Kneipenstudie Ost-Moabit: Das Kulturcafé in der Lehrter Straße

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Kulturcafé Moabit IV

Moabit – traditionell ein Arbeiterviertel Berlins. Doch schlagen sich auch hier Phänomene der Gentrifizierungsdynamik nieder? Zur Auseinandersetzung mit dieser Frage und der übergeordneten Fragestellung, ob sich Stadtteile Berlins (Moabit, Mitte und Nord-Neukölln) vor allem durch die unterschiedliche Zusammensetzung des gastronomischen Angebots unterscheiden oder aber ob gastronomische Einrichtungen gleichen Typs in allen drei Stadtteilen differieren, wurde für das Gebiet Moabit IV hinsichtlich des alternativen, studentischen Kneipentyps als Untersuchungseinheit das Kulturcafé in der Lehrter Straße gewählt. Dieses ist neben einem Kino, einem Club, als auch einem Theater, Teil des Gesamtvereins Kulturfabrik e.V. und befindet sich seit 1991 in einem alten Fabrikgebäude.

Vor dem Hintergrund des Forschungsprojekts wurden sechs Hypothesen aufgestellt, die es nun hinsichtlich der erfolgten Analysen – einem Photo-Essay, einer teilnehmenden Beobachtung und einem Interview – sowie deren Ergebnisse darzustellen gilt. Hypothese 1 beschäftigt sich mit den sozialen und lebensstilbezogenen Eigenschaften von Kundschaft und Konsummustern, Hypothese 2 mit der sozialen Funktion der Einrichtung für die jeweiligen Gäste, Hypothese 3 mit den Interaktionsmuster und dem Verhalten zwischen Gästen und dem Personal, sowie den Gästen untereinander, Hypothese 4 mit den Geschäftsmodellen und -motiven der Betreiber/innen, Hypothese 5 mit dem Ortsbezug zur Nachbarschaft und Hypothese 6 mit dem Grad der Offenheit für neue Gäste.

Im Kulturcafé finden sich zum einen ältere Stammgäste aus der nahen Nachbarschaft, zum anderen junge Alternative und Studenten, welche ebenfalls in der näheren Umgebung wohnen und sich von den günstigen Preisen und der lockeren, entspannten Atmosphäre angezogen fühlen, ein. Die Kneipe wird von den Gästen aufgesucht um soziale Kontakte zu pflegen, sich in geselliger Runde mit anderen zu unterhalten und gemeinsam Billard oder Tischkicker zu spielen sowie Bier, Wein und antialkoholische Getränke zu trinken. Dabei gestaltet sich das Verhältnis zwischen den Gästen und dem Personal, als auch zwischen den Gästen untereinander äußerst freundlich, vertraut, herzlich und offen. Dennoch fiel auf, dass der Umgang und die Kommunikation vorwiegend auf zusammengehörende Gruppen beschränkt bleibt. Jedoch trägt die offene Raumkonzeption und die freie Verteilung von Tischkicker, Billardtisch, mehren Sofas und Sesseln sowie einem abgetrennten Raucherbereich dazu bei, dass das Geschehen stets in Bewegung ist. Dies führt dann hin und wieder zur Durchmischung der Anwesenden und macht es vermutlich auch neuen Gästen relativ leicht, sich zu integrieren. Das Geschäftskonzept des Kulturcafés sowie des dahinterstehenden Gesamtvereins der Kulturfabrik ist geprägt davon, in einer Umgebung, in welcher kaum Kneipen zu finden sind, einen Treffpunkt zum sozialen und kulturellen Austausch zu schaffen. Betrieben wird die Einrichtung von einer großen Gruppe an Freunden und Bekannten, welche keinesfalls auf Profit aus sind, aber gemeinsam an einem Strang ziehen, um den Gesamtverein am Laufen zu halten. Konkurrenz von außerhalb ist quasi nicht vorhanden, da die beiden übrigen angrenzenden Kneipen ein anderes Publikum ansprechen beziehungsweise in freundschaftlichem Verhältnis zum Kulturcafé und dem Gesamtverein stehen. Bezüglich der Nachbarschaft lässt sich festhalten, dass laut Betreiber nur etwa 20 Prozent der Anwohner in der Gegend überhaupt von der Lokalität angesprochen werden. In der Umgebung leben viele Migranten, welche nicht zum Kundenkreis des Kulturcafés zählen. Veränderungen gab es seit der Eröffnung Anfang der 1990er Jahre relativ wenig, weder angesichts der Einrichtung selber, noch des Geschäftsmodells oder der Kundschaft. Lediglich seit dem Neubau des in der Nähe gelegenen Hauptbahnhofs und dem Bau neuer Hotels finden vermehrt Touristen den Weg in die Kneipe. Aber dass einrichtungstechnisch alles weiterhin an die Nachwendezeit und die Überbleibsel der ursprünglichen Fabrik erinnert, hat und soll sich auch nicht ändern. Dadurch bekommt das Kulturcafé seinen Charme, gibt seinen Gästen das heimische Gefühl und bleibt seinem Motto treu, ein Stück ursprüngliches urbanes Berliner Leben zu erhalten.

Zusammenfassend lässt sich schließlich schlussfolgern, dass das Kulturcafé als auch der Gesamtverein zwar definitiv Anlaufstelle und Treffpunkt für die jungen, alternativen, studentischen Hinzugezogenen ist, sich allerdings dennoch keinem Wesenswandel unterzieht und weiterhin gleichzeitig die Stammkneipe für zahlreiche Alteingesessene der Umgebung bleibt – hier treffen Urberliner auf junge Wahlberliner und finden sich im geselligen und freudigen Nebeneinander und Miteinander.

III_Interview_Kulturcafé_Moabit_IV_Uschi_Jonas I_Photo-Essay_Kulturcafé_Moabit_IV_Uschi_Jonas   II_Teilnehmende_Beobachtung_Kulturcafé_Moabit_IV_Uschi_Jonas IV_Endbericht_Kulturcafé_Moabit IV_Uschi Jonas

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