Foto – Essay Moabit Nord: „Moabit ist Moabit“

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Das Untersuchungsgebiet Moabit II befindet sich im Norden des Stadtteils Moabit und wird im Westen von der Beusselstraße im Osten von der Stromstraße, im Norden von der Siemensstraße und im Süden von der Turmstraße begrenzt. Das ganze Stadtviertel weist bislang trotz seiner zentralen Lage eher geringe Anzeichen einer Gentrifizierung auf. Im Untersuchungsgebiet befinden sich hauptsächlich Wohngebäude, es besteht eine eher geringe gewerbliche Nutzung mit geringer touristischer Ausrichtung. Die Infrastruktur ist familienorientiert – es existieren mehrere Spielstraßen und Grünflächen sowie Betreuungseinrichtungen für Kinder. In einer Straße fanden sich Dekorationen im öffentlichen Raum die von Kindern einer Tagesstätte gestaltet wurden. Spielotheken und Automatencasinos sind im Untersuchungsgebiet in normalem Umfang (im Vergleich zu einigen anderen Stadtteilen wie Wedding oder auch Neukölln) vorhanden. Bei den Ortsbegehungen wurde eine relativ starke soziale und ethnische Durchmischung der Passanten festgestellt.

Anhand der 7 exemplarischen Fotos soll die Struktur des öffentlichen Raumes in Moabit II weiter spezifiziert werden:

Im Gegensatz zu reinen Zeitungskiosken überwiegen im Untersuchungsgebiet sogenannte Spätkaufs die ein eher reduziertes Angebot an Zeitschriften führen und sich überwiegend auf den Getränke- und Tabakwarenverkauf konzentrieren. Bei den angebotenen Zeitschriften und Aufstellern handelt es sich in den meisten Fällen um Tages- und Boulevardzeitschriften wie BILD oder B.Z. . Ab und zu sind auch türkischsprachige Tageszeitungen zu finden – spezialisierte Zeitungen oder Magazine jedoch nicht (siehe Motiv 1)

Die Cafés im Untersuchungsgebiet machen vorwiegend einen nicht modernisierten Eindruck, was darauf schließen lässt dass sie schon seit längerer Zeit existieren und noch von den ursprünglichen Pächtern betrieben werden. Sie bieten eher wenige Kaffeevariationen zu günstigen Preisen an. Es finden sich auch Beispiele für eine breitere, branchenübergreifende Nutzung, etwa die Mischung aus Café, Trinklokal und Kunstraum . Die Schaufensterablage wirkt „angestaubt“ und konzeptlos und auch das Namensschild macht einen eher altmodischen Eindruck. Es ist schwierig das Café bezüglich Klientel und Ausrichtung zu kategorisieren oder einzuordnen. Die Authentizität solcher Lokalitäten ist durch ihr offensichtliches längeres Bestehen gegeben. Die heterogene Nutzung weist daraufhin dass eine Spezialisierung eventuell nicht rentabel genug sein könnte (siehe Motiv 2).

Die öffentlichen Grünanlagen erschienen bei der Ortsbegehung weitgehend ungenutzt, was allerdings auf die winterlichen Witterungsbedingungen zurückzuführen ist. Ein Schild welches die Anlage als geschützte Grünfläche ausweist ist zu einem großen Teil mit Aufklebern und Tags versehen, sodass der eigentliche Hinweis nicht mehr richtig zu erkennen ist, was einer Markierung dieses öffentlichen Raumes gleichkommt . Kleinere Grünanlagen und Spielplätze sind relativ zahlreich vorhanden – es konnten jedoch keine dominanten Nutzergruppen definiert werden (siehe Motiv 3) .

Der von uns untersuchte U-Bahnhof Birkenstraße erscheint baulich relativ heruntergekommen und wird von den Passagieren hauptsächlich als funktionaler Transitraum genutzt. Ein Zeitungskiosk auf dem Bahnsteig ist derzeit geschlossen und leergeräumt. Allerdings nutzen einige wenige Personen den Bahnhof um durch den Weiterverkauf bereits verwendeter BVG-Tickets Geld zu verdienen. Dazu halten sie sich über einen längeren Zeitraum im Eingangsbereich des Bahnhofs beziehungsweise in der Nähe des Fahrscheinautomaten auf. Da der Weiterverkauf von Fahrscheinen strafbar ist, war das Fotografieren dieser Aktivität unerwünscht und konnte nur aus einer größeren Distanz erfolgen (siehe Motiv 4).

Als Beispiel für einen symbolischen Ortsnamenbezug steht das Casino 21 in der Emdener Straße. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich die Zahl 21 auf den historischen Postleitzahlenbezirk NW 21 bezieht, dem Moabit damals angehörte. Die Bezugnahme auf die alten Postleitzahlenbezirke ist üblich – das bekannteste Beispiel ist der Kreuzberger PLZ-Bezirk SO 36 in der Gegend um das Kottbusser Tor. Im Falle Moabits kann allerdings  angenommen werden, dass einem Großteil der Menschen der Name des ehemaligen Postleitzahlenbezirks nicht bekannt ist. Die 21 könnte dann zum Beispiel als Bezugnahme auf das 21. Jahrhundert interpretiert werden (siehe Motiv 5).

Im Untersuchungsgebiet befinden sich nicht viele behördliche Verbots- oder Exklusionsschilder. Allerdings ist zu beobachten, dass auf ein vorhandenes Verbotsschild an einem Spielplatz zusätzliche Verbote per Aufkleber hinzugefügt worden sind. Das Verbotsschild am Spielplatz wurde vom Amt für Straßen und Grünflächen demnach erweitert: zu den üblichen Verboten, wie Hunde-, Fahrrad- und Verschmutzungsverbot, wurde nachträglich der Verzehr von Alkohol und das Rauchen verboten. Der Aufkleber beinhaltet den Hinweis auf zivilrechtliche Ahndung bei Zuwiderhandlungen. Dies könnte auf einen vorangegangenen Nutzungskonflikt auf dem Spielplatz hindeuten. Zusätzlich ist anzumerken dass das Verbotsschild mit Graffitis bemalt und Aufklebern beklebt wurde. Der Verbotsaufkleber hingegen ist noch nicht bemalt oder beklebt, weshalb angenommen werden kann dass er sich erst seit Kurzem dort befindet (siehe Motiv 6).

Als exemplarisches Foto für Stimmung und Atmosphäre im Untersuchungsgebiet wurde eine Abbildung der Eckkneipe „Café Klatsch“ in der Waldenser Straße Ecke Bremer Straße ausgewählt die vorwiegend von männlichen Personen frequentiert wird. Die Außenfassade ist mit einer Landschaft und Tierbildern bemalt und wirkt in Verbindung mit dem Namensschild und der außen angebrachten Bierwerbung eher heruntergekommen. Es fällt auf, dass das Wort „Café“ nicht ganz richtig geschrieben ist und dass es sich eigentlich gar nicht um ein Café handelt sondern um ein Trinklokal. Von außen wie von innen wirkt es etwas „angestaubt“, gefühlt sogar trist oder deprimierend wie viele der typischen Berliner Eckkneipen (siehe Motiv 7). Es symbolisiert eine im Vergleich zu anderen Berliner Stadtteilen verlangsamte Entwicklung bzw. Modernisierung des Untersuchungsgebiets bezüglich der Ästhetik im öffentlichen Raum. In Richtung Birkenstraße lassen sich zwar erste Modernisierungsanzeichen („szenigere“ Geschäfte/Kneipen) finden, der restliche Teil von Moabit II ist jedoch eher geprägt durch alteingesessene Gewerbe mit günstigen Preisen, dessen Nutzungsgruppen wahrscheinlich momentan noch relativ konstant geblieben sind. Somit ist eine ursprüngliche Authentizität erhalten geblieben.

Foto Essay Moabit IIb_Master

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