Der unsichtbare Prozess der Gentrifizierung im Spreebogen (Street-­Reading)

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Ein Ausschnitt aus dem Street-Reading Projekt der HUB:

Der unsichtbare Prozess der Gentrifizierung im Spreebogen (Street-­Reading) von Lisa Klein, Claudia Messner, Murat Oener, Yolanda Rother

5. Final Report

Unsere Forschungsfrage lautete „welche spezifischen Nutzungen werden in den Raum eingeschrieben, welche Konflikte werden artikuliert und welche gruppenspezifischen Bedürfnisse und Forderungen prägen den Straßenraum in dem Untersuchungsgebiet?“ Es wurde außerdem angenommen, dass im Untersuchungsgebiet Moabit bisher keine oder nur wenige Gentrifizierungs-Dynamiken in Gang sind. Wir haben anhand Alber’s Definition die Methode des Street Readings angewandt, um unser „Umfeld sinnhaft wahrzunehmen“. Diesen „Prozess des Rezipierens, des durch die Straßen ‚Gehens’ und Lesens der Straße“ (Alber 1997: 23). haben wir durch die Technik der Erfassung der „Gesamtheit aller verschriftlichten Symbole“ (Alber 1997) ausgeführt. Die Straßentexte dienten hierbei als „Medium, um sich einer komplexen Umwelt anzueignen“ (Alber 1997: 23). Wir haben die vier Ausprägungen von Straßentexten – Plakate, Aushänge, Ladenschilder und Graffiti – analysiert, um diese dann den vier Auswertungsdimensionen (spezifische Nutzung, gruppenspezifische Bedürfnisse, Forderungen und Konflikte) zuteilen zu können. Unserer Analyse der Straßentexte bezog sich auf eine kleinere belebte Seitenstraße (200m) und eine große Geschäftsstraße (200m). Im folgenden Final Report beschreiben wir erst die Gesamtheit der Straßentexte, um dann eine Auswertung aller Dimensionen zu formulieren, um schließlich eine zusammenfassende Darstellung und Reflektion zu erstellen.

5.1 Beschreibungen der Gesamtheit der Straßentexte

In beiden Straßenabschnitten des Untersuchungsgebiets sind alle vier Medien repräsentiert. Allerdings gibt es spezifische und unterschiedliche Verteilungen, sowohl in der Anzahl, als auch dem inhaltlichen Kontext. Der untersuchte Teil der Kirchstraße besteht zur Hälfte aus dem Verwaltungs- und Amtsgericht. In diesem gesamten Abschnitt fand sich nur ein spezifisches Plakat und kein Graffiti direkt am Amtsgericht, dafür allerdings fünf Graffiti-Texte an Stromkästen davor. Verstärkt sind hier hingegen Aushänge mit Regeln und Informationen zu finden. Des Weiteren ist kein kommerzielles Geschäft, das unabhängig vom Amtsgericht besteht – wie etwas ein Zeitungskiosk, integriert. In der zweiten Hälfte der Kirchstraße befinden sich viele raumspezifische Plakate (Kiezclub), die vor allem Themen wie Tanz, Musik, Kunst, aufgreifen.Screen shot 2013-03-21 at 12.23.06 Es gibt in der Kirchstraße keine konventionelle Werbung unter den Plakaten. Ähnlich strukturiert sind die Aushänge, die sich großteils auf Tanz, Musik, Kunst, Yoga konzentrieren. Der Großteil der Aushänge befinden sich im Eingangsbereich des Café Coffeemamas, woraus sich schließen lässt, dass Kommunikation über Aushänge vor allem dort stattfindet. Es gibt wenige Geschäftsschilder in der Seitenstraße, allerdings sind hier das einzige nichtkommerzielle Geschäft (Kiez-Club), und das einzige Anwaltsbüro zu finden. Im Vergleich zu Alt-Moabit sind die Ladenschilder in einem besseren, gepflegteren Zustand und dem altbaulichen Stil der Kirchstraße angepasst, inhaltlich (vor allem Speisengeschäfte und Cafés) scheinen sie sich vor allem an die Besucher und Nutzer des Amtsgerichts zu wenden. In der Kirchstraße finden sich außerdem deutlich weniger Graffiti-Texte als in Alt-Moabit, die Graffitis sind deutlich kleiner und es fanden sich deutlich weniger besprühte Flächen als in Alt-Moabit.
In der großen Geschäftsstraße Alt-Moabit konnten wir erkennen, dass Plakate mehr Werbung spezifisch für Geschäfte in der Straße (Reisebüro, McFit) tragen. Viele der Plakate sind dem Kontext angepasst, vereinzelt gibt es raumspezifische Plakate für Ausstellung in Moabit oder den Polizeisport und den einzigen Hinweis auf einen Konflikt. In Hinblick auf die Aushänge ist es auffällig, dass in Alt-Moabit kein Angebot für Musik, Kunst, Spirituelles zu finden war, dafür fast alle Entrümpelungen/Malerarbeiten hier gefunden wurden. Die Geschäftsschilder in Alt-Moabit sind eher an die Kiezbewohner gerichtet, weniger schön, passend im Kontext, und befinden sich scheinbar in einem Aufmerksamkeitswettbewerb, was aus der Größe der Schilder geschlossen werden kann. Das Medium Graffiti findet sich hingegen in der Straße Alt-Moabit viel häufiger. Es gibt hier unterschiedliche Graffitiarten, und eine Vielfalt von Größen, was auf einen Konflikt beziehungsweise einen Wettbewerb um Aufmerksamkeit schließen lässt.

5.2 Auswertungen „spezifische Nutzungen“

Bei allen gesammelten Medien dominiert die Auswertungsdimension Nutzungen. Bei den Plakaten finden sich vorrangig nichtraumspezifische Nutzungen, wobei sich bei den Aushängen beide die Waage halten. Die vorhandenen raumspezifischen Nutzungen der Plakate und Aushänge befassen sich großteils mit Kunst, Musik und Selbstfindung, vor allem in kleinem Rahmen stattfindende Kurse beziehungsweise Privatunterricht. Allerdings wird den Geschäften eine andere Nutzung zugeschrieben, da es im gesamten Untersuchungsgebiet keine Geschäftsschilder, die auf solche Angebote hinweisen, gibt.

Screen shot 2013-03-21 at 12.23.31Der Bezug zum Gericht eines Imbiss und die Häufung von Speisengeschäften in der Nähe des Gerichts lassen darauf schließen, dass diese von Kunden und Anwälten des Amtsgerichts genutzt werden. Das Geschäftsschild der einzigen Anwaltskanzlei im Untersuchungsgebiet befindet sich ebenfalls in der Kirchstraße direkt neben dem Amtsgericht, was ein weiteres Indiz dafür ist, dass durch das Amtsgericht eine ganz spezifische Nutzung in den Raum eingeschrieben wird. Die Sprache der Plakate, Aushänge und Geschäftsschilder ist deutsch, vereinzelt sind jedoch englische Worte und Phrasen zu finden, die allerdings weniger der Kommunikationserleichterung zu dienen scheinen, sondern eher, um die beworbenen Angebote und Geschäfte attraktiv und hip erscheinen zu lassen. Es wurden keine anderen eventuell zu erwartenden Sprachen wie Arabisch oder Türkisch gefunden (mit Ausnahme von einem Plakat, das zu einer Antifaschistischen Demonstration aufruft), allerdings gibt es auf Ladenschildern türkische Namensbezüge („Polat“, „Esra“). Dies könnte als ein Hinweis dafür gewertet werden, dass es diese Gruppen durchaus im Untersuchungsgebiet gibt, sie aber nicht in Aushängen präsent sind. Die Kommunikation beschränkt sich damit auf Anwohner, die deutsch verstehen. Wenn, worauf die Namen der Geschäfte hindeuten, tatsächlich verschiedene ethnische Gruppen im Untersuchungsgebiet leben, stellt sich die Frage, ob diese Gruppen entweder an der Kommunikation durch Straßentexte auf deutsch teilhaben oder sich diese Gruppen selber von der Kommunikation ausschließen – oder ausgeschlossen werden. Diesen Fragen müsste jedoch – vermutlich durch alternative Untersuchungsmethoden – weiter nachgegangen werden, da die im Straßentext gefundenen Indizien nicht dafür ausreichen, Aussagen, die über die Feststellung, dass im Straßentext nur deutsche Gruppen vertreten sind, hinausgehen, zu treffen.
Die Graffitis hingegen lassen auf eine Nutzung des Raumes zur Reviermarkierung und Provokation schließen, liefern aber keine vom Medium unabhängigen Hinweise darauf, wie der Raum im Untersuchungsgebiet genutzt wird.

5.3 Auswertungen „gruppenspezifische Bedürfnisse“

Im gesamten Untersuchungsgebiet dominierten zahlenmäßig die persönlichen, individuellen Bedürfnisse gegenüber spezifisch formulierten gewerblichen Bedürfnissen (abgesehen, davon, dass natürlich jedes Geschäft implizit, vor allem durch das Aufhängen von Werbung, ausdrückt, dass es ein Bedürfnis hat seine Produkte zu verkaufen). Unter den gewerblichen Bedürfnissen fand sich das Bedürfnis nach Mitarbeitern (2) und nach Lagerraum (1). Demgegenüber war vor allem das individuelle, persönliche, durch Aushänge ausgedrückte Bedürfnis nach Wohnraum im Untersuchungsgebiet präsent (7-8). Weitere persönliche und individuelle Bedürfnisse wurden vergleichsweise selten im Gebiet gefunden (3). Screen shot 2013-03-21 at 12.16.20
Das raumspezifische Nutzungsangebot sagt etwas über die Bedürfnisse und Nachfragen in der Gegend aus. Die Abwesenheit von Theater, Kinos, politischen Vereinigungen, Clubs, (außer dem Kiez-Club) führt uns zu der Annahme, dass durch die im Gebiet liegenden Läden und Einrichtungen hauptsächlich kommerzielle Bedürfnisse erfüllt werden. Die Aushänge hingegen geben einen Hinweis darauf, dass durchaus auch, wenn auch großteils nicht durch die Geschäfte, sondern durch Privatpersonen, eine Reihe musisch-künstlerisch-spirituelle Bedürfnisse erfüllt werden. Die meisten Geschäfte scheinen entweder die Bedürfnisse von Kiezbewohnern (vor allem in Alt-Moabit) oder von Gerichtsnutzern (vor allem in der Kirchstraße) zu erfüllen. Es fielen keine besonderen Geschäfte oder Einrichtungen auf, die als Anziehungspunkt für Touristen oder für Personen aus anderen Stadtteilen Berlins dienen könnten und es wurden auch keine bekannten, „hippen“ Ketten, wie Starbucks etc. gefunden.

 

 

 

5.4 Auswertung Forderungen und Konflikte

In Hinblick auf Forderungen und Konflikte konnten wir beide Auswertungsdimensionen miteinander verbinden, da oftmals Forderungen als Konflikte gesehen werden und andersrum. AScreen shot 2013-03-21 at 12.14.23ugenscheinlich besteht kein Konflikt um die Aufmerksamkeit der Passanten unter den Geschäften der Kirchstraße, was hingegen in Alt-Moabit aufgrund der überdimensional großen Schilder durchaus der Fall zu sein scheint. Graffitikünstler befinden sich augenscheinlich im Konflikt mit Hausbesitzern, die zum Teil versuchten, das Graffiti zu entfernen. Zudem gibt es unter den Graffitikünstler eine Art Wettbewerb um Aufmerksamkeit, besonders in Alt-Moabit. Der Aushang zur Baumfällung im kleinen Tiergarten lässt auf einen raumspezifischen Konflikt schließen, wobei vor allem Folgen für die Umwelt als auch um geplante neue Nutzungen und eventuelle Ambitionen der Aufwertung thematisiert werden. Der Aushang beinhaltete jedoch auch die Forderung an die Zivilgesellschaft gegen die geplanten Maßnahmen Handlungen zu ergreifen. Das Medium Plakat birgt einen raumspezifischen Konflikt zu einer Anti-Nazi-Demo in Moabit. Beide raumspezifischen Konflikte scheinen sich nicht auf Geschäfte oder spezifische staatliche Institutionen zu beziehen. Ein Konflikt mit dem Amtsgericht konnte nicht erkannt werden.

5.5 Zusammenfassende Darstellung und Reflektion

Zusammenfassende Darstellung
Zusammenfassend haben wir durch die Vollerhebung aller Straßentexte im Untersuchungsgebiet die anfangs gestellten Fragen versucht zu beantworten. Im Hinblick auf die Dynamik der Gentrifizierung ist der Prozess nicht deutlich und überall sichtbar zu erkennen. So werden durch die Geschäfte spezifische Bedürfnisse weder von Touristen noch von Gruppen aus anderen Stadtteilen erfüllt und es ist keine Präsenz von Student_innen zu spüren. Es gibt jedoch verschiedene Indizien die auf eine beginnende Gentrifizierung hindeuten. Zum einen erkennt man in dem Konflikt um den kleinen Tiergarten, dass Gruppen existieren, die sich aktiv gegen eine potentielle wirtschaftliche Aufwertung Moabits wehren. Die häufig auffindbaren englischsprachigen Sprachbezüge, die sich nicht an spezifische, lokale, ethnische Gruppen richten, sondern scheinbar eher mit dem Ziel eingesetzt werden, hip und modern zu erscheinen, können als weiteres Indiz für einen einsetzenden Gentrifizierungsprozess gewertet werden. Die hohe Anzahl von Wohnungsgesuchen im Vergleich zu der niedrigen Zahl von Wohnungsangeboten lässt darauf schließen, dass es nicht einfach ist, in diesem Gebiet Wohnungen zu finden. Dies spiegelt sich auch in der Höhe der für eine Wohnung angebotenen Finderlöhne und in dem offensichtlichen Fehlen leer stehender Häuser wider. Auch das Angebot der Geschäfte (Bioladen, ein spezialisierter, ökologischer Babyladen versus keine billige Supermarktkette wie Penny oder Aldi) und die privaten Angebote im künstlerisch, musischen und Selbstfindungsbereich scheint eine Mittelschicht mit bestimmtem Kapital anzusprechen. Allerdings wissen wir nicht, ob die Gegend an der Spree nicht schon immer eher eine Gegend war, in der die ökonomisch besser gestellten gesellschaftlichen Gruppen lebten. Ohne eine Langzeitstudie, in der auch die Vergangenheit, also das Stadium von dem das Gebiet ausgeht, betrachtet wird, ist es schwierig auf Dynamiken zu schließen. Die vorgestellten Annahmen zur Gentrifizierung sollten daher vor allem im Hinblick darauf überprüft werden, ob sie auf einen sich verstärkenden Prozess oder eine Fortsetzung schon lange bestehender Strukturen hinweisen. Interessant wäre zu beobachten, wie die verschiedenen, teilweise positiv (Spree, Nähe zum Zentrum) und teilweise negativ (Gefängnis, Amtsgericht, Gewerbegebiet) assoziierten Aspekte des Umfelds einen Prozess der Gentrifizierung beeinflussen, beschleunigen oder verlangsamen.

Reflektion über Methode

Mit Verlaub: Ein sehr anspruchsvolles Projekt, das mehr Zeit benötigt, um der Datenvielfalt gerecht werden zu können. Die Veränderungen im Straßentext müssten über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Allein der Einfluss der Jahreszeit auf die Straßentexte ist immens – werden im Sommer mehr Plakate und Aushänge aufgehängt? Gibt es mehr Graffitikünstler? Wird auf die gesprühten Graffitis reagiert? Werden Aushänge erneuert, werden Nummernzettel abgerissen? Eine Langzeitstudie, in der die Veränderung des Straßentextes beobachtet wird, würde sicherlich viele interessante und zusätzliche Informationen liefern.
Des Weiteren hat die Untersuchung viele Fragen aufgeworfen, denen man nun mit anderen Methoden nachgehen müsste. Es wäre beispielsweise interessant, die ethnische Zusammensetzung der Nachbarschaft und deren Sprachkenntnisse mit den im Straßentext ausgedrückten Sprachen zu vergleichen. Auch könnte im Hinblick auf unser Untersuchungsgebiet eine Analyse des spezifischen Klientel des Coffeemamas interessant sein. Der von den Verfassern von Texten und Geschäftsschildern intendierten Wirkung bei der Formulierung ihrer Texte und der Auswahl der Sprache (vor allem der englischsprachigen Phrasen) könnte durch qualitative Interviews näher gekommen werden. Durch alternative Recherchen könnte außerdem herausgefunden werden, ob das Angebot an Wohnraum tatsächlich so begrenzt ist wie durch den Straßentext suggestiert wird, oder ob Wohnraum schlicht durch andere Medien angeboten wird.
Was sich ebenfalls als schwierig herausstellte, waren die eigentlichen Definitionen der unterschiedlichen Dimensionen unserer Untersuchung. In der Diskussion im Seminar, aber auch in der Gruppe, führten die unzureichenden Definitionen hier zu unterschiedlichen Ansichten. Es wurde festgestellt, dass doch manche ein anderes Verständnis hatten, z.B. Was ist eigentlich gemeint mit Bedürfnisse? Wessen Bedürfnisse? Die der Ladenbesitzer? Dadurch war es doch schwieriger, manche Plakate in die entsprechende Dimension einzuordnen. Hier hätten vorherige Ansprachen und Definitionen im Seminar doch einiges klären können.
Trotz allem ein doch sehr umfangreiches, anspruchsvolles Projekt, welches zu interessanten und nützlichen Ergebnissen bezüglich der Raumnutzung im Untersuchungsgebiet führen konnte.

6. Literaturverzeichnis

Alber, Reinhold (1997): New York Street Reading – Die Stadt als beschrifteter Raum: Dokumentation von Schriftzeichen und Schriftmedien im Straßenraum und Untersuchung ihrer stadträumlichen Bedeutung am Beispiel von New York, Fakultät für Sozial- und Erhaltenswissenschaften der Universität Tübingen (Tübingen).

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