Eckkneipe Lenau-Stuben: „Der Wandel im Kiez hat mich gerettet.“

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Lenau-Stuben: Liebe zum Detail

Lenau-Stuben: Liebe zum Detail

Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und nun Nord-Neukölln – die Gentrifizierung geht um in Berlin. Folgt man der populären Annahme, dass Nord-Neukölln, insbesondere der hier untersuchte Reuterkiez, aufgewertet werden, neue ökonomisch besser situierte Bewohner hinzuziehen und alteingesessene Anwohner verdrängt werden, dann liegt es nahe die Frage zu stellen, welche Auswirkungen dies auf die Infrastruktur des Quartiers hat. Andersherum gefragt: Können Aufwertung oder Gentrifizierung eines Viertels bereits an einer gewandelten Infrastruktur abgelesen werden? Reicht es, Latte-Macchiato-Bars und Eckkneipen zu zählen, um ab einem bestimmten Prozentsatz aufwertungsverdächtiger Einrichtungen von einer Gentrifizierung sprechen zu können? Oder sind solche Prozesse vielleicht doch nicht so augenscheinlich und offenbar? Gibt es Grauzonen, Schnittstellen und Trugbilder – Latte-Macchiato-Bars in denen Putzfrauen und Handwerker vor der Arbeit ihren Kaffee genießen und Eckkneipen in denen Banker und Chirurgen sich zu später Stunde noch ein Herrengedeck hinterkippen?

So lautete die Forschungsfrage dieses Seminars, ob sich die Stadtteile vor allem durch die unterschiedliche Zusammensetzung des gastronomischen Angebots oder ob sich gastronomische Einrichtungen gleichen Typs in den drei Untersuchungsgebieten (Moabit, Mitte und Neukölln) unterscheiden. Ist also die Neuköllner Eckkneipe eine andere als jene in Moabit oder Mitte?

Lenau-Stuben: Kneipe mit Tradition

Lenau-Stuben: Kneipe mit Tradition

Hypothese 1: Unterscheiden sich Berliner Eckkneipen in den drei Untersuchungsgebieten in der sozialen und lebensstilbezogenen Zusammensetzung ihrer Gäste und den die Einrichtung prägenden Konsummustern?

Geht man vom Stereotyp einer Berliner Eckkneipe aus, überrascht die Kneipe „Lenau-Stuben“. Denn das erwartete Arbeitermilieu, also eine sozial und lebensstilspezifisch homogene Kundschaft, teilt sich das Lokal mit neu zugezogenen Gästen – jungen, kreativen, studierenden, aus ganz Europa stammenden Kunden. So genannten Pionieren – bleibt man beim Vokabular der Gentrifizierungsforschung.

These 1: Nehmen wir an, die empirische Beobachtung im Lenau-Stuben ist repräsentativ (was zu beweisen wäre), läge die Vermutung nahe, dass sich Eckkneipen hinsichtlich der sozialen und lebensstilbezogenen Zusammensetzung ihrer Gäste je nach Aufwertungsphase der jeweiligen Kieze unterscheiden.

 

Hypothese 2: Berliner Eckkneipen der drei Untersuchungsgebiete unterscheiden sich in ihrer sozialen Funktion für die Gäste.

Da sich die Eckkneipen wie im vorangegangen gezeigt bereits in der Gaststruktur unterscheiden, muss hier differenziert werden. Für die alteingesessene Stammkundschaft erfüllt die im aufwertenden Reuter-Kiez gelegene Kneipe Lenau-Stuben womöglich die gleiche Funktion wie es eine Eckkneipe in Moabit tun würde, nämlich die eines „verlängerten Wohnzimmers“, in dem regelmäßig Freunde getroffen werden und gespielt, getrunken und geredet wird.

Für das Pioniermilieu hingegen ist die Berliner Eckkneipe ein weitaus weniger zentraler Lebensbestandteil. Sie finden in der Eckkneipe vielmehr einen nostalgischen Ort an dem noch eine „Molle“ oder ein „Herrengedeck“ geordert werden kann und die Preise stimmen. Für sie ist es einer von vielen Orten zum Ausgehen – nur eben einer mit einem anderen Image.

These 2: Verändert sich die soziale Zusammensetzung eines Quartiers und damit auch die Kundschaft einer Eckkneipe, dann tragen diese Kneipen eine für diese Gruppe neue soziale Funktion.

 

Hypothese 3: Berliner Eckkneipen unterscheiden sich in den Interaktionsmustern zwischen den Gästen sowie im Verhältnis zwischen den Gästen und Personal.

Um diese Vermutung zu prüfen, muss erneut das Verhältnis der Gäste aus dem Pioniersmilieu zur Stammkundschaft sowie zum Personal betrachtet werden. Denn die neuen Gäste bringen ihren ganz eigenen Habitus und eigene Präferenzen mit. Sie grüßen beim Betreten der Kneipe nicht in die Runde und scheinen – soweit die Beobachtung dieses Urteil zulässt – auch sonst distanzierter zur Stammkundschaft. Das Verhältnis zwischen Pionieren und Personal ist bei weitem nicht so familiär wie zwischen der Stammkundschaft und den Angestellten – die beiden letztgenannten hingegen kennen sich oft mit dem Namen.

These 3: Aufgrund des neuen Klientels weichen die Interaktionsmuster zwischen den Gästen untereinander sowie zwischen den Gästen und Personal in den Lenau-Stuben von den Interaktionen einer herkömmlichen, nicht im Aufwertungsgebiet liegenden Kneipe ab.

 

Hypothese 4: Berliner Eckkneipen unterscheiden sich in ihren Geschäftsmodellen und den Motiven der Betreiber.

Die Lenau-Stuben wird nun seit zwölf Jahren vom Wirt betrieben. Zunächst diente die Kneipe als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für seine damalige Frau, nun ist dem Wirt die Stammkundschaft „ans Herz gewachsen“. Finanzielle Aspekte seien für den Wirt immer sekundär gewesen, oft habe er sogar noch ein erwirtschaftetes Defizit kompensieren müssen. Damit deckt sich die Aussage erstaunlich genau mit den Motiven des von meinem Kommilitonen Tobias Wandrei interviewten Wirtes im Moabit (vgl. Wandreis Abschlussbericht, S. 2f.).

These 4: Unabhängig vom Quartierwandel sind Motivation und Geschäftsmodell des Wirtes der Lenau-Stuben unverändert geblieben. In diesem Punkt scheinen sich Berliner Eckkneipen zu ähneln.

 

Hypothese 5: Berliner Eckkneipen unterscheiden sich in ihrem Ortsbezug zur Nachbarschaft.

Im Reuter-Kiez finden starke Veränderungen statt. So konstatiert der Wirt F. beispielsweise eine Studentenkneipenszene die sich immer stärker etabliert und mittlerweile den Kiez dominiert. Dadurch fällt eine Kneipe wie die Lenau-Stuben immer stärker aus dem Rahmen und verliert dadurch natürlich von außen betrachtet an Ortsbezug. Die Bindung zur verbliebenen Stammkundschaft, die vorrangig im Kiez wohnt, ist hingegen weiterhin stark und auch F.s Engagement im lokalen Fußballverein zeugt von einer immer noch großen Ortsverbundenheit. Des weiteren scheint es der Lenau-Stuben auch zu gelingen, Pioniere zumindest als gelegentliche Gäste einzubinden – dies sollte gegenseitige Vorurteile und Fremdheit abbauen und sich positiv auf die Ortsverbundenheit der Kneipe zurückwirken.

These 5: Wenn es einer Berliner Eckkneipe in einem sich wandelnden Kiez nicht gelingt neue Bewohnergruppen anzusprechen, verliert sie an Ortsbezug zur Nachbarschaft.

 

Hypothese 6: Berliner Eckkneipen unterscheiden sich im Grad ihrer Offenheit für neue Gäste bzw. Neuhinzugezogenen.

Der Wirt der Lenau-Stuben heißt neue Gäste willkommen – wenn sie sich benehmen können, wie er sagt. Gerade an den Neuhinzugezogenen im Reuterkiez, den Pionieren, bekundet F. auch ein großes persönliches Interesse, da er sie als Bereicherung für den Reuterkiez und die Kneipe empfindet.

Und obwohl der Wirt ökonomische Aspekte als sekundär betrachtet, sind es die Neuzugezogenen die die Kneipe wirtschaftlich wiederbeleben. Die Stammkundschaft schwindet, der Kiez wandelt sich – gewichtige Argumente also dafür neue Kunden mit offenen Armen zu empfangen.

 

Lenau-Stuben: Einblick

Lenau-Stuben: Einblick

 

Kritische Einordnung: Die Ergebnisse einer qualitativen Studie einer einzigen Kneipe sind in keinem Falle repräsentativ! Daher stehen die vorangegangenen Thesen auf wackligen Füßen. Zu dem fehlt der Vergleich mit einer repräsentativen Anzahl von Eckkneipen anderer Untersuchungsgebiete. Universelle Aussagen lassen sich damit nicht treffen. Die Studie könnte jedoch ein erstes Indiz für eine im Aufwertungsdruck sich wandelnde Infrastruktur sein. Sollte diese Annahme stimmen, dann würde dies für einen humangeographischen Ansatz der Gentrifizierungsforschung bedeuten, dass es vermutlich nicht reicht das Verhältnis gentrifizierungsrelevanter Infrastruktur zu bestimmen, um auf eine bestimmte Phase der Aufwertung schließen zu können.

So verwendet Jan Glatter1 in seiner Arbeit „Gentrification in Ostdeutschland – untersucht am Beispiel der Dresdner Äußeren Neustadt“ für die Analyse der kommerziellen Gentrification nicht nur raumstatistische Datenreihen zur Gebäudenutzung (Nutzungstyp, Name der Nutzung, Nutzungsdauer) sondern auch verdeckte teilnehmende Beobachtungen – die vermutlich ebenfalls von Studenten durchgeführt wurden.Bekleidungsgeschäfte und gastronomische Einrichtungen wurden anhand ihrer Außengestaltung, Inneneinrichtung, dem Angebot, der Gäste, der Bedienung sowie der Atmosphäre erfasst. Erst beide Methoden qualitative wie quantitative zusammen erlauben ein genaues Bild der Aufwertung – Triangulation scheint hier also sinnvoll.

1Jan Glatter (2007): „Gentrification in Ostdeutschland – untersucht am Beispiel der Dresdner Äußeren Neustadt“. Dresdner Geographische Beiträge. Heft 11/ 2007.

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