Photo-Essay Moabit 1a

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kioskDas erste Bild zeigt einen Zeitungskiosk an der Ecke Rostocker- und Wittstockerstraßen. Hier kann man Zeitungen, Snacks oder eine Tasse Kaffee für einen Euro kaufen. Im Kiosk (der anscheinend auch als Treffpunkt der Kiezbewohner dient) waren neben dem Verkäufer (Besitzer?) türkischer Herkunft eine alte deutsche Frau, die Kaffee getrunken und mit dem Verkäufer geredet hat, und drei deutsche Männer, die schon seit langer Zeit (was man aus dem Gespräch von der Frau und dem Verkäufer folgern konnte) in dem Raum daneben (gehört vermutlich auch zum Kiosk) Bier getrunken haben. Die Zeitungen, die dort verkauft wurden, waren auch alle auf Deutsch, deswegen nehme ich an, dass der größte Teil der Kunden auch deutsche sind. Der Verkäufer, schien etwas unzufrieden zu sein, dass die Männer so lange dort sitzen und so viel trinken, aber er hat nichts dagegen unternommen, deswegen es ist schwer zu sagen, ob man das als einen Konflikt bezeichnen kann. Die Innenausstattung des Ladens (viele Bilder aus dem Türkei, viele alte Sachen usw.) kann als Strategie betrachtet werden, dem Raum eine Authentizität zu verleihen, aber auch als ein Versuch, den Raum zu historisieren, da man dort ein Gefühl bekommt, dass es den Kiosk schon seit sehr langen Zeit gibt, was, wie ich vermute, die neuen (deutschen?) Kunden zu gewinnen helfen kann.

Das zweite Bild zeigt ein Café in der Gotzkowskystraße 11. Dieses Café hat die Besonderheit, dass es gleichzeitig ein Waschsalon ist. Neben dem abgebildeten Raum gibt es noch weitere Räume, die die volle Ausstattung eines Waschsalons beinhalten. Nichtsdestotrotz ist es auch möglich, einfach nur einen Kaffee zu trinken. Die Preise für das Waschen (3,50 €) und Trocknen (0,80 € für 10 Minuten) spiegeln preislich den Durchschnitt wider. Heißgetränke sind mit je 1,50€ recht günstig. Benutzt wird der Waschsalon von jungen Leuten, die während ihres Aufenthaltes Getränke konsumieren, lesen und ggf. ihren Laptop nutzen. W-Lan für letzteres ist vorhanden. Ältere Leute nutzen den Waschsalon auch, allerdings nutzen sie vorrangig den Waschservice. Für 9 € waschen und trocknen die Angestellten die Wäsche. Die Besucher_innen in dem Waschsalon erscheinen als durchschnittliche Moabiter_innen. Nur die Gruppe weißer deutsche Arbeiter_innen erscheint schwach vertreten. Der Waschsalon nutzt neben den sehr modernen Waschmaschinen eine historisierende Einrichtung. Im Regal befinden sich alte Waschmittelpackungen und auch die Tapete deutet auf d e Vergangenheit hin. Die Kronleuchter und auch die Marienskulptur unterstützen dies. Die Einrichtung erweckt daher den künstlich wirkenden Eindruck einer langen Geschichte des Waschsalons/Cafés, der mit seinem Bezug zur Geschichte damit auch eine Authentizität erschafft.

Auf dem Bild 3 sieht man einen Spielplatz in der Berlichengenstraße. Der mit den Graffitis beschmierte Spielplatz ist offensichtlich ein beliebter Treffpunkt von den Jugendlichen. Da die Namen auf den Spielgeräten und den Wänden sind großenteils keine deutschen Namen, kann man vermuten, dass die meisten von diesen Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft sind. Die Graffitis können als eine Aneignungsstrategie von dem öffentlichen Raum gesehen werden, da man den Besitzanspruch auf diesen Raum erhebt, und auch als ein Mittel, die Authentizität des Raums zu konstruieren. Für diesen Jugendlichen ist auch anscheinend wichtig, ihre Zugehörigkeit zum Stadtteil zu zeigen, weil es auch manche Graffitis mit dem Bezirksnamen gibt. Auf die Konflikte in diesem Raum kann hinweisen, dass neben den Moabit-Graffitis, man auch Wedding- und Neuköllngraffitis sehen kann, was aber auch ein Zeichen nicht von dem Konflikt, sondern von dem freundlichen Miteinander sein kann. Auch ein Schild, der den „Verzehr von Alkohol“ auf dem Spielplatz verbietet, kann als Konfliktzeichen betrachtet werden, das das Problem des hohen Alkoholkonsums im Stadtteil ziemlich präsent ist.

Bild 3 zeigt die Brücke der Beusselstraße am Westhafen mit dem Ringbahn-Bahnhof Beusselstraße. Auf der Brücke befindet sich eine Bushaltestelle, an der unter Anderem der TXL Schnellbus zum Flughafen Tegel und der Bus Nummer 106 hält, der Schöneberg mit dem Wedding verbindet. Der Bahnhof befindet sich inmitten von Bahngleisen und ist daher nur über die Mitte der Brücke erreichbar. Auf der nördlichen Seite der Brücke befindet sich Gewerbegebiet und der Berliner Großmarkt, am südlichen Teil der Brücke beginnt der Stadtteil Moabit. Zur Brücke hin liegend hat sich im dortigen Wohngebiet auch etwas Gewerbe angesiedelt. Dies besteht neben einigen Läden aber hauptsächlich aus „Berliner Eckkneipen“ und Casinos sowie Erotik-Shops. Der Bahnhof ist ein reiner Durchgangsbahnhof. Der einzige Ort, der zum Verweilen einladen würde, ist der Imbiss auf der Brücke, der aber anscheinend geschlossen hat. Auf der Brücke ist es sehr kalt, besonders für die Leute, die dort auf einen der Busse warten müssen. Unten auf dem Bahnsteig sieht es nicht viel anders aus. Er füllt sich immer mit gänzlich neuen Leuten, nachdem eine S-Bahn angekommen oder abgefahren ist. Gelegentlich donnert noch ein Schnell- oder ein Güterzug am Bahnhof vorbei, was den trostlosen Eindruck, den die umliegenden Industrieanlagen erwecken, aber nur unterstützt.

An diesem Imbiss (Bild 5) ist für uns vor allem die Namensgebung von Interesse. Die Bezeichnung „Curry 76“ bezieht sich zunächst vermeintlich auf einen ehemaligen Postzustellbezirk. Tatsächlich handelt es sich um die Nummer des Eckhauses, vor dem sich die Wurstbude befindet. Dennoch (oder gerade deswegen) wird durch die Benennung eine Regionalität heraufbeschworen, da sie Bezug zum berühmten Imbiss „Curry 36“ herstellt (welcher tatsächlich in Kreuzberg 61, und nicht 36 liegt und ebenso nach der Hausnummer benannt ist). Gemeinsam ist beiden, dass sie dem Betrachter, dem die Postleitzahlen von vor 1993 nicht geläufig sind, eben diesen Bezug suggerieren. In jedem Fall wird durch die Namensgebung, wenngleich sie nicht originell sondern adaptiert ist, eine lokale Marke geschaffen, die sich vom vorherigen Namen „Bratwurst Hütte“ durch eine eher künstlich hergestellte Authentizität Kundschaft lockt. Begünstigt wird dieser Versuch durch die Lage an der Kreuzung der belebtesten und geschäftigsten Straßen des Kiezes, welche durch die zurückspringende Bebauung an dieser Stelle fast den Charakter eines Platzes erhält. Dadurch und durch die Bepflanzung mit teilweise altem Baumbestand ergibt sich in Kombination mit der umlaufenden Theke und Stehtischen eine Nutzung, die mit der hippen Namensgebung etwas in Kontrast steht: Neben eher jüngerem Publikum, das zur Mittagszeit und gegen Feierabend einen Imbiss einnimmt, fand sich trotz Kälte rund um den Kiosk ein über Stunden hauptsächlich trinkendes Stammpublikum. Ob diese letztgenannte Nutzung für die Betreiberinnen angesichts des Versuchs zur Bildung eines hochwertigeren Images ein Problem oder einen erwünschten zusätzlichen Umsatz darstellt, könnte durch ein Interview geklärt werden.

An anderen Stellen im Untersuchungsgebiet konnte Alkoholkonsum tatsächlich eindeutig als Konflikt identifiziert werden. Ausgerechnet der einzige spezialisierte Getränkefachhändler untersagt per Aushang Verzehr von Getränken sowie den Aufenthalt (sic!) vor dem Ladengeschäft. Dieses Schild (Bild 6) ist Teil eines Ensembles von insgesamt elf Aushängen im Schaufenster, von denen fünf Verbote oder Handlungsanweisungen für potentielle Kunden formulieren. Alle sind, Machart und Design nach zu urteilen, selbst am PC entworfen auf teils buntem A4-Papier gedruckt. Dieser Wald aus Zetteln und Verboten wird sicherlich durch eine gewisse Konfliktfreudigkeit des resolut auftretenden Betreibers stark begünstigt (dieser schickte sich an, den Fotografen zur Rede zu stellen, bevor dieser die Flucht antrat). Jedoch verweist gerade erstgenanntes Schild deutlich auf den Konflikt um die Nutzung des öffentlichen Raumes als günstiger und niederschwelliger Konsumort für Alkohol einerseits (eben außerhalb von Gaststätten, die höheres ökonomisches Kapital voraussetzen und andere Kontrollmechanismen haben) und den Wunsch nach Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit andererseits. Der öffentliche Konsum von Alkohol in der Beusselstraße außerhalb von Gaststätten war während der Untersuchung sehr präsent und war auch Thema auf anderen Schildmodifikationen an Spielplätzen.

Bilder sagen mehr als Worte – ein Klingelschild (Bild 7), wie es früher viele gab in Berlin, so grau wie es von außen wirkt, so viel Leben und Diversität lässt sich dahinter vermuten. Hier wurde noch nicht aufgewertet, die Strasse gilt sicher nicht als Traumadresse, die Bewohner haben vermutlich unterschiedliche Herkunft und Kultur, die Einkommen dürften weniger stark differieren.

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