Proletarische Eckkneipe (MoabitV)

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Eckkneipe_Moabit_V
Die von mir ausgewählte Kneipe habe ich Ende 2012 direkt an einer großen Hauptstraße in Moabit entdeckt. Heute gibt es die Kneipe nicht mehr. Bevor ich ein Interview mit der Besitzerin machen konnte, hat diese ihre Kneipe geschlossen.

Die Wirtin hat die Kneipe vor über 20 Jahren übernommen. Vorher hat sie in verschiedenen Fabriken gearbeitet und war für „einige Zeit“ (Eigenaussage) im Gefängnis.

Wie ich beobachten konnte war durchgängig zu wenig Betrieb in der Kneipe. Die Wirtin hat zwar Engagement gezeigt indem sie Unterhaltungsprogramm anbot, viel Arbeit in die saisonale Dekoration steckte und die Preise immer ein „kleines bisschen billiger machte als in den umliegenden Kneipen“ (Eigenaussage), aber welche Gäste sie sich gewünscht hätte blieb mir unklar. Als Geldquelle erwähnte sie außerdem die Spielautomaten. Sie sprach von „den goldenen 80er Jahren“ und dass sie die Kneipe mit über 100 Stammgästen übernommen hätte, wovon heute viele entweder tot oder weggezogen seien während die übriggebliebenen es sich nicht mehr leisten könnten oft zu kommen und viel zu trinken.

Von meiner eigenen Erfahrung als Kneipen-Mitbesitzerin in Berlin her schätze ich sie als sehr erfahrene Wirtin ein, die einen beeindruckend souveränen Umgang mit Behörden und Lieferdiensten pflegte (z.B.:Eigentlich waren ihre Räumlichkeiten zu groß um überall Rauchen zu dürfen. Trotzdem hat sie einen Weg gefunden, diese Regelung zu umgehen).

Seit meinem Besuch in der Adventszeit wusste ich, dass die Wirtin plante ihre Kneipe zum 1.April 2013 zu schließen, bei meinem Besuch Anfang Februar teilte sie mir jedoch mit, dass sie relativ spontan den Betrieb ab Mitte Februar einstellen wird. Gründe für die Schließung Ende 2013 waren ihre finanzielle Lage und ihre neue Liebesbeziehung, mit der sie nach Brandenburg ziehen wollte. Warum sie dann so plötzlich den Betrieb einstellte erläuterte sie nur äußerst kurz; sie erwähnte Probleme mit ihrem Vermieter.

Ich war am letzten Öffnungstag da, es kamen sich ca.15 Gäste verabschieden, der Stimmung war weder traurig noch enttäuscht, eher resigniert. Die Wirtin erweckte den Eindruck als wollte sie nicht viel sprechen, begrüßte aber alle Gäste sehr freundlich.

In der Zeit danach waren wir zwar für ein Interview verabredet, wir haben auch öfter telefoniert, aber zu einer festen Verabredung kam es nicht mehr, weil sie immer zu viel zu tun hatte (Eigenaussage). Es musste im Anschluss an die Schließung noch viel von ihr organisiert werden, sie sprach von „Behördenmarathon“.

FotoessayEckkneipeMoabitV-1

Report Teilnehmende BeobachtungMoabitV

 

Folgend, kurze Einblicke in das Foto-Essay und die Teilnehmenden Beobachtung:

Foto-Essay:

Die Dekoration wirkt auf ein Publikum zugeschnitten, das sich eine ‚rustikal-einfache’ Atmosphäre mit Lokalkolorit wünscht. Spitzengardinen vermitteln eine gewisse Heimeligkeit während kleine Kürbisse im Fenster den Bezug zur Jahreszeit herstellen. Die Benennung des lokalen Fußballvereins ‚Hertha BSC’ vermittelt ebenfalls einen Lokalbezug. All dies bestätigt unsere Annahme, nach der eine Eckkneipe durch lokale Bierwerbung und Unterhaltungsmöglichkeiten ihr Publikum anspricht, das selber eher über 40 ist.

Alle Gäste trinken an diesem Dienstagnachmittag gezapftes ‚Schultheiss’-Bier. Die Zigarettenschachtel zeigt außerdem, dass in der Kneipe geraucht wird. Ein ‚Gesundheitslifestyle’ spielt in der Konsumkultur dieses Lokals augenscheinlich keine Rolle.

Die rassistisch anmutende Darstellung von Schwarzen Jazzmusikern als Deko-Figuren gilt der Wirtin vermutlich als stimmungsvoll, ‚lustig’, schreckt aber bestimmte Erstbesucher mit Sicherheit ab.

Ein ‚Kästchen’ in das Stammgäste das ganze Jahr über immer wieder Geld einwerfen, das am Ende des Jahres ausgezahlt wird, lässt vermuten, dass in der Kneipe die Stammkundschaft bestimmend ist, die hier das ganze Jahr über gemeinsam Zeit verbringt und die Kneipe als einen ‚Lebensraum’ nutzt, was unseren Annahmen über ‚proletarische Eckkneipen’ entspricht.

Die Cocktail- Angebote scheinen im gesamten Raum der einzige Punkt an dem die klassischen Charakteristika der ‚proletarischen Eckkneipe’ überschritten werden.

Die Kneipe entspricht den im Kurs besprochenen Charakteristika einer `proletarischen Eckkneipe`. Als einziges Anzeichen einer neuen kulturellen Überformung des Etablissements kann das neu eingeführte Cocktailangebot interpretiert werden. Die anhand des deutlich veralteten Werbeplakats aufkommende Frage, inwiefern die ‚klassisch-proletarische Eckkneipe’ sich inzwischen selbst nostalgisch betrachtet und präsentiert, müsste an anderen Beispielen überprüft werden.

 

Teilnehmende Beobachtung

Anwesend waren acht Männer und fünf Frauen, inklusive mir. Bei meinen letzten Besuchen waren jedoch wesentlich mehr Männer anwesend als Frauen. Das Alter der Gäste insgesamt schätze ich zwischen 25 und 65 Jahren ein, der überwiegende Teil der Gäste schien jedoch über 40 Jahre alt zu sein, ich (25 Jahre alt) und eine weitere Frau (geschätztes Alter 25-30) waren meines Erachtens nach die Ausnahmen.

Das dominanteste Gesprächsthema an diesem Abend war Geld, unter anderem weil die andauerndste Unterhaltung sich um ein Geschenk für einen Gast drehte.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass es meiner Einschätzung nach Unterschiede bezüglich der Mileu-Zugehörigkeit unter den Gästen gibt. Die anwesende Kindergärtnerin kann es sich leisten eine Brille zu kaufen ‚die nicht von Fielmann ist‘ (Eigenaussage), im Gegensatz zu Detlef und seinen fehlenden Zähnen.

Wie die Gäste die gastronomische Einrichtung nutzen weist auch auf den Hauptzweck der Kneipe hin: Auf Aushängen wird für Veranstaltungen wie Skatturniere und Eisbeinessen geworben, an diesem Abend wurde aber weder die Dartscheibe genutzt noch Karten gespielt

Die Kneipe scheint das ‚erweiterte Wohnzimmer‘ für viele Gäste zu sein. Das ‚Zechezahlen‘ deutet darauf hin, dass die Gäste, mit wenigen Ausnahmen, Stammgäste sind –  bei meinem vierten Besuch kannte ich schon sieben der 13 Gäste. Außerdem kommen, laut der Wirtin, viele Gäste aus der Nachbarschaft.

Während meines Besuchs wirkten die Gäste zunehmend betrunken, und die Gespräche zunehmend laut und hitzig. Die Gäste bewegten sich im Gastraum umher, sodass Gesprächskonstellationen wechselten und alle Anwesenden miteinbezogen wurden. Die Gäste ‚duzten‘ sich alle, haben zum Teil Spitznamen und scheinen auch teilweise außerhalb der Kneipe miteinander befreundet oder bekannt zu sein: Das Verhältnis zwischen den Gästen und dem Personal ist sehr familiär und vertraut.

Zum Schluss möchte ich noch die Wichtigkeit des Tresens betonen, der durch seine Raumeinnahme und Unumgehbarkeit entscheidend ist für die Integration von neuen Gästen, aber eben auch für die Integration aller Gäste. Entscheidend ist dabei aber auch die Rolle der Wirtin, die durch ihre freundliche, aber auch ruppige direkte Art zu Sprechen, Gespräche vom Tresen aus generiert.

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