Das „Shisha Café Beirut“ in Ost-Moabit

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Die Forschungsfrage des Projektes lautete: „Unterscheiden sich die Stadtteile vor allem durch die unterschiedliche Zusammensetzung des gastronomischen Angebots oder unterscheiden sich gastronomische Einrichtungen gleichen Typs in den drei Stadtteilen?“
Um ihr nachzugehen, wurden drei Stadtteile ausgewählt, die in ihrer momentanen Entwicklung jeweils eine Phase im Verlauf einer idealtypischen Gentrifizierung repräsentieren, nämlich Moabit (bisher kaum Gentrifizierung) Nord-Neukölln (Pionierphase) und Spandauer Vorstadt/Mitte (durchgentrifiziert). Zudem wurden vier Typen gastronomischer Einrichtungen unterschieden: proletarische Eckkneipe, Imbiss, studentisch-alternative Kneipe und Shisha-Bar.
Jeder Seminarteilnehmer nahm sich entsprechend dieser Typologie eine Einrichtung vor und untersuchte sie mit Hilfe dreier verschiedener Methoden der qualitativen Sozialforschung: Photo-Essay, Teilnehmende Beobachtung und Interview. Diese Methoden waren jeweils für verschiedene Aspekte geeignet und es stellte sich heraus, dass eine Methoden-Mischung absolut sinnvoll ist, zumal die Grenzen zwischen ihnen teilweise fließend sind.
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Ich untersuchte eine Shisha-Bar in Ostmoabit, welche „Shisha Café Beirut“ heißt. Diese Einrichtung wurde Anfang 2012 gegründet, ist relativ klein und hat einen „gemütlichen Improvisationscharakter“. Es handelt sich um einen Ort, an dem vor allem junge Männer mit Migrationshintergrund (Naher Osten) Zeit verbringen, um zu rauchen, Nichtalkoholisches zu trinken, Spiele zu spielen und gemeinsam abzuhängen. Die meisten Besucher sind Stammgäste – man kennt sich untereinander. Auffällig ist das Einfinden der Gäste in getrennte Tischgemeinschaften. Dennoch ist die Atmosphäre „intim“ und es gibt Interaktionen zwischen den Tischen. Insgesamt wirkt alles sehr informell-locker und zuweilen vermischt sich auch die Grenze zwischen Wirt und Gast.
Das Konsummuster der Gäste ist recht minimalistisch – nur geraucht wird viel, vor allem Shisha. Angebot und Preise sind übersichtlich und klar, eine Karte existiert zwar, aber wird kaum benötigt, weil der Großteil der Besucher mit allem vertraut ist. Auch die Einrichtung ist einfach, funktional und von Luxus weit entfernt: Nicht einmal ein richtiger Tresen wird benötigt. Die Atmosphäre im Lokal ist dementsprechend informell-entspannt und entspricht wohl dem Habitus der Gäste, welche sich als dem „migrantischen Arbeitermilieu“ zugehörig beschreiben lassen. Die Einrichtung spricht recht spezifische Gäste an und ist stark auf deren Bedürfnisse ausgerichtet. Diese Eigenheiten (kein Alkoholausschank aufgrund des Islamischen Glaubens, niedrige Preise für Shishas, Vorhandensein diverser Spiele etc.) sind weniger vom Charakter der unmittelbaren Umgebung des Lokals als vom kulturellen Hintergrund des Betreibers und seiner Gäste abhängig. Zwar gibt es einen Ortsbezug, aber dieser hat nicht nur eine kultur- und milieuspezifische Ausprägung, sondern funktioniert eher nach pragmatischen Grundsätzen und hat weniger mit traditioneller Verwurzelung im Kiez zu tun. Dementsprechend könnte sich die Einrichtung laut dem Betreiber auch an einem anderen Ort befinden, beispielsweise im Wedding. Andererseits ist es sicher kein Zufall, dass sie eben in Moabit entstand, denn hier fand sich eine Marktlücke und es herrschten günstige Bedingungen. Der Anteil der Gäste aus der unmittelbaren Umgebung ist sehr hoch – eventuell etabliert sich also eine tiefer greifende Verwurzelung im Kiez, aber noch ist der Ortsbezug eher funktional und das Milieu eine „eigene Welt“, die vor allem mit dem migrantischen Hintergrund zusammenhängt.
Der in Photo-Essay und Teilnehmender Beobachtung gewonnene Eindruck, dass sich die Motive des Betreibers nicht nach Prinzipien der Gewinnorientierung richten, musste leicht revidiert werden. Im Interview zeigte sich ein etwas anderes Bild: Zwar ist dem Betreiber sicherlich bewusst, dass er nicht reich werden wird, aber sein Geschäftsmodell trägt durchaus pragmatisch-wirtschaftliche Züge. Die Funktion der Einrichtung als Einkommensquelle scheint ihm wichtiger zu sein als die spezifische Atmosphäre eines geschützten sozialen Raums. Gleichzeitig betont er aber auch, dass die „Gechilltheit“ für ihn eine große Bedeutung hat. Als „vom Durchschnittsgast divergenter Besucher“ (wie ich) kann man diese „Heimeligkeit“ sehr wohl erahnen, aber die kulturell und ethnische Spezifizität des Klientels führt zu einer gewissen Integrationshürde für (deutsche) Neugäste. Wird die gegenseitige Verunsicherung jedoch überwunden, entsteht ein offener und recht entspannter Umgang miteinander.
Dennoch scheint eine Anpassung der Einrichtung an eine durch Gentrifizierung vorangetriebene Veränderung der Gegend schwer vorstellbar. Die übergeordnete Forschungsfrage des Projektes ist ohne den Vergleich der Ergebnisse mit denen anderer Untersuchungen zwar nicht richtig beantwortbar. Aber aus der vorliegenden Untersuchung geht hervor, dass Shisha-Bars sich sehr wahrscheinlich stark unterscheiden. Vom Betreiber wie von einigen Gästen des „Shisha Cafés Beirut“ wird bewusst eine Abgrenzung zu „Shisha-Lounges“ vorgenommen, und tatsächlich handelt es sich um etwas ganz anderes als eine Shisha-Bar, wie sie sich viele spontan vorstellen würden. Inwieweit derartige Unterschiede jedoch nach stadtteil- oder gentrifizierungsspezifischen Mustern auftreten, muss an dieser Stelle noch offen bleiben. Aber dass sich eine Einrichtung wie das „Shisha Café Beirut“ maßgeblich an mögliche zukünftige Gentrifizierungsprozesse anpassen wird, scheint aufgrund des Geschäftsmodells, des spezifischen Milieus und einer gewissen kulturellen Exklusivität schwer vorstellbar. Wahrscheinlicher wäre vermutlich eine Verdrängung oder das komplette Verschwinden des Lokals.
Photo-Essay_Moabit IV_Shisha-Café_Andrew Müller
Teilnehmende Beobachtung_Moabit IV_Shisha-Café_Andrew Müller
Interview_Moabit IV_Shisha-Café_Andrew Müller
Abschlussbericht_Moabit IV_Shisha-Café_Andrew Müller

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