Kunst, Kultur & Gentrification

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                In dem Prozess der Gentrifizierung, die Jürgen Friedrichs (1998: 64) als ein Wandel der Bevölkerung- und der Gebäudestruktur (sei es auch nur eine Modernisierung von Wohnungen), mithin zahlreiche Sachverhalte, deren Variation zu erklären ist, beschreibt, bleiben Kultur und Kunst oft Nebenfragen im Vergleich zur Mieterhöhung und sozialen Veränderungen. Kunst und Kultur sind dennoch ein wesentliches Teil dieses Prozesses, indem sie eine wichtige Rolle bei den Änderungen der Nützungen der Grundstücke und des Images des Bezirks spielen. Sind sie ein Beschleunigungsfaktor in der Gentrifizierungsentwicklung oder leiden sie im Gegenteil daran? Wie reagieren die Künstler angesichts der Gentrifizierung? Wie entwickelt sich also seit ein paar Jahren der Platz der Kultur in Moabit?

 

                Die Idee, die Entwicklung von Moabit aufgrund seiner sehr zentralen Lage im Stadtplan als Hauptpunkt der Kultur in Berlin zu fördern, ist nicht neu. Schon 1987 beschäftigte sich ein Städtebau- und Entwurfsseminar des Prof. Dr. Holger Kühnel der TU Berlin mit der Reaktivierung der gewerblichen Restflächen des Westhafens und schlug dazu Projekte einer Riesen-Kultur- und Kongresshalle oder eines Hauses der experimentellen Kunst vor. Obwohl diese Projekte nur rein theoretisch geblieben sind, zeigten sie schon das hohe Potential von Moabit.

Aber trotz dieses Potentials wurden keine großen Kultur-Infrastrukturen in Moabit eingerichtet und das Gebiet hat zum Beispiel eine sehr geringe Anzahl von Museen (nur drei, was im Vergleich mit dem nahliegenden Mitte und seinen zahlreichen Museen sehr wenig ist [1]) ; kleinere quartiersgerechte vereinsmäßige Strukturen wie die Kulturfabrik Moabit (1991 eröffnet) wurden eher begründet.

Heutzutage zählt Moabit offiziell 10 Galerien[2], deren Mehrzahl im Süd-westlichen Teil des Gebiets sich befindet. Alle wurden zwischen 2003 und 2012 eröffnet[3]. 2005 fanden auch die ersten Moabiter Kulturtage Inselglück durch eine Initiative des Kunstvereins Tiergarten statt[4]. Ziel war die Arbeit von Künstlern aus Moabit einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und das große Potential des Quartiers vorzustellen. Seit ein paar Jahren öffnet sich also die Moabiter Kulturszene zu dem Rest der Stadt und bringt dadurch die Insel ans Licht. Die zeitgenössischen Galerien und solche großen Events wie die Moabiter Kulturtage sprechen ein neues Publikum an; eine Tatsache, die manchmal ängstlich angesehen wird.

Als Pioniere werden tatsächlich die Künstler oft beschuldigt, Motoren der Aufwertung und dadurch der Gentrifizierung des Viertels zu sein, denn „Künstler können folglich durch ihre kulturelle, praktische Distinktionstätigkeit ihren ästhetischen Habitus auf ein Viertel oder einen Ort übertragen und ihn dadurch mit Inhalt füllen“ (vgl. Dangschat 2009: 317). Die Pioniere, eine Sozialgruppe mit hoher Bildung und hohem kreativen Potenzial, jedoch geringer finanzieller Ausstattung, tragen also dazu bei, das Image des Bezirks allmählich zu ändern und ihn  für eine Sozialgruppe mit höherem Einkommen attraktiver zu machen. So fängt die zweite Phase der Gentrifizierung an, in welcher das Gebiet nun von den Investoren  als zukunftsträchtig betrachtet wird. Modernisierungen und Sanierungen werden ausgeführt, was zu einer Mietsteigerung und auch langsam zu einer Verdrängung der alteingesessenen Bewohner führt. Aus diesem Grund wird den Künstlern die Schuld für die Entwicklung der Gentrifizierung in einem Bezirk gegeben.

 

                Die Künstler gehören jedoch oft zu den ersten Geschädigten der Mieterhöhung, weil sie als Pioniere eigentlich auf der Suche nach billigen Mieten waren, die sie dann sich nicht mehr leisten können. Ein Beispiel dieses Prozesses ist der Werkhof in der Lehrter Straße 57[5]. Das große Ensemble von Backsteingebäuden wird von Tischlern, Fotografen, Architekten und Grafikern bewohnt, die dort ihre Ateliers eingerichtet haben, da die Mieten minimal waren. 2000 wurde aber der Werkhof von dem Eigentümer, die Oberfinanzdirektion (OFD), zum Verkauf gestellt. Die Mieter selber machten ein Angebot, das leider zu niedrig war, und fürchteten danach  durch einen neuen Eigentümer eine drastische Mietsteigerung, die sie zwingen würde auszuziehen. Dadurch hätte das Viertel auf einmal eine große künstlerische Vielfalt verloren. Um das zu vermeiden gründeten die Künstler und Handwerker eine „GbR Werkhof L57“ (Gesellschaft bürgerlichen Rechts), die von vielen Politikern unterstützt wurde.

Obwohl die Künstler diesen Prozess der Gentrifizierung selbst mit ausgelöst haben, müssen sie sich dann zwischen dem Wegzug oder dem Protest entscheiden.

Daher bilden sich Initiativen, die sich am Beispiel der Künstler des Gängeviertels in Hamburg[6] gegen die Verdrängung einsetzen. Eine davon ist die „Initiative Künstler gegen Verdrängung“[7], die Manifeste schreibt und Protestaktionen zustande bringt, wie am 23. Mai 2012[8] in Moabit zum Tag der Immobilienwirtschaft. Die Initiative „Wem gehört Moabit ?“ organisiert auch Runde Tische um die Frage der Gentrifizierung mit den Bewohnern zu besprechen und versucht durch Fragebögen und Gruppentreffen herauszufinden, welche Häuser inter­nationalen Fondsgesellschaften, Wohnungs­bau­gesell­schaften, Genossen­schaften oder Einzeleigentümern gehö­ren und wo Hausprojekte geplant sind.

In einem geringeren Ausmaß versuchen auch manche Künstler in ihrer Arbeit eine Selbstkritik ihrer Rolle in dem Entwicklungsprozess der Gentrifizierung einzusetzen und dadurch  eine Diskussion auszulösen. Der Künstler Michalis Pichler[9] hat eine Leuchtreklame gebaut, worauf der Satz „Gentrification lubricants“ rot strahlt. Die Installation wurde auf der Fassade seiner Galerie installiert. Sie weist also darauf hin, dass hier etwas zu sehen ist aber gleichzeitig stellt sie die Frage der Autonomie der Kunst, und ob diese nicht einfach ein von den Investoren instrumentalisiertes Objekt geworden ist.

Installation „Gentrification Lubricants“ von Michalis Pichler

Installation „Gentrification Lubricants“ von Michalis Pichler (Foto: Gentrication Blog)

               Im Gegensatz zu diesen bürgerlichen Initiativen kann die Ankunft einer neuen Bevölkerung mit höherer Bildung und höherem Einkommen auch gern von den Künstlern gesehen werden. Dank dieses neuen Publikums könnten Strukturen wie die Kulturfabrik (KuFa) in der Lehrter Straße zum Beispiel mehr Besucher bekommen und dadurch auch mehr Geld, was einer Entwicklung der Kultur in dem Quartier helfen könnte[10].

                Zu diesem Zweck wurden 2011 das Café Moabit und die Galerie Moabit von dem Verein „Moabit ist Beste“ eröffnet[11].  „Moabit ist Beste“ setzt sich sehr aktiv in das Quartiersleben ein; das Café Moabit ist ein Nachbarschaftstreffpunkt geworden und der Verein unterstützt nun durch die Galerie auch die Kunst. Dort werden Arbeiten von Moabiter Künstlern ausgestellt mit dem Ziel den Geist und die Ursprünglichkeit des Viertels zu behalten und diesen Künstlern zu helfen. Da der Verein schon der Initiator von mehreren Kiezaktionen war, war er in dem Bezirk gut vernetzt und die Galerie bekam dadurch eine bedeutende Kiezanbindung. Durch diese Initiative wird es versucht, den Kiezgeist zu verstärken und dadurch auch die Auswirkungen der Gentrifizierung zu vermindern.

Das Café Moabit – Nachbarschaftstreffpunkt (Foto: blog.inberlin.de)

Das Café Moabit – Nachbarschaftstreffpunkt (Foto: blog.inberlin.de)

                Die Insel Moabit ist also heutzutage dank seiner sehr zentralen und von dem Hauptbahnhof und dem Regierungsviertel nahen Lage ein Gebiet mit hohen geographischen Qualitäten geworden. Seit 2003 wird das bis jetzt ziemlich unauffällige Viertel mehr und mehr ans Licht gebracht. Galerien für zeitgenössische Kunst werden eröffnet und Initiativen wie die Moabiter Kulturtage Inselglück bringen ein neues Publikum in den Bezirk. Außerdem sind viele Künstler wegen der niedrigen Mietpreise in Moabit zugezogen und haben zu der Verbesserung des Images des Viertels beigetragen. Die Kunst und die Kultur sind also hier in der ersten Phase der Gentrifizierung Entwicklungsfaktoren dieses Prozesses. In der zweiten Phase, in welcher das Interesse der Investoren sich für das Gebiet erweckt  und Modernisierung der Gebäude ausgeführt wird, werden die Mieten langsam höher und die Künstler allmählich verdrängt. Die Kunst ist in dieser Phase kein Beschleunigungsfaktor mehr für die Gentrifizierung und leidet im Gegenteil daran. Die Künstler lassen sich oft nicht so einfach scheuchen und reagieren dagegen mittels Protestaktionen, Vereine oder sogar durch ihre eigene Arbeit. Aber manche sehen auch die Ankunft einer neuen Bevölkerung mit hoher Bildung als die Möglichkeit die Kultur in dem Viertel weiterentwickeln lassen zu können. Andere Initiativen versuchen auch durch die Förderung und die Unterstützung von Moabiter Künstlern beides zu vereinigen.

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[1] Berlin.de. Das offizielle Stadtportal: http://www.berlin.de/orte/museum/bezirk
[2] Moabit.net: http://moabit.net/rubrik/adressen/galerien
[3] Galerie Zweigstelle: http://www.zweigstelle-berlin.de/ Galerie Die Klassenbesten: http://www.dieklassenbesten.de   Galerie Plattform Moabit: http://www.co-sign.de Galerie Kurt-Kurt: http://www.kurt-kurt.de Galerie Mikhaylov: http://russische-gegenwartskunst.de.to/ Galerie ZK: galerie-zk.de Galerie Peterson und Partner: http://www.galerie-petersen-und-partner.de/ Galerie ars publica: http://www.galeriearspublica.de/ Galerieraum forma-t: http://www.forma-t.de/ Galerie Nord: http://www.kunstverein-tiergarten.de/ 
[4] Quartiersmanagement Moabit West (Beusselstraße): Inselglück – Moabiter Kulturtage 2006. http://www.moabitwest.de/Inselglueck-Moabiter-Kulturtage-2006.2099.0.html 
[5]Arbinger, Tobias (2000): Bund kassiert – Mieter frustriert: Moabiter Werkhof vor Verkauf. Gebot der Handwerker und Künstler zu niedrig. In: Tagesspiegel Online vom 27.07.2000 http://www.tagesspiegel.de/berlin/bund-kassiert-mieter-frustriert-moabiter-werkhof-vor-verkauf-gebot-der-handwerker-und-kuenstler-zu-niedrig/156216.html
[6] Kaiser, Lena (2012): Künstler als Entwickler. In: Taz Online vom 24.08.2012 http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/hamburger-gaengeviertel-besetzung-wir-wollten-ins-herz-der-stadt-a-712137.html
[7] Initiative Künstler gegen Verdrängung: http://berlinfueralle.de/
[8] Wem gehört Moabit?: 23.05.2012 http://wem-gehoert-moabit.de/2012/05-aktion-lebender-roter-teppich-zum-tag-der-immobilienwirtschaft/
[9] Fricke, Adib und Wirthmann, Markus (2008): http://kunst-blog.com/show.php?exhibit=1153[10] Raake, Lina (2012): Ein Dorf von Welt. In: Tagesspiegel Online vom 18.01.2012 http://www.tagesspiegel.de/berlin/kiezkultur-in-moabit-ein-dorf-von-welt/6081080.html

[10] Raake, Lina (2012): Ein Dorf von Welt. In: Tagesspiegel Online vom 18.01.2012 http://www.tagesspiegel.de/berlin/kiezkultur-in-moabit-ein-dorf-von-welt/6081080.html

[11] Verein Moabit ist Beste: http://doa21.biz/moabit/tags/regierungsviertel/  

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Literaturverzeichnis:

Arbinger, Tobias (2000): Bund kassiert – Mieter frustriert: Moabiter Werkhof vor Verkauf. Gebot der Handwerker und Künstler zu niedrig. In: Tagesspiegel Online vom 27.07.2000http://www.tagesspiegel.de/berlin/bund-kassiert-mieter-frustriert-moabiter-werkhof-vor-verkauf-gebot-der-handwerker-und-kuenstler-zu-niedrig/156216.html

Bartels, Gunda (2011): Moabits inoffizieller Bürgermeister macht klar Schiff. In: Tagespiegel Online vom 06.11.2011http://www.tagesspiegel.de/berlin/turmstrasse-ahoi-moabits-inoffizieller-buergermeister-macht-klar-schiff/5804978.html

Dangschat, Jens/Friedrichs, Jürgen (1988): Gentrification in der inneren Stadt von Hamburg. Eine empirische Untersuchung des Wandels von drei Wohnvierteln, Hamburg.

Friedrichs, Jürgen (1998): Gentrification. In: Häusermann, Hartmut (Hrsg.): Großstadt. Soziologische Stichworte. Opladen: Leske und Budrich, S.59-64

Holm, Andrej (2010): Berlin: Kunst gegen Gentrification? In: Gentrication Blog http://gentrificationblog.wordpress.com/2010/06/29/berlin-kunst-gegen-gentrification/

Kopp, Axel (2010): http://www.axelkopp.com/2010/09/ausbeutung-oder-win-win-gentrifizierung-und-die-rolle-des-kuenstlers-am-beispiel-des-hamburger-gaengeviertels

Kühnel, Holger (1988): Der Westhafen Berlin Moabit. Reaktivierung gewerblicher Restflächen und Brachen. S.8-18

Mathis, Daniela (2010): Gentrifizierung. Alles Kunst, oder was? In: Die Presse Online vom 21.05.2010 http://diepresse.com/home/leben/wohnen/568344/Gentrifizierung_Alles-Kunst-oder-was

Raake, Lina (2012): Ein Dorf von Welt. In: Tagesspiegel Online vom 18.01.2012 http://www.tagesspiegel.de/berlin/kiezkultur-in-moabit-ein-dorf-von-welt/6081080.html

Steglich, Ulrike (2012): Ein Gespräch mit dem Stadtsoziologen Andrej Holm. In: Moabit Online http://www.moabitonline.de/13744

Schulz, Bert (2012): „Wir Künstler sind auch Opfer der Verdrängung“. In: Taz Online vom 28.08.2012 http://www.taz.de/!100475/

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Abbildungsverzeichnis:

Abb.1 : Gentrification blog. “Gentrification-Lubricants-Installation”, http://gentrificationblog.wordpress.com/2010/06/29/berlin-kunst-gegen-gentrification/

Abb.2 : Blog.inberlin.de. „Café Moabit – von außen“ 22.02.2012, http://blog.inberlin.de/2012/02/caf-moabit-und-der-kiez-hat-ein-zuhause/cafe_moabit_p1160381/

 

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