigte Zonen. Galerien, ein Bioladen, ein Hundesalon, historisierende Straßenschilder, aber auch ein drohender Aufkleber „Welcome to Schwabylon“ signalisieren: hier könnte die Entwicklung zu einem Klein-Prenzelberg führen.

An anderer Stelle im noch abgeklebten Schaufenster der freudige Ausruf: „Konzept gefunden“. Neue Ideen entstehen, setzen sich durch oder verschwinden wieder, vielleicht ist die Zeit noch nicht reif. Der Schaupieler Uwe Martens hat den Waschsalon neu erfunden, aus „Fleck“ machte er Freddy Leck, aus dem „Salon“ ein Wohnzimmer mit langem Tisch und Couchecke fürs Fernsehen. Gemusterte Tapeten, klassische Musik, 60er-Jahre Teppichläufer, fleißige und faule Maschinen, die fertige Wäsche riecht nach Ozeanapfel oder Sommerblüte, sogar einen Waschmaschinen-Kaputtmachdienst hat „Freddy Leck sein Waschsalon“ angeblich, damit man ohne schlechtes Gewissen mit seiner Wäsche herkommen kann (2).

Verschiedene Quartiere im Kiez, Übergänge zur Industrie oder Zunahme des Migrantischen, bis man in einem Umfeld steht, in dem Ladenbeschriftungen aus der Vorkriegszeit („Heissmangel“, „Samenhandlung“) und „Paschas Harem“ – ein Sauna-Club als Ladengeschäft, „Gewerbe zu vermieten“ – gleichzeitig möglich sind. Wenn ein Projekt gescheitert ist, muss man die Hoffnung nicht aufgeben: „Zur Zeit geschlossen. Bis bald!!“ verkündet eine geschlossene Kneipe.

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(1) vgl. Hessel, Franz und Friedrich Seidenstücker. Ein Flaneur in Berlin. Berlin: Das Arsenal, 1984. Seite 145 – siehe auch www.flanieren-in-Berlin.de, Stadtspaziergänge mit Texten und Bildern, nach Stadtteilen geordnet
(2) vgl. Freddy Leck sein Waschsalon in ZDF-Drehscheibe, http://www.youtube.com/watch?v=l2EU-oKZ-Ig

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3 thoughts on “Moabiter Impressionen – Kiezspaziergang mit Aljoscha

  1. Lieber Klaus,

    vielen Dank für Deinen Beitrag und besonders die schönen Bilder. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du die Bilder noch Beschriften würdest. Ich habe bereits bei allen Bildern ein Copyright hinzugefügt.

    Viele Grüße,
    Aljoscha

  2. Lieber Aljoscha,
    schön, dass mein Beitrag Dir gefallen hat. Eigentlich hatte ich gehofft, auf die Beschriftungen verzichten zu können, weil der Stadtplan die Route zeigt. Jetzt sind die Bilder mit Texten versehen, ich glaube, die Mehrarbeit hat sich gelohnt.
    Viele Grüße
    Klaus

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