Nord-Neukölln: Street-Reading vom Hermannplatz zum Reuterplatz

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Plakate in Neukölln


Anhand von mehreren Untersuchungsgebieten in Berlin (Spandauer Vorstadt, Nord-Neukölln und Moabit) wird im Rahmen des Vertiefungsseminars ‚Räumliche Repräsentationen des Sozialen‘ beispielhaft untersucht, w
elche spezifischen Nutzungen in den Raum eingeschrieben und welche Konflikte artikuliert werden. Außerdem wird geklärt, welche gruppenspezifischen Bedürfnisse und Forderungen den Straßenraum der einzelnen Untersuchungsgebiete prägen. Nach einer theoretischen Einführung in Raum- und Raumnutzungs-Konzepte von Pierre Bourdieu, Sharon Zukin, Henri Lefebvre und anderen wurde im Rahmen des Seminars die Methodik des Street Reading nach Reinhold Alber erlernt und angewandt.

Im Untersuchungsgebiet Nord-Neukölln konnte dabei eine sehr hohe Anzahl verschiedener Straßentexte erfasst werden (Gesamtzahl: 321). Die große Mehrheit der aufgenommenen Straßentexte wurde als illegal oder zumindest als informell eingeordnet und die Ausprägungen innerhalb der einzelnen Medien waren überwiegend homogen. Zwischen der großen Geschäftsstraße Sonnenallee und der kleineren belebten Reuterstraße konnten keine allzu bedeutenden Unterschiede festgestellt werden. Geringfügige Differenzen ergaben sich lediglich bei den Geschäftsschildern, die in der Reuterstraße teilweise einen ‚exklusiveren‘ Charakter aufwiesen. Als eine zentrale Beobachtung muss hervorgehoben werden, dass in den Straßentexten des Untersuchungsgebiets nur sehr selten beziehungsweise kaum direkt Bezug auf den Bezirk oder die entsprechende Nachbarschaft genommen wurde.

In die im Seminar aufgestellten Auswertungsdimensionen (spezifische Nutzungen, gruppenspezifische Bedürfnisse, Forderungen, Konflikte) konnten viele Straßentexte der entsprechenden Medien nicht eingeordnet werden. Die Untersuchungsdimension spezifische Nutzung wurde beispielsweise am häufigsten kodiert, da Straßentexte aller vier Medien in diese Kategorie eingeordnet werden mussten. Es kann festgehalten werden, dass hauptsächlich verschiedene Dienstleistungen, Gastronomie und Unterhaltung für ein internationales Publikum als spezifische Nutzungen in den Raum eingeschrieben werden. Ob die sehr häufig erfasste Mehrsprachigkeit (hauptsächlich Deutsch, Türkisch, Arabisch, Englisch) tatsächlich eine notwendige Funktion erfüllt, ist allerdings unklar. Die zahlreichen Geschäfte mit verschiedenen Dienstleistungen und einem grundlegenden Warenangebot sorgen dafür, dass das Gebiet weder ausschließlich als Wohnquartier noch als reiner Gewerbestandort fungiert, sondern ebenso zur Befriedigung allgemeiner und gruppenspezifischer Bedürfnisse genutzt werden kann.

Bei der medienbezogenen Auswertung der Aushänge ergab sich eine methodische Zweiteilung der Untersuchungsdimension gruppenspezifische Bedürfnisse. Aus den wenigen privaten Verbots- oder Verlustanzeigen lassen sich lediglich individuelle Bedürfnisse ablesen und es bleibt fraglich, inwiefern diese im Sinne der Forschungsfrage bewertet werden können (Beispiele: ‚Katze vermisst‘ oder ‚Plattensammlung verloren‘). Ein Aushang zum Wohnungstausch liefert einen vereinzelten Hinweis auf ein erhöhtes und ebenso individuelles Bedürfnis in diesem Gebiet zu wohnen. Dem stehen die gewerblichen Aushänge gegenüber, deren Verantwortliche durch das Bewerben ihrer mitunter sehr spezifischen Angebote gruppenspezifische Bedürfnisse aufgreifen, die sie in diesem Gebiet vermuten (Beispiele: teilweise mehr- oder fremdsprachig gehaltene Angebote für schulische Nachhilfe und Sprachkurse sowie Werbung oder Jobangebote von Unternehmen). Doch auch wenn sich diese Einschätzungen keinesfalls mit den tatsächlichen Bedürfnissen decken sollten, prägen die auf den Aushängen artikulierten spezifischen Bedürfnisse den Straßenraum und möglicherweise die Wahrnehmung von externen NutzerInnen des Raums.

Für die beiden Untersuchungsdimensionen Forderungen und Konflikte ergaben sich nur geringfügige Erkenntnisse. Die wenigen politischen Slogans waren eher allgemein ausgerichtet und es konnten keine Straßentexte mit direktem Bezug auf das Untersuchungsgebiet erfasst werden, die offensichtlich und direkt von der BewohnerInnenschaft artikuliert wurden. Diese Erkenntnis mag im Hinblick auf die scheinbar ‚ausgeprägte Pionierphase der Gentrifizierung‘ in Nord-Neukölln verwundern. Es wäre jedoch denkbar, dass diese Konflikte mit anderen Medien, wie beispielsweise mithilfe von Aufklebern oder Flyern, artikuliert werden, die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung aber nicht erfasst wurden.

Das größte Defizit der Untersuchung stellt die punktuelle Erfassung der Straßentexte dar. Aus dieser Momentaufnahme, die nicht unwesentlich durch Jahreszeit oder andere Faktoren (wie aktuelle Ereignisse) geprägt wird, können nur eingeschränkte Schlussfolgerungen für das gesamte Untersuchungsgebiet gezogen werden. Dabei wären gerade die Beobachtung einer Entwicklung über einen längeren Zeitraum sowie vergleichbare Erkenntnisse aus angrenzenden Untersuchungsgebieten von Vorteil. Bei den überwiegend informell angebrachten Straßentexten lässt sich außerdem häufig kaum bestimmen, wer die dafür verantwortlichen Personen sind und welchen Bezug diese zum Untersuchungsgebiet haben. Außerdem erschwert die meist subjektive Wahrnehmung des öffentlichen Straßenraums die Formulierung einer allgemeinen Aussage zu prägenden Forderungen oder Bedürfnissen. Schließlich kann die Aufmerksamkeit der NutzerInnen gleichermaßen von einer hohen Anzahl, einer besonderer Gestaltung oder spezifischen Interessen gelenkt werden.

Street Reading Neukölln

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