Imbiss in Nord-Neukölln

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Imbiss in Nord-Neukölln

Zur Diskussion stand die Frage, ob sich die Stadtteile, die wir untersucht haben, vor allem durch die unterschiedliche Zusammensetzung des gastronomischen Angebots unterscheiden oder doch eher die gastronomischen Einrichtungen gleichen Typs sich in den drei Stadtteilen unterschieden. Dabei sollen die drei unterschiedlichen Stadtteile, soweit man das sagen kann, die unterschiedlichen Phasen des Gentrifizierungsprozesses darstellen. Von der vermeintlich ungentrifizierten Gegend (Moabit) über ein Gebiet, dass sich mitten in einem solchen Prozess befindet (Nord-Neukölln) zur vollständigen Gentrifizierung (Spandauer Vorstadt).

Auch wenn wir Schwierigkeiten hatten, in dem ein oder anderen Gebiet die passende Einrichtung zu finden, so können wir trotzdem mit unseren drei Methoden (Photo-Essay, Teilnehmenden Beobachtung, Interview) nur den zweiten Teil dieser Fragestellung beantworten (unterscheiden sich die Einrichtungen gleichen Typs in den drei Gebieten?). Erschwerend hinzu kommt natürlich, dass jeder nur eine Einrichtung untersucht hat, zwar gab es im Kurs Austausch, doch kann ich hier nur auf die Ergebnisse näher eingehen, die ich in Nord-Neukölln in einem Imbiss gesammelt habe.

Seit der Eröffnung vor 5 Jahren haben sich in dem untersuchten Imbiss bereits z.B. die Speisenliste und ihr Layout drastisch verändert. Denn die vielen „jungen Leute“, von denen die Inhaber nicht weiter viel wissen, wollten die angebotenen türkischen Spezialitäten nicht, vermutlich weil sie diese nicht kannten. So mussten die Mitarbeiter und Inhaber oft improvisieren, mit Salat oder gegrilltem Käse im Brot, statt der Sardinenpfannen oder den türkischen Bouletten. So erkannte man doch ziemlich schnell, dass mehr vegetarische Speisen angeboten werden mussten. Man änderte die Speisekarte. Die vielen Englisch sprechenden Gäste, mit denen man seine große Mühe hatte, wie die Inhaberin sagt (vgl. Interviewabschrift, Zeile 11/12) forderten außerdem ihren Tribut. So wurde eine englischsprachige Speisekarte entworfen. Als auch dies nicht funktionierte, weil die Mitarbeiter nicht alle Details auf Englisch erklären konnten, nahm die Speisekarte Ihre heutige Form an, mit großen Bildern der Speisen, wie man sie aus Touristengegenden am Mittelmeer und sonst überall kennt.

Die Veränderungen, die mit den jungen Leuten „von überall her“ kommen (siehe Interviewabschrift, Zeile 6/7) werden bewusst wahrgenommen, mit positiven und negativen Folgen, vor allem für das Geschäft, aber auch für die Inhaber als Bewohner des Kiez. Dem Geschäft sind sie umsatzstärkere Kunden als die Alteingesessenen BewohnerInnen es sind. Das Gebiet ist auch viel lebendiger, sodass eine Frau auch alleine arbeiten kann, wie die Inhaberin sagt (vgl. Interviewabschrift, Zeile 68/69).

Die getroffenen Annahmen und gesammelten Ergebnisse dahingehend, dass eine Anpassung an die neue Kundschaft erfolgt, haben sich durch das Interview nur bestätigt und verstärkt in der Information, wie die Veränderungen mit der Speisekarte. So ist es sicherlich auch mit den Kühlschränken und dem Getränkeangebot gewesen, auf welches nicht im Interview eingegangen wurde. Doch sagte man mir, dass die Kühlschränke auch erst später vergrößert wurden.

Auf Türkisch gibt es ein Sprichwort welches „parayı veren düdüğü çalar“ lautet, was sinngemäß so viel heißt wie, dass derjenige, der das Geld hat, bestimmt, wo es lang geht (gleichbedeutend mit „wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing“). Genau dies scheint mit diesem Imbiss (oder mit Imbissen im Allgemeinen) zu passieren, vielleicht mehr als dies in den anderen Einrichtungsarten (Kneipe, Shisha-Bar, alternatives Café) der Fall ist!? Dies wird sich in der Gesamtanalysen der einzelnen Projekte und den Ergebnissen auch der TU–Studenten vermutlich und hoffentlich klären lassen.

Vergleich der drei Methoden

Anfängliche Bedenken gegenüber der wenig erprobten Methode des Photo-Essays haben sich nicht bestätigt. Einen enormen Vorteil bieten die Photos vor allem im Nachhinein, denn da kann man sich diese in Ruhe ansehen und teilweise Dinge entdecken, die einem in der jeweiligen Situation nicht bewusst gewesen sind. Außerdem bietet es einem Leser einen sehr guten Einstieg in den Sachverhalt und zeigt Dinge, die nicht immer leicht zu beschreiben sind (Lichtverhältnisse, verschiedene Nischen und unterschiedliche Bereiche beispielsweise).

Am meisten Informationen habe ich in diesem spezifischen Fall bei der teilnehmenden Beobachtung sammeln können. Der ganz besondere Vorteil liegt meines Erachtens dabei, dass man sich nicht outen muss, das gibt die Sicherheit, in Ruhe zu beobachten und sich ein eigenes Bild der Situation zu machen (auch wenn einige Beobachtungen in einem späteren Interview widerlegt werden können). Außerdem stellt sich einem die Location so dar, wie sie ist. Es gibt im Idealfall sehr wenig Beeinflussung durch die Beobachtenden, was dazu führt, dass man unter Umständen objektivere Informationen erhält, als das teilweise in einem Interview der Fall ist.

Insgesamt habe ich mehr mitnehmen können, als mit dem Photo-Essay, da ich unbeobachtet und unhinterfragt Informationen sammeln konnte, ohne Erlaubnis so gesehen!

Ich hatte vorher einige Bedenken, ob es klappen wird und ich ein Interview bekommen werde. Denn die interessierten Blicke der Inhaber und Mitarbeiter, als ich die vorangehenden Methoden angewendet habe, konnte ich nicht wirklich zuordnen. Waren sie wohl gesonnen oder eher missbilligend? Eine Nachfrage hätte das wohl geklärt, doch fand solch ein Gespräch nie statt. Außerdem hatte ich die Inhaberin bei meinem ersten Besuch nur schnell zwischen Tür und Angel fragen können, was zum Zeitpunkt des Interviews bereits 3 Monate her war. Diesen Fehler und die permanente Sorge darum, ob ich denn alle drei Methoden werde anwenden können, lehren mich eines: Wenn man sich unwohl fühlt, sollte man direkt sein und nachfragen, ob es immer noch in Ordnung ist, dass man da ist und auch mehr erklären, was man gerade tut und wie oft man noch kommen wird.

Ein Interview stellt zum Teil die Gefahr dar, dass man in eine viel zu enge Beziehung mit den Personen tritt, die man untersucht und dann eher unerfreuliche Informationen eher nicht schriftlich festhalten möchte. Doch muss man sich trotz allem immer des Forschungsinteresses bewusst bleiben, wenn es nicht den Personen schadet.

Hätte ich lediglich die Inhaberin gefragt, würde ich ein ganz anderes Bild der Situation haben, als das, welches jetzt insgesamt entstanden ist. Gleiches gilt für die jeweils anderen Methoden. Nicht immer ist es somit sinnvoll, sich für eine einzige Forschungsmethode zu entscheiden denn erst in der Kombination der drei Methoden erhält man ein etwas vollständigeres Bild der Verhältnisse.

 

Photo-Essay, Imbiss in Nord-Neukölln

Teilnehmende Beobachtung, Imbiss in Nord-Neukölln

Interview, Imbiss in Nord-Neukölln

 

 

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