Favela „Heilige Weisheit“ – Imbiss „Ayasofya“ in Moabit (Nordkiez)- Foto-Essay, Teilnehmende Beobachtung und Interview von Katrin Siebert

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Imbiss "Heilige Weisheit"

Bild: Imbiss „Heilige Weisheit“, Moabit-Nordkiez

Autorin: Katrin Siebert

Passt gut. Viel unsere Gäste wohnen hier. Gehen in Moschee und Verein. Treffen sich hier. Besuchen uns und erzählen –  von Arbeit, Familie, alles. Auch die Kinder kommen. Wir alle kennen gut. Sind Freunde. Viele Freunde. Hier sind viele Freunde. Is Familie. Die Gegend ist gut. Is ganz besonders gut. – Hier ist schon leben. Ganz gut, viele gute Menschen. Besonders gut.“

Mit unserer Exploration suchen wir nach Antworten auf die Frage, ob das gastronomische Angebot in  drei zu untersuchenden Berliner Stadtbezirken unterschiedlich zusammengesetzt ist bzw., ob sich gastronomische Einrichtungen gleichen Typs in diesen Stadtbezirken vonei­nander unterscheiden. Diese Fragestellung motiviert sich aus einem Erkenntnisinteresse, das in engem Zusammenhang mit der aktuellen Gentrifizierungsdebatte steht; und mit den genannten Unterschieden fragen wir nach Indikatoren, die eine Betrachtung der Verteilung von Gentrifizierungstendenzen auf unters­chied­liche Stadtteile stützen können. Gentrifizierung schlägt sich nicht nur auf Bankkonten, in Grund­büchern, Gerichtsprozessen und Sozialstatistiken nieder, offenbart sich nicht bloß abstrakt analysierendem Blick, sondern mani­festiert sich ganz handfest materiell und kann so auch  sinnlich erfahren werden, im öffentlichen Raum. Was sich dort manifestiert, ist das sich in Gebäuden, Straßen, Plätzen, Nutzungs- und Besitzrechten manifestierende Ergebnis sozialer Kämpfe um Lebensraum, das Produkt und die Arena sozialen Handelns1. Mein Foto-Essay, meine teilnehmende Beobachtung und meine Interviews verstehen sich in diesem Sinn als Suche nach den materiellen Artefakten sozialen Ringens, wie sie sich im Alltag des Moabiter „Normalbürgers“ manifestieren. Moabit, in seinem westlichen Teil das größte zusammen­hängende Industrieareal Berlins umfassend, einst Hochburg Berliner Arbeiterkultur, galt schon immer als „unfein“ und wird heute – auch wegen seines hohen Anteils an Menschen türkischer oder arabischer Herkunft – gerne auch als „soziales Katastrophengebiet2“ beschrieben. Als Besucher erwartet man dort eher proletarische Eckkneipen, Bulettenstände und Dönerbuden denn von modischen Lifestyle- Inszenierern bevölkerte Szene-Cafes.

Doch der rastlos um die Welt jagende, bis in ihre letzten Winkel und Nischen vordringende „nor­male“ (kapitalistische) Gang der Dinge wird vermutlich auch dieses Moabit mit seinen schönen, erschwinglichen Altbauten, alten Industriepalästen und seiner vermarktungsträchtigen „Waterside“  nicht dauerhaft unverwertet sich selbst überlassen. Bei meinen Recherchen in Imbis­sen habe ich deshalb nach beidem gesucht, nach visuell wahrnehmbaren Anzeichen einer von neueren stadtöko­logischen Entwicklungen ausgehenden Überformung des soziokultu­rellen Alltags von „Normalbür­gern“ einerseits und nach Verhaltensmustern, Symbolen und Arte­fakten anderer­seits, die für eine eher traditionalistische Alltagskultur stehen, eine gewachsene, nur bedingt markt­taug­liche Kultur ohne Glanz und Schick, in der rückwärtsgewandte Sehnsucht, trotziges Beharren und nach vorne gerichteter Widerstand zu mehr oder weniger diffusen soziokulturellen Ausdrucks­formen ineinander verdichtet sind. Natürlich habe ich Anzeichen für beides gefunden, doch am eindrucksvollsten fand ich diese „Döner-Favela“, diese primitive Bude und friedliche Oase in einem von Drogenfahndern misstrauisch observierten Gebiet, die ich dann auch näher untersucht habe. Sie verkörpert mir auf authentische Weise ein Stück Moabiter Alltagskultur und stellt gewisser­maßen den idealtypischen Gegenpart zu einem Imbiss dar, der auch in gentrifiziertem Umfeld oder im bohemianistischen Milieu der Gentrifizierungsvorhut bestehen könnte.

Schäbige Bude mit großem Namen und voller Leben – mein Foto-Essay3

Mein Fotoessay dokumentiert den Doppelcharaker dieses Ortes, sein erbärmliches Erscheinungsbild  und die tiefe Bedeutung, die dahinter steckt. Eine Bedeutung, die – obgleich sich schon im großen, am Eingang prangenden Namen („Ayasofya“= „Hagia Sophia“ = „Heilige Weisheit“) der kleinen Bude sich andeutend, ortsfremden Besuchern sich nur dann erschließt, wenn sie ein wenig Zeit mitbringen und einen offenen Blick. Der Imbiss Ayasofya in der Stromstraße 35 ist nichts als ein barackenähnlicher Verkaufsstand mit behelfsmäßigem Vorbau.  Eingeklemmt zwi­schen Automaten­spielhalle und Gemüsebude, nimmt er einen Teil des Bürgersteiges ein. Eine dünne, transparente Plastikplane trennt – eher symbolisch, denn real –  Innen- und Außenwelt; der Gastraum befindet sich auf dem Bürgersteig, sein Pflaster ist der Fußboden. Dieses ganze, so provisorisch anmutende Arrangement von Dönerspies, Verkaufstresen, Getränkekühlschrank, Gasofen und ein paar Sitz­plätzen an kleinen Tischchen ist auf engstem Raum zusam­mengedrängt und okkupiert nur eine kleine Fläche des Bürgersteigs. Doch schon bei meinem ersten Besuch erkenne ich, wieviel Leben in dieser kleinen Bude steckt und höre von der Moschee auf dem Hof hinter ihr, deren Namen sie trägt.

Nicht nur von Döner allein – meine teilnehmende Beobachtung4

Im Zuge meiner teilnehmenden Beobachtung konnte ich bereits Erahntes genauer erkennen: Nicht nur wegen der dünnen Plane, dieser symbolischen Wand, ist das Ayasofya ein Stückchen Bürger­steig und Bestandteil des Straßenmileus, sondern auch seine Funktion als sozio­kul­tureller Treff­punkt, als Ort der Geselligkeit voller Leben macht es zum integralen Bestandteil des Kiezes. „Alt und Jung treffen sich hier, man kennt sich, ist befreundet, spricht türkisch, arabisch und deutsch miteinander, schenkt sich Zeit, spielt, lacht, schimpft, diskutiert, berichtet Neuigkeiten, wickelt kleine Geschäfte ab und geht von hier aus in die Moschee, gleich hinter der Bude“ (Teilnehmende Beobachtung, auswertender Bericht).

Das Bild verdichtet sich – meine Interviews5

Eigentlich sollte und wollte ich nur ein Interview mit dem Inhaber oder einem Mitarbeiter des Ayasofya machen, doch der Zufall und meine Neugier brachten mich auch mit dessen Vermieter,  dem Verein Ayasofya e.V. in Gestalt dessen Vorsitzenden in Kontakt, und so konnte ich  aus authentischer Quelle erfahren, wie Moschee, Verein, Imbiss und der benachbarte Gemüsehändler miteinander vernetzt und in Nachbarschaft und Kiez verortet sind. Dieses Hintergrundwissen und meine in den beiden vorhergehenden Forschungsschritten gewonnenen Eindrücke und Beobach­tungen stellen einen Interpretationsrahmen dar, der die sinnverstehende Interpretation der Interview­äußerungen des Imbissmitarbeiters auf erhellende Weise stützt. Insgesamt gewann ich so das Bild einer „gastronomischen Einrichtung“, die weitaus mehr ist, als diese verkürzende Bezeichnung anklingen lässt, nämlich ein Knotenpunkt in einem soziokulturellen Netzwerk, das  Moschee, Verein, Imbiss und Gemüseladen untereinander und mit dem Kiez verknüpft. Das „Ayasofya“ wird so als integraler Bestandteil einer sozialen Lebenswelt deutlich; und man kann erahnen, was mit ihm für diese auf dem Spiele steht, wenn es Gentrifizierung zum Opfer fällt.

 

1 Vgl. Lefebvre, Henri 1991: The Construction of Space. Cambridge, U.K.: Blackwell

2 So Harald Martenstein im Tagespiegel vom 27.11. 2012, Artikel: „Im Trainingsanzug durch Moabit“. Moabit steht ganz unten auf dem Berliner Sozialindex. Im Bereich des Quartiermanagements Moabit-West liegt die Arbeitslosen-quote bei 20 %; 63 % der Schüler an Grundschulen sind von Lernmittelkosten befreit; 21 % der Bevölkerung gelten als „armutsgefährdet“. Am 31. 06. 2011 betrug der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamt­einwohnerzahl des Bezirks 49,9%, die meisten davon türkischer Herkunft. Vgl.Quartiersmanagement Moabit West 2011: Integriertes Handlungs- und Entwicklungskonzept 2012, S. 15

3Moabit-West, Favela  „Heilige Weisheit“. Ein stadtsoziologisches Foto-Essay

4Moabit-West, „Heilige Weisheit“ – eine teilnehmende Beobachtung. Ich dolumenitere dort meine Feldnotizen, die „Step by Step-Story“ und ordne deren Sequenzen unseren Forschungsfragen und Codes zu. Ein auswertender Bericht und eine Darstellung und Reflexion der Vorgehensweise runden diese Dokumentation ab.

5Moabit-West, „Heilige Weisheit. Zwei Interviews. Hier dokumentiere ich neben den beiden Interviews auch meine methodologische Reflexion, in der ich die einzelnen Forschungsschritte vom Foto-Essay bis zur Auswertung der Interviews zueinander in Beziehung setze und darüber berichte, wie ich mich dem Theorie-Empirie-Dilemma, dem „hermeneutischen Zirkel“ qualitativer Sozialforschung gestellt habe.

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