Foto-Essay Berlin Mitte (a)

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Die Spandauer Vorstadt im Berliner Bezirk Mitte gilt stadtsoziologisch als vollkommen gentrifiziert. Teure Boutiquen, exklusive Cafés und Restaurants, internationale Schulen und Galerien zeitgenössischer Kunst prägen das Erscheinungsbild. Der Raum ist durch Tourist/innen geprägt, die vor allem in der Gegend um den Hackeschen Markt und der Oranienburger Straße flanieren, einkaufen und Sehenswürdigkeiten aufsuchen. In den Nebenstraßen sitzen vor allem die Vertreter der oberen Mittelschicht, also diejenigen mit sehr hohem ökonomischen wie kulturellem Kapital. Im Außenaufsteller des Zeitungskiosks neben dem Kiezmarkt auf der Großen Hamburger Straße (Bild 1) sind die führenden überregionalen Zeitungen aufgereiht: die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine und die Berliner Zeitung.Im Gegensatz zu anderen Berliner Kiosken fehlt hier aber die Boulevardpresse wie beispielsweise die BILD und deren Aufsteller. Die Werbung für den Weihnachtsmarkt betont die ökologischen Standards der angebotenen Produkte und damit die Wertvorstellungen der Bewohner/innen. 

Nicht weit entfernt eröffnete vor einigen Jahren das Café St. Oberholz in einem Eck-Gebäude am Rosenthaler Platz, in dem sich früher eine Burger-King Filiale befand. Das Café drückt den Lebensstil, der im Allgemeinen mit Berlin Mitte assoziiert wird, aus. Tagtäglich werde die zwei Etagen von vorwiegend jungen Menschen heimgesucht, die an ihrem Laptop – zumeist ist dieser ein MacBook, welches Design und Klasse symbolisiert – arbeiten und das kostenlose WLAN des Cafés nutzen (siehe Bild 2). Diese Art von Nutzung war anfänglich dem eher geringen Einkommen der Student/innen und somit dem fehlenden Internetanschluss zu Hause geschuldet während er gleichzeitig eine Abwechslung zur Uni-Bibliothek darstellte. Mittlerweile gilt das Café St. Oberholz – in einer Zeit, in der das Internet jederzeit verfügbar und erschwinglich ist – als ein Ort der Zugehörigkeit zur Berliner „Bohème“, des „Sehens und Gesehenwerdens“ und beliebte Adresse für Medienschaffende. Die Preise des ausgewählten Angebots an Speisen und Getränken übersteigen das Durchschnittsbudget von Student/innen.

Der Weinbergspark am Weinbergsweg befindet sich genau an der Grenze zwischen Berlin Mitte und Prenzlauer Berg. Öffentliche Plätze und Parkanlagen sind in diesem Ortsteil gepflegt und werden ihrer Art angemessen und regelkonform genutzt: Eltern gehen mit ihren Kindern spielen (siehe Bild 3), im Sommer nutzen junge Erwachsene in Gruppen so wie Pärchen und Touristen/innen die Parks, um sich zu treffen, spazieren zu gehen oder in der Sonne zu liegen. Die öffentlichen Plätze in Berlin Mitte werden im Gegensatz zu anderen Bezirken nicht vorrangig mit Obdachlosen, gewaltsamen Auseinandersetzungen oder dem Verkauf von Rauschmitteln verknüpft.

Die S-Bahnhöfe Hackescher Markt und Oranienburger Straße sindwichtige Transiträume: Sie sind umgeben von touristischenRestaurants, High-Fashion-Boutiquen und dem Wochenmarkt. Durch die ständige Anwesenheit von Aufsichtspersonal und den hohen Sauberkeitsstandard vermitteln die S-Bahnhöfe ein sicheres und beruhigendes Gefühl. Die originalen Schriftzüge und Schilder am S-Bahnhof Oranienburger Straße geben Aufschluss über die Historie des Ortes im ehemaligen jüdischen Viertel Berlins.

Während konkrete Bezüge zum Ortsnamen Mitte selten visualisiert sind und Straßenkunst wenig Raum geboten wird, findet sich auffällig oft das Wort Berlin, adjektivisch auf Stickern und Plakaten genutzt, das sich während der letzten Jahre besonders in Mitte als Inbegriff für Innovation und „Hipstertum“ etabliert hat. Prototypisch ist der Aufkleber „Das ist so Berlin“ auf zahlreichen Ampeln und Laternen. Als krasser Gegensatz dazu steht der Spruch „Du hast Angst vor’m Hermannplatz“ auf einem Straßenschild der Kastanienallee (Bild 5), der fast schon wie eine Kampfansage einer/s intellektuell-alternativen Neuköllners/in wirkt. Voraussetzung für diesen spielerischen Kampf der Kulturen ist eine starke Wohnentscheidung für und Identifizierung mit dem jeweiligen Kiez. Die Lebensphilosophie von typischen Mitte-Bewohner/innen steht in krassem Kontrast zu der einer/s Neuköllners/in.

Nur an einigen Stellen sind noch Zeichen des gespielten Protestes zu erkennen. Sticker wie „Ich war der erste Yuppie, ihr Idioten“ zeigen, dass gutverdienende Globalisierungsgewinner der ersten Generation die Übernahme „ihres“ Bezirks kritisieren und sich dabei ironischerweise auf Zuziehende ihrer eigenen sozioökonomischen Klasse beziehen. Sie imitieren damit die erste Kritikwelle der Alteingesessenen, zu denen sie sich schon selbst zählen.

Ein anderes Beispiel für diesen Trend: Im Café „The Barn“ setzen die Besitzer vermeintlich „alte“ Standards, indem sie durch einen Poller am Eingang verhindern, dass Kinderwagen in den Innenbereich gelangen (Bild 6). Zudem sind Zucker, Milch, Internetnutzung und Telefonieren verboten. Dabei geht es eigentlich weniger um den alleinigen Ausschluss von Gruppen als vielmehr darum, sich fern von sonst präsenten Kommunikationsmedien auf den ursprünglichen Genuss von Kaffee zu besinnen. Tatsächlich sind diese Regelungen jedoch ein extremes Beispiel gezielter Ausgrenzung bestimmter Verhaltensweisen und damit indirekt auch bestimmter Bevölkerungsgruppen.

Der Buchladen „Ocelot – Not just another bookstore” vereint alle charakteristischen Eigenschaften Mittes (Foto 5). Als typische Form der Ladennutzung Berlin Mitte – dem des Concept Store – überblendet er die Funktion des klassischen Buchgeschäfts mit einem Café. „Concept Store“ beschreibt einen Laden mit innovativen Sortiments- und Markenkombinationen, eine moderne Auffassung von erlebnisreichem Shopping.Die Auswahl der Bücher ist verzichtet auf Bestsellerlisten und Publikumsverlage, sondern konzentriert sich auf intellektuellen Themen und exklusive Bildbände. Ein Sandwich kostet über 4 Euro. Die Innenreinrichtung orientiert sich am rustikalen „industrial chic“: Durch unverputzte Wände, offene Verkabelungen und Holzvertäfelungen und Kreidetafeln will man ein „authentisches“ Ambiente kreieren. Es lässt sich das Konzept der Konstruktion von ortsgebundenen Authentizitäten erkennen, was sich durch Design und Gestaltung durch den gesamten Bezirk zieht. Die Historisierung spielt dabei eine wichtige Rolle: antike oder altertümliche Gegenstände in Geschäften oder öffentlichen Orten erschaffen ein ursprüngliches Flair. Bourdieus These vom Klub-Effekt wird hier exemplifiziert: Menschen mit geringem ökonomischen und sozialen Kapital sind fast vollständig ausgegrenzt. Die zunehmende Exklusivität von Konsumgütern, Cafés und Geschäften ist fast nur noch Menschen aus der gehobenen Mittelschicht und der Oberschicht zugänglich.

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