Klein-Beirut und die Leere

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Ein Vergleich von Gotzkowsky- und Huttenstraße hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und Entwicklungsstadien im Gentrifizierungsprozess

Beginnen wir unseren Ausflug am Zoologischen Garten im Herzen des alten Westberlin. Ein Bahnhof mit Obdachlosen, doch zum KaDeWe ist es nicht weit; die Wilmersdorfer Damen im Pelz stolzieren unweit über die nächste Kreuzung. Wir steigen ein in den Bus 245, setzen uns in der oberen Etage des Doppeldeckers direkt vor das Panoramafenster. Nachdem der Bus den Ernst-Reuter-Platz halb umfahren hat, biegen wir ab in Richtung Norden. Der urbanen Atmosphäre folgt nun das Diffuse eines Industriegebiets, Großmärkte und Autohäuser locken nur Ortskundige in diesen Teil Berlins, keine zehn Minuten vom Zoologischen Garten entfernt. Nachdem wir die Gotzkowskybrücke überquert haben steigen wir aus dem Bus, hier beginnt also Moabit. Wir stehen an der unübersichtlichen Kreuzung Alt-Moabit/Gotzkowskystraße, wobei deren nördliche Kreuzungseinfahrt – die Gotzkowskystraße – vom starken Autoverkehr verschont wird. Laufen wir von hier aus das erste, zirka 350 Meter lange, Betrachtungsgebiet in Richtung Norden treffen wir auf die Turmstraße. Gehen wir auf dieser linkerhand nochmals 100 Meter beginnt die Huttenstraße deren Betrachtungsgebiet nach den ersten 250 Metern endet, da hier das Industriegebiet im Westen Moabits beginnt. Doch wir sollten langsam laufen, ganz genau die Läden der Gotzkowsky- bzw. Huttenstraße und deren Straßenleben beobachten.

In seinem 1925 erschienen Artikel „Die Stadt als räumliche Struktur und sittliche Ordnung“ (Park 1983, S. 310) beschreibt Robert E. Park die Stadt als Agglomeration differenzierter Gemeinden, deren Grenzen nicht anhand von „politischen und verwaltungstechnischen Gründen“ gezogen werden könnten. Jedes Quartier habe, so der Autor, ganz eigene Charakteristika, hervorgehend aus der Unterschiedlichkeit der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung. Dass Moabit sich von Charlottenburg unterscheidet liegt auf der Hand und ließ sich auf unserer Busreise klar erkennen. Doch selbst zwischen der Gotzkowsky- und Huttenstraße bestehen Unterschiede, die nicht mit einer reinen Haupt- und Nebenstraßenlogik zu begründen sind. Neben dieser kleinräumigen Differenzierung auf Basis sozialer Indikatoren beschreibt Park außerdem die durch die unter anderem von ihm mitbegründeten Chicagoer Schule entwickelte Einteilung der Stadt in verschiedene Ringe, die sich um das Zentrum ansiedeln. Der das Zentrum umgebende Ring wird durch seinen Kollegen Ernest W. Burgess in dessen Text „The Growth of the City“ näher beschrieben. Dieser sei geprägt durch „poverty, degradation, and disease, and […] underworlds of crime and vice“ (Burgess 1967, S. 55), mit anderen Worten „slums“ (Burgess 1967, S. 54). Die sich hier ansammelnden Immigrantengemeinden, wie „Greektown“ oder „Chinatown“ (Burgess 1967, S. 56) sind für ihn faszinierende Verbindungen von Heimattraditionen und amerikanischen Werten. Auch auf unserer Fahrt vom Zoologischen Garten nach Moabit haben wir diesen Wechseln vom Zentrum in den ersten Ring erlebt, wir sind von der nahezu rein kommerziell genutzten Umgebung des Kurfürstendammes in das durch Immigration geprägte Moabit gefahren, dessen Ruf nicht der Beste ist.

Beide Straßen haben zunächst ähnliche städtebauliche Ausgangslagen, sie sind Nebenstraßen der Turmstraße, beide durch Verbindungen nach Charlottenburg als übergeordnet zu betrachten, jedoch aufgrund der Zwei- bzw. in kurzen Abschnitten Dreispurigkeit nicht so stark befahren wie die Parallelstraßen Alt-Moabit und Kaiserin-Augusta-Allee sowie die Beusselstraße. Sowohl die Gotzkowskystraße als auch die Huttenstraße führen aus der Insellage Moabits, die hervorgeht aus starken Grenzen wie Bahninfrastruktur im Norden und Osten und Wasserwege im Süden und Westen des Stadtteils. Doch während die Huttenstraße in Richtung Westen in einen ähnlich isolierten Teil Charlottenburgs führt, kann die Gotzkowskystraße als belebtere Verbindung in das von uns bereits besuchte „City-West“ betrachtet werden. Beide Betrachtungsgebiete weisen eine Verbindungsfunktion auf, deren Nutzung jedoch durch einen geringeren Ausbau der Straßenbreite gegenüber den Parallelstraßen eingeschränkt ist, man kann also von Kiezstraßen sprechen, die sich in einer Straßenhierarchie zwischen den Hauptstraßen (bspw. Turmstraße) und den Wohnstraßen (bspw. Zwinglistraße und Rostocker Straße). Die straßenbegleitenden Gebäude bestehen in beiden Gebieten aus gründerzeitlicher Blockbebauung, wobei immer wieder einzelne Blockfragmente aus den 60er und 70er Jahren stammen. Der Sanierungszustand der Gebäude im südlichen Abschnitt der Gotzkowskystraße ist gut, in deren nördlichem Teil und in der Huttenstraße handelt es sich um eher geringfügig sanierte Gebäude, es lassen sich hier jedoch keine signifikanten Unterschiede hervorheben.

Noch. Denn auch Moabit gehört wie Kreuzberg, Neukölln oder Friedrichshain zu den Innenstadtbezirken, die von Mietsteigerungen betroffen sind und deren Namen häufig in einem Satz mit Gentrifizierung genannt werden. Doch das Vergleichen auf Bezirksebene, auf Grundlage administrativer Grenzen funktioniert beim Thema der Gentrifizierung nicht, hier muss Stadtentwicklung nach dem Ansatz von Park kleinräumiger betrachtet werden. Die Frage, ob Moabit von Gentrifizierung betroffen sei, sollte also eher lauten: Sind Teile Moabits sind von Gentrifizierung betroffen, wenn ja, welche und in welchem Stadium befindet sich die Aufwertung? Diese kleinräumigere Untersuchung soll nun anhand der beiden Betrachtungsgebiete durchgeführt werden.

Abbildung1: Moabit_Untersuchungsgebiete


Abbildung1: Untersuchungsgebiete mit umliegenden Hauptstraßen

Die Ausgangslage beider Betrachtungsgebiete scheint ähnlich zu sein, mit leichtem Vorteil für die Gotzkowskystraße, da sie Moabit mit der attraktiven „City-West“ verbindet. Dieser städtebaulich-räumlichen Analyse steht eine Analyse der konkreten Erdgeschossnutzungen sowie des Straßenbildes gegenüber. Waren sich die beiden Gebiete nach der ersten Analyse noch sehr ähnlich, zeigen sich hier starke Unterschiede sowohl in der subjektiv wahrgenommenen Atmosphäre als auch in der durch eine Kartierung ermittelten Nutzung der Erdgeschosse. Das in der Huttenstraße angesiedelte Gewerbeangebot zielt stark auf Migranten, besonders aus dem arabischen Raum stammend ab, hier gibt es Gastronomien mit libanesischer und persischer Küche im niedrigen bis mittleren Preissegment, kleinere Supermärkte und Lebensmittelläden, die mit Halal-Produkten werben und einen arabischen Juwelier. (Vgl. Abb. 1) In der Gotzkowskystraße zeigt sich das Angebot deutlich heterogener, hier liegt die das Eiscafe neben dem libanesischen Lebensmittelgeschäft, das günstige vietnamesische Restaurant gegenüber dem teuren Friseur. Während die Gotzkowskystraße von starkem Leerstand betroffen ist, scheint sich in der Huttenstraße eine feste Gewerbestruktur etabliert zu haben. Hier wurden 31  Ladengeschäfte kartiert, von denen keines zu vermieten und leerstehend war, in der Gotzkowskystraße sind es hingegen bei 59 kartierten Ladengeschäften 7 zu vermietende oder leerstehende Geschäfte, was einer Quote von 12,3% entspricht. (Vgl. Abb. 2) Sieht man das Erdgeschoss als Zeiger für die Attraktivität eines Gebiets und die „eigentliche ‚belebte Schicht’ des Stadtraums“ (Pesch 2010, S.1), so muss die Gotzkowskystraße als Problemstraße, die Huttenstraße hingegen als funktionierende Kiezstraße gesehen werden. Vergleicht man diese These mit den in der durch die TOPOS Stadtforschung 2009 durchgeführten Sozialstudie Moabit West, so scheint sich hier ein Divergenz zwischen realem Straßenbild, stark durch die Erdgeschossnutzung geprägt, und ermittelter Sozialstatistik aufzutun. Die in der Studie verglichenen Teilgebiete ‚Beusselkiez’ und ‚Ostteil’ unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Sozialstrukturen wie Einkommen, Migrantenanteil, Bildungsniveau und Arbeitslosigkeit. Der Beusselkiez, in dem die Huttenstraße neben der Beusselstraße eine der wichtigen Straßen darstellt, wird hier mit einer Bewohnerschaft beschrieben, die „ein Einkommensniveau, das 20% unter den Berliner Durchschnitt liegt“ (TOPOS 2010, S.53) hat, in der „60% der Personen einen […] migrantischen Hintergrund“ (TOPOS 2010, S.53) haben und von der „17% der Erwachsenen keinen Bildungsabschluss“ (TOPOS 2010, S.53) haben. In der Analyse der Sozialstatistiken wird der Ostkiez, in dem die Gotzkowskystraße die Quartiersstraße darstellt, deutlich positiver bewertet. Hier liegt „hinsichtlich des gesamten QM-Gebiets ein überdurchschnittliches, verglichen mit Berlin ein knapp durchschnittliches Einkommensniveau“ (TOPOS 2010, S.54) vor, und auch „Armut und Arbeitslosigkeit und die Erwerbstätigkeit liegen im Bereich des Berliner Durchschnitts“ (TOPOS 2010, S.54). Auf der Suche nach Nutzungen, die auf eine Gentrifizierung hinweisen wird man in der Huttenstraße nicht fündig, in der Gotzkowskystraße könnten zwei Nutzungen darauf hinweisen. Das ist einerseits ein Waschsalon, der mit freiem W-lan und gutem Kaffee wirbt und im Inneren durch die Sechziger-Jahre-Tapete und Kronleuchtern eher einem szenigen Cafe denn einem Waschsalon gleicht. Der zweite Hinweis auf eine Aufwertung des Gebietes besteht in dem bereit genannten hochpreisigen Friseursalon. Hier lief beim Betreten des Geschäftes laut Technomusik auf mobilen Boxen, während die beiden Friseure ihren Kunden szenige Haarschnitte verpassten.

Abbildung 2: Erdgeschossnutzung durch Migranten in derHuttenstraße


Abbildung 2: Erdgeschossnutzung durch Migranten in der Huttenstraße

Abbildung 3: Leerstand in der Gotzkowskystraße


Abbildung 3: Leerstand in der Gotzkowskystraße

 

Handelt es sich in der Gotzkowskystraße also um eine Aufwertung – deren Vorraussetzung der starke Leerstand ist? Und wenn die Gotzkowskystraße nun gentrifiziert wird, in welchem Stadium befindet sich die Huttenstraße? Die bisher analysierten städtebaulichen, nutzungsbezogenen und sozialstrukturellen Parameter finden sich in dem den Gentrifizierungsprozess beschreibenden Text „Gentrification“ von Andrej Holm aus dem Jahr 2012 wieder. So wird hier auf die „bauhistorische Vorraussetzung von Gentrification-Prozessen“ (Holm 2012, S.662) hingewiesen, die in den beiden Untersuchungsgebieten die nur ansatzweise sanierte Bausubstanz der gründerzeitlichen Blockbebauung darstellt. Das sich verändernde Angebot an Geschäften kann aus den durch die Gentrifizierung neu eingeführten Lebensstilen abgeleitet werden. Neigen die Gentrifier zu „kulturellen Inszenierungen der Freizeitgestaltung, […] Alltagsversorgung in Spezialitätengeschäften und […] regelmäßigen Nutzung von internationalen gastronomischen Angeboten“ (Holm 2012, S.662), so muss das auch die den öffentlichen Raum definierende Erdgeschossnutzung verändern. Hier ist jedoch fraglich, inwieweit es sich beim Leerstand in der Gotzkowskystraße um ein Phänomen handelt, das als Grundlage der Aufwertung zu sehen ist oder ob es nicht vielmehr als Folge zu betrachten ist. Da die Bewohnerschaft in diesem Untersuchungsgebiet aber als durchschnittlich verdienend einzustufen ist (vgl. TOPOS 2010), scheint es sich eher um ein Folge-Phänomen zu handeln, bei dem die Mieten der Wohnungen über den Erdgeschossen die Preise dieser in die Höhe trieben, ohne dass bereits neue ökonomisch stärkere Nutzungen folgen konnten. Das Verhältnis von Erdgeschossnutzung und Bewohnerschaft scheint in der Huttenstraße noch ausgeglichener zu sein. Hier ist anzunehmen, dass die Mieten noch nicht die gleiche Höhe wie in der Gotzkowskystraße erreicht haben, demnach die Kundschaft mit migrantischem Hintergrund noch im bzw. in der Nähe des Untersuchungsgebiets wohnt und auch die Erdgeschosse noch bezahlbar zu sein scheinen.

Betrachtet man die Gentrifizierung als Aufwertungsprozess, in dessen Verlauf sozial schlechter gestellte Bewohner aus einem Gebiet verdrängt werden (vgl. Holm 2012) so bezieht sich dies zunächst nur auf die Bewohner, demnach also auch die Nutzung oberhalb der Erdgeschosse. Da diese jedoch stark den Charakter der Erdgeschossnutzung beeinflussen, zumindest in der Theorie, müssten sich die Erdgeschossnutzungen der Bewohnerschaft angleichen. In der Huttenstraße scheint dies der Fall zu sein, im umliegenden Kiez leben viele Migranten mit geringem Einkommen, die Geschäfte im Erdgeschoss haben darauf reagiert. In der Gotzkowskystraße hingegen scheint die Veränderung der Erdgeschossnutzung der des Wohnungsmarktes hinterher zu hinken. Vielleicht war der Druck auf den Wohnungsmarkt hier zu schnell und zu stark, sodass die Gentrifizierungsphase in der Studenten, Künstler und andere Pioniere die heruntergekommene Bausubstanz aufwerten und damit den Gentrifizierungsprozess in Gang setzen (vgl. Holm 2012) übersprungen wurde. Sofort kamen erste einkommensstarke Gentrifier, jedoch ohne den oben bereits beschriebenen Lebensstil, der die Erdgeschossnutzung verändern könnte. Hier spielt sicherlich auch die Nähe zu einem bestehenden Zentrum wie der City-West eine entscheidende Rolle, denn vielleicht gehen die „Moabiter Gentrifier“ nicht in Secondhandgeschäften einkaufen, sondern ziehen es vor, durchs KaDeWe zu schlendern. Und hier zeigt sich auch ein kritischer Punkt, warum es unheimlich schwer erscheint, in Teilen Moabits einen Gentrifizierungsprozess nachzuweisen. Denn wie Park die Stadt als Zusammensetzung vieler sehr kleiner Teilgebiete beschrieben hat, muss auch die mittlerweile wieder in die Städte ziehende wohlhabende Schicht als Gruppe mit vielen kleinen Teilgruppen gesehen werden. Die nächste Gruppe kommt bestimmt und wird die Wohnungen über El-Reda in der Huttenstraße sanieren lassen, doch vielleicht sind wohlhabende Migranten (ja, auch die gibt es!) und das Erdgeschoss der Huttenstraße wird zumindest seinen exotischen Charme behalten.

 

Literaturverzeichnis

Park, Robert E. (1983 [orig. 1925]): Die Stadt als räumliche Struktur und als sittliche Ordnung, in: Schmals, Klaus M. (Hrsg.): Stadt und Gesellschaft. Ein Arbeits- und Grundlagenwerk. München 1983, S. 309-318.

Burgess, Ernest W. (1967 [orig. 1925]): The Growth of the City, in: Ders./Park, Robert E. (Hrsg.): The City. Chicago: The University of Chicago Press, S. 47-62.

TOPOS Stadtforschung (2010): Sozialstudie Quartiersmanagementgebiet Moabit West -2009-. Berlin: 88 S.

Pesch, Franz (2010): Wie man eine Stadt weiterbaut, in: Stuttgarter Zeitung. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.gastbeitrag-von-franz-pesch-wie-man-eine-stadt-weiterbaut-page3.fe9716da-1c4f-437d-afcb-373f010b9955.html, letzter Zugriff 16.3.2013

Holm, Andrej (2012): Gentrification, in: Eckardt, Frank (Hrsg.): Handbuch Stadtsoziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 661-687.

 

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Untersuchungsgebiete und umliegende Hauptstraßen (© Frederik Springer, 2013)

Abbildung 2: Erdgeschossnutzung durch Migranten in der Huttenstraße (© Frederik Springer, 2013)

Abbildung 3: Leerstand in der Gotzkowskystraße (© Frederik Springer, 2013)

 

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