Streetreading am Spreebogen

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Unsere breit angelegte Untersuchung zielte insgesamt darauf, die Entwicklungsstadien der Gentrifizierung in Berlin anhand von ausgewählten Gebieten zu dokumentieren und Aussagen über die Dynamik des Prozesses treffen zu können. Der Auswahl der Untersuchungsgebiete lagen sehr starke Vorannahmen und Erwartungen zugrunde: Die Spandauer Vorstadt sollte beispielhaft für das „gentrifizierte Berlin“, Neukölln als „sich gentrifizierendes Berlin“ und Moabit als „von Gentrifizierung verschontes Berlin“ stehen. Gleichzeitig waren Methode und Untersuchungsfrage stark darauf ausgerichtet, Spuren der Gentrifizierung auszumachen. Das machte es insbesondere den Arbeitsgruppen in Moabit schwer, zu konkreten Ergebnissen zu kommen. Auch ob jedes Café, das auch laktosefreie Milch anbietet, als Zeichen der aufkommenden Gentrifizierung gedeutet werden kann, halten wir persönlich für mehr als

zweifelhaft. Diese These zu untersuchen würde den Rahmen dieser Veranstaltung sprengen, obwohl es möglicherweise zu spannenden Erkenntnissen führen würde.

Wie erwartet, kann man insgesamt in unserem Untersuchungsgebiet von wenigen Gentrifizierungsanzeichen sprechen: Vor allem in den Geschäftsschildern kann man viele Veränderungen erahnen, die einen sich wandelnde Infrastruktur zumindest andeuten. Geschäfte mit einem erkennbaren klaren aufeinander abgestimmten Konzept verdrängen ältere, etwas „planloser“ daherkommende Cafés und Restaurants. Der Grund dieses Wandels kann nur vermutet werden.

Aufschlussreich war auch die Auswertung der Aushänge: Es zeigte sich, dass Angebote mit einem Ortsbezug sich fast ausschließlich in der kleineren Kirchstraße fanden.: Hier wurde geworben für Nachhilfe, Gesangsunterricht oder Yoga. Auch der Zustand der Aushänge war in diesem Teil des Untersuchungsgebiets meist wesentlich besser, das kann aber auch daran liegen, dass eine Vielzahl von ihnen an geschützten Stellen zu finden war. Oder sie erfahren eine andere Behandlung als die (liebloser gestalteten) unpersönlichen Aushänge der größeren Straße Alt-Moabit.

Um Aussagen aus den zahlreichen gefunden Graffitis zu ziehen, mangelt der Gruppe schlicht an Fachkenntnissen. Klare Forderungen ließen sich in den Graffitis in nur einem Fall erkennen („Freiheit für alle“). In den meisten anderen Fällen handelte es sich um Kürzel und Buchstabenkombinationen, die einem Laien keine Informationen liefern.

Auch die Plakate waren weniger hilfreich als erwartet. Hier bezog sich kein einziges auf Moabit oder die Menschen, die diesen Raum in irgendeiner Weise nutzen.

Dass in so wenigen Dimensionen konkrete Ortsbezüge zu finden waren, mag Zufall sein. Trotzdem war es, zumindest in unserer Arbeitsgruppe manchmal enttäuschend, nichts, oder zumindest nicht sonderlich viel, festhalten zu können. Innerhalb des Forschungsprozesses wurde aber deutlich, dass „nichts“ ebenso als Ergebnis stehen kann oder sogar muss. Es ging uns schließlich nicht darum, das Besondere, sondern das Repräsentative festzuhalten. Wenn das nun eben nicht besonders ist, dann ist das so. Unzulässig wäre es, Orts- und Gruppenbezüge in die Ergebnisse „hinein zu interpretieren“, nur um die Schlussfolgerungen spannender zu machen. Nichts desto trotz konnten wir Anhaltspunkte finden, die unsere Vorannehmen stützten, oder manchmal auch widerlegten.  Einige Probleme bereiteten uns die sehr eng definierten Vorgehensweisen und Definitionen, die in unserem Fall nicht immer sinnvoll waren. Trotzdem blieb uns nichts anderes übrig, als uns an die Vorgaben zu halten, da sonst keine Vergleichbarkeit mit den anderen Gruppen gegeben wäre, ohne die ja die ganze Untersuchung gegenstandslos wäre.

Trotzdem ist es uns schlussendlich gelungen, unsere gefundenen Daten so zu ordnen und zu organisieren, dass wir daraus neue Erkenntnisse ziehen konnten. Hingewiesen werden muss aber auch auf die Problematik der Untersuchungsdauer. Auch wenn es für die aktuelle Untersuchungsfrage nicht wichtig war, zu welcher Tageszeit im Feld geforscht wurde, hätte es eigentlich einer Langzeitstudie bedurft, um einen Prozess beobachten zu können. Bei unseren Auswertungen haben wir uns auf Momentaufnahmen gestützt, die nur bedingt Schlüsse darauf zulassen, in welchen zeitlichen Kontext die Fundstücke stehen. Es wäre interessant gewesen, zu beobachten, in welchem Zeitraum Plakate oder Aushänge auf- oder abgehängt werden. Oder wie lange bestimmte Gewerberäume schon leer stehen. Diese und andere Fragen müssen an anderer Stelle noch ausgeleuchtet werden.

Im Forschungsprozess wurden, wie eingangs erwartet, nur schwache Gentrifizierungsdynamiken beobachtet. Es ist aber auch gut vorstellbar, dass dieser Prozess weiter läuft, da die Infrastruktur sich weiter verändert (vor allem in Geschäftsschildern zu erkennen). Was bisher ausbleibt, oder zumindest nicht zu erkennen ist, ist ein  ausgeprägter Konflikt zwischen den unterschiedlichen Nutzergruppen. Möglich ist aber auch, dass dieser einfach über andere Kanäle zum Ausdruck kommt.

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