Eckkneipe „Gaststätte zum Kohlensack“

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Mit der Untersuchung verschiedener Gastronomietypen in Moabit, Nord-Neukölln und der Spandauer Vorstadt sollte der übergeordneten Forschungsfrage, unterscheiden sich die Stadtteile durch die unterschiedliche Zusammensetzung des gastronomischen Angebots oder unterscheiden sich gastronomische Einrichtungen gleichen Typs in den drei Stadtteilen, nachgegangen werden.

Hierfür wurden vier Gastronomietypen (Eckkneipe, Shisha-Bar, studentische Kneipe und Imbiss) in den betreffenden Stadtteilen untersucht. In meiner Studie widme ich mich einer Eckkneipe im Osten Moabits, der „Gaststätte zum Kohlensack“. In drei Untersuchungsschritten (Visuelle Soziologie, teilnehmende Beobachtung und Interview) habe ich die Kneipe auf zuvor im Seminar erarbeitete Hypothesen und diesen untergeordnete Fragen untersucht.

Gaststätte zum Kohlensack

 

Die wichtigsten Erkenntnisse aus meinem Foto-Essay sind, dass das Publikum zum Untersuchungszeitpunkt  ausschließlich aus älteren Männern besteht. Der relativ einfache, normale Kleidungsstil, die Konsumpräferenzen (es wurden kleine Biere langsam getrunken und viel geraucht) lassen auf ein eher finanzschwaches Klientel schließen. Ein weiteres Indiz dafür war der nicht genutzte Spielautomat. Die Inneneinrichtung ist für eine Eckkneipe typisch: eher rustikal und dunkel. Zentral ist der Tresenbereich. Es gibt zwar weitere Tische und Stühle an den Fensterfronten und einen Nebenraum mit Dartscheibe, jedoch halten sich die Gäste nahezu ausschließlich am Tresen auf. Der Nebenraum beherbergt neben der Dartscheibe auch die Fotos der ehemaligen Dartmannschaft und Pokale der Bowlingdamen, die sich in der Kneipe zu ihrer monatlichen Vereinssitzung treffen. Dekoriert ist die Kneipe mit Hundebildern, Trinkerpoesie, einer Bierkrugsammlung und einem Wandgemälde, das die Außenansicht der „Gaststätte zum Kohlensack zeigt. Da auf diesem eine Brennstoffhandlung im gleichen Haus zu sehen ist, nahm ich zunächst an, diese sei namens gebend gewesen. Dies sollte sich im Zuge des Interviews als falsch erweisen. Die inzwischen nicht mehr lesbare einzige Karte hängt außen in einem Schaukasten, dies lässt auf ein Stammpublikum schließen, welches Preise und Angebot kennt.

Im Zuge der teilnehmenden Beobachtung konnte ich feststellen, dass die soziale Interaktion wie bereits vorher vermutet ausschließlich am Tresen stattfindet. Der Nebenraum wurde bei keinem meiner insgesamt sechs Besuche genutzt. Die weitere Bestuhlung wurde nur zur Ablage der Garderobe benutzt. Auch die im Foto-Essay bereits festgestellten Konsumpräferenzen der Gäste (Bier, manchmal Korn und viele Zigaretten) konnten verifiziert werden. Die Zusammensetzung der Gäste konnte ich nach meinen erneuten Besuchen genauer erfassen: weiterhin nur ältere Männer. Jedoch nicht wie zuvor angenommen nur Rentner, sondern auch Arbeiter, die sich nach ihrer Schicht auf einige Biere und Gespräche trafen. Ihren Berufsstatus konnte ich über ihre Unterhaltungen, kurze Nachfragen meinerseits und ihre Arbeitskleidung identifizieren. Die Gästedichte war bei allen Besuchen relativ gering, meist waren vier bis fünf Männer in der Kneipe, die sich in Gruppen unterhielten. Ich traf mehrfach die gleichen Personen, die sich alle mit Namen kannten. Die Annahme zur Stammkundschaft bestätigte sich also. Die Kunden im „Kohlensack“ sind folglich eine relativ homogene Gruppe mit ähnlichen Lebensstil- und Konsumpräferenzen, die die Kneipe überwiegend zum gemeinsamen Trinken und zur Unterhaltung über den Arbeitsalltag, Freunde, Bekannte und die Organisation von gegenseitiger Hilfe nutzen. Es handelt sich um eine soziale Gemeinschaft in die der Wirt mit einbezogen ist. Die Gäste und der Wirt waren durchaus aufgeschlossen und interessiert gegenüber Neugästen, sofern diese bereit sind sich den herrschenden Umgangsformen anzupassen. Allerdings ist der Besuch von Neugästen der absolute Ausnahmefall.

Im Interview mit dem Kneipenwirt haben sich die meisten bisher gemachten Beobachtungen zu Gästen, Konsumpräferenzen und sozialer Interaktion bestätigt. Die Benennung der Kneipe nach der auf dem Wandbild entdeckten Kohlenhandlung bestätigte sich nicht. Vielmehr hat er die Kneipe, als er sie vor 30 Jahren mit seiner Frau übernahm, von „Herberts Bierbar“ in „Gaststätte zum Kohlensack“ umbenannt, da zu der Zeit viele seiner Bekannten „auf den Kohlen“ gearbeitet haben. Einige davon am Güterbahnhof Moabit. Dies ist der einzige feststellbare Ortsbezug der Kneipe. Der Wirt kommt eigentlich aus dem Wedding und hat sonst nichts mit Moabit zu tun. Wichtiger als die Gegend sind ihm die Menschen. Er möchte eine Kneipe machen für unkomplizierte und normalsterbliche Leute. Die Bedeutung seiner Kneipe für die Nachbarschaft macht er deutlich über einen Rückblick. Früher habe es in seiner Straße sechs Kneipen gegeben. Heute ist nur noch seine übrig geblieben und die Leute bräuchten doch wenigstens eine Anlaufstelle. Veränderungen der Stadt beschreibt er eher mit den Konsequenzen für seine Kundschaft, die von Arbeitslosigkeit, Niedriglöhnen, Überalterung und Hartz4 bedroht ist. Daher scheint die Auflösung der klassischen Arbeitermilieus für ihn ein wichtigeres Thema als konkrete Probleme des Quartiers. Eine Dynamik, die in Bezug zu Gentrificationprozessen steht, benennt der Wirt jedoch. Er spricht von immer mehr Wohngemeinschaften, die nach Moabit kämen, da überall die Mieten steigen.

Festzuhalten bleibt, dass die Eckkneipe „Gaststätte zum Kohlensack durchaus in anderen Stadtteilen zum Beispiel im Wedding oder in Neukölln hätte existieren können. Eine wirkliche Ortsbindung ist nicht feststellbar. Wichtiger ist eher die Milieubindung. Mit der zuzunehmenden Bedrohung der ehemaligen Arbeitermilieus wird auch die Existenz des Kohlensacks gefährdet. Mietsteigerungen durch Gentrificationprozesse sind somit nur ein Teilproblem für das Weiterbestehen der Kneipe.Zum Kohlensack Fenster

Fotoessay Moabit IV Eckkneipe – Martin Peters.final

Teilnehmende Beobachtung – Moabit IV Eckkneipe – Martin Peters.final

Interview Moabit IV Eckkneipe – Martin Peters.final

2013-02-27 19-03-03 Interview Moabit IV Eckkneipe – Martin Peters

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