Street Reading Moabit: Oldenburgerstraße

Print Friendly

Graffiti Tag 37 -Herz aus Blut-_Snapseed

Die Gesamtheit der Straßentexte im Untersuchungsabschnitt Oldenburgerstr. 9-16, 10551 Berlin des Untersuchungsgebiets Moabit IIb sind im Vergleich zu anderen Untersuchungsgebieten weniger ergiebig was die Anzahl der erfassten Texte, deren Lokalbezug oder deren Artikulationsintensität betrifft. Es wurden insgesamt 8 Geschäftsschilder, 90 Graffiti, 4 Plakate und 44 Aushänge erfasst. Diese geringe Fallzahl in dem willkürlich ausgewählten Gebiet könnte eine Verzerrung der Ergebnisse zur Folge haben.

Es finden sich kaum Konflikte und fast keine Forderungen im Straßenraum. Die spezifische Nutzung ergibt sich durch die Art der ansässigen Geschäfte, die wiederum auch auf die Bedürfnisdimension weiterwirken. Viele Texte beziehen sich auf Geschäfte am Standort. Spezialisierte Geschäfte und Einrichtungen, die eher selten in anderen, „typischen“ Straßen in Moabit zu finden sind prägen daher auch die Einschreibungen in den untersuchten Raum. Hinweise auf bestimmte Nutzergruppen ergeben sich durch die Anwesenheit des sozialen Hilfsvereins (für Behinderte und deren Angehörige), des Raumausstatters (für Personen mit ästhetisch geprägtem Lebensstil sowie den nötigen finanziellen Mitteln) sowie durch den Naturkostladen (für Menschen, die auf bewusste Ernährung Wert legen). Da hier spezifische Gruppen angesprochen werden, ist davon auszugehen, dass diese sich dort auch vermehrt aufhalten. Weitere Hinweise auf eine Nutzung durch diese Gruppen finden sich in den Straßentexten jedoch nicht. Einzige Ausnahme bilden die Veranstaltungshinweise für das Vegan Vegetarische Sommerfest in unmittelbarer Nähe zum Naturkostladen. Hier kann eine Nutzung durch Personen mit besonderen Ernährungsansprüchen angenommen werden. Ansonsten finden sich in der Gesamtheit der Texte keine Verbote, Kontrollen oder Einschränkungen. Die Verteilung der Straßentexte ist analog zur Geschäftsstruktur des Untersuchungsabschnitts überwiegend gewerblich ausgerichtet. Hierbei muss der überproportionale Anteil an Aushängen von Entrümpelungsfirmen erwähnt werden, bei denen eine Bedürfnisorientierung fraglich ist. Eine Ausnahme bildet hierbei die Untersuchungsdimension „Graffiti“. Tags und Symbole sind zahlreich zu finden und dienen der Selbstdarstellung oder Reviermarkierung. In dieser Kategorie fand sich auch der eindeutigste Hinweis auf einen Konflikt. Somit weisen die verschiedenen Texte unterschiedliche Relevanz zur Forschungsfrage auf. Es können anhand der Straßentexte allerdings keine klaren klassen-, milieu- und herkunftsspezifischen Lebensstile identifiziert werden. Außerdem sind keine eindeutigen Gentrifizierungsprozesse ablesbar.

Auswertung spezifische Nutzungen

Die Dimension Nutzung konnte innerhalb jeder Mediengruppe einem oder mehreren Straßentexten zugeordnet werden. Das Street Reading ergab keine Hinweise auf eine veränderte Nutzung des Untersuchungsabschnittes, z.B. existiert der Naturkostladen im Untersuchungsgebiet schon seit mehreren Jahrzehnten, wenn auch mit neuem/neuer BesitzerIn. Eine relativ heterogene Gewerbenutzung dominiert den Abschnitt (3 Gewerbe, 1 soziale Einrichtung). Auffällig ist, dass im Untersuchungsabschnitt keine Geschäftsschilder von Ärzten, Rechtsanwälten etc. zu finden sind – eine mangelnde ärztliche Abdeckung anzunehmen ist allerdings spekulativ, da der Untersuchungsabschnitt zu begrenzt war. Da die stark dominante Sprache aller Texte im Untersuchungsabschnitt deutsch ist, könnte von einer vorwiegend deutschstämmigen Anwohnerstruktur ausgegangen werden. Des Weiteren wird der Untersuchungsabschnitt mittels Graffiti bzw. Tags als szenespezifisches Kommunikationsmedium genutzt, jedoch eher im „Vorbeigehen“ als einfache Reviermarkierung und nicht für eine breite öffentliche Wahrnehmung oder als Ausdruck von Forderungen oder Konflikten. Andere private oder informelle Nutzungsmerkmale sind kaum vorhanden. Somit ergibt sich ein Bild einer eher „normal“ genutzten Wohn- und Seitenstraße, die jedoch einige seltenere Läden beherbergt, weshalb wahrscheinlich eine verstärkte spezifische Nutzung entsprechender Bevölkerungsgruppen sowie im Viertel ansässiger Personen besteht.

Auswertung gruppenspezifische Bedürfnisse

Teilweise ist keine genaue Abgrenzung von Bedürfnissen und Nutzung möglich, da die Nutzung auch auf gewisse Bedürfnis schließen lässt. Die Existenz spezialisierter Geschäfte könnte ein Hinweis auf eine gruppenspezifische Bedürfnisorientierung sein. Aufgrund der Lage als Seitenstraße und dem damit einhergehenden Fehlen von Laufkundschaft oder einem hohen Passantenaufkommen sind eher wenige Bedürfnisse im Raum sichtbar. Bedürfnisse werden fast ausschließlich über die Dimension „Aushänge“ artikuliert, wobei ein hohes bedürfnis an Entrümpelungs- und Renovierungsangeboten angezweifelt werden kann da sich solche Aushänge in allen Untersuchungsgebieten in hoher Stückzahl fanden.

Das Vorhandensein von Graffiti zeigt ein Kommunikationsbedürfnis bestimmter Personengruppen, vor allem junger Menschen, nach Einschreibung ihrer Anwesenheit in den Straßenraum. Einige Plakate und Aushänge lassen ein Bedürfnis nach kulturellen Veranstaltungen erkennen, aber auch das Bedürfnis sich künstlerisch auszudrücken (z.B. Fotoausstellung behinderter Künstler) vermuten. Das einzige rein kommerzielle Plakat von Lycamobil zeigt ein Bedürfnis nach Kommunikation ins Ausland an, was sich wahrscheinlich verstärkt an Gruppen mit Migrationshintergrund richtet.

Auswertung Forderungen

Es finden sich innerhalb des Raumes keine Symbole, Codes oder Zeichen, die auf spezielle Forderungen der Bewohner oder auf den Straßenraum ausgerichtet sind. Vor allem politische oder soziale Forderungen wurden fast nicht gefunden. Hier ist noch mal zu erwähnen, dass bei dieser Dimension das Medium „Aufkleber“ ein verändertes Bild ergeben hätte (z.B. Aufkleber „ zusammen kämpfen – gemeinsam streiken!“ oder „Get out of control!“)

Ansonsten finden sich einige wenige individuelle Forderungen im Bereich der Graffiti (Nr.33 „Fuck of Roctocker RG!“). Ob aufgemalte Herz-Symbole als Forderung nach Liebe interpretiert werden kann bleibt spekulativ. Die einzigen Medien die Forderungen Ausdruck verleihen sind „Graffiti“ und „Aushänge“ (3 Stück). Ein Plakat im Schaufenster des dynamis e.V. konstatiert „Menschen mit Behinderung können ihre Freizeit nach ihren Wünschen gestalten“, was eher als Aussage aber auch als Forderung gewertet werden könnte.

Auswertung Konflikte

Insgesamt sind im Untersuchungsabschnitt kaum Konflikte klar erkennbar. Weder gibt es Hinweise auf kollidierende Lebensstile von Bewohnern oder anderen Nutzergruppen, noch werden Bedürfnisse nach mehr Sauberkeit etc. oder Verbote textlich geäussert. Die meisten Hinweise auf Konflikte wurden im Bereich Graffiti (4 Stück). Allerdings wurde kein Graffiti übersprüht, gecrosst oder von Hauseigentümern überstrichen bzw. weggewischt. Ältere Graffitis befinden sich nach wie vor im Raum. Ein unvollendetes Graffiti (Nr. 72) könnte ein Anzeichen für eine Störung des Sprühers durch Polizei oder Passanten sein. Ein Graffiti mit Ortsnamenbezug zu einem anderen Viertel (Nr. 59 „wedding 56“) kann als Rivalität zwischen Sprayergruppen gewertet werden, vor allem da sich in unmittelbarer Nähe die Tags „Moabit“ (Nr. 62) und „21“ (Nr. 44) befinden. Kein Medium wurde dazu genutzt ein klares Konfliktpotenzial zu äussern. Somit birgt die Untersuchungsdimension „Konflikte“ für dieses Untersuchungsgebiet kaum Erkenntnispotenzial.

 Zusammenfassende Darstellung und Reflektion

Insgesamt sind im Untersuchungsabschnitt nur wenige Anzeichen eines Gentrifizierungsprozesses oder von Konflikten innerhalb der Nachbarschaft oder des Straßenraums erkennbar, was darauf schliessen lässt, dass Gentrifizierung im untersuchten Gebiet noch keine starken Auswirkungen auf Anwohner und andere Nutzergruppen dieses Raumes hat. Der Untersuchungabschnitt Oldenburgerstraße bot für ein Street Reading zwar einige interessante Objekte, jedoch im Vergleich zu anderen Abschnitten eher weniger interessantes Material. Hier müsste eine weitere Methode zur Einschätzung des Stadtraums verwendet werden. Doch auch das Fehlen von aussagekräftigen Indikatoren kann hierbei interpretiert werden. Die Nicht-Äußerung von textlichen Forderungen und Konflikten bedeutet nicht dass diese nicht vorhanden sind, sondern dass sie eventuell anders artikuliert oder unterdrückt werden. Das vorliegende Street Reading könnte als ergänzende Forschungsmethode zusammen mit anderen repräsentativen Erhebungen oder qualitativen Interviews mit Anwohnern, Ladenbesitzern oder lokalen Vereinen genutzt werden. Die Hinzunahme der Kategorie „Aufkleber“ wäre eine sinnvolle Ergänzung des Street Readings. Viele Rückschlüsse und Interpretationen bleiben rein spekulativ und können daher für die wissenschaftliche Forschung eher Denkanstösse generieren. Teilweise war eine Deutung der Straßentexte nicht ohne Zuhilfenahme von Internet- oder Telefonrecherche und persönlichen Gesprächen durchführbar. Oft schaffen erst diese Hintergrundinformationen einen Zusammenhang zwischen Texten und Forschungsfrage.

Nichtsdestotrotz sind Einordnungen von Stadtteilen, wie z.B. die Position im Gentrifizierungsverlauf mithilfe des Street Readings gut möglich. Gefundene Auffälligkeiten in den Straßentexten (z.B. eine hohe Anzahl von Wohnungsgesuchen, Graffiti mit politischen oder sozialen Aussagen, Texten in Fremdsprachen, kommerzieller Werbung) sind verlässliche Indikatoren für stadträumliche Dynamiken. Ein größeres Untersuchungsgebiet und mehrere Datenerhebungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten würden ein repräsentativeres Bild abgeben. Der Vergleich von Ergebnissen der verschiedenen Forschungsgruppen kann darüber hinaus neue Erkenntnisse hervorbringen und als Ausgangspunkt für nachfolgende Forschungsfragen genutzt werden.

Street_reading_Master

It\'s only fair to share...Email this to someonePrint this pageShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on Pinterest

Schreibe einen Kommentar