Ost-Moabit: Zwischen Gründerzeitarchitektur und modernen Town Houses

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Die Räume des Untersuchungsgebietes im Nord-Osten Moabits werden von Gruppen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft genutzt. Der große Fritz-Schloß-Park bietet Platz für Jogger, Hundebesitzer und Rodler, in den Straßen befinden sich einige Kioske und Stehcafés deren Besitzer oft türkischer Herkunft sind. Es gibt Unterstützungsangebote für arme oder sozial schwache Familien, daneben gibt es aber inzwischen auch Lokalitäten, die ein eher hippes Publikum anziehen. Die Bausubstanz reicht von einfachen 70er Jahre Plattenbauten, bis hin zu inzwischen sanierten Gründerzeitaltbauten.

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Sowohl Alteingessene, als auch neu zugezogen Familien sind dominante Nutzergruppen. Die Straßen sind ruhig und gepflegt. Das Angebot an Kneipen oder Cafés ist eher gering. Für Touristen scheint es keine Anlaufpunkte zu geben und Hotels oder Hostels sind kaum vorhanden. Für Kinder und Jugendliche gibt es allerdings eine weitreichende Infrastruktur, die vom Park, über verschiedene Schulen, Kindergärten und Spielplätzen bis hin zu Jugendclubs und Beratungsangeboten reicht. Dass die Gruppe der jungen Familien auch im Fokus der Stadtplaner steht, konnten wir an den bevorstehenden baulichen Maßnahmen feststellen: Neue Spielplätze sind gerade fertig oder werden demnächst gebaut. Der Verkehr wird durch Sackgassen oder Hinweisschilder beruhigt und die alten Parkanlagen des Fritz-Schloß-Parks werden aufgewertet.

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Versteckte Konflikte zeigen sich in der auffallend starken Sanierung der Altbausubstanz, den vielen leerstehenden Läden und dem Zuzug eines scheinbar wohlhabenderen Klientel. Es vollzieht sich spürbar ein Wandel. Die vielen kleinen Läden boten entweder Dinge an, die nun keiner mehr braucht, oder können die steigenden Mieten nicht mehr verkraften.

Plakate weisen auf den Verkauf von Eigentumswohnungen hin, ein Plakat verspricht Baukostenzuschüsse wenn man etwas besonderes in einem Ladengeschäft etabliert und neuer Mieter ist nun zum Beispiel ein niedlicher, kleiner Laden für Kuchendekoration.

Sichtbare Konflikte scheint es auf einem Spielplatz im Süden unseres Untersuchungsgebietes zu geben: Hier werden Jugendliche über 15 Jahre gebeten, dem Spielplatz fernzubleiben. Eine Vorsichtsmaßnahme, um die wohl bisher auftretenden Konflikte zwischen besorgten Eltern und „herum hängenden“ Jugendlichen zu unterbinden.

Erste Anzeichen für eine exklusive Nutzung des Raumes lassen sich am Bau der Town Houses am südlichen Parkrand erkennen. Alle circa fünf Reihenhauskomplexe, mit eigenem Gartenanteil, befinden sich momentan in der Fertigstellung und stehen im sichtbaren Kontrast zu den gegenüberliegenden 70er Jahre Neubaublöcken.

Momentan werden sie durch einen hohen Maschendrahtzaun abgezäunt, es lässt sich jedoch an der Hochwertigkeit dieser Gebäudekomplexe ableiten, dass die Abzäunung nach Fertigstellung ebenfalls erneuert und höchstwahrscheinlich gesicherter wird. Damit wird eine symbolische exklusive Nutzung dieses Raumes entstehen. Die IMG_6905Bewohner dieses Gebäudekomplexes schließen sich symbolisch zusammen und grenzen ihr Areal nach außen hin gewissermaßen ab.

Eine offensichtliche Ausgrenzung bestimmter Gruppierungen lässt sich nur hinsichtlich der Spielplatznutzung erkennen. Wie schon erwähnt befinden sich bei fast allen Spielplätzen, die sich im Untersuchungsgebiet befanden, Hinweise dass es Jugendlichen nicht gestattet sei sich auf diesen aufzuhalten. Das gesamte Untersuchungsgebiet wirkte zum Zeitpunkt der Unter-suchung jedoch sehr stimmig und harmonisch und erweckte nicht den Anschein, dass es eine allzu offensichtliche Ausgrenzung bestimmter Gruppierungen gibt.

Die Selbstpräsentation der Nachbarschaft lässt sich an vielen Ortsnamenbezügen erkennen, so gibt es etliche Bars die sich einen Teil des Wortes „Moabit“ zu eigen machen, wie z.B. eine Kneipe namens „Moab“ oder aber auch die „Kulturfabrik Moabit“. Der Bezug zu Moabit ist unübersehbar. Besonders sichtbar wird dies in Bild 5: Der „MoaBogen“. Auch die Investoren eines solch großen Komplexes versuchen den Ortsnamenbezug ganz offensichtlich herzustellen und zu nutzen. Die Identifikation der Anwohner mit dem Gebiet scheint eine extrem große Rolle zu spielen und wird auch für Außenstehende (wie den Investoren) sichtbar interpretierbar. Daher wird durch den Ortsnamenbezug auch von externen Investoren versucht, einen baulichen Fremdkörper wie die Einkaufspassage „MoaBogen“ in das Viertel zu integrieren.

IMG_6892Eine Historisierung der Nachbarschaft findet in so fern statt, als dass es in der Rathenower Straße das „Heinrich-Zille-Haus“ gibt, das an der Fassade mit Bildern des Berliner Malers versehen ist. Genauso gibt es die bereits erwähnte, gegenüber dem südlichen Ende des Fritz-Schloß-Parks gelegene Neubausiedlung aus den Siebziger Jahren, die den Namen „Heinrich-Zille-Siedlung“ trägt. Dies stellt einen eindeutigen Bezug zum historischen Berlin dar, als dessen Vertreter Zille gelten kann. Gleichzeitig wird so auch Moabits Status als ehemaliges Arbeiterviertel widergespiegelt, da Zille vor allem bekannt für seine Portraits der Arbeiterklasse war.

Darüber hinaus gibt es durch die flächendeckende Fassadensanierung besonders im nördlichen Teil des Untersuchungsgebiets rund um die Stephanstraße einen weiteren Anhaltspunkt, da die Aufwertung der Bausubstanz neben wertsteigernden Gründen auch der Historisierung dient.

Diese Punkte spielen insgesamt eine Rolle beim Versuch, im Gebiet über das gegebene hinaus Authentizität zu erzeugen. Der Charme Moabits als noch „echtes Berliner Viertel“ wird, kombiniert mit der Sanierung historischer Bausubstanz, genutzt, um andere Gruppen, v.a. die angesprochenen jungen Familien, aber auch andere junge Menschen, in das Viertel zu locken. Und um so zum einen die jetzt sanierten Bereiche im Norden des Gebiets weiter zu beleben und im Süden und Osten bestehende Baulücken mit dem Bau von Town Houses und ähnlichen auffüllen zu können.

Foto-Essay Moabit IV-A

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