Street-Reading in der Gotzkowskystraße

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Der von uns untersuchte Teil von Moabit, die rechte Seite der Gotzkowskistr, von der
Kreuzung zur Turmstr. kommend, bis zu „Freddy Leck sein Waschsalon“ ist sicherlich
noch nicht komplett durch saniert, aber es lassen sich schon erste Anzeichen der
Gentrifizierung finden, wie zum Beispiel oben genannten Waschsalon. Die Bewohner
gehören eher zur mittleren und unteren Einkommensklasse, so bieten die Geschäfte
Versorgung für den täglichen Bedarf, oft mit Angeboten auch oder speziell für Kunden
mit migrantischem Hintergrund, wie der iranische Lebensmittelladen oder die
Apotheke, in der auch auf türkisch beraten wird. Im „Textil-Restposten“-laden gibt es
Mode zu Billigstpreisen, auch das Ladenschild ist nur zweifarbig und einfach gestaltet
(wie die meisten anderen Geschäftsschilder im Untersuchungsgebiet), die anderen
Hinweise sind auf Papier ausgedruckt oder sogar handschriftlich. Anders die
„Suppenküche“, sie wirkt neu und frisch, es wird hier eine Alternative angeboten zum
sonst vorherrschenden Angebot aus Pizza, Döner und auch günstigen asiatische
Gerichte. Die Gestaltung des Ladenschildes ist einfach – wie der Name – aber modern,
in Form eines 30cm breiten Aufkleber über eine große Fensterfront, welche geeignet ist
zum `Sehen und Gesehenwerden`. Hierin könnte ein erster Konflikt um die
Verdrängung vom Alten durch das Neue zum Ausdruck kommen, dies wird auch von
Anwohnern und Angestellten zumindest teilweise so wahrgenommen, wie sich in
einigen Gesprächen herausstellte (Bedienung im Waschsalon und einer Kneipe,
Inhaberin der Suppenküche).Auch neu, aber mit eindeutig migrantischem Bezug ist der
Shisha-Laden, der iranische Lebensmittelladen hatte außer mehreren kunstvollen
Interpretationen von Suhren auch drei von insgesamt acht Plakaten im Schaufenster,
eines davon informierte über die Bildungsmesse zu einem Teil in arabisch, auch hier
also klar auch an Mitbürger mit migrantischem Hintergrund gewandt.
Die Aushänge waren dagegen alle auf Deutsch verfasst, zwar einfach gestaltet,
handschriftlich war aber nur eines. Die Aushänge kann man überwiegend zur Kategorie
Bedürfnisse zuordnen: die meisten Aushänge beinhalten Angebote von
Dienstleistungen, z.B. Umzugshilfen, Entrümpelung, Schlüsseldienst usw., manche
forderten zum sozialen Engagement auf, z.B. Aushänge vom Quartiersmanagement, bei
manchen wurden auch Konflikte sichtbar.
Das gilt auch im Fall mancher Graffitis, welche gecrosst waren, und natürlich aufgrund
ihres informellen Charakters, allerdings war ihr Auftreten im Vergleich zu Hauptstraßen
und anderen Stadtteilen eher zurückhaltend, ihr Zustand oft nicht der neueste.
Die Plakate im Gegensatz dazu waren meist innerhalb von Geschäften aufgehängt, also
gewollt oder zumindest geduldet und vor Wettereinflüssen geschützt, sowie meist relativ
aktuell, was allerdings daran liegen könnte, dass sämtliche Stromkästen von Plakaten
und Aushängen so gut wie möglich gereinigt worden waren. Einige Exemplare waren
in Englisch oder mehrsprachig, und bedienten wie die Geschäftsschilder auch speziell
Bedürfnisse von Migranten.

Рисунок4 Рисунок5

Рисунок3

Рисунок2 Рисунок1
Wenn man den von uns untersuchten Bereich von Moabit betritt, wirkt es, als wäre man
in ein Neukölln vor zehn Jahren zurückgeworfen. Die Häuser sind nicht modernisiert,
das Angebot der Läden richtet sich an eine Kundschaft der unteren Einkommensklasse,
es gibt billige Friseure – mehrere auf den gut 200 Metern Strasse , die Imbisse bieten
noch die typische Mischung aus Pizza, Döner und asiatischem Gerichten. Viele
Angebote adressieren sich speziell an traditionell in Deutschland benachteiligte, und
somit weniger wohlhabende Migranten, wie der schon erwähnte „Habibi“ und das
vietnamesische Reisebüro. Auch der Shisha-Laden und die Apotheke bieten spezielle
Angebote für diese Gruppe, allerdings zählen sie auch zu den neueren Geschäften, die
als Vorhut der Gentrifizierung gedeutet werden können. Auch der stylische Waschsalon
mit seinen vielen Attributen, welche Authentizität erzeugen sollen, sowie der moderne
Imbiss „Burger me“ (Supersize Me?!) und die „Suppenküche“ mit ihren vollwertigen
Eintöpfen können hierzu gezählt werden. Besonders letztere ist mit ihrem großen
Fenster, der schlichten, aber modernen Gestaltung, dem alternativen Speiseplan und der
selbst gestalteten Baumscheibe vor dem Eingang mit dem Aushang „Keine Hundekacke
bitte“ auffällig. Es gibt auch einen Blumentrog mit der Aufschrift „Moabiter
Blumenwiese“, der im Sommer wohl für etwas freundlichere Atmosphäre sorgen soll,
ähnlich wie die Bücherbänke, die ein Zeichen für -von anderen als bildungsfern
wahrgenommene – Bevölkerungsschichten sein können.
In diesem Zusammenhang erscheint es zulässig, die frisch gestrichenen Wände (grau in
grau) und die sichtbar von Plakaten und Aushängen gereinigten Verteilerkästen, als
weitere Hinweise auf den Versuch einer Aufwertung zu deuten, auch kombiniert mit den
Bemühungen des hier aktiven Quartiersmanagements, die Anwohner zur Mitgestaltung
ihres Viertels – oder aktiven Teilnahme und somit positiven Wahrnehmung dieser
Aufwertung zu motivieren. Wie schon erwähnt, haben das auch in kurzen – nicht
repräsentativen! – Gesprächen die Befragten bestätigt, dass die Stammkunden in der
Kneipe – noch – kommen, dass aber auf jeden Fall eine als negativ wahrgenommene
Veränderung zu spüren sei (Bedienung in ´Freddy sein Waschsalon` – Achtung Ironie!).
Wobei die Umstrukturierung nicht immer als etwas negatives, als ein Prozess der
Verdrängung wahrgenommen wird, sondern wie im Fall der Betreiberin der
´Suppenküche`, welche wir fragten, ob in der Straße Gentrifizierung (wörtlich!) zu
beobachten sei, stolz erklärte, dass dies zu träfe und sie „ziemlich früh dran gewesen
wäre“, ihr Laden immer nur Mittags offen sei und sehr gut angenommen würde.
Auf den ersten Blick, und an den rasenden Wandel in Berlin gewohnt, wirkt Moabit und
vor allem seine Seitenstraßen fast verschlafen, bei näherer Betrachtung werden aber
erste Veränderungen sichtbar, viele kleine, einzelne Merkmale ergeben
zusammengenommen aber doch den Eindruck, dass auch dieser Bezirk, dessen Image,
auch, aber nicht nur aufgrund des Gefängnisses nicht das beste ist, zunehmend von der
Gentrifizierung betroffen ist. Eines der letzten „Schlupflöcher“ Berlins, in dem
Menschen Wohn- und Lebensraum finden können, die die gestiegenen
Lebenshaltungskosten nicht leisten können oder wollen, wird wohl in den nächsten
Jahren die selbe Entwicklung durchmachen, wie schon die meisten innenstadtnahen
Bezirke Berlins – dass dürfte zumindest das Interesse von denen sein, welche vom
angestrebten Verwertungsprozess profitieren. Ob es gelingt, jenseits von konservativem
Traditionalismus eine Weiterentwicklung zu ermöglichen, die den alten, aber auch
neuen Bewohnern erlaubt, ein angenehmes Leben zu führen, in dem sie ihre Bedürfnisse
in diesem Kiez befriedigen können, ohne dass die einen die andern verdrängen, bleibt
abzuwarten.
Vielleicht sind Initiativen in Eigenregie kreativ und stark genug, eine alternative
Entwicklung entstehen zu lassen, dass Potential ist in Berlin bestimmt recht groß, ein
Blick auf die anderen innenstadtnahen Bezirke wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain und
zuletzt Neukölln stimmen nachdenklich.
Street Reading_Moabit1a

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