Foto-Essay Berlin Mitte: Spandauer Vorstadt „WHO KILLS MITTE?“

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Stacheldraht in Mitte    

Unter der Fragestellung „Welche spezifischen Nutzungen werden in den Raum eingeschrieben, welche Konflikte werden artikuliert und welche gruppenspezifischen Bedürfnisse und Forderungen prägen den Straßenraum?“, haben wir nach der Methode des Foto-Essays eines von den drei Untersuchungsgebieten analysiert: Berlin-Mitte, spezifischer, die Spandauer Vorstadt. Sechs Bildmotive plus ein freies Motiv werden in einer weiteren Arbeit eine vergleichende Analyse mit den anderen Stadtteilen Berlins (Nord-Neukölln und Moabit) ermöglichen.

Was liest Mitte?

Das erste Bildmotiv ist ein Zeitungskiosk (Siehe Foto 1). So vielfältig hier die Passant_innen sind, so vielfältig ist auch das Angebot. Es erstreckt sich vom Boulevard-Blatt bin hin zu intellektuellerer Berichterstattung. Dies gilt für den Großteil der Kioske in der Spausländische Zeitungen werden an diesem Standort nicht angeboten, sondern an Transitzentren wie z.B. dem S-Bahnhof Hackescher Markt oder auch in einigen Buchläden ausgestellt.

Foto 1Die stadtzentrale Lokalisation dieses Geschäfts bedient sowohl ein Arbeiter- und Einwohnerklientel mit eher höherem Einkommen als auch Tourist_innen aller Altersgruppen. Auffällig: Am Rand des Untersuchungsgebietes (U-Bhf. Rosa-Luxemburg-Platz), befindet sich ein älteres Zeitungskiosk-Häuschen, das äußerlich einen einzigartigen, nostalgischen Anblick hat. Es besitzt keine Aufsteller, Postkartenständer, Markisen oder sonstige Verzierungen. Lediglich eine Satellitenschüssel ziert das Dach. Es könnte für einen „authentischen“ Kiosk aus DDR-Zeiten stehen, der sicherlich aufgrund seiner Lage auch für potentielle Neubesitzer interessant sein dürfte.

Kuchen, Rosen, Diademe

Als nächstes Bildmotiv folgt das Café Princess Cheesecake (Siehe Foto 2), welches den neuesten Trend in Mitte repräsentiert – nicht mehr shabby-chic sondern unverhohlen opulent. Dies ist eine neue Stufe der Gentrifizierung in Mitte mit einem Stil der nicht mehr die Hipster als Zielgruppe hat (oder die durchschnittliche Berliner Geldbörse.). Foto 2Auffällig ist die edle, makellose Möblierung im Stil französischer Königsschlösser im 18. Jahrhundert (Louis XVI) in einem sehr hellen, modernen Raum mit klaren Linien, eleganten Blumenarrangements, und einem üppigen Stillleben mit Früchten, Rosen, und Diadem. In den fantasievollen Kuchenbeschreibungen werden mehrfach aristokratische Titel verwendet. Die symbolische Distinktion (vgl. Bourdieu) ist stark ausgeprägt, und wirkt durch die Kombination der genannten Elemente zusammen mit den hohen Preisen sehr exklusiv (rund 40-70 Euro für einen Käsekuchen, 3,95-4,90 für ein Stück). Authentizitäts-Bemühungen sind nicht ersichtlich (vgl. Zukin).

Public-Private-Partnership-Krausnickspielplatz

Parkanlagen und öffentliche Plätze ist das dritte Motiv dieses Foto-Essays. Der Krausnickpark, 2007 mit Geldern des Bezirks gebaute „öffentliche Grünfläche“ mit zwei Spielplätzen auf der 7500 m² großen Blockinnenfläche zwischen Krausnickstraße, Oranienburger Straße und Große Hamburger Straße ist frei zugänglich, aber nicht eindeutig als öffentlicher Platz wahrzunehmen (Siehe Foto 3). Foto 3Einziger Zugang ist von 9.00 bis 18.00 Uhr ein privater Hausdurchgang mit verschließbarem Gittertor. Der von Häusern umschlossene Park ist für die Hausbewohner meist exklusiv. Bewohner und eine privat-öffentliche Elterninitiativ-Kita, Heilpraktiker-Praxis und Inneneinrichtungsfirma haben durch Hinterausgänge privilegierten Zugang. Der „Bürgerpark Krausnickstraße e.V.“ verwaltet die Anlage. Sichtbar wird neben der zunehmenden Aufwertung und Exklusivität eine schleichende Teilprivatisierung des öffentlichen Parks. Ähnliche Tendenzen im Monbijou-Park gegenüber (franz. „Mon bijou“, dt.: Mein Schatz)? Ein Hinweisschild des Grünflächenamtes gibt Auskunft, dass Bewohner der Umgebung den Park als ihr „Schmuckstück“ bewahren wollen und Geld für zusätzliche Garten- und Reinigungsarbeiten durch öffentliche Stellen spenden. Nutzungskonfliktpotentiale: Grillen, Party, Prostitution versus Ruhe-, Sauberkeits- und Sicherheitsbedürfnis sowie Moral- und Imagevorstellungen der Anwohner und Mieter repräsentativer Büros. Im Untersuchungsgebiet nehmen frei zugängliche Räume ab, sind gegen unerwünschten Zutritt, Durchgang oder „störende“ Nutzung durch Dritte abgesichert.

Unterschicht goes Underground?

Foto 4 zeigt das „Foyer“ der U8-Station Rosenthaler Platz. Die Station wird sowohl als Transit- als auch als Aufenthaltsraum genutzt. Die dominantere Nutzergruppe tagsüber sind Menschen, die die Station und das Foyer als Transitraum nutzen. Abends beginnen sich die Raumnutzer_innen vermehrt, jedoch konfliktfrei zu durchmischen. Foto 4Von 19:00 bis 22:00 wird das Foyer von einer Gruppe Obdachloser zum Sammeln von Geld und als gemeinsamer Treff genutzt. Andere Obdachlose sitzen oder bewegen sich in der Station neben Fahrgästen oder Straßenmusiker_innen, die sich in der Station und im Foyer versammeln. Die Passant_innen sind im Schnitt jung, nicht immer trendy, seltenst überprivilegiert. Viele der Nutzer_innen sind auch Tourist_innen, die zu einem der Hostels am Platz gehören. Es hat den Anschein, als würde die ebenfalls in der Spandauer Vorstadt lebende gehobene Mittelschicht diese Station zwischen Wedding und Neukölln meiden.

„Who kills Mitte?“

Über die Linienstraße, angefangen vom Oranienburger Tor, sind wir während unseres Foto-Shootings auf Plakate gestoßen, mit der Frage „Who kills Mitte?“. Die Plakate waren gezielt an Baustellengebieten aufgehängt. In der Linientrasse 142 (Siehe Foto 5) steht die Frage auf einem Container der Firma „RUBY design_living“, die zusammen mit der chairos Projektentwicklung aus Hamburg, auf dem Gelände der Nummer 29, luxuriöse Eigentumswohnungen planen. Foto 5Das Bild stellt einen Konflikt um die Raum¬nutzung dar, der Mitte besonders im letzten Jahrzehnt im Rahmen eines Gentrifizierungs¬prozesses stark betroffen hat. Hausprojekte wie Tacheles, sowie Künstler die nach dem Mauerfall dort wohnten (wie der Autor des Plakats), wurden aufgrund dieses Prozesses verdrängt. Immobilien und Baufirmen etablierten sich in Mitte als die dominante Gruppe, die die Aufwertung sowie die Nutzung des Geländes definiert haben. Weiterhin verdeutlicht die Schrift des Plakats, sowie die Sprache, die Sozialstruktur der verdrängten Gruppe – die auch gleichzeitig Pionier des Gentrifizierungsprozesses waren. Kreativ und international sind zwei Worte, die einerseits eine soziale Gruppe beschreibt und anderseits das Image von Mitte bedient und vermarktet.

Verbieten verboten

Als nächstes Bildmotiv folgt „Verbotsschild“ nach der Frage, welche Gruppen bzw. Verhaltensweise ausgeschlossen werden sollen. Die vorwiegende Art von Verbotsschildern in der Spandauer Vorstadt, Berlin Mitte, sind gegen das Abstellen von Fahrzeugen „aller Art“. In unterschiedlichen Formen wird so gebeten Eingänge/-fahrten freizuhalten und vor kostenpflichtigen Entfernungen gewarnt. Foto 6Als Beispiel haben wir das Verbotsschild an der Modellschneiderei Anne En, in der Krausnickstraße 10, ausgewählt (Siehe Foto 6). An seiner gepflegten Wand hängt das Schild „Fahrräder abstellen verboten!“. Ein Merkmal dieses Stadtteils von Berlin ist der hohe Transitverkehr. Da in den meisten Häusern die Erdgeschosse als Gewerbeeinrichtungen benutzt werden, sind die Gewerbsleute die dominante Gruppe, die den Transit im öffentlichen Raum regelt. Die Nutzung des öffentlichen Raums wird auf diese Weise je nach Bedürfnissen der Geschäfte, überwiegend Platzbeschaffung und Image, geregelt. Öffentliche Plätze im Zentrum der Stadt werden eng und prinzipiell für kommerzielle Nutzung bestimmt.

Wo drückt der shusta?

Unser freies Bildmotiv ist der Schuh- und Bekleidungsladen „shusta“ (Siehe Foto 7). Im „shusta“ kaufen vorrangig „moderne Performer_innen“ mit gutem Einkommen und Sinn und Gespür für exklusvies Understatement. Die großzügigen und hellen Räumlichkeiten stellen einen Kontrast zur abgerockten Fassade dar und machen Reste der Wendezeit trendy und konsumierbar. „shusta“ spielt mit der Authentizität, dem „rotten charme“ Berlins. Foto 7Das „shusta“ ist ein Beispiel für die Mitte-Szene-Läden, die sich bemühen, einen Ortsbezug zur Historie der Spandauer Vorstadt herzustellen, wenn auch vorrangig, um den „rotten charme“ zu vermarkten und trendy konsumierbar zu machen. Dieses Performer-Milieu dekoriert sich und profitiert von der kaputten Coolness, die für andere reale Armut bedeutet. Es gibt keine sichtbaren Anzeichen für Ausgrenzung, außer man kann die Ware im „shusta“ nicht bezahlen. „shusta“ bedient sich eines Mix aus Ghetto – und Klub-Effekt und verpackt es als Trend. Im Vergleich bemüht sich das Café Princess Cheesecake (Foto 2) um gar keine Auseinandersetzung mit der Historie, sondern positioniert sich frisch gestrichen und elitär.

Foto-Essay_MITTE_Gruppe_B-Präsentation (PDF)

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