Street-Reading Moabit – die Privatheit des Südkiezes

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Gemeindeleben in der Elberfelder Straße

Gemeindeleben in der Elberfelder Straße

Die von uns (hier: StreetReading Moabit IIIb) analysierten Straßentexte (eine Auswahl der Bilder: Fotoarchiv Moabit IIIb) sollen im Folgenden zu einer Charakterisierung der Elberfelder Straße im Moabiter Südkiez zusammengefasst werden. Besonderes Augenmerk soll dabei auf die eingangs gestellte Fragestellung der Gentrifizierung in Moabit gelegt werden. Die Straßentexte unterscheiden sich je nach Medium sehr stark, die hier dargestellte Zusammenfassung ist daher definitiv verkürzend, hat aber als eine Facette eines Forschungsprojekts durchaus ihre Berechtigung.

Am meisten fällt das Medium Grafitti aus der Gesamtheit, dieses trennt sich allerdings durch das Stilmittel Entfremdung und Unleserlichkeit bewusst von den anderen Medien ab und baut eine Art Gegensymbolik auf. Hierauf werden wir später noch einmal genauer eingehen. Nun sollen erst einmal die anderen Meidenspielarten auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. So weisen die Straßentexte von Geschäftsschildern, Plakaten und Aushängen einige Gemeinsamkeiten auf die als lokale Spezifika interpretiert werden können.
Sprachlich sind nahezu alle Texte in Deutsch gehalten. Andere Elemente ordnen wir als Stilmittel ein. Dies könnte als Ausdruck geringer Multikulturalität des Kiezes interpretiert werden. Allerdings muss man mit einbeziehen, dass das Paradigma einer deutschen „Leitkultur“ auch in Berlin nach wie vor besteht und andere Sprachgruppen deshalb oft subaltern werden und ihr Gebrauch sich oft auf den privaten Raum beschränkt. So möchten wir keine Schlüsse auf die Herkunft und Zusammensetzung der Bewohner_innenstruktur ziehen, sondern können lediglich folgern, dass (auch) hier die deutsche Sprache und die damit verbundene Gruppe dominant ist und eine Gestaltungshoheit des öffentlichen Raumes inne hat. Diese Dominanz prägt das gesamte Straßenbild und verschließt sich einer cosmopolitanen Deutung und ergibt eher ein Bild einer alteingesessen deutschsprachigen Bevölkerung, die wenig Wert auf Kommunikation nach „außen“ (i.S. außerhalb des Kiezes) legt. Bestärkt wird diese Annahme durch die Interpretation der Geschäftsschilder, die überhaupt nicht auf Laufkundschaft angelegt sind. Sie präsentieren sich schlicht und setzen vielmehr auf die Kenntnis und Weitergabe der ansässigen Bevölkerung. Sie scheinen seit längerer Zeit ansässig und in die Kultur- und Sozialstruktur des Kiezes eingebunden (dies Beweist die Analyse der Aushänge).
Weiterhin zeichnen sich die drei Aushänge durch ihren Informationsgehalt aus. Das Gros der Texte ist schlicht und niedrigschwellig und weist einen Primat des Inhalts über die Form auf. Die Texte dieser Medien sind von Pragmatismus (Abkürzungen, Ellipsen) und Zugänglichkeit geprägt, vielmehr als von Exklusivität oder Expressionismus. Es werden wenig bis keine Verweise auf Szene oder Lifestyle gemacht.
Des weiteren sind die Texte dieser Medien stets so angebracht, dass sie keinesfalls das vorherrschende Besitz- oder Nutzungsverhältnis des jeweiligen Fläche infrage stellen würden. So bedienen sich 100% der Geschäftsschilder und jeweils ca. 80% der Aushänge und Plakate offizieller Flächen, die angemietet / genehmigt (beim Bauamt, Geschäftsinhaber_in, oder WallAG) werden mussten. Diese Ordnung stellen nur 5 der Aushänge teilweise und 82 der Taggs und Grafittis gänzlich infrage. Während die 5 privaten Aushänge allerdings auf Zugänglichkeit abzielen und keineswegs provozieren, sollen die Grafittis und Taggs genau dies. Ihr Straßentext fügt sich auch keineswegs in die zu interpretierende Dimension, da er auf die Szene und somit radikal nach „innen“ gerichtet ist. So stellt dieses Medium einen krassen Kontrast dar und seinen Text aus universitärer Sicht zu interpretieren wäre stark verkürzend und spekulativ.

Die Nutzung des Straßenzuges ist größtenteils praktischer Natur, es gibt wenig Artefakte (außer Grafittis), die auf ein Verweilen, Umherschweifen oder andere Nutzungen des öffentlichen Raumes schließen lassen. Das Angebot der Geschäfte ist insgesamt eher mittelfristig und keines scheint zu täglicher Nutzung einzuladen. Auch gibt es keine Cafés oder Bars, die zu einem gemeinsamen Austausch der Nachbarschaft einladen würden. So ist der öffentliche Raum eher Transit und Konsumort denn Ort des Austausches und des Kontakts. Es zeichnen sich sich allerdings zentrale Orte ab. So sind aufgrund der quantitativen Häufung nachbarschaftlicher Artefakte in der Umgebung des Spielplatzes und in der Apotheke diese als relevant für den Kiez zu bewerten. Trotz allem fungiert der öffentliche Raum keineswegs als Ort des Sehens und Gesehen werdens oder anderer sozialer Funktionen. Dies scheint aufgrund mehrerer Hinweise auch nicht von der Bewohnerschaft gewünscht. Zum einen scheint es sich um eine alteingesessene Bewohner_innenstruktur zu handeln, die nicht unbedingt Interesse an öffentlichem Austausch untereinander aufzeigt, zum anderen scheint Kommunikation eher über private und beständige Kontakte abzulaufen (siehe Aushänge). Ein drittes Indiz sind die fehlenden Hinweise auf Lifestyle oder eine Szene. So stellt der öffentliche Raum hier kein kulturelles Gut, kein Ausdruck von Zugehörigkeit zu einem bestimmten Millieu dar, der bei Zuzug quasi mitgekauft werden würde. Der öffentliche Raum scheint pragamtischer, praktischer und relativ kontrollierter Natur, Austausch finden eher im privaten Raum, bzw. über stabile Kontakte statt auch die stark eingebundenen christlichen Gemeinden scheinen hier eine zentrale Rolle zu spielen. Ein Setting für Zufällige Begegnungen, Exklusivität oder kulturelles Kapital stellt der öffentliche Raum keineswegs dar.
Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass fast kein gefundener Straßentext auf Elberfelder Straße als Lokalität verweist. Es wird keine Zuschreibung hergestellt, noch sich historischer Bezüge bemüht, noch mit Fremdzuschreibungen oder einem Image gespielt. Die Veranstaltungen auf die hingewiesen wird, sind in den seltensten Fällen in der Straße selbst lokalisiert und weisen wenig Bezug zur ansässigen Bevölkerung auf (Ausnahme: Aushänge der Gemeinden).
Die Hauptfunktion des Kiezes scheint Wohnen zu sein, das Interesse an Öffentlichkeit, Prestige und Events eher klein und die Nutzung des öffentlichen Raumes praktischer Natur.

Insgesamt halten wir es für äußerst fragwürdig vom vorhandenen Angebot auf Bedürfnisse der Nutzer_innen zu schließen, vor allem da – wie gesagt – die Bewohner_innenschaft in diesem Kiez nicht dazu tendiert, ihr Privates in die Öffentlichkeit zu verlagern. So möchten wir diesen Schluss lediglich von den privaten Aushängen und den Texten an zentralen Orten, wie der Apotheke ziehen.
Hier werden verschiedene Bedürfnisse artikuliert. So stellen Umweltschutz, Kultur, Gemeinde und bewusster Konsum zentrale Begriffe für die Bewohner_innenschaft dar. Auch diese scheinen eher für den privaten Genuss, als für politische Statements geschaffen. Dies bezeugen die fehlende Artikulation von dezidiert politischen Forderungen und der nicht vorhandene Eventcharakter.
In Verbindung mit der Formulierung ihrer Inhalte ergibt sich ein Bild einer eher bewussten und gehobenen Lebensführung der Anwohner_innen. Die eingegrenzten Angebote zeichnen sich weiterhin durch niedrigschwelligen Zugang aus – sie sind größtenteils umsonst und frei zugänglich.

Dezidierte Forderungen lassen sich nur nach Datenschutz und dezentraler medizinischer Versorgung ausmachen. Auch dies deckt sich mit dem Bild vom Bedürfnis nach Privatheit. Außerdem zeichnet sich hier eine recht bürgerliche Forderungen ab. Kein gefundener Straßentext versucht politische oder soziale Verhältnisse im größeren Stil zu verändern. So lassen sich auch die Dimensionen von Forderung und Bedürfnis nur schwerlich voneinander trennen. Es scheint auch hier keine Öffentlichkeit im Arendtschen Sinne als Ort des Politischen vorzuliegen, sondern Forderungen und private Bedürfnisse scheinen einen großen gemeinsamen Überschneidungsbereich zu haben. Zwar wird das private Bedürfnis durch seine Artikulation im öffentlichen Raum zu einer Forderung, doch keineswegs politisch. So büßt auch hier der öffentliche Raum viele seiner Eigenschaften ein.
Anders verhält es sich mit dem Medium Grafitti – im abstrakteren Sinne, dennoch im höchsten Maße politisch, stellt es Besitzverhältnisse, Gestaltungshoheit, Repräsentationsmacht und Autorität radikal infrage. Dies als Forderung der Akteure zu deuten wäre verkürzend und anmaßend, dennoch besitzt die in die Öffentlichkeit gebrachte Symbolik eine Autarkie und eigene losgelöste Aussagekraft. Der Aufbau einer Gegenkultur, die der bürgerlichen Bewohner_innenschaft unzugänglich bleibt und als unästhetisch wahrgenommen wird, ist ein gänzlich anderer Umgang mit dem öffentlichen Raum als die der anderen drei Medien. Wenn man diese Symboliken interpretieren möchte, kann man sie als „leere Signifkanten“ und damit als „Aufstand der Zeichen“ (Baudrillard) betiteln oder ihnen einen Wunsch nach Repräsentation zuschreiben. Für beide Interpretationsformen findet man hier Anhaltspunkte, so stellt die Gesamtheit der Texte der anderen Medien eine definite symbolische Gewalt dar, da sich hier nur Akteure ausdrücken können die in irgendeiner Weise über Zugang, Institution, ökonomisches oder soziales (bsp. Kontakt zur Geschäftsinhaber_in) Kapital verfügen. Die Menge an „leeren Signifikanten“ der Taggs stellt dieses Zugangssystem, seine Legitimation und die Legitimation der Stellung seiner Akteure im sozialen Raum grundsätzlich infrage.
Als Wunsch nach Repräsentation kann man es deshalb deuten, weil auf allen anderen Medien eine Gruppe komplett fehlt – Jugendliche. Auf Aushängen, Geschäftsschildern und Plakaten wird keinerlei Angebot für sie bereitgestellt.
Aus der Reaktion folgt eine Repräsentationsform, die zu einer weiteren Marginalisierung von Jugendlichen und einem Konflikt zwischen Hausbesitzer_innen und Writer_innen führt. Dies ist gleichzeitig der stärkste und prägendste Konflikt in diesem öffentlichen Raum, welcher ansonsten eher durch geringe Konfliktivität geprägt ist. Die Nutzer_innen gehen mit Artefakten Anderer, die sie für berechtigt halten, sich im öffentlichen Raum zu repräsentieren sehr sorgsam um. Dies zeigt vor allem der rücksichtsvolle Umgang mit den Aushängen, die gute Pflege der Geschäftsschilder und die unhinterfragte Monopolstellung der WallAG. Auch inhaltlich zeigen die Straßentexte keine Konflikte auf. Interessant ist, dass auch innerhalb des Mediums Grafitti die Akteure sich hier relativ konfliktscheu zeigen. Es wird wenig bewusst gecrosst oder kommentiert. Dies mag zum einen daran liegen, dass der ruhige dezentrale Straßenzug innerhalb der Szene keinen hohen Status aufweist (wenig Sichtbarkeit, geringes Risiko) und somit die Anerkennung relativ gering bleibt. Zum anderen scheint die Straße von zwei bis drei Writer_innen stark dominiert, deren Rolle von anderen nicht infrage gestellt wird.
Die geringe Konfliktivität die hier im öffentlichen Raum sichtbar wird, stellt definitiv auch ein Defizit an Politik dar. Konflikt stellt u.a. für Chantal Mouffe die zentrale Dimension einer radikalen Demokratie dar, ohne den Politik nicht länger demokratisch genannt werden kann, denn nur wo offener Widerstreit zwischen sich unterscheidenden Perspektiven herrscht kann Diskurs, Meinungsbildung und Wahlfreiheit stattfinden. Konfliktfreiheit, selbst in einem wenig kontrollierten / reglementierten Feld wie hier, spricht für eine entpolitisierte Öffentlichkeit. Diese Analyse deckt sich auch mit den Schlussfolgerungen der Dimensionen Bedürfnisse und Forderungen.

Zusammenfassend lassen sich Schlüsse zur Bewohner_innenstruktur, ihre sozialen Netzwerke und ihr Umgang mit dem öffentlichen Raum ziehen, diese bleiben jedoch betont spekulativ. So scheint die Bewohnerschaft alteingesessen, bürgerlich, deutschsprachig und von mittleren Einkommens- sowie Bildungsniveau. Fluidität der Mieter_innen scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen und geht nicht zwangsläufig mit Aufwertung einher.
Die soziale Welt scheint sich vielmehr im privaten als im öffentlichen Raum abzuspielen und die Kontakte sind wohl älter, ritualisiert und stabil. Weiterhin wird kaum Interesse an Begegnung und Auseinandersetzung mit dem*der Anderen artikuliert und auch ein extravaganter nach außen gekehrter Lebensstil abgelehnt. Die Straße zeichnet die Hauptfunktion wohnen aus – ihr öffentlicher Raum ist kein Ort an dem Kontakte stattfinden, das Bild einer Gesellschaft oder der sozialen Beziehungen ausgehandelt wird er erscheint, bis auf die Anwesenheit von Taggs und Grafitti im höchsten Grade entpolitisiert

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One thought on “Street-Reading Moabit – die Privatheit des Südkiezes

  1. […] bevestigd. Zij hebben naast kijken op straat ook de cijfers bekeken. En wat blijkt? Er is een groot verschil in status tussen de noord- en zuid ‘Kiez”. Grens is de straat Alt-Moabit, die van oost naar west ligt. […]

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