Street Reading im Moabiter Südkiez – ein Vergleich zwischen der Elberfelder Straße und Alt-Moabit

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Typische Graffiti- und Tag-Wand in Alt-Moabit

Typische Graffiti- und Tag-Wand in Alt-Moabit

In der Untersuchung konnte eine recht große Anzahl an Straßentexten gefunden werden. Insgesamt wurden 33 Geschäftsschilder, 33 Aushänge, 103 Graffitis und 18 Plakate aufgenommen. Die hohe Anzahl der Graffitis ist darauf zurückzuführen dass, diese schnell und spontan anzufertigen sind und vor allem unter Jugendlichen ein beliebtes Mittel sind, um sich auszudrücken.

Jedoch muss hinsichtlich der großen Anzahl der Straßentexte darauf hingewiesen werden, dass die Auswahl der Straßenabschnitte nicht zufällig erfolgte, sondern bewusst eine kleine belebte Seitenstraße sowie eine Geschäftsstraße gewählt wurde. Anhand dieser Kriterien sollte schon vor der eigentlichen Untersuchung gewährleistet werden, dass eine einigermaßen repräsentative Fallzahl erreicht wird. So konnten die Straßen gemäß der Methoden von Alber (1997), Böhm (2000) und Papen (2012) wie eine beschriftete Landschaft gelesen werden.

Im Vergleich zwischen den beiden Straßen lässt sich feststellen, dass im Untersuchungsabschnitt Alt-Moabit mit 120 Objekten wesentlich mehr Texte als in den 200 Metern der Elberfelder Straße (67 Objekte) zu finden waren. Das ist darauf zurückzuführen, dass es sich bei Alt-Moabit um eine Geschäftsstraße handelt, die wesentlich belebter als die Elberfelder Straße ist.

Grundsätzlich waren die gefundenen Straßentexte nicht eindeutig lesbar, sondern es musste immer interpretiert und vorhandenes Vorwissen angewendet werden. Denn der Großteil der Objekte trägt an sich keine übergreifenden Aussagen, somit können erst durch eine Kontextualisierung und eine Interpretation allgemeingültige Schlüsse gezogen werden. Das zeigt sich besonders anhand der Plakate.

Nichtsdestotrotz lassen die aufgenommenen Straßentexte Schlüsse auf spezifische Nutzungen, Bedürfnisse, Forderungen und Konflikte zu.

Alle Medien gaben in unterschiedlicher Art und Weise Auskunft über spezifische Nutzungen des Raums. Hierbei ist für uns nur die Nutzung des Untersuchungsgebiets relevant. Insbesondere die Geschäftsschilder zeigen aufgrund ihres Charakters welche Nutzungen vorliegen. Das sind in Alt-Moabit vor allem medizinische und pflegebezogene Angebote und in der Elberfelder Straße gastronomische Einrichtungen und Büros.

Die "eisbox" in der Elberfelder Straße, hier werden im Winter Waffeln und Kuchen am Stiel angeboten

Die „eisbox“ in der Elberfelder Straße, hier werden im Winter Waffeln und Kuchen am Stiel angeboten

Auch einige der Aushänge verweisen auf Nutzungen innerhalb des Gebiets. Es werden zum Beispiel Geschäfte beworben oder zu Bürger_innenbeteiligungsverfahren aufgerufen. Häufig sind die Aushänge auch an Geschäften angebracht und informieren über den Ort betreffende Veränderungen.

Tags verweisen auf raumaneignende Nutzungen. Einzelpersonen oder bestimmte Gruppen nutzen das Gebiet durch Reviermarkierungen und schreiben so ihre Anwesenheit in den Raum ein.

Bei den Plakaten verhält es sich ähnlich wie mit den Aushängen. Nutzungen werden durch einen Verweis auf das untersuchte Quartier deutlich. Das einzige Beispiel dafür ist eine Werbung für eine „X-Mas Party“ in der Universal Hall. Das zeigt, dass die im Gebiet befindliche Veranstaltungshalle unter anderem für Musikveranstaltungen von bestimmten Gruppen, in diesem Fall von Anhänger_innen ghanaischer Musik, genutzt wird.

Trotz einer relativen Ungenauigkeit hinsichtlich der Schlussfolgerungen aus den einzelnen Texten sind in der Gesamtheit dennoch verschiedene soziale Gruppen und deren Bedürfnisse erkennbar.

Wie schon hinsichtlich der Nutzungen können auch die Bedürfnisse gut an den Geschäftsschildern abgelesen werde. Um gruppenspezifische Bedürfnisse handelt es sich dabei immer dann, wenn die Geschäfte nicht von der Allgemeinheit genutzt werden, sondern nur den Bedarf bestimmter Gruppen abdecken. Am auffälligsten ist in Alt-Moabit die hohe Zahl der Pflegeinrichtungen, die auf das Bedürfnis einer alten oder anderweitig pflegebedürftigen Bevölkerungsgruppe verweisen. Die übrigen Geschäftsschilder verweisen auf Bedürfnisse, die entweder nur in bestimmten Lebensabschnitten (z.B. Brautmode oder Raumausstattung) oder nur von Minderheiten (z.B. Sicherheitsdienst oder Immobilienmanagement) wahrgenommen werden. Angebote wie das Immobilienmanagement oder auch die „Berliner Wirtschaftsgespräche e.V.“ stehen für eine gutverdienende Oberschicht, welche möglicherweise in dem untersuchten Gebiet wohnt. Allerdings ist eben jene Oberschicht kaum räumlich gebunden und kann prinzipiell Angebote in einem sehr großen Radius um ihren Wohnort wahrnehmen.

Die Bedürfnisse vieler Minoritäten lassen sich jedoch nicht am Angebot der Geschäfte ablesen. Deswegen ist die Auswertung der übrigen Straßentexte besonders interessant. Bei den Aushängen überwiegen, wie oben geschildert, eine schlichte grafische Gestaltung und günstige Materialien. Meist werben sie für einfache, wahrscheinlich nicht ganz legale, Arbeiten und Kleingewerbe. Darin sind die Bedürfnisse einer nach Arbeit und Einkommen suchenden Unterschicht zu erkennen. Auch das Angebot von Second Hand Kleidung weist auf eine im Untersuchungsgebiet lebende geringverdienende Bevölkerungsgruppe hin.

Einige Zettel in der Elberfelder Straße sprechen hingegen eine andere Sprache. Die Suche eines Akademikerpaares nach einer Vier-Zimmerwohnung und die Werbung einer Musikschule verweisen eher auf eine besserverdienende Mittelschicht. Auch die Geschäfte in der Elberfelder Straße – relativ teure Restaurants, Eisläden und psychotherapeutische Arztpraxen – bilden die Bedürfnisse dieser Klasse ab.

Die überall in beiden Straßen gleichermaßen vorgefundenen Graffitis zeigen wiederum die Bedürfnisse einer anderen Gruppe. Meist sind es junge, häufig unterprivilegierte Männer, die das Medium der Tags und Bombings nutzen, um ihren Lebens- und Wirkungsraum zu markieren. Da sehr viele verschiedene Schriftzüge gefunden wurden, die zudem häufig nicht sehr geübt wirken, kann davon ausgegangen werden, dass es in Moabit III relativ viele der eben beschriebenen Männer gibt.

Zuletzt kann anhand der Plakate eine weitere Gruppe ausgemacht werden, bei der jedoch Überschneidungen mit den vorher genannten wahrscheinlich sind. Weil 62,5% der Plakate für Musikveranstaltungen werben, könnte geschlussfolgert werden, dass eine große Anzahl Musik- und Kulturinteressierter im Quartier vorzufinden ist. Aufgrund der Unterschiedlichkeit der angebotenen Partys und Konzerte könnten sich diese Menschen sowohl aus der geringverdienenden Bevölkerungsgruppe als auch aus der besserverdienenden Mittelschicht zusammensetzen.

Das einzige Medium, welches Schlüsse auf Forderungen im Gebiet zulässt, sind die Aushänge. Hier waren die Forderungen jedoch häufig nicht klar formuliert bzw. die einzelnen Aushänge hätten auch in andere Untersuchungsdimensionen eingeordnet werden können. Die meisten Forderungen basieren auf Gesuchen oder Verlusten, mit der Forderung, beispielsweise eine passende Wohnung zu finden oder ein verlorenes Stofftier wiederzufinden. Auch die zahlreichen Entrümpelungs- und Renovierungsangebote wurden in diese Kategorie eingeordnet. Hier ist jedoch nicht klar, wer was fordert. Geht die Forderung von den Anwohner_innen aus, die ein jenes Angebot einfordern oder von den Anbieter_innen, die einen Auszug der Bewohner_innen begrüßen?

Aus der geringen Anzahl von Objekten, die in die Dimension Forderung eingeordnet wurden, lassen sich jedoch kaum Schlüsse ziehen. Möglicherweise wäre ein anderes Medium für die Untersuchung von Forderungen im Gebiet besser geeignet.

Bei den Konflikten im Kiez handelt es sich vorwiegend um unterschwellige und nicht ausbrechende Spannungen. Die in der Untersuchung der Aushänge häufig vorkommenden Entrümpelungsangebote könnten dahingehend interpretiert werden, dass es eine starke Fluktuation gibt und viele Bewohner_innen entweder aufgrund der zu hohen Mieten, ihres Alters, Todesfällen oder auch aufgrund anderer attraktiver Kieze Berlins ihre Wohnung verlassen müssen. Auch der Aushang mit der Aufschrift „Nach 10 Jahren geben wir unser Geschäft leider auf“ (Au2.2) kann in zweierlei Hinsicht verstanden werden. Entweder wurden die Ladenmieten in der Elberfelder Straße so stark erhöht, dass das Geschäft mit afrikanischer Mode und Einrichtungsgegenständen die Miete nicht mehr bezahlen konnte oder es gab im Gebiet einfach keine Abnehmer_innen für jene Angebote. Eine Interpretation hinsichtlich des vorliegenden Konfliktes wäre aufgrund der fehlenden Informationen eine reine Spekulation. Der Aushang, auf dem für eine Veranstaltung des Quartiersmanagements Moabit West geworben wird (Au1.2), verweist auf einen Konflikt, wie Moabit West hinsichtlich des Wohnens und der Nutzungen gestaltet werden soll. Dieser Konflikt hat entweder schon stattgefunden oder wird noch stattfinden.

Die Untersuchung der Graffitis hat gezeigt, dass es Differenzen zwischen Sprayer_innen und der Polizei bzw. Hausbesitzer_innen gibt. Das ist daran festzumachen, dass in der Elberfelder Straße einige Tags und Bombings mit weißer Farbe übermalt wurden. Die Konflikte mit der Polizei zeigen sich darüber hinaus in den unvollendeten Graffitis Alt-Moabits, aber auch in dem auf mehrere Hauswände gekritzelten „ACAB“ („All cops are bastards“). Zwischen den Sprayer_innen scheint das Konfliktpotential relativ gering zu sein: es gab nur wenige gecrosste Tags. Die in mehreren Graffitis verwendeten Ortsnamensbezüge aus anderen Berliner Vierteln könnten damit gedeutet werden, dass Moabit womöglich in einer Rivalität zu anderen Kiezen Berlins steht. Spannungen gibt es höchstwahrscheinlich auch zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen Moabits. Das Graffiti „Scheiß TÜRKS“ (Gr1.43) offenbart ethnische Konflikte, aber auch rassistische Tendenzen.  Indessen lassen sich die Graffitis mit „Scheiß Yuppies“ und „Schwaben sind auch scheiße“ (Gr1.11, Gr1.12) auf die in Berlin vielmals beobachteten Auseinandersetzungen zwischen Zugezogenen und Besserverdienenden einerseits und der ursprünglichen Bewohner_innen andererseits zurückführen.

Abschließend lässt sich sagen, dass es sich bei Moabit III um ein relativ ruhiges Quartier handelt, in dem Konflikte nicht offen zutage treten und es keine in sich geschlossenen offensichtlichen Gruppen gibt. Aus der Untersuchung kann zwar nicht geschlossen, aber dennoch vermutet werden, dass beispielsweise der Eisladen in der Elberfelder Straße ein Indikator für stattfindende Entwicklungen ist. Das ließe sich in die allgemein in Berlin stattfindenden Prozesse der Gentrifizierung einordnen. In diesem Modell gelten die Stadtteile Moabit und Wedding die letzten Ausweichmöglichkeiten für Schlechtverdienende im Norden innerhalb des S-Bahnrings.

Ein Vergleich auf einer globalen Ebene, zum Beispiel mit dem von Sharon Zukin (vgl. Zukin 2010: 95-122) untersuchten Veränderungen im New Yorker East-Village, ist jedoch nicht möglich. Anders als in East-Village wird in Moabit III lokale Kultur (noch) nicht kommerzialisiert oder vermarktet. Auch ein Wandel von einem alternativen Viertel zu einem Quartier der Besserverdienenden lässt sich mithilfe unserer Untersuchung nicht nachweisen.

Die Methode des Street Reading brachte einige Schwierigkeiten mit sich. Zum Beispiel gestaltete sich bei der Auswertung der Umgang mit spezifischem Vorwissen als schwierig. So war oft nicht klar, inwiefern vorhandene Informationen über im Gebiet stattfindende Prozesse eingebracht werden dürfen. Auch erschließen sich viele Sinngehalte erst durch Kontextwissen, beispielsweise kann das Medium Graffiti anders gelesen werden, wenn eigene Verbindungen zu der Szene vorliegen.

Außerdem erschien uns die Methode oft nicht als empirisch korrekt, da immer die Möglichkeit besteht, dass einzelne Straßentexte übersehen werden. Aufgrund der geringen Fallzahl der 200 Meter langen Straßenabschnitte ist es problematisch, die Auswertung zu verallgemeinern und daraus Schlussfolgerungen für ein gesamtes Quartier zu ziehen. Darüber hinaus ist nicht klar bis zu welchem Zustand die Texte erfasst werden. So kann ein fast gänzlich abgerissenes und nicht mehr lesbares Plakat entweder ausgeschlossen werden oder als unleserlich erfasst werden. Ähnlich kompliziert gestaltet sich die Grenzziehung bei Graffitis.

Auch der Umgang mit den vier vorher ausgewählten Untersuchungsdimensionen gestaltete sich kritisch. Beispielsweise konnten die Aushänge meist nicht in eine der vier Kategorien eingeordnet werden. Des Weiteren erwies sich der vorher festgelegte Straßentext „Plakat“ als ungünstig für unseren Untersuchungsraum, da keine ausreichende Fallzahl vorlag und aufgrund des ubiquitären Charakters der Plakate kaum spezifische Rückschlüsse möglich waren.

Bei einer erneuten Untersuchung wäre es sinnvoll, diese über einen längeren Zeitraum auszudehnen und die Bestandsaufnahmen regelmäßig zu wiederholen. So können etwaige Dynamiken besser erfasst werden. Weiterhin sollte auch die räumliche Dimension ausgedehnt werden. In unserer Forschung standen wir vor dem Problem von einem 200 Meter langen Straßenabschnitt auf ein komplettes Quartier schließen zu müssen. Durch eine räumlich umfassendere Bestandsaufnahme könnte dem begegnet werden.

StreetReading_Moabit 3a

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