GOLD COAST SÜDKIEZ

Print Friendly

GOLD  COAST  SÜDKIEZ

 

Das Nord-Süd-Gefälle in Moabit und seine Ursprünge

Nachbarschaftskuchen, Hundekotfähnchen, verkehrsberuhigende Bremsmännchen und gemeinschaftliche Begrünungsaktionen1 . Im Elberfelderkiez scheint ein anderer Wind zu wehen als im restlichen Moabit. Überquert man vom Norden kommend die stark befahrene Strasse Alt-Moabit, findet man plötzlich Bioläden, Yogaschulen, jede Menge Physiotherapie und Gastronomieangebote mit außergewöhnlichen Konzepten wie “Lunchambulance”, “Buchkantine”,  “ProbierMahl” und “Pasta Manufaktur”. 

1 Vgl. Elberfelder Kiez

Wohnbebauung auf den ehemaligen Borsiggründen © Tamara Egger
Abb.1: Wohnbebauung auf den ehemaligen Borsiggründen © Tamara Egger

Der Südkiez als definiertes Untersuchungsgebiet wird begrenzt von Alt-Moabit, Stromstraße, Spree und Gotzkowskystraße. Das Teilgebiet präsentiert sich als ein zusammenhängendes Wohnquartier, das sich in seinem baulichen Zustand und sozialen Strukturen stark vom Norden Moabits unterscheidet. Das soziale Zentrum des Kiezes befindet sich rund um die Elberfelder Straße, das Areal südlich der Levetzowstraße ist ein ruhiges Wohngebiet.
Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um ein sehr homogenes Wohngebiet handelt, in dem es eine hohe Konzentration einer statushohen Bevölkerungsgruppe mit hohem wirtschaftlichen Potential gibt.1
Bei Befragungen betonten einige der Bewohner des Südkiezes (vor allem Ältere) zum Stadtteil Tiergarten zu gehören. Vermutlich weil der Stadtteil Tiergarten allgemein mit einem höheren Status als Moabit bewertet wird. Offensichtlich gibt es also eine starke gefühlte Grenze zwischen dem nördlichen und südlichen Teil von Moabit. Dieser “soziale Äquator” 2 wird durch die Hauptverkehrsader Alt-Moabit verräumlicht.
In diesem Artikel soll die Frage geklärt werden ob diese (vorerst scheinbare) sozialräumliche Grenze zwischen Norden und Süden in Moabit wirklich existiert und wie sie entstanden ist.

1 Vgl. Friedrichs, Stadtanalyse, soziale und räumliche Organisation der Gesellschaft, S. 237.
2 Torka, Luxussanierung jetzt auch im Stephankiez.

Abb.2-5: Der Südkiez und seine aktiven Bewohner © Torsten Schmidt
Abb.2-5: Der Südkiez und seine aktiven Bewohner © Torsten Schmidt

 


Die Wohnlage im Südkiez

Immobilienbeschreibungen bewerben die Wohnlage im Südkiez als “Premiumlage” mit Merkmalen wie “schönes, citynahes Wohnviertel direkt an der Spree, hoher Freizeit- und Erholungswert, ruhige Wohnlage, historisches gutbürgerliches Viertel mit vielen hochwertig sanierten Altbauten, Kiez mit gehobener Sozialstruktur, zahlreiche szenige Cafés und Restaurants in direkter Umgebung, Vielzahl an Geschäften des täglichen Bedarfs im Kiez, Kindertagesstätten, Spielplätze und Schulen in der Nachbarschaft, Nähe zum Tiergarten und Schloss Bellevue, gute Verkehrsanbindung (Nähe Hauptbahnhof und Flughafen),….” Diese hoch bewerteten Wohnqualitäten schlagen sich auch in den Mietpreisen der Wohnungen nieder. 1,2,3
Im Berliner Mietspiegel 2011 ist das Nord-Süd-Gefälle in Moabit deutlich ersichtlich. Während man im Südkiez grossteils gute bis mittlere Wohnlage findet, herrscht in den anderen Teilen Moabits grossteils einfache bis mittlere Wohnlage vor. Gute Wohnlage ist wie folgt definiert: “In Gebieten des inneren Stadtbereichs mit überwiegend geschlossener, stark verdichteter Bebauung mit Grün- und Freiflächen, gepflegtem Straßenbild (guter Gebäudezustand), mit sehr gutem Verkehrsanschluss, guten bis sehr guten Einkaufsmöglichkeiten und gutem Image.” 4
Laut Mietspiegel 2011 ist die Wohnlage im Westfälischen Viertel also eher mit der im angrenzenden Hansaviertel und Charlottenburg vergleichbar, als mit den restlichen Teilen Moabits. 5

Beim Blick auf von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt veröffentlichten sozialräumlichen Kartierungen lässt sich sofort erkennen, dass Alt-Moabit sozialräumlich eine stärkere Grenze repräsentiert als die Spree. Zu grossen Teilen stimmen die statistischen Daten des Elberfelderkiezes mit denen des Hansaviertels überein, heben sich aber stark vom Norden Moabits ab.6 Im Südkiez gibt es wenige Empfänger staatlicher Unterstützungen, der Ausländeranteil ist gering. Die Altersstruktur im Kiez ist stark durchmischt.7,8,9
Die Bewohner des Südkiezes haben überwiegend einen hohen sozialen Status und hohes ökonomisches Potential. Es ist eine Gruppe, die ihre Wohnpräferenzen am Wohnungsmarkt überall durchsetzen könnte.10
Diese statushohe Bewohnergruppe sieht ihre Präferenzen im Westfälischen Viertel gut erfüllt, weil der  Wohnwert im Kiez sehr hoch ist. Die externen Qualitäten entsprechen allen von Wilhelm Falk genannten Kriterien für ein hoch bewertetes Gebiet: Die Nähe zum Tiergarten und zur Spree bietet eine attraktive natürliche Wohnumwelt . Das entsprechende Gewerbe, Grünflächen und öffentliche Verkehrsanbindung bieten eine Ausstattung mit Infrastrukturelementen, die den Bedürfnissen der Bewohner entgegenkommen. Das soziale Umfeld hat einen hohen Status und das Gebiet ist eher undicht bebaut. Viele der Wohnungen im Westfälischen Viertel liegen in hochwertig sanierten Gebäuden mit Balkonen und repräsentativen Fassaden. Dies lässt ebenfalls auf gute interne Qualitäten im Wohngebiet schliessen.11

1 Vgl. Trovit Immobilien, Sehr schöne Wohnung am Bundesratufer.
2 Vgl. Eichmann Verwaltungsgesellschaften, Krefelderstrasse 4.
3 Vgl. Verwaltungsgesellschaft Hubensack, Krefelder Straße 20.
4 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berliner Mietspiegel 2011, S. 11.
5 Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berliner Mietspiegel 2011, S. 12.
6 Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Fis-Broker, Monitoring Soziale Stadtentwicklung.
7 Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Fis-Broker, Arbeitslose 2004.
8 Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Fis-Broker, Sozialhilfeempfänger 2004.
9 Vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Fis-Broker, Ausländeranteil 2004.
10 Vgl. Falk, Städtische Quartiere und Aufwertung: Wo ist Gentrification möglich?, S. 17, S. 54.
11 Vgl. Falk, Städtische Quartiere und Aufwertung: Wo ist Gentrification möglich?, S. 52f., S. 81-84


Die Entwicklung des Südkiezes zum Wohngebiet

Der Südkiez ist also ein Wohnquartier mit hohem baulichen und sozialen Status, einem hohen Wohnwert. Nun die Frage wie es zu dieser Differenzierung zwischen Nord und Süd in Moabit gekommen ist. Was ist passiert? Gab es einen Aufwertungsprozess? Kam es dabei zu Verdrängung von Bewohnern mit niedrigerem ökonomischen Potential? Dazu ein Blick auf die Geschichte des Kiezes.

Ein Teil des heutigen Südkiezes liegt im historischen Kern Moabits, der südlich von Alt-Moabit, rund um den kleinen Tiergarten entstand. Anfang des 18. Jahrhunderts siedelten sich in dem als “Hinterer Tiergarten” bezeichneten Gebiet Hugenotten an. Im Versuch, ihre wirtschaftliche Grundlage auf der Seidenraupenzucht und Maulbeerplantagen aufzubauen, scheiterten die Kolonisten jedoch,1 da der “Sandfleck” 2 zu unfruchtbar war.
So wurde Moabit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum beliebten Ausflugsziel für das Berliner Grossbürgertum. Die reichen Stadtbürger bauten sich hier Landhäuser und ließen sich prachtvolle Gärten anlegen.3
Im heutigen Südkiez befanden sich zu dieser Zeit zwischen Elberfelder Straße und Jagowstraße zwei Gehöfte mit westfälischen Inhabern. Sie betrieben Schankwirtschaften und eine Pumpernickelbäckerei für die Ausflugsgäste.1 Daher kommt auch der Name “(Rheinisch) Westfälisches Viertel” für den Südkiez.
An der Gotzkowskystraße befand sich bis 1824 der “Rhabarber-Hof”. Dorthin wurden die königlichen Pferde bei Koliken auf Kur geschickt.4
Das Areal südlich der heutigen Levetzowstraße war zumindest bis 1888 als Judenwiese dokumentiert.5 Der Name kam von der “Wulff’schen Bleiche”, einer Reinigung, die von einem “Schutzjuden” betrieben wurde.6 Erst um 1900 wurde das Gelände zeitgleich mit dem oberen Südkiez parzelliert und bebaut.

Anfang des 19. Jahrhunderts siedelten sich die ersten Industriebetriebe in Moabit an.  Die Vorraussetzungen waren ideal: die Bodenpreise waren vergleichsmässig niedrig, die Grundstücke gross und die Spree war idealer Transportweg7 Daher war der Süden entlang des Flusses besonders beliebt für die Ansiedlung von Industriebetrieben.
1842 erwarb der Unternehmer August Borsig einige Grundstücke im heutigen Südkiez,  und errichtete dort ein Eisen Gieß- und Walzwerk.8 Einige Jahre später begann Borsig mit dem Bau seiner Villa an der heutigen Stromstraße mit einer beeindruckenden Gartenanlage, gestaltet von Lenné. Im Jahre 1872 wurde das Areal des Eisenwerks nach Westen hin um das doppelte vergrössert, bis zur heutigen Elberfelder Straße.9,10

1861 wurde Moabit zu Berlin eingemeindet. Nun war der Hobrecht Plan gültig. Dieser sollte die Erschliessung des Stadtteils verändern und das Gebiet verdichten.7
Von 1871-1880 verdoppelte sich die Bevölkerung von Moabit. So entstanden die dicht bebauten Arbeiterwohnquartiere, die möglichst nahe an den Arbeitsstätten gelegen sein sollten, in den nördlichen Teilen Moabits. Die Wohnverhältnisse in den dicht bewohnten Mietshäusern waren prekär.11
In Tiergarten waren die Wohnverhältnisse weitaus besser als in Moabit. Ab dem Jahr 1874 wurde das Gebiet der “Schöneberger Wiesen” von Investoren gekauft und bebaut. “Es entstand ein vornehmes, großbürgerliches Wohnviertel an der Grenze zu Moabit, das “Hansa-Viertel”, in dem überwiegend Richter und Beamte wohnten.” 12
Das Bild von Moabit hingegen war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem geprägt von Industriebetrieben im Süden, Mietskasernen im Norden, sowie Villen und Gärten der Großindustriellen (Villa Pflug, Villa Borsig und Villa Ravené).13

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderten sich die Anforderungen der Industriebetriebe. Vor allem war die Nachfrage nach mehr Fläche gross, die Städte wurden immer dichter und so wanderten viele Produktionsstätten an den Stadtrand.14
Auch die Borsig’sche Eisengießerei wurde 1896 nach Tegel verlagert. Das Grundstück der ehemaligen Borsigwerke wurde parzelliert und bebaut.15 Da nicht sofort ein zahlungskräftiger Kunde für das Areal gefunden werden konnte, wurde es an die “Neue-Bellevue-Aktiengesellschaft für Grundstücksverwertung” verkauft. Diese übernahm die Aufschliessung des Grundstückes als Wohngebiet zur Gestalt des heutigen Elberfelder Kiezes.16 Nach Abriss der Villa 1911 wurde auch dieses Areal (Alt-Moabit-Stromstrasse-Essener Strasse) parzelliert.17
Zu dieser Zeit war die Hinterhofbebauung in Berlin bereits verboten. Die Grundstücke wurden weitaus undichter bebaut als in den Jahren zuvor. So blieb Borsigs Garten in Innenhöfen teilweise bis heute erhalten (z.B. der “Essener Park”).18
“Werfen wir noch einen Blick auf die Wohnbebauung selber, die an Stelle der Fabrikanlagen Borsigs getreten sind: Es sind Häuser, deren Fassaden den großzügigen Zuschnitt der Vorderhauswohnungen erkennen lassen. Sie sind sichtlich angepasst an das Niveau des Hansaviertels.” 17
Ein Beispiel für diese Wohnbebauung findet sich am Bundesratufer 2, das “Haus Lessing”. Im Vorderhaus befanden sich großzügige 6-Zimmer-Wohnungen mit Spreeblick.18

Im zweiten Weltkrieg wurden im Vergleich zu anderen Teilen Berlins nur wenige der Wohngebäude auf den ehemaligen Borsiggründen beschädigt.19 Die Mehrheit dieser großzügigen Gründerzeithäuser ist heute gut erhalten und saniert.
Südlich der Levetzowstrasse hingegen, am Areal der ehemaligen Judenwiese, wurde ein grosser Teil der Wohnbebauung im zweiten Weltkrieg zerstört. 19 Direkt nach dem Krieg wurden an der Wullenweberstraße Nissenhütten als Notunterkünfte errichtet. Zu dieser Zeit wurde dort, direkt an der Spree, ein Sportplatz angelegt, aus dem später das Sportzentrum GutsMuths wurde.20 In den Nackkriegsjahren, bis in die 70er Jahre, wurde das Aral der ehemaligen Judenwiese großteils mit Wohnbebauung in geringer Dichte wieder bebaut.21 So präsentiert sich dieser Teil des Südkiezes heute als sehr ruhiges, grünes Wohngbiet.
Das historisch stark mit dem Südkiez verbundene Hansaviertel auf der anderen Seite der Spree war nach dem Krieg praktisch völlig zersört.
Zur “Interbau” 1957 beschloss man die Errichtung eines repräsentativen Viertels für Westberlin, als Antwort auf die ostberliner Stalinallee.22 Dieses neue, glanzvolle Hansaviertel hatte bestimmt auch Auswirkungen auf das, am anderen Flussufer gelegene, Westfälische Viertel.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich der Südkiez historisch anders als der Rest von Moabit entwickelt hat. Während im Norden von Moabit schon in der Zeit der industriellen Hochblüte dichte Arbeiterwohnquartiere entstanden, blieb der Süden bis Ende des 19. Jahrhunderts Industriegebiet. Als die Produktionsstätten an den Stadtrand siedelten, errichtete man im Südkiez größzügigere Wohnhäuser als im Norden, für ein städtisches Grossbürgertum. Auch die Bebauungsvorschriften waren strenger geworden, sie erlaubten es nicht mehr so dicht wie in den Jahren zuvor zu bauen. Orientiert hat sich das Westfälische Viertel schon damals mehr am gegenüberliegenden, großbürgerlichen Hansaviertel denn am Rest von Moabit. Je mehr Brücken über die Spree gebaut wurden, umso stärker wurde die Verbindung des Südkiezes mit Hansaviertel und Tiergarten.

1 Vgl. Badisch/ Cullen, Tiergarten, S. 41.
2 Vgl. Engel/ Jersch-Wenzel/ Treue, Geschichtslandschaft Berlin. Bd. 2, S. 152.
3 Vgl. Engel/ Jersch-Wenzel/ Treue, Geschichtslandschaft Berlin. Bd. 2, S. 154-155.
4 Vgl. Schwarz, Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 2, S. 113.
5 Vgl. Liebenow Plan, Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemtropole. Bd. 1, S. 476.
6 Vgl. Torka, 20 Jahre Wulle.
7 Vgl. Badisch/ Cullen, Tiergarten, S. 39-41.
8 Vgl. Engel/ Jersch-Wenzel/ Treue, Geschichtslandschaft Berlin. Bd. 2, S. 157-158.
9 Vgl. Schwarz, Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 2, S. 96.
10 Vgl. Engel/ Jersch-Wenzel/ Treue, Geschichtslandschaft Berlin. Bd. 2, S. 157-158.
11 Vgl. Thienel-Saage, Wohnungsbau und Wohnverhältnisse im Industriestandort Moabit, in: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemtropole. Bd. 1, S. 505-516.
12 Schmidt-Clausing, Geschichte des Hansaviertels, zit. n. Badisch/ Cullen, Tiergarten, S. 54-56.
13 Vgl. Thienel-Saage, Wohnungsbau und Wohnverhältnisse im Industriestandort Moabit, in: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemtropole. Bd. 1, S. 505-516.
14 Vgl. Hofmeister, Moabit: Durchgangsstation im Zuge der Radwanderung der Industrie?, in: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd.1, S. 189.
15 Vgl. Escher, Siedlungsgeschichte Moabits, in: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd.1, S. 449f.
16 Vgl. Engel/ Jersch-Wenzel/ Treue, Geschichtslandschaft Berlin. Bd. 2, S. 157-158.
17 Schwarz, Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 2, S. 88.
18 Vgl. Schwarz, Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 2, S. 95f.
19 Vgl. Sen­StadtUm 2011: Fis-Broker. Gebäudeschäden 1945.
20 Vgl. Torka, 20 Jahre Wulle.
21 Vgl. Sen­StadtUm 2011: Fis-Broker. Gebäudealter 1992/93.
22 Vgl. Badisch/ Cullen, Tiergarten, S. 118-120.


Der Südkiez als innerstädtische Gold Coast

Historisch hatte der Südkiez also schon seit seiner Entstehung als Wohngebiet einen hohen sozialen und baulichen Status. Kann es dann überhaupt zu einer Aufwertung gekommen sein?

“Unter Aufwertung ist ein Ansteigen der Bewertung des sozialen Status eines Gebietes zu verstehen, das seine Entsprechung in der Verbesserung der Bausubstanz dieses Gebietes hat. … Damit ein Gebiet aufgewertet werden kann, ist es notwendig, daß der soziale Status des Gebietes nicht besonders hoch, die Bausubstanz hinreichend renovierungsfähig und ein Austausch der Bevölkerung möglich ist.” 1  Laut Falk ist ein Gentrifizierungsprozess in “hochwertigen oder stabilen Wohngebieten” nicht möglich. Unter “hochwertigem Wohngebiet” versteht Falk Gebiete, die in ihrem sozialen und baulichen Zustand hoch bewertet sind. “Eine Aufwertung kann nur für Gebiete nicht in Frage kommen, die bereits in beiden Dimensionen sehr hoch bewertet sind.” 1
Außerdem muss der Status eines Gebietes unterbewertet sein, damit eine Aufwertung überhaupt stattfinden kann.2 Zum Beispiel wenn ein Wohngebiet hohe externe Qualitäten hat, die Wohnungen jedoch schlecht ausgebaut sind und der Mietpreis entspricht den niederen internen Qualitäten.
Der Südkiez war historisch schon immer ein baulich und sozial hoch bewertetes Wohngebiet mit hohem Wohnwert. Somit ist es laut Falk nicht möglich, dass im Elberfelderkiez ein Aufwertungsprozess stattgefunden hat. Falls es jemals zu einer Verdrängung gekommen ist, dann wurden Wohnungsnachfrager verdrängt, die sich aufgrund ihres ökonomischen Potentiales auch anderswo am Wohnungsmarkt durchsetzen konnten.2

Falk nennt Kritierien, die Gebiete, die für einen Gentrifizierungsprozess in Frage kommen teilweise erfüllen müssen. Falls alle diese Qualitäten in einem Teilgebiet vorhanden sind, dann handelt es sich um eine traditionelle innerstädtische “gold coast”.3
Der Begriff “gold coast” wurde 1929 vom Soziologen Harvey Warren Zorbaugh in seinem Buch “The Gold Coast and the Slum: A Sociological Study of Chicago’s Near North Side” geprägt. Mit “gold coast” meint er die teuerste Wohnlage der Stadt am Ufer des Sees, die sich nur die reichsten Bürger der Stadt leisten konnten.4 Übertragen wird der Begriff für ehemaligen großbürgerlich Wohnviertel und heutige “Premiumlagen” des Immobilienmarktes verwendet.
Der Elberfelderkiez erfüllt alle von Falk genannten Kriterien für eine “gold coast”: Er liegt zentral in der Stadt, ist nicht zu dicht bebaut, der bauliche Zustand ist gut, viele Gebäude stammen aus der Gründerzeit, es ist kein reines Wohngebit und das Gebiet liegt in attraktiver natürlicher Umgebung. Da der Südkiez auch historisch diese Kriterien schon immer erfüllt hat, ist davon auszugehen, dass eine Verdrängung allenfalls auf hohem Niveau passiert sein könnte, also keine sozial Schwachen verdrängt wurden.3

Das Nord-Süd-Gefälle in Moabit erklärt sich also historisch. Der Elberfelderkiez wurde erst etwas später bebaut als der Norden, undichter und in höherer Qualität, für ein wohlhabendes, städtisches Bürgertum. Orientiert hat sich das Teilgebiet schon immer mehr am gegenüberliegenden Hansaviertel denn am Rest von Moabit.
Diese historische gute Bausubstanz, sowie die besondere zentrale Lage an der Spree und die Nähe zum Tiergarten machen den Südkiez heute zu einem Gebiet in Berlin mit besonders hoher Wohnqualität. Heute wie damals entstammten die Bewohner des Elberfelderkiezes einer wohlhabenderen Bevölkerungsschicht. Eine innerstädtische Gold Coast.

1 Falk, Städtische Quartiere und Aufwertung: Wo ist Gentrification möglich?, S. 50.
2 Vgl. Falk, Städtische Quartiere und Aufwertung: Wo ist Gentrification möglich?, S. 50,90.
3 Vgl. Falk, Städtische Quartiere und Aufwertung: Wo ist Gentrification möglich?, S. 93.
4 Vgl. Warren Zorbaugh, The Gold Coast and the Slum: A Sociological Study of Chicago’s Near North Side.

Abb.6:  Gold Coast Südkiez, © Tamara Egger
Abb.6: Gold Coast Südkiez, © Tamara Egger

 

Artikel: Gold Coast Südkiez


Quellenverzeichnis

Literatur
Badisch, Rosemarie/ Cullen, Michael, Tiergarten, Hg. u. kommentiert v. Wolfgang Ribbe, Berlin: Colloquium Verlag 1991.

Engel, Helmut (Hg.), Historische Stadtgestalt und Stadterneuerung: Berlin, Berlin: Senator für Bau- und Wohnungswesen 1975.

Engel, Helmut/ Jersch-Wenzel, Stefi/ Treue Wilhelm (Hg.), Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse. Tiergarten. Bd. 2. Moabit, Berlin: Nicolai 1987.

Falk, Wilhelm, Städtische Quartiere und Aufwertung: Wo ist Gentrification möglich?, Stadtforschung aktuell, Bd. 49, Basel (u.a.): Birkhäuser 1994.

Friedrichs, Jürgen, Stadtanalyse: soziale und räumliche Organisation der Gesellschaft, Opladen : Westdeutscher Verlag 1983.

Schmidt-Clausing, Fritz, Geschichte des Hansaviertels, Berlin 1954.

Schwarz, Karl (Hg.), Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 1. Aufsätze. Die Entwicklung der Industriestadt Berlin – das Beispiel Moabit, Berlin: Technische Universität Berlin 1981.

Schwarz, Karl (Hg.), Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Bd. 2. Kompaß. Leitfaden zum Lehrpfad zu historischen Stätten des Berliner Nordens, Berlin: Technische Universität Berlin 1981.

Warren Zorbaugh, Harvey, The Gold Coast and the Slum: A Sociological Study of Chicago’s Near North Side, Chicago: University Of Chicago Press 1983.

Internet
http://elberfelder.blogspot.de/, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Torka, Susanne, Luxussanierung jetzt auch im Stephankiez, Dezember 2010; http://www.moabitonline.de/6397, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Trovit Immobilien, Sehr schöne Wohnung am Bundesratufer; http://immobilien.trovit.de/index.php/cod.frame/url.http%253A%252F%252Fmobillo.de%252Findex.cgi%253Ftpl%253Dshow_object%2526obj%253D305105/id_ad.1B1L01Yy1hPE/type.1/what_d.ruhige%20viertel%20berlin%20garten/pos.6/org.1/pop.1/publisher_id./referer_id.1/t.1, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Eichmann Verwaltungsgesellschaften, Krefelderstrasse 4; http://www.eichmann.org/unsere-hauser/krefelderstrasse-4/, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Verwaltungsgesellschaften Hubensack, Krefelder Straße 20; http://www.hbv-hubensack.de/zu-den-verwaltungsobjekten/krefelder-strasse-20, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berliner Mietspiegel 2011; http://www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/mietspiegel/de/download/Mietspiegel2011.pdf, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Fis-Broker, Monitoring Soziale Stadtentwicklung; http://fbinter.stadt-berlin.de/fb/index.jsp, letzter Zugriff: 18.03.2013.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Fis-Broker, Historische Karten; http://fbinter.stadt-berlin.de/fb/index.jsp, letzter Zugriff: 18.03.2013.

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Wohnbebauung auf den ehemaligen Borsiggründen, Tamara Egger.

Abb.2: Haste mal ne Tüte, Torsten Schmidt, Elberfelder Kiez; http://elberfelder.blogspot.de/, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Abb.3: Nachbarschaftliche Putzaktion, Torsten Schmidt, Elberfelder Kiez; http://elberfelder.blogspot.de/, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Abb.4: Ampelmann, Torsten Schmidt, Elberfelder Kiez; http://elberfelder.blogspot.de/, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Abb.5: Bitte gieß mich, Torsten Schmidt, Elberfelder Kiez; http://elberfelder.blogspot.de/, letzter Zugriff: 04.03.2013.

Abb.6: Gold Coast Südkiez, Tamara Egger.

It\'s only fair to share...Email this to someonePrint this pageShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on Pinterest
Tagged with 

Schreibe einen Kommentar