Studentisch-alternatives Café – Das „arema“

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Ausgehend von der Fragestellung, ob sich verschiedene Stadtteile vor allem durch die unterschiedliche Zusammensetzung des gastronomischen Angebots unterscheiden oder, ob sich gastronomische Einrichtungen gleichen Typs in unterschiedlichen Stadtteilen hinsichtlich ihrer Funktion unterscheiden, haben wir im Rahmen des Seminars „Qualitative Methoden der Stadtforschung“ vier Typen von gastronomischen Einrichtungen in drei Stadtteilen Berlins untersucht.

Den vier gastronomischen Typen (Eckkneipe, Shisha-Bar, studentisch-alternatives Café/Bar, Imbiss) wurden dabei in Gruppenarbeit, innerhalb des Seminars verschiedene Kriterien zugrunde gelegt, so dass die Vergleichbarkeit gewährleistet bleibt. Die verschiedenen Stadtteile wurden hingegen nach ihrem „Gentrifizierungsgrad“ auf einer idealtypischen Gentrifizierungskurve ausgewählt.

 

Stadtteil Gentrifizierungsgrad
Spandauer Vorstadt (Mitte) Weitgehend abgeschlossene Gentrification
Nord-Neukölln Ausgeprägte Pionierphase einer Gentrifizierung
Moabit Bisher keine oder nur sehr geringe Gentrification-Dynamiken

 

Unser übergeordnetes Ziel ist es, innerhalb der Gentrification-Debatte, Aussagen darüber treffen zu können, ob es sinnvoll ist, den Grad an Gentrification-Prozessen, daran zu messen, wie viele Einrichtungen einer bestimmten Art in einem Gebiet vorhanden sind[1]; oder ob die Anzahl dieser Einrichtungen eher eine zeitlich nachgeordnete Folge von Gentrification ist und die vorher bereits vorhandenen Einrichtungen schon längst gentrifiziert, beziehungsweise studentifiziert worden sind, bevor die ersten szenetypischen Einrichtungen überhaupt eröffnen. Zu diesem Zweck haben wir das Gebiet Berlin-Moabit in fünf Untergebiete (Kieze) aufgeteilt, in denen eine Person jeweils eine Einrichtung eines gastronomischen Typs untersuchte, sodass wir am Ende einen Querschnitt an Untersuchungen, von allen gastronomischen Typen, in allen ausgewählten Gebieten erhalten. Um den Gentrifizierungsgrad vergleichen zu können, haben wir parallel  nach den gleichen Einrichtungen in Nord-Neukölln und in Mitte gesucht; zwei Gebiete, die durch ihren höheren Grad an Gentrifizierung, auch deutlich anderer Strukturen aufweisen.

 

Ich hatte die Aufgabe ein studentisch-alternatives Café im Untersuchungsgebiet Moabit V (Huttenkiez)[2] zu finden, was  aufgrund der von uns im Vorfeld festgelegten Kriterien leider nicht möglich war, da keine der gastronomischen Einrichtungen auch nur annähernd unseren Vorstellungen eines studentisch-alternativen Cafés entsprach. Aufgrund dieser Tatsache entschied ich mich, nach Absprache mit unserem Dozenten, auf das Untersuchungsgebiet Moabit II (Nordkiez)[3] umzuschwenken.

 

Dort entdeckte ich das, direkt am U-Bhf Birkenstr., gelegene Café/Restaurant „arema“. Trotz der Tatsache, dass das „arema“ auch ein Restaurant ist, erfüllt es einen Großteil unserer Kriterien, so dass ich, nach Absprache mit einem der Mitbesitzer, meine Untersuchung  dort führen konnte. Das „arema“ besteht aus mehreren hintereinander gelegenen Räumen, wobei die Räume unterschiedlich groß und individuell gestaltet  sind. Die unterschiedliche Gestaltung wiederspiegelt die unterschiedlichen Funktionen des „aremas“ dahingehend, dass es sowohl gemütlichere Tische mit Sofaecken gibt, die sich sehr gut zum Zusammensitzen mit Bekannten eignen, als auch Tische, die mit klassischen Stühlen bestückt sind und sich somit eher an die Anforderungen eines Restaurants richten.

 

Unsere erste Aufgabe, war es anhand eines Fotoessays (1. Photoessay Kreißl) zum einen zu dokumentieren, wie sich die gastronomischen Einrichtungen in die Umgebung einfügen und zum anderen lebensstilspezifische Einblicke festzuhalten, aus denen sich Thesen über Kundschaft ableiten ließen, die es mit den folgenden Untersuchungsmethoden zu überprüfen galt. Für das „arema“ zeigte sich, dass es um die Mittagszeit von einer sowohl alters- als auch geschlechtsbezogen heterogenen Kundschaft besucht wird. Es werden hauptsächlich unalkoholische Heißgetränke getrunken[4] und Frühstück gegessen, während die Gäste das kostenlose W-lan nutzen oder sich an der stets aktuellen Zeitungsauslage bedienen.

 

Aufgrund dieser Beobachtungen ging ich davon aus, dass im „arema“ hauptsächlich Vertreter einer urbanen Mittelschicht verkehren, die sowohl über die nötige Zeit als auch über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen, sich einen Kaffee oder ein Frühstück außer Haus zu gönnen. Diese Vermutung bestätigte sich auch durch die Ergebnisse unserer nächsten Untersuchungsmethode; der teilnehmenden Beobachtung (2. Teinehmende Beobachtung Kreißl). Hier zeigte sich ein ähnliches Bild, wie bei meinem ersten Besuch. Der Laden war fast zu gut gefüllt um wirklich jedes Detail mit in die Beobachtung einfließen zu lassen. Dennoch zeichnete sich, bezüglich der Konsumpräferenzen der Gäste ein deutliches Bild. Auch an diesem Tag waren, ähnlich wie an dem Tag des Fotoessays, hauptsächlich aber nicht ausschließlich Männer und Frauen zwischen Mitte 20 und Ende 30 anwesend, die ich aufgrund ihrer Kleidung und ihres Habitus einer bildungsaffinen Mittelschicht zuordnen würde. Schon dieser Satz zeigt allerdings auch die Schwierigkeit, die mit den visuellen Untersuchungsmethoden eihergeht: Ich hatte permanent das Gefühl, dass ich die Leute aufgrund ihrer äußeren Erscheinung stigmatisieren würde. Im Seminar habe ich dann gemerkt, dass ich nicht der Einzige war dem es so ging und wir kamen zu dem Fazit, dass sich dieses Problem nur bei einer weitaus umfangreicher angelegten Untersuchung umgehen lassen kann und wir, für unsere Zwecke, nur begrenzte Mittel zu Verfügung haben.

 

Um trotzdem nicht nur durch unsere visuell gewonnenen Hypothesen Aussagen treffen zu können, hoben wir uns bewusst das Interview ( 3. Interview Kreißl) mit einem der Angestellten als letzte Methode der Untersuchung auf. Hierfür entwickelten wir gemeinsam im Rahmen des Seminars einen Katalog an Fragen, die sich qualitativ in reine Informationsfragen und in sogenannte Masterfragen aufgliederten. Die Masterfragen wurden dabei so gewählt, dass sie den Probanden möglichst viel Freiraum für ihre Antworten bieten sollten, was in der Praxis (zumindest in meinem Fall) deshalb ein Problem darstellte, weil der Freiraum durch den Probanden leider nicht genutzt wurde. Doch die auch relativ kurz gehaltenen Antworten des Probanden, bestätigten meine oben geäußerten Vermutungen hinsichtlich der Kundschaft.

 

Abschließend bleibt zu sagen, dass das „arema“ mit seinen unterschiedlichen Angeboten zwar auf eine möglichst breite Kundschaft abzielt, aber im Endeffekt doch nur von einem kleinen Teil der Moabiter genutzt wird (bzw. genutzt werden kann). Bezogen auf unsere Ausgangsfrage, ob es nun die unterschiedliche Zusammensetzung des gastronomischen Angebots oder die unterschiedlichen Funktionen sind, die Angebote von gastronomischen Einrichtungen gleichen Typs erfüllen, lässt sich für das „arema“ konstatieren, dass es höchstwahrscheinlich auch an jedem anderen Standort, mit einer gewissen Menge an entsprechendem Publikum, die selbe Funktion erfüllen würde, da das Angebot des „aremas“ nun mal auf die oben erwähnte Mittelschicht zugeschnitten ist und dieses Konzept auch nahezu perfekt umsetzt.

 

 


[1] Ein Beispiel wäre die These, je mehr Cupcakeläden/Galerien/Second-hand-Shops in einem Gebiet vorhanden sind, desto fortgeschrittener ist der Grad an Gentrification in diesem Gebiet.

[2] Das Gebiet umfasst den Bereich vom U-Bhf Turmstr. im Westen, bis zur JVA im Osten und wird im Süden durch die Spree begrenzt.

[3] Dieses Gebiet reicht von den S-Bahn Gleisen im Norden bis zum U-Bhf Turmstr. im Süd-Osten und wird westlich durch die Waldstr. Abgeschlossen

[4] Eine Tatsache die allerdings auch damit zu begründen ist, dass die Untersuchung an einem Januartag stattfand.

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