Foto-Essay Moabit Südkiez

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Ordnungsstencil in der Krefelder Straße

Ordnungsstencil in der Krefelder Straße

Das Untersuchungsgebiet befindet sich im südlichen Moabit und ist geprägt durch die drei Ausfallstraßen Alt-Moabit, Strom- und Levetzowstraße, sowie dem Spreebogen und davon eingeschlossenen Wohngebieten. Charakteristisch ist der Kontrast von zentralen Achsen und Kreuzungen als typische Transitgebiete und den sehr ruhigen Wohnstraßen (siehe Foto 3 vs. 6 und 7 im Foto-Essay Moabit III b). So unterscheiden sich auch die jeweiligen Nutzer_innengruppen lokal sehr stark. Konnten wir in dem zentralen Park „Kleiner Tiergarten“ offenen Drogenhandel dokumentieren, fiel uns in den Wohnenklaven der Aufruf zu umfassender gegenseitiger Rücksichtnahme und Selbstkontrolle der öffentlichen Ordnung durch die Nutzer_innen auf. Hier waren Spaziergänger_innen, Fahrradfahrer_innen und am Bundesratsufer auch Angler_innen anzutreffen, insgesamt wirkten die Straßen allerdings wenig belebt. Dies drückt sich auch in den wenigen institutionellen Einrichtungen des kurz- oder mittelfristigen Bedarfs aus. Konfliktpotenzial sahen wir in diesen oben beschrieben Nutzungsgegensätzen und ihrer versuchten Abgrenzung zu einander. So gingen die Nutzungsbeschränkungen wie Tempolimit oder Fahrradfahrverbote nicht nur einseitig von städtischer Seite aus, sondern wurden von Einwohner_innen durch selbstgemalte Schilder, Aufsteller und weitere Hinweise unterstützt (s. Foto 7). Insgesamt herrschen damit in diesen Räumen unterschiedliche dominante Nutzungszuschreibungen vor, die eine Abgrenzung wenn nicht sogar eine Ausgrenzung implizierten.
Bei Beachtung der Ortsbezüge fielen uns vermehrt Taggs mit Querverweisen zu anderen Bezirken auf. Insbesondere waren Taggs von Gruppen aus den Bezirken Moabit, Wedding und Neukölln zu sehen. Das Bild 5 haben wir gewählt, da wir hier eine Form von nichtintendierter Aneignung in einem sonst sehr festgeschriebenen Raum sahen. Die Position auf dem Bordstein im Zugang zu einem kleinen Park, umgeben von Wohnhäusern, zeugt nicht von selbstbewusster Inbesitznahme des Raumes, sondern kann als anfängliche Infragestellung der dominanten Nutzung im gepflegten Park (s. Foto 6) gesehen werden. Offizielle Institutionen wie Cafés oder Restaurants bezogen sich jedoch nicht auf Moabit sondern im größeren Stil auf das historische Berlin (z.B. „Zum alten Borsigsteg“). Anzunehmen ist, dass sich die Gewerbetreibenden nicht mit den typischen Zuschreibungen von Moabit verbinden wollen, sondern vielmehr auf den historischen Kern des Viertels mit Hilfe von Namen und Straßenschildern in altdeutscher Schrift verweisen möchten. In diese Reihe der Beobachtung stellen sich auch die Straßenbeleuchtung im Stil alter Gaslaternen oder auch die gekachelten Bilder im U-Bahnhof Turmstraße.Es gibt keine Anzeichen für die bewusste Konstruktion eines Images des Stadtteils. So wurde z.B. für Wohneigentum „lediglich“ als Kapitalanlage geworben und nicht mit dem Standortfaktor eines hippen, authentischen Kiezes. Insgesamt haben wir die Atmosphäre als sehr bürgerlich und familienfreundlich wahrgenommen und konnten keine Szene ausmachen. Dafür spricht auch, dass das von uns ausgesuchte Biocafé (s. Foto 2) keine Funktionen eines typischen Szenecafés aufzuweisen hatte, wie Foodatainment oder die Möglichkeit zum „Sehen und Gesehen werden“. Anstelle von Sitzgelegenheiten wurden verschiedene Artikel des täglichen Gebrauchs angeboten, die die Funktionslücke von fehlenden Kaufhallen in unmittelbarer Umgebung füllte. Das hohe Niveau der Bioprodukte lässt auf einen hohes Konsumbewusstsein und die damit verbundenen hohen Preise auf gehobenen Lebensstandard schließen. Selbst subversive Kulturtechniken wurden zum Aufruf zur Einhaltung einer bürgerlichen Ordnung genutzt, z.B die Aufforderung zur Reinigung der Straße (s. Foto 7).
Insgesamt konnten wir mit der Untersuchungsform des Fotoessays Nutzungsformen festhalten, die unmittelbar in bauliche oder symbolische Strukturen umgesetzt wurden. Wir sind der Meinung, dass man anhand von Fotos keine differenzierten Bewohner_innenstrukturen ausmachen kann, sondern lediglich auf eine dominante Nutzer_innestruktur schließen kann. Die Repräsentationen, die wir bildlich festhalten konnten ist immer vergangenheitsbezogen, so ist der längere Aufenthalt zur Beobachtung der aktuellen Aneignung genauso wichtig, wie die ausgewählten Fotos. Eine Änderung der hegemoniellen Nutzungsstruktur wird erst im zweiten Schritt – in symbolischer Repräsentation sichtbar. Eine Analyse des Viertels, die sich nur auf visuelle Signifikanten fokussiert, bleibt daher blind für sehr junge Prozesse, temporärer artefaktloser Aneignung und Subalterne.

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