Das LaFemme – eine Shisha-Bar in Nordneukölln

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Das Forschungsinteresse unseres Projektes bezieht sich auf die Wechselwirkungen zwischen Gastronomie und Stadtteil in Moabit, Mitte und Nordneukölln: unterscheiden sich gastronomische Einrichtungen gleichen Typs in den sich in verschiedenen Phasen der Gentrifizierung befindenden Stadtteilen oder unterscheiden sich die Stadtbezirke durch die unterschiedliche Zusammensetzung des gastronomischen Angebots?

Als Teil der Kontrollgruppe „Nordneukölln“, einem Viertel, dem eine ausgeprägte Pionierphase der Gentrifizierung konstatiert wird, forschte ich zu dieser Frage im LaFemme – au café, der einzigen Shisha-Bar unter sieben gleichnamigen Einrichtungen einer über Berlin verteilten Kette. Abseits der großen Verkehrsstraßen Sonnenallee und Kottbusser Damm gibt es in Nordneukölln nur noch wenige Shisha-Bars, sodass sich die Entscheidung für die in der Pflügerstraße ansässige Bar quasi von selbst ergab.

Das methodische Vorgehen erfolgte in drei Schritten: den Beginn machte ein Photo-Essay, gefolgt von einer teilnehmenden Beobachtung und letztlich einem Interview mit dem Geschäftsführer des LaFemme. Das Fundament dieses Dreischritts stellten sechs Hypothesen dar, die für uns als eine Art soziologischer Leitfaden fungierten, bestehend aus Fragen zu Lebensstilpräferenzen, Konsummustern, Formen sozialer Interaktion, Funktionen der Einrichtung, Ortsbezügen und möglichen Geschäftsmotiven.

Im Zuge des Photo-Essays kristallisierten sich bereits Aspekte heraus, die sich wie ein roter Faden durch die weiteren Untersuchungsphasen ziehen sollten: so zeigte sich ein Zusammenspiel zwischen schickem Ambiente mit Wohnzimmeratmosphäre, jungen, untereinander bekannten Gästen und Angestellten, sowie die Shisha als allgegenwärtigem Konsummittel. Die auf Hochwertigkeit bedachte Einrichtung spiegelt das Bestreben der Geschäftsführung wider, etwas „besser angesehenes“ in Neukölln zu schaffen. Diese Marktlücke wurde gesehen und besetzt; entsprechend schick kommen auch Gäste und Personal daher, auch wenn die Preise, unter Berücksichtigung des jungen Publikums, eher moderat sind. Das Geschäftsmotiv lässt sich also durchaus als pragmatisch beschreiben, da eine bestimmte Zielgruppe angesprochen werden sollte – und dies offensichtlich mit Erfolg, betrachtet man die stets hohe Besucherzahl.

Die Ähnlichkeiten unter Personal und Gästen zwischen Lebensstilpräferenz, Herkunft, sozialem Status und Konsummustern finden sich ebenfalls in allen Phasen der Untersuchung, genau wie die freundschaftlich gefärbte soziale Interaktion zwischen Angestellten und Gästen, auf die großen Wert gelegt wird: so steht neben dem eher pragmatischen Geschäftsmotiv der Anspruch, einen gemeinschaftlichen Rückzugsraum für türkische Jugendliche aus dem Kiez zu bieten. Dies zeigt sich an der aufgehobenen Distanz zwischen Gästen und Personal, den wohnzimmerartigen Sitzgelegenheiten sowie der entspannten Atmosphäre unter den Tischgruppen.

Entsprechend kommt die große Mehrheit der Gäste und Angestellten aus Neukölln oder Kreuzberg. Sie sind jung, haben einen türkischen Migrationshintergrund und besitzen oftmals höhere Bildungsabschlüsse. Laufkundschaft ist eher die Ausnahme, vielmehr verfügt das LaFemme über eine große Stammkundschaft, die sich mehrmals die Woche, aber vor allem zur türkischen Livemusik am Wochenende zusammenfindet. Der hohe Anteil weiblicher Besucher ist auffällig – und erwünscht. Wie sich während der Untersuchung herausstellte, verfolgt die Bar eine strikte Türpolitik: Es sind nicht mehr als zwei männliche Gäste ohne weibliche Begleitung zugelassen. Auch hierfür sind die Gründe einerseits pragmatisch, da es bisher keine ähnliche, türkisch-geprägte Bar mit Ausrichtung auf eine weibliche Zielgruppe gibt. Andererseits zeigt das Interview auch die persönliche Bedeutung dieser Regelung für den Geschäftsführer, der sich in der Pflicht sieht, Frauen vor großen (und seiner Ansicht nach potenziell aufdringlichen) Männergruppen zu beschützen. Interessanterweise hat der Name LaFemme nichts mit dem frauenorientierten Konzept zu tun, auch wenn dies auf den ersten Blick auf der Hand zu liegen scheint.

Wie die teilnehmende Beobachtung und das Interview zeigen, definiert sich die Bar eindeutig als „türkisch-muslimisch“. Festgemacht wird dies anhand der türkischen Livemusik und der ihr eigenen Gruppendynamik – sehr viele finden zusammen und singen mit – dem Fehlen von Alkohol aus Rücksicht auf muslimische Gäste, der auf jedem Tisch obligatorischen Shisha, sowie der homogenen Zusammensetzung der überwiegend türkischen Gäste. Neukölln und Kreuzberg, beschrieben als „Zentrum für Ausländer in Berlin“, ist demzufolge der ideale Standort für die Bar.

Die Ortsbindung ergibt sich aus der Sozialstruktur des Viertels; verändert sich diese, muss sich die Bar der Veränderung anpassen. Darüber ist sich der Geschäftsführer vollkommen bewusst. Als Standort kommen für die Bar nur Stadtviertel mit großen türkischen Communities in Frage. Entsprechend hat die durchaus wahrgenommene Veränderung vor Ort – das Interview zeigt die Angst vor steigenden Mieten und erzwungenem Wegzug der türkischen Community – einen starken Einfluss auf die Entwicklung des erst seit vier Jahren bestehenden LaFemme: so wandelten sich die Gäste in dieser Zeit von (nach Aussage des Geschäftsführers) immer häufiger wegziehenden älteren Kunden zu jüngeren, die Mitarbeiterzahl wurde verjüngt und verdreifacht, das obere Stockwerk komplett ausgebaut. Dies spricht für eine positive Entwicklung, die vor allem dem Konzept, junge Ortsansässige mit türkischem Migrationshintergrund als Stammkunden zu gewinnen, zuzuschreiben ist.

Laufkundschaft und sogenannte „Zugezogene“ verirren sich selten ins LaFemme – auch wenn dies ausdrücklich erwünscht wäre. Dementsprechend groß ist die Befürchtung, zukünftiges Opfer der Gentrifizierungsprozesse zu werden, falls die „Alt-Neuköllner“ verstärkt wegziehen müssten. Die „Neu-Neuköllner“, so mein Gesprächspartner, haben kein Interesse an Shisha-Bars. Letztlich zeigt die Untersuchung, dass sich das LaFemme in einer starken Abhängigkeit von den Entwicklungen vor Ort befindet, auch wenn diese einer positiven Entwicklung der noch jungen Bar bisher nicht im Weg stand.

Photo-Essay Shisha-Bar LaFemme_Christian Flick
Teilnehmende Beobachtung Shisha-Bar LaFemme_Christian Flick
Interview Shisha-Bar LaFemme_Christian Flick

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