Photo-Essay Moabit Nordkiez: „Ich komm‘ aus Opfa, du Moabit!“

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Anhand eines Photo-Essays wurde die Frage untersucht, welche spezifischen Aneignungsstrategien des öffentlichen Raums sich im Straßenbild des Moabiter Nordkiezes ablesen lassen. Welche Bedürfnisse und Konflikte der Nachbarschaft, die bislang kaum von Gentrifizierungs-Prozessen betroffen ist, werden über visuelle Indikatoren deutlich?

Das Zeitungsangebot der meisten Kioske zielt auf keine spezifische Bevölkerungsgruppe. Anhand der  Aufsteller lässt sich erkennen, dass die üblichen Zeitungen, wie die Bild oder BZ das Sortiment bilden und die Allgemeinheit ansprechen. Weniger einheitlich erscheint das Angebot an Café-Arrangements in Moabit. Für die verschiedensten Konsumarten und Lebensstile sind Kaffeeangebote vorhanden, ohne dass eine spezielle Gruppe übermäßig angesprochen wird. Auf der einen Seite findet man schicke Cafés mit einer Vielfalt an Kaffeesorten und teuren Preisen, auf der anderen Seite trifft man häufig Mischformen aus Café und Kneipe oder Trödelladen mit „Kaffee zum Mitnehmen“ zwischen 1,00 und 1,10 Euro an (siehe Bild 1). Wie häufig im Untersuchungsgebiet zu beobachten, ist die Dekoration des Schaufensters bunt zusammengewürfelt aus Weihnachtsaccessoires, Pflanzen und Figuren.

Hinsichtlich der Aktivitäten im Freien lässt sich sagen, dass sich in dem Gebiet mehrere Parkanlagen befinden, deren Spielgeräte und Einrichtungen zwar meist einfach gehalten sind, jedoch sauber und gepflegt erscheinen. Genutzt werden diese Plätze von Hundebesitzern, Familien und größtenteils von spielenden Kindern. Das gesamte Gebiet erscheint mit seinen vielen Spielstraßen, Kindergärten und Schulen kinderfreundlich und -orientiert.

Die beiden U-Bahnhöfe Turm- und Birkenstraße stehen in auffälligem Kontrast zueinander. Der U-Bahnhof Birkenstraße stellt mit dem geschlossenen Zeitungskiosk (siehe Bild 2) und einer halb leeren, ungenutzten Werbevitrine ausschließlich einen Transitraum für wartende Passagiere dar. In der einzigen genutzten Werbefläche stellt eine Buchhandlung Kinderbücher aus. Nur eine Station entfernt bietet der U-Bahnhof Turmstraße das umgekehrte Bild. Es existiert ein gut besuchter Zeitungskiosk, ein Blumenladen und Photofix-Automat sorgen für eine lebhafte und besuchte Atmosphäre. Die Station wird nicht nur als Transitraum, sondern vielmehr auch als Werbefläche und Raum für Kommunikation genutzt, während die Birkenstraße für die Werbeindustrie vollständig uninteressant zu sein scheint.

Auch außerhalb der U-Bahnhöfe wird der Kiez als Werbefläche genutzt, so sind viele Laternenpfahle, StroPhoto-Essay Moabit IIa: Ortsnamenbezugmkästen und andere Gegenstände im Straßenraum mit Aufklebern, Plakaten und Zetteln beklebt. Auffällig sind besonders die zahlenreichen Aufkleber mit Ortsnamenbezug. Die Aussagen reichen von „Ich komm aus Opfa, du Moabit“ bis zu „Moabit ist Beste“ (siehe Bild3) und repräsentieren den Lokalstolz der Nachbarschaft. Der Aufkleber unseres Photos scheint vordergründig nichts Explizites auszusagen, bei näherer Beschäftigung stößt man jedoch auf das „Café Moabit“, das von einer Kultur- und Kiezinitiative betrieben wird, die auch die Sticker entwirft. Der Kulturverein ruft alle Moabiter zu einer aktiven Kiezgestaltung auf, um gemeinsam zu einer „Kiez-Aufwertung“ beizutragen und sich gegen Gentrifizierung zu wehren. Die Rolle des Cafés ist dabei zum einen die eines Treffpunkts der Bevölkerung und zum anderen die einer aktiven Positionierung gegen die drohende Gentrifizierungs-Dynamik. Besonders über die nähere Betrachtung der Aufkleber wird so ihre Bedeutung für die selbstrepräsentative Art der Raumaneignung deutlich.

Im Gegensatz zu den Aufklebern fallen im Untersuchungsgebiet nicht übermäßig viele Verbotsschilder ins Auge.  Meistens handelt es sich um die üblichen Verbote auf Spielplätzen, die Alkohol oder Hundezutritt untersagen. Als unerwünschtes Verhalten gilt vor einem Getränkemarkt in der Beusselstraße „das Aufhalten und der Verzehr von Getränken vor dem Geschäft“. Dies deutet auf den Konflikt zwischen Geschäftsinhabern und einer Käuferschicht hin, die den Eingangsbereich des Getränkemarkts als Treffpunkt für den Konsum von Getränken nutzten.

Das freie Photo charakterisiert unserer Meinung nach die spezifische Eigenart des Gebietes am besten. Es handelt sich hierbei um zwei Parkbänke, die zwischen Autoparkplätzen neben einer Straße platziert sind. Derartige Aufenthaltsräume sind in den Straßen immer wieder vertreten und beanspruchen auffällig viel Raum gegenüber den Interessen von Autofahrern. Aufgrund der gepflegten Erscheinung der Bänke und einzelnen Personen, die trotz Kälte die Straßenbänke nutzten, entsprechen die Bänke vermutlich dem Bedürfnis der Nachbarschaft, sich ohne Konsum- oder Unterhaltungsangebot auf der Straße begegnen und aufhalten zu können.

Abschließend zeigt sich das Untersuchungsgebiet als heterogener Kiez, in dem sich die Bedürfnisse und Nutzungen verschiedener Bevölkerungsschichten ablesen lassen. Im Süden entlang der Turmstraße unterscheidet sich das Konsumangebot stark von den nördlichen Seitenstraßen. Einerseits fällt die Ausrichtung auf die Bedürfnisse von Kindern und Familien auf, denen durch Spielstraßen, Spielplätze, Kindergärten und Jugendclubs viel Platz eingeräumt wird. Andererseits prägen Kneipen und Casinos das Bild und Konflikte um öffentlichen Alkoholgenuss deuten sich an. Indikatoren für eine aktive Gestaltung des öffentlichen Raums zeigen sich neben dem Versuch, Spielplätze, Grünflächen, Sitzbänke und U-Bahnstationen sauber zu halten, vor allem in der öffentlichen Positionierung von Kiezinitiativen wie dem Café Moabit.

Photo-Essay_Moabit_IIA

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