Gibt es Pioniere in Moabit?

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Eine Analyse der Pioniere in Moabit im Vergleich zum Kottbusser Tor

 

Es hat den Charme eines Pioniers, hier zu wohnen. Hier ist quasi der Wilde Westen, hier ist vieles möglich.“ 

Ich habe die Vorliebe, in einer ehrlichen Umgebung zu leben. Es wohnen Low-Level-People in Moabit. Aber die führen ein ehrliches Leben. Andernorts ist das Leben scheinheilig.“

(Zitate eines selbständigen Unternehmers über Moabit)

In der Zeit Campus las ich in einen interessanten Artikel über die beiden Studentinnen Britt Schlünz und Katharina Siemann, die seit vier Jahren am Kottbusser Tor wohnen. Das Kottbusser Tor hat eine große Wandlung durchgemacht. Früher war es eine arme Gegend mit Drogenproblemen und billigen Dönerbuden. Britt Schlünz:„Wer konnte, lebte anderswo.“ Der »Kotti«, ist auch heute noch schmutzig und heruntergekommen, doch zum Wohnen trotzdem sehr beliebt. Britt und Katharina zahlten vor vier Jahren für ihre 100 m² Wohnung 620 Euro warm im Monat. Nun zahlen sie circa 1000 Euro. Als sie einzogen waren sie die einzige Studenten-WG im Gebäude und jetzt wohnen da fast ausschließlich Studenten und viele ehemalige Bewohner, wie türkischstämmige Großfamilien, wurden verdrängt. Britt Schlünz: „Ich weiß nicht, ob wir eher ein Problem haben oder eher zu einem Problem beitragen.“

Ausgehend von diesem Artikel befragte ich vier Studenten aus den verschiedenen Kiezen in Moabit. Meine Intention dahinter war herauszufinden, ob es in Moabit einen ähnlichen Vorgang der Gentrifizierung gibt. Gibt es in Moabit Pioniere der 1. Phase (nach Friedrichs Jürgens) und wenn ja wo? Die verkürzten Antworten der Studenten sind in der folgenden Tabelle dargestellt:

 

Thomas (TU)Nordkiez Florian (TU)Stephankiez Henrike (TU, Campus Wedding)Zwinglikiez Nina (FU)Spreebogen
Adresse Wiclefstraße 60 Birkenstraße 21 Gotzkowskystr. 34 Melanchthonstr.
Einzugsdatum September 2010 Dezember 2009 August 2012 Dezember 2011
Ausschlag -kannte sich nicht aus in Berlin-günstige Mieten

-Nähe zur Uni

-recht zentral, -günstige Mieten-WG Suche hatte hier Erfolg -viele Freunde-günstige Mieten

-Nähe zur Uni

– recht günstige Mieten– hat sich schnell ergeben

– zentral

Modernisierung einige Häuser saniert teilweise einige Häuser modernisiert einige Häuser neu gestrichen, neue Fenster
Miete akzeptabel recht wenig recht wenig im Vergleich zu Berlin billig
Mietsteigerung vor einem Jahr Erhöhung um 120 Euro 150 Euro mehr als die Vormieterin
Aufwertung eine Parkanlage mit Spielplatz ein Park hinter U-Bahnhof Turmstraße
Bevölkerung gleiche bunte Mischung vielleicht mehr Studenten mehr Studenten als vor 2 Jahren wenig Studenten, gepflegte Ausländer
Neue Läden DönerlädenBiocompany Döner, kaum Bioläden Biocompany keine Döner, wenig Läden

In vielen Punkten haben die Studenten recht ähnliche Meinungen. Zum Beispiel war der Ausschlag nach Moabit zu ziehen die billigen Mieten und die Nähe zur Universität und abgesehen von einer neuen Parkanlage und der Eröffnung einer Biocompany sind ihnen in den letzten Jahren keine großen Veränderungen in Moabit aufgefallen.

Obwohl sich die Aussagen im vielen ähneln, gibt es dennoch große Unterschiede. Um diese zu erkennen ist eine differenzierte Betrachtung der Kieze notwendig.

Der Südkiez ist der teurere und gehobenere Kiez in Moabit. Er ist das „Klein-Prenzlberg“ mit Cafés, kreativen Läden, wie ein afrikanischer Laden, ein Laden der Taschen aus Papier herstellt, einem Waffelladen und einer Nudelmanufaktur. Nicht nur die Wohnlage ist nach einer Analyse der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Südkiez gut, sondern weist er auch eine hohe Normintensität der Bewohner auf. Die Normintensität fand Olaf Schnur anhand einer Befragung der Bewohner über die Verunreinigung des öffentlichen Raum im Kiez heraus. In dem Stadtteil wohnen nicht viele Studenten wegen der eher gehobenen Mieten. Die teuren Mieten und die schicken Läden sind unter anderem ein Anzeichen für eine fortgeschrittene Gentrifizierung. Bei den dort wohnenden Studenten handelt es sich somit nicht um Pioniere.

Der Nordkiez und der Stephankiez (abgesehen von der Lehrter Straße, die ich hier außen vorlasse) sind meiner Meinung nach ähnliche Kieze. Beide Kieze haben eine sehr bunt gemischte Bevölkerung mit großem Ausländeranteil. Interessant finde ich die anscheinend große Zunahme von Bewohnern mit Migrationshintergrund im Stephankiez in den letzten 10 Jahren. Im Jahr 2000 gab es im Stephankiez gemäß einer Umfrage des Dipl. Geogr. Olaf Schnur der HU 29% Nichtdeutsche, dagegen gab es 2010 nach einer Analyse der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung über 40% Ausländer. Innerhalb von nur 10 Jahren gab es, wenn beide Umfragen stimmen, also einen Ausländerzuwachs von über 30%!

Im Nordkiez gab es in den letzten Jahre nach dem Studenten Thomas dagegen kaum Veränderungen: „Ich würde nicht sagen, dass sich die Bevölkerung verändert hat. Sie ist unverändert bunt gemischt: Verschiedene Nationen, Altersgruppen, Familien, Studenten, Obdachlose, Dönermänner. Ich glaube nicht, dass hier viele wohlhabende Menschen wohnen. Vielleicht sieht man Veränderungen aber auch nicht gleich, besonders wenn man keinen neutralen Blick von außen hat.“ Auch wenn es in der Bevölkerung, nach Thomas keine Veränderung gab, in den Mieten gab es dafür eine umso größere: „Ja, und wie die (Mieten) gestiegen sind! Vor einem Jahr wurde unsere Kaltmiete um 120 EUR im Monat erhöht!“. Dies ist ein Zeichen für voranschreitende Gentrifizierung, denn nach Friedrich Jürgens steigen die Mieten erst in der 2. Phase der Gentrifizierung. Somit handelt es sich im Nordkiez und im Stephankiez nicht um Pioniere.

Der Spreebogen ist für die Analyse ein kompliziertes Gebiet, da er nicht zum Kern von Moabit gehört. Der Kiez hat eine Randlage aufgrund der großen Fläche mit Gewerben und Hotels zwischen Stromstraße und Kirchstraße und der breiten Straße Alt-Moabit sowie dem Gefängnis im Norden. Der Spreebogen erlebt auch Veränderungen. Bei Studenten ist der Kiez nach der Studentin Nina nicht so beliebt, dagegen wohnen da viele „gepflegte Ausländer“. Wenn man die Statistiken betrachtet hat der Spreebogen eine mittlere Wohnlage mit mittelmäßig vielen Zu- und Wegzügen. Der Ausländeranteil ist mit 10-20% der Bevölkerung auch eher im mittleren Bereich. Die Gentrifizierung im Spreebogen ist noch nicht ganz so weit fortgeschritten wie im Südkiez, aber nach den Statistiken und anhand seiner zentralen Lage auf dem besten Wege dazu. Somit handelt es sich bei den dort wohnenden Studenten auch nicht um Pioniere der 1. Phase.

Nun bleibt als letzter Kiez der Zwinglikiez. Dieser ist ein Kiez mit Problemen. Unterstützt wird diese These anhand zahlreicher Statistiken. Im Zwinglikiez gibt es einen überdurchschnittlich hohen Ausländeranteil mit über 30%, ein überdurchschnittliches Wanderungsvolumen der Bevölkerung mit über 40% und 16% der Bevölkerung haben keine Arbeit. Desweiteren weißt der Zwinglikiez nach Olaf Schnur die niedrigste Normintensität der Bewohner innerhalb von Moabit auf. Aber trotzdem wächst die Beliebtheit des Kiezes bei den Studenten. Der bei Studenten wohl wichtigste Grund in den Zwinglikiez zu ziehen sind die billigen Mieten, die zentrale Lage und die Nähe zur Universität. Im Zwinglikiez eröffneten, abgesehen von diversen Dönerbuden, in den letzten Jahren kaum neue Läden.

Gibt es im Zwinglikiez nun Pioniere? Die Antwort soll der Vergleich mit dem obigen Artikel über das Kottbusser Tor bringen. Denn wenn es am Zwinglikiez zur Zeit eine ähnliche Veränderung wie am Kottbusser Tor vor vier Jahren gibt, lässt es auf Gentrifizierung schließen.

Vor einigen Jahren war das Kottbusser Tor eine sehr arme Gegend mit vielen Ausländern und billigen Dönerbuden. Auch der Zwinglikiez weist einen überdurchschnittlichen Ausländeranteil auf und ist eine arme Gegend. Eine weitere Übereinstimmung sind die billigen Mieten. Vor vier Jahren zahlten Britt und Katharina nur 620 Euro für ihre Wohnung. Im Zwinglikiez sind die Mieten auch noch ausgesprochen niedrig: „Ich zahle recht wenig Miete im Vergleich zu Moabit und im Vergleich zum Rest von Berlin.“ (Zitat Henrike). Der letzte Punkt ist der Zuzug der Studenten. Vor einigen Jahren wohnten gemäß dem obigen Artikel noch kaum Studenten am Kottbusser Tor, doch gewann das Kottbusser Tor an Attraktivität und immer mehr zogen dorthin. Im Zwinglikiez wohnen noch relativ wenige Studenten, doch auch da ist die Tendenz steigend: „Ich war früher (vor 2 Jahren) schon viel hier und im Vergleich dazu gibt es jetzt wesentlich mehr Studenten.“ (Zitat Henrike)

Im Zwinglikiez scheint somit die gleiche soziologisch, gesellschaftliche Veränderung der Bevölkerung stattzufinden wie vor einigen Jahren am Kottbusser Tor. Somit ist der Zwinglikiez in den Anfängen der Gentrifizierung. In Moabit, also genauer im Zwinglikiez, gibt es also Pioniere der 1. Phase.

Literatur

Olaf Schnur: Lokales Sozialkapital für die „soziale Stadt“; Politische Geographien sozialer Quartiersentwicklung am Beispiel Berlin Moabit, Leske + Budrich, Opladen 2003

Friedrichs Jürgens: Großstadt.Soziologische Stichworte, Hrsg. Häusemann Hartmut, Verlag für Sozialwissenschaften 1998

Internet

http://www.zeit.de/campus/2012/06/wohnungssuche-studenten/seite-1 aufgerufen am 12.03.13

http://mitreissen-moabit.de/moabit-in-statistiken/ aufgerufen am 17.03.13

 

IsabelleStumptner

 

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