Eine Shishabar im Berliner Stadtteil Moabit

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Bericht zu dem Photoessay über eine Shisha-Bar in Moabit (November 2012)

  Ich führte meine Beobachtungen in einer Shisha-Bar im Berliner Stadtteil Moabit durch. An einer der Hauptstraßen gelegen, ist die Shisha-Bar (Name wurde von der Autorin entfernt) schon von Weitem zu sehen: Das eingängliche und aus Neonröhren konstruierte Logo der Einrichtung, die sich selbst als Restaurant, Shisha-Bar und Café beschreibt, beherrscht den Eingangsbereich. Ein kurzer roter Teppich vor den zwei Stufen, die zur Tür führen, in Kombination mit den danebenstehenden Blumentrögen und zurechtgestutzten Sträuchern, suggerieren ein Gefühl von Exklusivität beim Betreten wie beim Vorbeigehen. Die Bar befindet sich auf einer relativ großen und frequentierten Straße des Berliner Stadtteils, inmitten von Altbauwohnungen und einer Vielzahl weiterer, unterschiedlicher gastronomischer Angebote. Die professionell gestaltete Fassade (mit dunkler Fensterverkleidung im Eingangsbereich, die das Logo und ein Mixgetränk zeigen) verweist auf das Getränkeangebot; durch einen glitzernden Vorhang entlang der gesamten Fensterfront schottet sich die Einrichtung von den vorbeifahrenden Fahrzeugen und PassantInnen ab und lässt Assoziationen mit einem halb-öffentlichen, mystischen Raum zu. Das äußere Erscheinungsbild des Ortes will einen exklusiven, gehobenen und attraktiven Eindruck vermitteln, wobei sich der Eigentümer einer klaren Bildsprache bedient: Das beleuchtete Logo der Shisha-Bar wird ausgefüllt durch dunkle, feminin wirkende Augen. Was bei Frauen eher eine Negativhaltung verursachen könnte, soll vermutlich gezielt eine heterosexuelle, männliche Konsumentengruppe ansprechen. Auch in der Innenraumgestaltung ist die Einheitlichkeit und Präsenz des Logos auffallend. Die Bar besteht aus einem großen Raum und einem Hinterzimmer. Alle Möbel stammen offensichtlich aus der gleichen Serie (dunkles Holz/schwarzes Leder); sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihres Designs. Neben den vierer-Gruppen von Stühlen und kleinen Sitzbänken mit jeweils einem großen Holztisch in der Mitte gibt es kleine Sitzgruppen mit Ledersesseln und jeweils kleinen, niedrigen Tischen. Letztere eignen sich vor allem zum Shisha-Rauchen. Außerdem gibt es einen durch Mauervorsprünge teilweise abgetrennten und mit gold schimmernden Sitzpolstern ausgestatteten Bereich in der Mitte des Raums. Hier erinnert die Shisha-Bar eher an eine Lounge oder einen Club, die farbige Beleuchtung an den teils abgehängten Decken und eine Diskokugel verstärken diese Assoziation. Aus der Einteilung des Raums in verschiedene Bereiche und das unterschiedliche Mobiliar ergeben sich unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten, die ein unterschiedliches Publikum ansprechen. In der Shisha-Bar wird gegessen, getrunken, gearbeitet, gespielt und nicht zuletzt Shisha geraucht .Eine Gruppe männlicher Jugendlicher verbrachte den Abend mit Shisha-Rauchen und Backgammonspielen, eine andere Gruppe von Männern (die ich am selben Tisch bereits bei meinem ersten Besuch in der Bar vorgefunden habe) schien die Räumlichkeit als Arbeitsplatz zu nutzen (es fand fast keine Unterhaltung statt, Konzentration auf den Laptop). Der Eingangsbereich, der dominiert wird durch die beleuchtete Bar sowie gegenüberliegend zwei Spielautomaten und einen mit Bier gefüllten Kühlschrank, suggeriert ein Bild, das nur einen Teil der Shisha-Bar widergibt. Im hinteren und hauptsächlichen Aufenthaltsbereich ist die Atmosphäre entspannter; aufgrund der räumlichen Unterteilung und der verschiedenen Sitzgelegenheiten scheint die Bar auch für Neugäste zugänglich und freundlich. Da sich auch in dem hinteren Raum mehrere Spielautomaten befinden, stellt sich dennoch die Frage nach der Intention des Barbetreibers.1 Entgegen der anfänglichen Assoziationen ergibt sich somit im Innern der Bar ein neues Bild: die Gäste repräsentierten eine sehr heterogene Gruppe, sowohl in Bezug auf Alter (ca. 18 bis 45 Jahre) als auch in Bezug auf distinktive Merkmale wie etwa die Kleidung. Was die Geschlechterverteilung angeht, war die Gästezusammensetzung relativ ausgeglichen. Es sind außerdem Frauen wie Männer in der Shisha-Bar beschäftigt. Daneben fällt auf, dass die HauptLichtquellen in der Bar weniger von der tatsächlichen Beleuchtung, als vielmehr von bestimmten Einrichtungsgegenständen ausgehen. Spielautomaten und Flachbildschirme mit Musikvideos dominieren das Erscheinungsbild und die Stimmung im Raum. Da die Bildschirme von wenig Interesse für die beobachteten Gäste waren, bleibt fraglich, welcher Nutzen damit verfolgt wird. Die relativ laute Musik in der Bar unterschied sich zudem von den gezeigten Musikvideos. Die stummen Bildschirme verkörpern daher eher einen passiven Einrichtungsgegenstand als ein tatsächliches Unterhaltungsmedium. Ein präferierter Musikgeschmack wird dadurch dennoch ersichtlich. Mit den Musikvideos der in den aktuellen Charts angesagten SängerInnen und Bands werden junge Menschen angesprochen, die sich außerdem mit den heternormativen Stereotypen dieser Musikwelt identifizieren können – gemäß dem bereits vermuteten Gesamtkonzept der Shisha-Bar. Bei dem Getränkeangebot fällt auf, dass es neben dem „Standardangebot“ eine Vielzahl alkoholischer und nicht-alkoholischer Cocktails gibt und außerdem ganze Flaschen von Spirituosen für 60 bis 100 Euro erworben werden können. Auch in den ausliegenden Preiskarten spiegelt sich die Identitätskonstruktion als exklusiver, vielseitiger Ort wider, der eine ökonomisch relativ gut situierte Zielgruppe ansprechen soll. Vor allem die erste Seite der Karte ist interessant, da hier die Tradition und Herkunft des Shisha-Rauchens erklärt wird. Der Gast wird informiert und die Einrichtung stellt sich als Ort der Tradition, verbunden mit modernen Elementen dar. Dadurch soll womöglich eine neue, nicht mit dem Shisha-Rauchen vertraute KonsumentInnengruppe angesprochen werden. Die Interaktion zwischen MitarbeiterInnen und Gästen vermittelt zudem den Eindruck, dass trotz der Dominanz anderer Gegenstände im Raum (es sind immer nur solche Shishas zu sehen, die gerade genutzt werden) das Shisha-Rauchen hier eine Tradition und einen hohen Stellenwert hat. Ein Mitarbeiter kümmert sich ausschließlich um die Bereitstellung der Shishas und das unaufgeforderte Nachfüllen der Kohle. So wird abseits des Eingangsbereichs mit Bar und Spielautomaten eine gemütliche, gleichzeitig „traditionellmoderne“ Atmosphäre vermittelt, die offensichtlich Anklang bei verschiedenen sozialen Gruppen findet.2 Aufgrund der Tatsache, dass die einzige Auslage auf dem Tresen der Bar ein türkisches Magazin aus Berlin war, könnten weitere Rückschlüsse gezogen werden. Beim Durchblättern ist klar geworden, dass das in türkischer und deutscher Sprache verfasste Magazin eine türkisch-migrantische LeserInnenschaft anspricht. Es wird sowohl über türkische Hochzeiten, als auch (traditionelle) Feste und Abendveranstaltungen, Sportvereinssitzungen und Fußballspiele im Raum Berlin anhand vieler Fotografien informiert.3 Insgesamt lässt sich also weniger ein spezifischer Ortsbezug zur unmittelbaren Nachbarschaft oder eine Identifikation oder Einreihung in die umliegende Gastronomielandschaft erkennen (bspw. die Eckkneipe gegenüber). Obwohl ein migrantischer Kontext vermutet werden kann, steht vor allem das Selbstverständnis als abendlicher, unterhaltender Aufenthaltsort, mit der Rückkoppelung an einen bestimmten Traditionskreis durch das Shisha-Angebot im Vordergrund.    

Auswertender Bericht meiner teilnehmenden Beobachtung (Januar 2013)

  Durch die professionelle Aussenbeleuchtung und das markante, pink leuchtende Logo (Frauenaugen und der Name der Bar in geschwungenem Schriftzug darunter) über dem Eingangsbereich zeichnet sich die Bar durch die umliegende Gastronomielandschaft, die geprägt ist durch schlichte Wirtshäuser, Wohnhäuser und Imbissbuden, ab. Zudem wird man durch einen kleinen roten Teppich und Samtseile als Wegmarkierungen fast ein wenig feierlich zur Eingangstür gelotst. Die Stimmung vor der Bar war dennoch weniger durch dieses VIP-Accessoire geprägt, sondern mehr durch die vorbeifahrenden Autos in der Straße sowie das schlechte Wetter. Es war dunkel und nieselte, als ich die Bar betrat. Der erste Eindruck im Innern an diesem Montagabend war stark dadurch bestimmt, dass ich die Einrichtung sehr leer vorfand. Der Eingangsbereich mit Bar ist recht groß, so dass ich mich zunächst ein wenig verloren fühlte, als ich die vielen leeren Stühle bis zum Ende des Raums sah. Das wenige Licht in den Räumlichkeiten war entweder weiß und kalt, vor allem über dem Tresen oder ging (vermehrt im hinteren Bereich) von dezenten Lampen an den Wänden oder Deckeninstallationen aus, die gelblich, manche auch farbig leuchteten. Wie bei meinen vorangegangenen Besuchen lief laute und anstrengende Musik über eine festinstallierte Anlage. Irritierender als die Lautstärke fand ich jedoch die Flachbildschirme, die sowohl über dem Tresen als auch im hinteren Teil der Bar an den Wänden angebracht sind und ebenfalls einen Musiksender laufen hatten. Sie stellten die mit Abstand intensivste Lichtquelle in dem gesamten Raum dar, weshalb meine Aufmerksamkeit unweigerlich immer wieder auf diese Bildschirme gelenkt wurde. Bild und Ton stimmten jedoch nicht überein; es handelte sich wohl um unterschiedliche Musiksender. Auch bei meinen früheren Besuchen waren es diese Musiksender, die sowohl visuell als auch akustisch maßgeblich die Stimmung im Raum beeinflussten – ich emfpand das als eher ungemütlich. Doch schienen sich die anderen Gäste davon weniger irritieren zu lassen als ich. Die Flachbildschirme wurden meiner Beobachtung nach von den meisten Leuten konsequent ignoriert. Im Kontext sozialdemographischer Aspekte können einige Aussagen über die Gäste in der Bar getroffen werden. Zwar wurde die Einrichtung von einer breiten Altersgruppe (von 23 bis 60 Jahre) und von Personen mit unterschiedlichen Sprachkulturen besucht (es wurde arabisch, deutsch und türkisch in der Bar gesprochen, wobei alle Gäste sicher deutsch sprachen); was die geschlechtliche Konstellation betrifft, war jedoch keine Vielfalt vorhanden: Es befanden sich ausgenommen der Kellnerin sowie meiner Begleitung und mir zu keinem Zeitpunkt Frauen in der Shisha-Bar. Die unterschiedlichen Gruppen, die an diesem Abend die Bar betraten, waren ausschließlich männlich und gaben neben dem Alter auch in Bezug auf ihr äußeres Erscheinungsbild vor allem innerhalb der Gruppen ein recht homogenes Bild ab. Die Gruppe junger Männer beispielsweise, die hier als Stammgruppe bezeichnet wird, da sie bei allen vier Besuchen in der Einrichtung an immer dem gleichen Fenstertisch angetroffen wurde, lässt sich als insgesamt sportlich-leger gekleidet beschreiben. Da es sich um einen regelmäßigen Treffpunkt mit vertrauten oder befreundeten Personen handelt, wird der Kleidung vermutlich kein besonderer Stellenwert beigemessen. Auch die Interaktion der Männer untereinander (über den Tisch lehnen, „ausbreiten“) deutete auf eine Routine- oder Alltagssituation hin. Die Einrichtung wird hier vor allem in der Gruppe genutzt, um Shisha zu rauchen und gemeinsam am Laptop zu arbeiten oder zu spielen. Die Männer im Alter von etwa 25 bis 32 Jahren scheinen eine gewisse Affinität zu Computern bzw. Laptops zu besitzen, da die Technik im Fokus ihrer Interaktion sowie auch ihres Gesprächsinhalts steht. Die Getränke sind alkoholfrei, was weiter darauf hindeutet, dass sie die Bar als standardisierten Ort für die Beschäftigung mit dem Laptop nutzen. Die anderen Gästegruppen heben sich äußerlich durch einen eher klassischen, gepflegteren Kleidungsstil von der Stammgruppe ab. Abgesehen von dem prägnanten Merkmal des Laptops als Hauptbezugspunkt, nutzten die meisten Anwesenden die Shisha-Bar tatsächlich auch als solche – es wurde vornehmlich Shisha geraucht und bis auf einen älteren Mann mit Weizen sowie eine Gruppe von Männern in dem separaten Raum, wurden nur alkoholfreie Getränke konsumiert. An den Tischen, an denen Shisha geraucht wurde, bestellten die Gäste meist jeweils eine eigene Shisha. Insgesamt fanden sich die Gäste (bis auf einen Mann an einem separaten Tisch und einen Mann am Spielautomaten) in Kleingruppen von zwei bis drei Personen in der Bar ein und verblieben den Abend über in dieser Konstellation. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass sich viele der Männer untereinander kannten; einige begrüßten sich flüchtig und setzten sich dann aber mit ihrer jeweiligen Begleitung an einen anderen Tisch. Es bestand kein über die Begrüßung hinausgehendes Interesse der Gruppen untereinander. Die beiden Angestellten kannten einige der Gäste, mindestens durch die Bewirtungssituation. Vor allem zwei junge Männer waren mit der weiblichen Angestellten offenbar besser befreundet und vielleicht auch aus diesem Grund in der Bar. Auch die Beobachtung, dass Gäste entweder gleich beim Betreten der Einrichtung ihre Getränke und Shishas an der Bar bestellten, oder dass die Kellnerin über die Getränkepräferenzen der Gäste Bescheid weiß, deutet weiter darauf hin, dass einige der Personen Stammkunden sind. Hinzu kommt, dass meine Begleitung und ich von einem der Männer am Tisch hinter uns recht misstrauisch beobachtet wurden. Einerseits muss hier als möglicher Grund für unser Auffallen die Tatsache genannt werden, dass ich mir Notizen machte während meines Aufenthaltes. Andererseits wird vermutet, dass der Umstand, die einzigen zwei Frauen unter den Gästen zu sein, die Situation ebenfalls beeinflusste. Das lässt die Überlegung zu, dass das Antreffen “untypischer” (oder auch weiblicher?) Gäste, eher eine Seltenheit ist. Lediglich die Gruppe in dem abgetrennten Raum vermittelte den Eindruck, als grenze sie sich aktiv vom Rest der Bar ab, sowohl symbolisch als auch interaktiv durch den eigenen Raum. Das wurde nicht zuletzt dadurch deutlich, dass sie über ihre Smartphones laut ihre eigene Musik hörten und außerdem die einzigen Gäste waren, die vermehrt Alkohol konsumierten – sowohl Bier , als auch eine Runde Schnaps. Interessant dabei ist, dass es auch die jüngeren unter den Gästen waren, die konsequent auf Alkohol verzichteten. Was die zeitliche Dimension angeht, wurden hinsichtlich der Interaktionsmuster oder der Gäste keine besonderen Veränderungen im Verlauf der Beobachtung festgestellt. Es wurde lediglich mit späterem Abend verrauchter und stickiger in der Bar, was ganz klar an dem Shisha- und Zigarettenkonsum lag und meinem Bar-Besuch, zusammen mit der lauter werdenen Musik, für einen Montagabend eher eine „Freitagabend-Assoziation“ verlieh. Trotz des persönlichen Eindrucks der eigensinnigen Dynamik innerhalb der Shisha-Bar führt die Diversität unter den dieser Auswertung vorangegangenen kodierten Merkmalen zu dem Schluss, dass es sich bei den Gästen um keine homogene Gruppe handelt. Hier soll auch auf den einzelnen, älteren Gast an einem der Spielautomaten verwiesen werden, der zu keinem beobachteten Zeitpunkt in Interaktion mit anderen Gästen stand, sondern die Bar ungestört für seine eigenen Zwecke nutzte. Im Kontext der teilnehmenden Beobachtung wurde deutlich, dass die untersuchte Shisha-Bar vornehmlich auch als Shisha-Bar genutzt wird, um am Abend – auch unter der Woche – mit Bekannten oder befreundeten Personen zusammenzusitzen, zu rauchen und sich zu unterhalten. Die Bar könnte demnach zwar als regelmäßiger Treffpunkt für eine relativ homogene männlich dominierte soziale Gruppe mittleren Einkommens beschrieben werden. Die Vielschichtigkeit beim Alter, die Einzelpersonen sowie die Erfahrung der vorangegangenen Besuche – bei denen auch Pärchen und weibliche Personen anwesend waren – lässt diese Folgerung jedoch als zu enggefasst erscheinen.
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