Street Reading in der Spandauer Vorstadt: Hamburg, München … Berlin?

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Friseur und Wellness für 62 Euro - ein Sechstel eines monatlichen Harz-IV-SatzesNachdenken in Berlin-Mitte

Die Ber­li­ner Innen­stadt schickt sich an so zu wer­den wie Düs­sel­dorf, Ham­burg oder Mün­chen. Im Untersuchungsgebiet Spandauer Vorstadt haben wir auf der Dircksenstraße Geschäftsschilder, Aushänge, Plakate und Graffitis analysiert, um spezifische Nutzungen, Konflikte, gruppenspezifische Bedürfnisse und Forderungen im Raum zu erkennen.

Die erfassten Geschäftsschilder zeigen eine ausgeprägte kommerzielle Nutzung des Raums in der Dircksenstraße, die sich auf ein Publikum von mittlerer bis hoher Kaufkraft ausrichtet. Außerdem war ein starker Gebrauch der englischen Sprache in den Straßentexten auffällig. Im Bezug zu den Analyse-Aspekten „Zustand“, „grafische Gestaltung“ und „Material“ waren alle Geschäftsschilder im untersuchten Gebiet in einem guten bis sehr guten Zustand und gut gepflegt, weisen ein professionelles graphisches Design auf und wurden mit  mittleren bis hochwertigen Materialien hergestellt.

Insgesamt wurden 87 Aushänge erfasst. Räumlich ist die Gesamtheit der Aushänge relativ gleichmäßig verteilt. Aufgenommen in die Untersuchung wurden neben Jobangeboten, privates Vermietungsangebot  und Suchmeldungen besonders die zahlreichen Aushänge von Gewerbe (89,6%). Es wurden wenige Aushänge privater (1%), sozialer (4,5%) oder politischer (1%) Art festgestellt. Von 87 Aushängen sind 55 in deutscher Sprache verfasst (63%), die meisten von Ladengeschäften und Dienstleistungsfirmen. Die Aushänge, die eine Verwendung der englischen Sprache aufweisen, wie z.B. „Open“ oder „Sale“, folgen indirekt auch kommerziellen Zwecken und richten sich auf ein breiteres, internationales Publikum, vermutlich Touristen, aus. Die verwendete Sprache in den Aushängen ist zweckorientiert.

Plakate wurden insgesamt 35 erfasst. Bei der Gesamtheit der Plakate kann man Unterschiede zwischen den zwei Seiten der Dircksenstraße beobachten.

Unfuck the planet Guerilla-Marketing versus Graffitti und Street Art

 

Die Plakate auf der Ladengeschäftsseite sind generell in einem schlechten Zustand. Sie sind auf Stromkästen, meist auf älteren Plakaten, angeklebt. Die Plakate auf der S-Bahnbogenseite werden von der Firma „jomiplak“ hergestellt und auf ihrer Werbefläche waren die Plakate ordentlich nebeneinander geklebt und in einem sehr guten Zustand. Nach ihren Themen verweisen die meisten Plakate (77%) auf Veranstaltungen (meist Konzerte) und überwiegend außerhalb des untersuchten Gebiets. Die Straßentexte, die auf den Plakaten untersucht wurden, sind auch von dem Gebrauch der englischen Sprache stark geprägt. Zwar sind viele Plakate nur auf Deutsch (12), aber die Verwendung englischer Wörter kommt oft vor.

Bei der Erfassung von insgesamt 221 Graffitis, von denen aufwandsbedingt 100 kodiert wurden, ist ein Ungleichgewicht bezüglich der Straßenseiten auffällig, das durch eine 3 Mal höhere Konzentration auf der Straßenseite mit der S-Bahn-Mauer hervorgerufen wird. Größtenteils sind es „Tags“ und Signaturkürzel sowie Pseudonyme, die mit Sprühlack und Markern an Mauerteilen, Stromkästen, Parkuhren und eher selten auf Geschäftsfassaden und Gittertüren angebracht sind. Viele Kürzel stehen für englische Begriffe.

Werbewand Plakate Jede Fläche hat seinen PreisGereinigter Sicherungskasten neben glänzenden Luxus-Autos

Die Berliner Innenstadt schickt sich an so zu werden wie Düsseldorf, Hamburg oder München. Auffällig ist die stark gewerbliche Nutzung in dem einstigen Sanierungsgebiet im Herzen der deutschen Hauptstadt. Einen Steinwurf von Regierungssitz und touristischen Highlights hat der Austausch ganzer Bevölkerungen durch Neuvermietung modernisierterWohnungen mit Mietanstieg sowie Umwandlung von Mietwohnungen zu Privatwohnungen neue Bedürfnisse entstehen lassen. Fast 25 Jahre nach Mauerfall ist eine zahlungskräftige Anwohnerschaft, die ihre Heimat zum Großteil in der alten Bundesrepublik hatte, in der Lage Dienstleistungen in Wohnung, Familie und Haushalt an Angestellte und Handwerker zu delegieren. Im Konsumverhalten (Cafés, Edel-Bars, Sterne-Restaurants, Delikatessen, Bio-Lebensmittel, Öko-Produkte, Kosmetik, Haute-Couture-Mode, „Manufakturen“), aber auch bezüglich Kunst und Kultur (Galerien, Ausstellungen, Mäzenentum, Stiftungen) ist der Wandel hin zu mehr Bürgerlichkeit, upper class und Repräsentativität nicht zu übersehen.

Bio Company - Indikator für Gentrifizierung Wein zum Selberzapfen - Indikator für GentrifizierungSchickes Brauhaus im S-Bahnbogen - Indikator für Gentrifizierung

Aussagekräftiger Hinweis dafür, wie weit die Gentrifizierung im Untersuchungsgebiet ist, bietet die für Berliner Verhältnisse ungewöhnlich starke Abwesenheit artikulierter Konflikte im öffentlichen Raum. Der neuen Bewohnerschaft stehen wohl andere Mittel der Interessenvertretung zur Verfügung (Anwälte, Vereine, Bürgerinitiativen) als der ausgetauschten, heute unterrepräsentierten Bevölkerung. Diese hat den Kampf um Raum gegen Verdrängung sichtbar verloren. Werden Forderungen der jetzigen Raumnutzer sichtbar, so sind diese in ihrer Gesamtheit gewerblicher Natur und richten sich eindeutig an die entstandenen Bedürfnisse vor Ort. Graffittis als letzte Bastion des visuellen Widerstandes gegen knappen öffentlichen Raum, Kommerzialisierung, Privatisierung und Snobismus sind präsent. Ob ihrer Gefährlichkeit für die neue Sauberkeit und Exklusivität werden diese vom stehenden Niedriglohn-Heer der Facility Manager und Cleaning Personal mit hohem Aufwand und nach kürzester Zeit unsichtbar gemacht. Aber auch hier frisst der Mainstream das Informelle: Der Berliner Style von Zerfall und Ruine wird von Marken-Anbietern und Agenturen als Projektionsfläche für Authentizität und Originalität künstlich am Leben erhalten.

Der Ausnahmezustand in der Spandauer Vorstadt nach der Wiedervereinigung geht seinem Ende entgegen.

Zwischen Spree, S-Bahn-Viadukt, Karl-Liebknechtstraße, Torstraße und Friedrichstraße hält die marktgetriebene, bundesrepublikanische Normalität ihren unaufhaltsamen Einzug.

 

Street Reading Mitte Spandauer Vorstadt Gruppe B (PDF)

 

 

 

 

 

 

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