Photo-Essay für Neukölln

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Fenster einer Eckkneipe in der Fuldastraße 31/Weichselplatz, Nord-Neukölln

Fenster einer Eckkneipe in der Fuldastraße 31/Weichselplatz, Nord-Neukölln

Im Untersuchungsgebiet dominieren kleine Geschäfte, die kaum noch als Zeitungskioske bezeichnet werden können, da inzwischen unterschiedlichste Alltagsbedürfnisse einer möglichst breiten Nutzer_innengruppe befriedigt werden sollen (siehe Bild 1). Das Angebot wird vielfach von Getränken oder Tabakwaren dominiert und meist von einer kleinen Lebensmittelauswahl, Dienstleistungen wie Paket-Versand sowie Telefon- und Internetdiensten ergänzt. Die Aufsteller warben überwiegend für Zeitungen der regionalen Boulevardpresse (BILD / BZ / Berliner Morgenpost) und richten sich somit ausschließlich an deutschsprachige Leser_innen, was aufgrund der internationalen Bewohner_innen des Bezirk verwundern mag.

Desweiteren waren im Untersuchungsgebiet zwei unterschiedliche Café-Typen zu beobachten. So gibt es zum einen preiswerte türkische oder arabische Bäckereien mit integriertem Café und zum anderen Cafés mit ‚biologischer Ausrichtung‘ und/oder in gehobener Preisklasse. Als ein Fallbeispiel sei das Café Biosphäre genannt, das gleichzeitig als Bioladen und Bistro fungiert, sich als unkommerziell versteht und sogenannte ‚Sozialpreise‘ anbietet (siehe Bild 2). Mithilfe des Schriftzugs ‚Raumkunst‘ wird auf die vorherigen Nutzer_innen des Ladens (ehemals eine Polsterei) verwiesen. Laut Sharon Zukin kann dadurch eine Authentizität und Historizität suggeriert werden, die im Untersuchungsgebiet auch an anderen Stellen zu beobachten war.1

Die Nutzungsformen und -gruppen des Reuterplatzes können aufgrund des Untersuchungszeitpunktes (schlechte Wetterlage) nur eingeschränkt wiedergegeben werden, da die Parkanlage kaum genutzt wurde. Umso auffälliger war deshalb die einzige Gruppe, die sich am Kindertreff ‚Kiosk‘ versammelte (siehe Bild 3). Aufgrund fehlender Befragung kann jedoch nur vermutet werden, dass es sich bei diesen Personen um ‚Alteingesessene‘ (‚origins‘) handelte, die den öffentlichen Raum zu Kommunikationszwecken und zum Austausch nutzten.

Der U-Bahnhof Schönleinstraße (siehe Bild 4) wird offensichtlich ausschließlich zum Transit durch die entsprechenden Bewohner_innen und Kund_innen des Wochenmarktes am Maybachufer genutzt. Zwar gibt es einen kleinen Imbiss und mehrere Werbevitrinen für Bekleidung, doch eine Nutzung als Aufenthaltsort findet im Gegensatz zu den nahegelegenen Umsteigebahnhöfen Kottbusser Tor und Hermannplatz nicht statt.

Eine spezifische Bezugnahme auf den Orts-Namen ließ sich in recht unterschiedlichen Formen beobachten. So wiesen einige Geschäfte gesondert auf ihre Lage hin, indem der Name des Bezirks ‚Neukölln‘ gut wahrnehmbar auf Schildern oder Reklametafeln präsentiert wurde. Die „Neuköllner Backstube(siehe Bild 5) erweitert diese Darstellung durch einen Hinweis auf Renovierungs-Arbeiten. In der typischen Berliner Mundart (Berliner Dialekt) formuliert, könnte der Hinweis als eine Strategie zur Konstruktion von Authentizität bezeichnet werden. Doch auch im öffentlichen Straßenbild ließen sich zahlreiche Aufkleber und Slogans – überwiegend von politischen Gruppen – finden, die einen direkten Ortsbezug aufweisen.2 Es wäre denkbar, dass den Bewohner_innen auf diese Weise ein lokaler Bezugspunkt für politische Ideen oder Forderungen präsentiert werden soll, indem der Ortsbezug als gemeinsame Basis fungiert. Außerdem könnte an dieser Stelle gesondert auf den Campus Rütli verwiesen werden, der im Straßenbild mithilfe von zusätzlichen Wegweisern markiert wurde und besonders eindringlich auf einen nachhaltigen Wandel des Viertels hinweisen soll.

An mehreren Stellen im Untersuchungsgebiet ließen sich außerdem inoffizielle Verbotsschilder finden, die das Anschließen von Fahrrädern untersagten. Es lässt sich auch hier nicht mit Gewissheit feststellen, ob die Schilder von Mieter_innen oder Vermieter_innen angebracht wurden. Doch mit ihrer Hilfe wollen einzelne Akteure der Nachbarschaft scheinbar ein unerwünschtes Verhalten unterbinden. Besonders in der Nähe des Wochenmarktes am Maybachufer wird jedoch deutlich, dass sich bestimmte Gruppen bewusst über dieses Verbot hinwegsetzen (siehe Bild 6) und somit die Grundlage für einen Konflikt über verschiedene Raumnutzungen liefern.

Im Untersuchungsraum werden derzeit vielerorts Konflikte um Mietsteigerungen, Gentrification und Touristification artikuliert, wobei in zahlreichen Fällen auf Sticker, Graffitis oder Bannern an Häusern zurückgegriffen wird. Der Slogan „Neukölln scheißt zurück!“ (Fotografie eines Graffiti) im nach außen sichtbaren Fenster der Dart-Eckkneipe ‚Klapsmühle‘ (siehe Bild 7) greift somit eine spezifische Einstellung im Kiez auf. Womöglich soll auf eine subtile Art verdeutlicht werden, dass die Bewohner_innen des Bezirks keinesfalls ahnungs- und wehrlos sind. Abschließend kann man festhalten, dass sich das Untersuchungsgebiet Nord-Neukölln durch mehrere Kontraste und lokale Konflikte auszeichnet. Es lassen sich verschiedene Nutzer_innengruppen beobachten. Die von uns beobachteten Phänomene lassen sich auf der Grundlage von Sharon Zukin in die Pionierphase des Gentrification-Prozesses einordnen.

1Dazu zählen u. a. die „Holz Kohle“-Bar [ehemaliger Holz- und Kohleverkauf] sowie die Bar „Damen-Salon“ [ehemaliger Friseursalon].

2 Beispiele für weitere Aussagen auf Stickern, Graffitis und Transparente waren: „Berlin Hates U“, Saubere Wände – hohe Mieten“, „Wir bleiben alle“, „Wohnen ist Menschenrecht“ usw..

 

 

 

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