Moabit Ost

Print Friendly

Gentrifizierung in Moabit Ost? – Eine Gebietsanalyse

Ausgangspunkt…

 … der vorliegenden Arbeit war die Beobachtung, dass eine Mietpreissteigerung im Berliner Stadtteil Moabit festzustellen ist. Unser Ziel war es nun, durch Gebietsbeschreibungen, Recherche und Experteninterviews herauszufinden, ob es sich dabei um die „normale“ Entwicklung eines Berliner Stadtteils handelt oder ob die momentanen Veränderungen Teil eines Gentrifizierungsprozesses sind.

 Bei dem von uns bearbeiteten Abschnitt handelt es sich um Moabit Ost.

Im Norden wird Moabit Ost von der Quitzowstraße begrenzt. Diese Straße ist aufgrund des starken Autoverkehrs wenig attraktiv und stark durch die sich auf der nördlichen Straßenseite befindenden Nutzungen wie Kleingewerbe, Handwerk geprägt. Noch weiter nördlich der Quitzowstraße verlaufen die Umgehungsstraße Ellen-Epstein-Straße und eine großflächige Bahntrasse, welche zusammen eine Barriere zum Stadtteil Wedding von bis zu 120 Metern Breite bilden.

Nach Osten hin hat das Gebiet schon immer eine Art Randlage besessen. Früher durch die parallel verlaufenden Bahngleise der Bahnstrecke vom damaligen Lehrter Bahnhof über Lehrte nach Hannover, in den Jahren nach 1961 durch die buchstäbliche Stadtrandlage entlang der Berliner Mauer und aktuell wieder durch die Nord-Süd-Bahnverbindung. Obwohl sich die Lage von Moabit, im Speziellen von Moabit Ost, nach dem Ende der DDR entscheidend verändert hat – aus der bisherigen Randlage rückte es quasi über Nacht ins „Herz der Stadt“ – und es gerade massive Planungsvorhaben für den Bereich der Noch-Brachfläche der Deutschen Bahn entlang der Lehrter Straße gibt, wird sich an dieser gefühlten Peripherielage auf absehbare Zeit nichts ändern. Denn bisher ist keine Querungsmöglichkeit zum/vom Stadtteil Mitte vorgesehen. (Sitzungsprotokoll 05.02.13: http://www.lehrter-strasse-berlin.net/dateien/BR-Lehrter_Protokolle/2013/BRL_Prot_2013-02-05.pdf, S. 2)

Richtung Süden wird das Gelände durch den Kleinen Tiergarten, das Landgericht Berlin und die Heinrich-Zille-Siedlung begrenzt und nach Westen wird das Areal nicht nur formal durch die Stromstraße vom restlichen Stadtteil Moabit abgetrennt. Selbige besitzt auf Grund ihrer geringen Aufenthaltsqualität und des hohen Verkehrsaufkommens auch in Realität eine stark abgrenzende Wirkung.

 Den so eingegrenzten Bereich haben wir auf Gentrifizierungsanzeichen hin erforscht und dabei festgestellt, dass man es nicht als ein zusammenhängendes Gebiet betrachten kann. Dafür weist es in sich eine zu große Inhomogenität auf. Diese ist begründet in der Geschichte eben speziell dieses Abschnitts Moabits, woraus die großen Unterschiede in seinen Nutzungen, der vorhandenen Bausubstanz und den Zugänglichkeiten resultieren.

Hier zu nennen ist der Fritz-Schloss-Park, welcher 1955 auf dem Gelände eines ehemaligen Kasernenhof entstanden ist und dessen Hügel der Schuttberg der 1944 zerstörten Kaserne sowie etlicher Wohnbauten Moabits ist (vgl. http://www.moabitonline.de/285, Stand: 12.03.2013). Dieses Areal war Teil des ehemalig größten Kasernen- und Exerziergeländes vor den Toren Berlins. Diese seit 1840 militärisch genutzten Flächen befanden sich zwischen der Rathenower Straße, der Perleberger Straße und der damals nur als Sandweg vorhandenen Lehrter Straße und erstreckten sich Richtung Süden bis zur Invalidenstraße. Teile dieses Militärgeländes werden heute durch die Polizeidirektion verwendet oder wurden bereits in den 1920ern umgenutzt, wie z.B. für das 1926- 1929 errichtete Poststadion, welches sich direkt neben dem Fritz-Schloß-Park befindet und seit wenigen Jahren wieder für Sportveranstaltungen geöffnet ist (vgl. http://www.berliner-lindenblatt.de/content/view/368/414/, Stand: 12.03.2013).

Quelle: (Karte fis-broker): http://www.stadtentwicklung.berlin.de/geoinformation/fis-broker/ (Stand: 12.03.2013)
Abb.1: Quelle: (Karte fis-broker): http://www.stadtentwicklung.berlin.de/geoinformation/fis-broker/ (Stand: 12.03.2013)

Darüber hinaus befindet sich zwischen der Rathenower Straße und der Lübecker Straße das Gelände des 1872 eröffneten Krankenhauses Moabit, welches 2001 stillgelegt wurde. Heute beherbergt das Areal Arztpraxen und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens (http://www.moabit-ost.de/MOABIT-Krankenhaus-Moabit.790.0.html, Stand: 13.03.2013).

All diese heutigen Nutzungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie von den Bewohnern und Besuchern entweder nur zeitweise oder gar nicht genutzt werden können. Oder wie im Fall des Fritz-Schloss-Parks, äußerst schlecht von außen wahrgenommen werden können. Der Park ist zu drei Seiten fast vollständig von eben jenen abgrenzenden Nutzungen umgeben, besitzt im Bereich der Rathenower Straße einen beträchtlichen Höhenversprung und ist allgemein sehr schlecht wahrnehmbar und noch schlechter zugänglich. Dass dies auch von der Senatsverwaltung so empfunden wird, zeigen die Umgestaltungen der Eingangsbereiche (http://www.berlin.de/ba-mitte/org/stadtplanung/suw_b.html, Stand: 16.03.2013). Lediglich nach Süden hin präsentiert sich der Park wie eine öffentliche Grünanlage.

Wir messen all diesen barrierebildenden Arealen eine große Bedeutung für Moabit Ost zu. Nicht nur, weil sie zusammen etwa die Hälfte des untersuchten Gebietes ausmachen, sondern weil sie das Gebiet in sich stark fragmentieren. Eine sich damit deckende Aussage wurde auch durch das Quartiersmanagement-Ost getroffen: „Dadurch gibt es im Quartier auch keinen zentralen Mittelpunkt, der eine Kiezfunktion hat. Vielmehr existieren kleine „Inseln“, die eine eigene Kiezkultur entwickelt haben, [….]. “ (http://www.moabit-ost.de/Gebiet.776.0.html, Stand: 13.03.2013).

Wir haben diese Bereiche deshalb bei unseren weiteren Untersuchungen anders betrachtet, da es sich bei diesen Arealen eben nicht um Wohngebiete handelt und sie demnach auch nicht selber gentrifiziert werden können. Was nicht heißt, dass sie nicht gentrifizierungsfördernd oder -hemmend wirken können. Z.B. in Form eines Parks, welcher Anziehungspunkt für einzelne Nutzergruppen sein kann. Beim Fritz-Schloss-Park allerdings ist ein solches kiezübergreifendes Anziehungsvermögen eher zu bezweifeln. Die Gründe hierfür haben wir bereits dargelegt.

Darüber hinaus gibt es im südlichen Bereich, zwischen Gesundheitszentrum und Fritz-Schloss-Park einen großen Teil mit Bebauung aus den späten 50er und 60er Jahren. Der Grund hierfür war die großflächige Zerstörung während des Zweiten Weltkrieges. Es ist nicht auszuschließen, dass auch dieses Gebiet z.B. durch seine Zentrumsnähe oder aufgrund günstiger Mieten für den einen oder anderen Pionier interessant werden können, allerdings handelt es sich größtenteils nicht um die attraktiven Wohngebäuden aus der Gründerzeit und außerdem fehlen hier fast gänzlich die Möglichkeiten zur Erdgeschossnutzung. Diese sind besonders für Künstlerateliers interessant und für eine Nutzung als „Szenekneipe“ Voraussetzung. Lediglich im südlichsten Bereich lassen sich einige Cafés oder auch Restaurants finden, deren Kundschaft allerdings überwiegend Mitarbeiter oder Besucher des Landgerichts Berlin sind. Aufgrund dessen bezweifeln wir das Gentrifizierungsvermögens dieses Bereiches.

Verkehrstechnisch ist Moabit Ost mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln trotz seiner Zentrumsnähe in weiten Teilen schlecht angebunden. Zwar wird das Gebiet durch zwei Buslinien versorgt, allerdings in für ein so zentrales Gebiet unzureichenden Takten und außerdem sind in Berlin die meisten Menschen aufgrund der Größe der Stadt auf eine U- oder S-Bahn-Anbindung angewiesen. Die nächsten Stationen hierfür befinden sich, für den Großteil der Bewohner, in Laufentfernung von um die 20 Minuten. Zwar ist eine neue S-Bahnanbindung im Bereich Perleberger Brücke geplant, diese dürfte aber noch einige Jahre auf sich warten lassen, wird sich dann aber mit Sicherheit entwicklungsbeschleunigend auf Moabit Ost auswirken. (vgl. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/politik_planung/oepnv/planungen/de/s21.shtml, Stand: 18.03.2013)

Nachdem wir die bereits beschriebenen Gebiete in unseren Untersuchungen als zu vernachlässigen einstufen, haben sich drei „Inseln“ herauskristallisiert. Diese drei „Inseln“ sind: das Gebiet Lehrter Straße, der Stephankiez und das Gebiet Lübecker Straße/ Wilsnacker Straße.

In Verlauf der weiteren Arbeit werden wir diese Teilbereiche genauer untersuchen.

1.ZP.indd
Abb.2: Aufteilung Gebiet (Quelle siehe Bild)

Als Interviewpartner standen uns freundlicher Weise Frau Torka vom „B-Laden“, Herr Saad vom Quartiersmanagement Ost und Herr la Barré vom Verein „BürSte“ zur Verfügung. Interessant war, dass sich die Arbeitsschwerpunkte der Ansprechpartner in großen Teilen mit der von uns beobachteten Aufsplittung des Gebietes Moabit Ost decken. Das Quartiersmanagement-Ost-Gebiet entspricht dem Gebiet Lübecker Straße/ Wilsnacker Straße, plus dem nördlichen Teil der Lehrter Straße und der Verein „BürSte“ beschäftigt sich mit dem Stephankiez. Frau Torka beschäftigt sich mit den Entwicklungen in ganz Moabit, ist aber durch den Sitz des „B-Ladens“ in der Lehrter Straße und durch die aktuell anstehenden Veränderungen in der selben eine besonders geeignete Ansprechpartnerin gerade für Entwicklungen in diesem Bereich Moabits.

Teilgebiet 1: Stephankiez

1.ZP.indd
Abb.3: Aufteilung Gebiet (Quelle siehe Bild)

Der Stephankiez liegt im nördlichen Bereich von Moabit Ost und ist räumlich begrenzt durch die Perleberger Straße im Südosten, der Birkenstraße im Südwesten, der Putlitzstraße im Westen und der Quitzowstraße im Norden.  (Siehe  Abb.3)

Das Areal nimmt eine gewisse Sonderrolle in der Untersuchung des Gebietes Moabit Ost ein. Aufgrund der gut erhaltenen, historischen Bausubstanz, stand der Stephankiez schon von 1991 bis 2007 unter Milieuschutz und war ebenfalls von 1995 bis 2006 Sanierungsgebiet. (http://www.stadtentwicklung.berlin.de/staedtebau/foerderprogramme/stadterneuerung/de/download/rvo8_abghs_vorlage.pdf,  Stand: 18.03.2013)

Im Laufe der Untersuchungen des Quartiers wurde ein Gespräch mit Stephan La Barré geführt. Er schien uns als geeigneter Interviewpartner, da er Vorsitzender des Bürgervereins für den Stephankiez und selbst in der Immobilienbranche tätig ist. Im Jahre 2006 hat er die ehemalige Kommune I gekauft, da er sie vorher schon seit Jahren mühevoll in eigener Arbeit renoviert hatte.

Anbindung

Endpräse copy.indd
Abb.4: Anbindungung an öffentliche Infrastruktur (Quelle siehe Bild)

Die Verbindung vom Stephankiez zum Zentrum ist im Westen mit den U-Bahnstationen Birkenstraße der Linie 9 gegeben. Außerdem wird das Gebiet durch die S- und U-Bahnstation Westhafen mit der Ringbahn und somit einem Großteil Berlins vernetzt (Abb.4).

Die wichtigste Straße für Busverkehr ist die Perleberger Straße, welche mit dem Bus M 27 und dem Bus 123 gut erschlossen ist. Der Bus 123 fährt ebenfalls die Turm- und Rathenowerstraße ab und fährt über die Lehrter Straße weiter in Richtung Hauptbahnhof.

Städtebau und Bebauungsstruktur

Endpräse copy.indd
Abb.5: Bestand nach dem II. Weltkrieg

Aufgrund der Tatsache, dass das Gebiet während des Kriegs kaum Zerstörung erlitten hat, „[…] [sind] 90 Prozent der historischen Bausubstanz erhalten […]“ (http://www.moabitonline.de/13671, Stand: 16.03.13).

Nach der Wiedervereinigung wurde 1991 im Stephankiez eine Erhaltungsverordnung entsprechend § 172 Baugesetzbuch (sogenannter Milieuschutz) ausgewiesen, um den seit Mitte der 1980er Jahre zunehmenden Modernisierungsmaßnahmen und den damit befürchteten negativen Entwicklung hinsichtlich der sozialen Zusammensetzung und Mieterverdrängung entgegenzuwirken. Es war das erste Gebiet, das in Berlin unter Milieuschutz gestellt wurde (http://www.geographie.hu-berlin.de/institut/publikationsreihen/arbeitsberichte/download/a48.pdf, Stand: 17.03.13).

Zwischen den Jahren 1995 und 2006 wurden Teile des Milieuschutzgebietes parallel unter eine Sanierungssatzung gestellt. Somit wurden in dieser Zeit zahlreiche Wohngebäude, Grün- und Freiflächen und soziale Infrastruktur aufgewertet (http://www.stadtentwicklung.berlin.de/staedtebau/foerderprogramme/stadterneuerung/de/download/rvo8_abghs_vorlage.pdf, Stand: 18.03.2013).

Stephanplatz - Spielplatz (Foto J.Backhaus)

Abb.6: Stephanplatz – Spielplatz (Foto J.Backhaus)

Ein Beispiel für eine Sanierungszone ist der zentral gelegene, große Spielplatz am Stephanplatz. Da der Kiez nahezu vollständig bebaut ist, kam der qualitätsvollen Gestaltung der Spiel- und Grünflächen eine besonders hohe Bedeutung zu. 1997 begann der Planungsprozess für die Neugestaltung des Stephanplatzes. Ein wesentliches Ziel war es, eine Fußwegeverbindung quer über den Platz und somit auch eine Aufteilung der Freiflächengestaltung herbeizuführen (Abb.6). Inzwischen wird der Platz bei sonnigem Wetter täglich von 50 bis 100 Menschen genutzt (http://www.stern-berlin.com/stadtquartiere/stadterneuerung/stephankiez-berlin-mitte/, Stand: 16.03.13).

Abb. 5: Stephanstraße - Verkehrsberuhigter Bereich (Foto L.C. Helten)

Abb.7: Stephanstraße – Verkehrsberuhigter Bereich (Foto L.C. Helten)

Schon Anfang der 90er Jahren wünschten sich die Bewohner, dass einzelne Straßen innerhalb des Stephankiezes verkehrsberuhigt werden. (Abb. 5) Zwischen der Bewohnerschaft, dem zuständigen Straßen- und Grünflächenamt und dem Sanierungsbeauftragten wurde eine grundsätzliche Einteilung in Tempo-50- und Tempo-30-Zonen sowie verkehrsberuhigten Bereichen getroffen, so dass sich in vielen Straßen eine ruhige Wohnsituation etablieren konnte (http://www.stern-berlin.com/stadtquartiere/stadterneuerung/stephankiez-berlin-mitte/, Stand: 16.03.13).

Abb. 6: Moa-Bogen (Foto L.C. Helten)

Abb.8: Moa-Bogen (Foto L.C. Helten)

Als weiteres Beispiel für ein Sanierungsprojekt ist das ehemalige Paechbrot-Areal mit einer Gesamtgröße von 15.000m². Dieses Areal ist durch seine städtebauliche Lage prägend für den Stephankiez, da es den westlichen Eingangsbereich zum Kiez an der Stephan- und Birkenstraße bildet. Auf Grund einer Sanierungszieländerung war ein Nutzungsspektrum festgelegt worden, welches Nutzungen wie Wohnen auf Zeit, Kunst, Kultur, Gastronomie und Einzelhandel vorsah. Zudem sollte eine Fußwegverbindung von der Birkenstraße zur Stephanstraße hergestellt werden. Nach einem mehr als zehn Jahre dauernden Planungsprozess mit verschiedenen und viel diskutierten Nutzungskonzepten wurde das Neubauvorhaben nach den Entwürfen des bekannten Architekten Tchoban im Jahr 2009 realisiert. Heute befindet sich dort ein EDEKA-Supermarkt (Abb. 6), welcher von den Anwohnern auch gut besucht wird (http://www.stern-berlin.com/stadtquartiere/stadterneuerung/stephankiez-berlin-mitte/, Stand: 16.03.13).

Abb. 7: Stephanstraße - Moa-Bogen)

Abb.9: Stephanstraße – Moa-Bogen (Foto L.C. Helten)

In den 90er Jahren war es oft schwierig, Mieter zu finden und es kam teilweise zu Wohnungsleerstand. Das hatte zur Auswirkung, dass eine heterogene Anwohnerstruktur im Kiez entstanden war, denn die Vermieter konnten sich nicht erlauben die Mieter nach Herkunft und Beruf auszuwählen (Experteninterview, La Barré).

Im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ließ sich eine Veränderung der Situation am Immobilienmarkt verzeichnen. Durch das internationale Publikum wurde der Markt sensibilisiert und geöffnet. Vor allem ausländische Investoren wurden auf den horrenden Preisunterschied zu anderen europäischen Hauptstädten aufmerksam und begannen zu investieren. Dies lockte auch Käufer nach Moabit, wo Objekte gekauft, renoviert und wieder auf den Markt gebracht wurden. Durch Eigentümerwechsel, Renovierung und Modernisierung und den am Anfang überzogenen Erwartungen der neuen marktfremden Eigentümer stieg der Mietzins und am Anfang somit auch der Leerstand. Die erhöh­ten Mie­ten waren nicht mehr für alle Anwoh­ner bezahl­bar (Exper­ten­in­ter­view, La Barré)

Nach und nach entstand aufgrund verschiedener Faktoren mehr Druck auf dem Wohnungsmarkt Berlins, so dass es nun einfacher war, neue Mieter zu finden (Experteninterview, La Barré).

Eine Sozialstudie aus dem Jahr 2006, die die Voraussetzungen zur Anwendung der Milieuschutzverordnung prüfen sollte, kam zu dem Ergebnis, dass keine Anhaltspunkte für einen städtebaulich begründeten Aufwertungsdruck mehr bestanden. Aufgrund dieser Untersuchung beschloss der Bezirk 2007 die teilweise Aufhebung der Erhaltungsverordnung. Der Milieuschutz nach § 172 Abs.1 Nr.2 BauGB zur Erhaltung der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung wurde aufgehoben, während der städtebauliche Schutz nach § 172 Abs.1 Nr.1 BauGB weiterhin bestehen geblieben ist – mit der Begründung, dass „[…] die städtebauliche Gestalt des gründerzeitlichen Gebietes, eine besondere Qualität und einen wesentlichen Faktor für die Attraktivität des Wohnstandortes darstellt.“ (http://www.berlin.de/ba-mitte/bvv-online/vo020.asp?VOLFDNR=2715&options=4, Stand: 17.03.13).

Bürgerverein und soziale Strukturen

Abb. 10: Vereinshaus des BürSte e.V. in der Stephanstraße 43 (Foto: Stephan la Barré)

Abb. 10: Vereinshaus des BürSte e.V. in der Stephanstraße 43 (Foto: Stephan la Barré)

Einhergehend mit der Aufhebung des Sanierungsgebietes wurde der Verein „Bürger für den Stephankiez“, abgekürzt „BürSte e. V.“, gegründet. Der als gemeinnützig anerkannte Verein, der von sieben Mitgliedern gegründet wurde, soll dem Kiez ein Forum geben und ein unabhängiger Vermittler zwischen Bürgern und Bezirksamt sein. Das gemeinsame Leben im Stephankiez, d.h. die Angebote für Kinder, Jugend, ältere und sozial schlechter gestellte Menschen, soll verbessert werden (Abb.10). Ebenso soll eine Anlaufstelle für Bürger, Schulen, Vereine, Geschäfte und Institutionen im Kiez geschaffen werden (http://www.stern-berlin.com/stadtquartiere/stadterneuerung/stephankiez-berlin-mitte/, Stand: 16.03.13).

Abb. 8: BürSte e.V. - Kiosk für Spoielplatz (Foto J.Backhaus)

Abb.11: Kiosk zur Aufbewahrung von Spielzeug. Der Kiosk sollte abgerissen werden und wurde durch die Initiative des BürSte e.V.  erhalten. (Foto J.Backhaus)

Im Kiez wird eine Mieterberatung in Zusammenarbeit mit dem Bürgerverein angeboten. Älteren Menschen stellt diese eine wichtige Unterstützung dar, wenn sie z.B. ihren Lebenspartner verlieren und auf Grund von fehlenden Renteneinnahmen ihre Miete nicht mehr zahlen können. Ein anderes Problem tritt auf, wenn die soziale Förderung einer Wohnung ausläuft und die Familie es sich nicht mehr leisten kann, die Wohnung zu halten. Somit besteht die Gefahr, dass sie zwangsweise aus ihren Wohnungen vertrieben bzw. verdrängt werden (Experteninterview, La Barré).

Bisher eilte Moabit der Ruf voraus, eine etwas heruntergekommene Wohngegend mit hoher Kriminalitätsrate zu sein. Im Gespräch mit Anwohnern hat sich uns ein völlig anderes Bild eröffnet. Die Moabiter leben gern in ihrem Kiez und die meisten sind dort schon seit vielen Jahren ansässig. Laut Stephan LaBarré dient der schlechte Ruf Moabits momentan als Schutzschild, getreu dem Motto: „Alles Scheiße dort!“.

Gewerbestruktur

Abb. 10: Heruntergelassene Rollläden in der Rathenower Straße (Foto T.Saal)

Abb.12: Heruntergelassene Rollläden in der Rathenower Straße (Foto T.Saal)

Der Stephankiez ist eher ruhig und erscheinen ein wenig verlassen. Die im Erdgeschoss häufig heruntergelassenen Rollläden weisen auf den ersten Blick auf einen enorm hohen Leerstand hin (Abb.12). Jedoch wurde durch intensivere Recherche klar, dass die Geschäftsräume im Erdgeschoss meist als Wohnungen genutzt werden und die Bewohner tendenziell die Rollläden nur als Sichtschutz verwenden. In anderen Fällen teilen sich die Anwohner auch die Miete, um potentiellen Störenfrieden entgegen zu wirken (z.B. Bar/Restaurant/Spätkauf) (Experteninterview, La Barré).

Abb. 10: Automatencasino in der Stromstraße (Foto J.Backhaus)

Abb. 13: Automatencasino in der Stromstraße (Foto J.Backhaus)

Auffällig ist, dass die sonst so häufig anzutreffenden Friseurgeschäften und Spielcasinos (Abb.13), im Stephankiez im Gegensatz zu den anderen Teilen von Moabit, kaum bis gar nicht zu finden sind. Den größten Anteil am lokalen Einzelhandels im Stephankiez hat der neu errichtete EDEKA-Markt auf dem Paechbrot-Areal. (https://www.berlin.de/imperia/md/content/bamitte/wirtschaftsfoerderung/moabit.pdf?start&ts=1174554580&file=moabit.pdf, Stand: 18.03.13)

Das bedeutet nicht, dass die Bewohner des Stephankiezes nur diese Einkaufsmöglichkeit wahrnehmen würden, denn in der LieSte, der Zeitung der BürSte e.V., ist folgendes zu lesen: „[…] dass der kleine Penny-Markt in der Stephanstraße 30, Ecke Salzwedeler Straße zum 15. Dezember geschlossen werden sollte. Viele Nachbarinnen und Nachbarn, die schon lange im Stephankiez leben und sich ihren Kiez nicht ohne diese Einkaufsmöglichkeit vorstellen können, haben sich daraufhin engagiert und mit ihrer Unterschrift auf jeden Fall ein wenig zum Erhalt beigetragen. Die Unterschriftenlisten lagen u.a. in der Dartkneipe Prisma, Rathenower Straße, im Kohlensack und Rennwolf in der Quitzowstraße aus. Nachbarn fragten die anderen Mieter in ihren Häusern, ob sie auch unterschreiben möchten. […] Manche Anwohner haben auch Angst, dass sich in dem leeren Laden noch wieder ein neues Automatencasino ansiedeln könnte, wie in der Stromstraße. […] dann wurde Anfang Dezember bekannt gegeben, dass das Geschäft nun doch nicht geschlossen, sondern nur im Januar für 2 – 3 Tage renoviert wird.“ (http://www.moabitonline.de/15955, Stand: 18.03.13).“

Potenzial

Abb. 4: Stephanstraße Gründerzeitbauten (Foto J.Backhaus)

Abb. 14: Stephanstraße Gründerzeitbauten (Foto J.Backhaus)

Im Stephankiez wurde dank Milieuschutz und Sanierungsgebiet schon kurz nach der Wende ein Wohnumfeld geschaffen, welches sich bis heute vom restlichen Moabit unterscheidet. So reorganisierte sich der Kiez über die Jahre selbst und schaffte es, eine „gesunde“ Stadtentwicklung zu durchleben. Die Anwohner sind noch immer eine bunte Mischung aus vielen sozialen Hintergründen, verschiedenster Herkunft und unterschiedlichsten Alters. Nichtsdestotrotz gibt es einige Punkte, die bei der zukünftigen Entwicklung eine Rolle spielen. Gerade der Ein­fluss der Gebiete um den neuen Hauptbahnhof, vor allem der in Planung befindlichen riesigen Neubaubereiche in der Lehrter und Heidestraße, werden die Stadt an dieser Stelle stark verändern. Dazu sagte Herr La Barré von der BürSte: „[…] Familien sind der Kern jeder Gesellschaft und somit spielt natürlich die Qualität der Schulen in jedem Kiez eine sehr wichtige Rolle und ist ein Indikator für eine bildungsnahe Gesellschaft […]“(Experteninterview, La Barré).

Der Fakt, dass der gewerbliche Bereich nahezu rudimentär entwickelt und die räumliche Fragmentierung sehr ausgeprägt ist, lassen darauf schließen, dass im Stephankiez nur ein geringer Gentrifizierungsdruck herrscht.

Teilgebiet 2: Lehrter Straße

Der Lehrter Kiez ist der östlichste Teil Moabits und am nächsten an Berlins Mitte und am Hauptbahnhof gelegen. Das Gebiet umfasst die Lehrter Straße, Seydlitzstraße und die Kruppstraße. Um mehr über den Kiez und seine Besonderheiten zu erfahren, wurde ein Interview mit Frau Susanne Torka geführt, Mitarbeiterin des Betroffenen-Ladens Lehrter Straße (http://www.lehrter-strasse-berlin.net/), der aus einer Bürgerinitiative der Anwohner entstanden ist.

1.ZP.indd

Abb.15: Aufteilung Gebiet (Quelle siehe Bild)

Anbindung

An erster Stelle ist hier die Nähe zum Hauptbahnhof zu nennen, der einen wichtiger Dreh- und Angelpunkt im Berliner Nah- und Fernverkehr darstellt. Die fußläufige Nähe des Bereichs Lehrter Kiez stellt einen großen Vorteil des Gebiets dar, da so eine schnelle Anbindung an innerstädtische Bereiche wie Friedrichstraße und Alexanderplatz im Osten und Zoologischer Garten im Westen gegeben ist.

Dieser Aspekt kam auch im Interview mit Susanne Torka zur Sprache. Die Nähe zum Hauptbahnhof mache das Gebiet einerseits attraktiv und trägt positiv zu einem Imagewandel bei, andererseits wird das Mietniveau hierdurch in den nächsten Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit ansteigen. Gerade der Ostteil Moabits wird durch den Hauptbahnhof sein schützendes „Schmuddelimage“ verlieren.

Weiterhin ist im Bereich der Lehrter Straße die Buslinie 123 zu finden, die an den Hauptbahnhof, Turm- und Beusselstraße anbindet. Allerdings fährt diese lediglich in einem 20-minütigem Rhythmus, was einen etwas „verschlafenen“ Eindruck erweckt. An der Ecke zur Perleberger Straße fährt zudem die Buslinie M27, die eine Verbindung zur U6, U9 und zur Ringbahn darstellt, die in einem engen Rhythmus von sechs bis sieben Minuten die Haltestellen bedient.

Rechts der Lehrter Straße verlaufen Bahnschienen, die die Grenze von Moabit zu Mitte und zur Heidestraße bilden und lediglich am Hauptbahnhof und an der Perleberger Brücke überquert werden können.

Markante Punkte im Kiez

Park

Der Park stellt eine große Fläche im Lehrter Kiez dar, die weder gewerblich, noch durch Wohnen genutzt werden kann. Im Kiez nimmt er in gewisser Weise die Funktion eines Naherholungsgebietes ein, auch durch seine im Stil englischer Landschaftsgärten angelegte Gestaltung. Die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, neben Spazierengehen, sind äußerst vielfältig: Fußball, Tennis, Mini-Golf, eine neue Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins, ein „Trimm-dich-Pfad“ mit unterschiedlichen Sportgeräten, die Nähe zur Schwimmhalle in der Seydlitzstraße und, für Berliner Verhältnisse bemerkenswert, ein ansehnlicher Hügel zum Schlitten fahren.

Abb. 1 Fritz Schloß Park (CC by Fridolin freudenfett)

Abb.16: Fritz Schloß Park (CC by Fridolin freudenfett, Stand: 18.03.2013)

Das heißt, im Park bestehen viele Nutzungsmöglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten, die das umliegende Einzugsgebiet attraktiv für (junge) Familien mit Kindern machen. Die vielen Einrichtungen im Park und seine dichte Bepflanzung unterscheiden ihn von anderen Parks in der Stadt. Im Vergleich mit diesen, ist der Fritz-Schloß-Park weniger überschaubar und schlechter zugänglich, sodass Szenegänger und Kreative hier kaum Möglichkeiten finden, den Raum für sich einzunehmen. Dadurch ist der Park trotz seiner Größe recht unbekannt und kann nicht von einem Ruf, wie der Mauerpark oder der Görlitzer Park profitieren.

Polizeidistrikt 3, Moabit/Wedding

In erster Linie ist nicht abzustreiten, dass die explizite Polizeipräsenz stark zum Sicherheitsgefühl innerhalb des Kiezes beiträgt. Allerdings bedeutet der große Polizeikomplex auch eine Fläche von beträchtlichem Ausmaß, die nicht zivil-wirtschaftlich genutzt werden kann. Die Station dominiert die Kruppstraße und die Perleberger Straße zum Teil und in Kombination mit der Nähe zum Park wird der Bereich zwischen Seydlitzstraße und Perleberger Straße zu einem Gebiet, das kaum Wohn- oder Gewerbenutzungen vorweist und deshalb dort wenige Passanten anzutreffen sind.

Abb. 2 Polizeikomplex Kruppstr. (Foto: Theresa Saal)

Abb.17: Polizeikomplex Kruppstr. (Foto: Theresa Saal)

Hostel

Der vordere (südliche) Teil der Lehrter Straße hat durch den Einzug des A&O Hostels eine signifikante Veränderung erfahren. Auf den Straßen und Gehwegen ist mehr Bewegung auszumachen und auch die Einrichtungen in der nördlichen Hälfte der Straße, wie die KuFa, das Kapitel 21 und das italienische Restaurant „Mediterraneo“, profitieren hiervon. Allerdings seien zahlreiche Anwohner, laut Frau Torka, unzufrieden mit der Situation, da die Lärmbelastung nachts durch die Koffer, die über den Gehweg gezogen werden, gestiegen sei und in der engen Straße häufig große Reisebusse ambitionierte Wende- und Parkmanöver durchführen müssten. Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass der südliche Teil der Lehrter Straße durch das Hostel und jenes am Hauptbahnhof eine deutliche Belebung zu verzeichnen hat. In Zusammenspiel mit dem Gewerbe, das dort ansässig ist (Kreativberufe, Steuerberatungen, indonesische Botschaft), wirkt dieser Bereich belebt und urban.

a-o-berlin-hauptbahnhof

Abb.18: A & O Hostel Lehrter Straße (Foto: http://www.tripadvisor.de/Hotel_Review-g187323-d1784985-Reviews-A_O_Berlin_Hauptbahnhof-Berlin.html, Stand: 18.03.2013)

Lehrter Str. Ecke Kruppstraße, die „kreative Ecke“

Dieser kleine Bereich in der nördlichen Hälfte der Lehrter Straße strahlt etwas aus, das man durchaus Flair nennen könnte. Hier sind verschiedene Einrichtungen zu finden, wie die Kulturfabrik, eine Berliner Institution, die ein ein kleines Kino, eine Bar, einen Klub und ein Theater beherbergt.

kapitel

Abb.19: Kapitel 21 (Foto: Johanna Backhaus)

Das Kapitel 21, eine Bar und Galerie, hat zuvor häufig den Besitzer gewechselt, scheint sich aber mit dem aktuellen Konzept gut im Kiez zu etablieren. Außerdem sind noch das Café Moab und das Café „Herr der Schneider“ in der Nachbarschaft zu finden. Zusammen mit einigen Spätkaufs, kleineren Werkstädten, dem Kreativ-Hof, in dem sich Designer, Architekten und Tischler niedergelassen haben, dem kleinen Restaurant und dem Betroffenenladen Lehrter Straße bildet dieser Bereich der Lehrter Straße das belebte Herzstück des Lehrter Kiezes, wo auch abends noch junge (und jung gebliebene) Leute unterwegs sind und man nicht den Eindruck bekommt, sich in einem reinen Wohnkiez zu befinden. Damit stellt sich dieser Bereich der Lehrter Straße als einer der wenigen Orte in Moabit Ost heraus, an dem Ansätze für Gentrifizierung möglich wären.

 Atmosphäre/Eindruck

Der Lehrter Kiez stellt sich als ruhiger Teil von Moabit Ost beziehungsweise Moabit im Allgemeinen heraus. Die Verkehrsberuhigung, das viele Grün im Park und die alleeartige Gestaltung der Straßenränder lassen leicht vergessen, dass man sich eigentlich im Zentrum Berlins und einen Steinwurf entfernt vom Hauptbahnhof und vom Regierungsviertel befindet. Der durchmischte Baubestand aus sanierten und unsanierten Altbauten und Neubauten schafft ein heterogenes Straßenbild, das dem Viertel einen abwechslungsreichen Eindruck verleiht.

An den nördlichen und südlichen Enden der Lehrter Straße sind belebte Punkte auszumachen, die einige Angebote, wie Bars und Cafés für ein Laufpublikum bereithalten. Gerade die obere Hälfte der Straße bietet auch abends Optionen, wie die KuFa oder das Kapitel 21, seine Freizeit hier zu verbringen. Tagsüber kann man im Park verschiedenen Outdoor-Aktivitäten nachgehen. Allerdings ist auffällig, dass gerade in der Lehrter Straße kaum gastronomische Einrichtungen, außer dem italienischen Restaurant „Mediterraneo“ zu finden sind. Der für viele Szeneviertel charakteristische Wechsel zwischen Bars, Spätkauf und Gastronomie ist hier nicht vorhanden.

Auch die Anwohnerstruktur entspricht nicht klassicher Weise der eines trendigen Berliner Kiezes. Zwar könne, Frau Torka zu Folge, ein wachsender Zuzug von Personen mit bildungsbürgerlichem Hintergrund verzeichnet werden, aber es habe in der Lehrter Straße beispielsweise schon seit jeher viele Studenten-WGs gegeben. Ein Wandel habe sich allerdings im vorderen Teil der Lehrter Straße vollzogen. In den ehemaligen Eisenbahnergebäuden hätte die Degewo seit ca. acht Jahren eine veränderte Mietpolitik betrieben und viele junge Familien dort einziehen lassen. Die Wohnungen seien groß, gut angebunden und relativ günstig gewesen, sodass sich weitestgehend unbemerkt ein Wandel in der Anwohnerstruktur im vorderen Teil der Lehrter Straße vollzogen hätte. Erst mit Protestaktionen gegen den Bau des A&O Hostels hätten diese auf sich aufmerksam gemacht. Das Hostel hat sicher zur Veränderung in der Straße beigetragen.

Insgesamt ist der Lehrter Kiez ein attraktives Wohngebiet vor allem für (junge) Familien mit Kindern. Es gibt kaum Einrichtungen, die gezielt auf junge Kreative ausgerichtet sind, lediglich das Kapitel 21. Alle anderen Einrichtungen, auch die Nähe zu Kindertagesstätten und Schulen, machen das Gebiet für Eltern mit Kindern interessant. Für sogenannte Pioniere, wie Studenten und Künstler, bieten KuFa und Kapitel 21 letztendlich zu wenig Potenzial, das Anziehungskraft hat, um als attraktiver Wohnbezirk zu gelten. Vor allem für die in der Lehrter Straße lebenden Studenten sind die zentrale Wohnlage, die gute Anbindung zum Hauptbahnhof, von dem aus man schnell in szenigere Viertel Berlins gelangen kann, und die Nähe zur TU im benachbarten Charlottenburg Anreize, um in Moabit zu wohnen.

Mittelbereich Lehrter Str.

Der mittlere Bereich der Lehrter Straße stellt hinsichtlich seines Entwicklungspotenzials den interessantesten Teil des Lehrter Kiezes dar. Der oben angeführte nördliche Bereich der Lehrter wird vom südlichen durch einen langen Abschnitt getrennt, der zur östlichen Straßenseite hin aus einer Backsteinmauer besteht und zur westlichen aus einem Gefängniskomplex, der Teil der Justizvollzugsanstalt Moabit Ost ist. Dieses Gebiet ist für Zivilisten ebenso unzugänglich wie der Polizeidistrikt und stellt so einen „toten“ Bereich im Kiez dar.

Abb. 5: Backsteinmauer Mittelbereich Lehrter Straße, Quelle: Initiative Mittelbereich Lehrter Straße (2009): Lehrter Wohnstraße, S.5

Abb.20: Backsteinmauer Mittelbereich Lehrter Straße, (Foto: Initiative Mittelbereich Lehrter Straße (2009): Lehrter Wohnstraße, S.5, Stand: 18.03.2013)

Allerdings werden sich hier in den kommenden Jahren Veränderungen vollziehen, die das Gesicht der Straße nachhaltig verändern werden. Welcher Natur diese Veränderungen sein werden, hängt ganz entscheidend von der Groth Immobiliengruppe ab (http://www.grothgruppe.de/). Die Groth Gruppe hat das ehemalige Bahngelände erworben und plant die Neubebauung, bei der ein gemischtes Areal, mit Wohn- und Gewerbeflächen entstehen soll.

Mittelbereich

Abb.21: Mittelbereich Lehrter Straße (Foto: Bezirksamt von Berlin Mitte (2009): Städtebauliches Gutachterverfahren Lehrter Straße, Deckblatt, Stand: 18.03.2013)

Bei der Sitzung des Betroffenenrats am 05.02.2013 im B-Laden Lehrter Straße war der Sprecher der Geschäftsführung anwesend, um sich die mit den Anwohnern auszutauschen. Anliegen der Groth Gruppe sei es, ein lebendiges, urbanes Quartier zu schaffen, mit einem Stadtplatz, der möglicherweise auch den gegenüberliegenden Eingangsbereich zum Sportplatz integriert. Laut Groth (Sitzungsprotokoll 05.02.13: http://www.lehrter-strasse-berlin.net/dateien/BR-Lehrter_Protokolle/2013/BRL_Prot_2013-02-05.pdf, Stand: 18.03.2013, nachfolgende Seitenangaben beziehen sich auf dieses Dokument) soll „wesentlich mehr Wohnen als 60% der Baumasse [vorgesehen sein]. Insgesamt [sind] 75.000 qm Bruttogeschossfläche [angedacht] […]. Es sollen zur Hälfte Mietwohnungen und zur Hälfte Eigentumswohnungen gebaut werden, insgesamt 600 – 700 Wohnungen“ (S. 1f., Hervorhebungen hier und im Folgenden wie im Original).

„Klaus Groth äußert Bedenken, dass die Brücke über die Bahn von der öffentlichen Hand nicht finanzierbar ist, denn es sei schon das neue Hafenbecken in der Europacity wegge­fallen“ (S. 2). Die Bahnschienen werden demnach als Barriere Richtung Osten bestehen bleiben und eine Art Grenze von Moabit darstellen.

„Ein weiteres Problem sieht die Groth-Gruppe in der Form des Stadtplatzes, der ihr zu groß und anonym erscheint und nicht belebt“ (ebd.). Der Stadtplatz war ein ausführlich besprochenes Thema während der Sitzung, denn dieser wird entscheidend dazu beitragen, ob das Bauvorhaben sich wirklich zu einem „urbanen Quartier“ in Klaus Groths Sinn entwickeln wird. Vorschläge, die zu diesem Punkt von Groth kamen, waren eine Kita oder auch ein drei Sterne Hotel. Vermeiden möchte er definitiv leerstehende Ladenflächen (ebd.). Eine der dringendsten Sorgen der Anwohner ist die soziale Durchmischung und die Entstehung eines Fremdkörpers im Kiez, was auch in der darauffolgenden Fragerunde angesprochen wurde. Dazu aus dem Protokoll: „Wie die Frage der sozialen Durchmischung gelöst werden kann, sehen sie noch nicht. Denn das muss wirtschaftlich für sie tragbar sein. […] Groth könnte sich eine Durchmi­schung mit städtischen Gesellschaften oder Baugenossenschaften vorstellen, doch gibt es dazu keine positive Rückmeldung. […] Auf die Durchmischung könnte auch mit dem Bauprogramm, d.h. unterschiedlicher Ausstattung, ein­gegangen werden“ (ebd.).

Die Besorgnis der Anwohner, dass in ihrem Kiez umwälzende Veränderungen stattfinden, ist groß. Klaus Groth hat auch die Nettokaltmietpreise für diese neuen Wohnungen genannt: 8,50€. Die jetzigen Mietspiegelpreise liegen bei durchschnittlich 6,70€ warm (!). Viel größer könnte der Unterschied kaum sein. Der Baubeginn soll im Herbst 2014 oder Frühling 2015 stattfinden (S. 2) und wenn dieses Bauvorhaben realisiert wurde, wird die Lehrter Straße ein völlig anderes Gesicht haben. Nicht nur, dass der Mittelbereich belebter sein wird als zum jetzigen Zeitpunkt, er wird auch eine ganz andere Anwohnerschaft anziehen, für die Mietkosten in dieser Höhe kein Hindernis darstellen und in einem innerstädtischen Quartier leben möchten. Künstler und Kreative, als Pioniere, könnten sich dieses Viertel dann sicher nicht mehr leisten. Wie oben bereits beschrieben, sind wenige Pioniere da und durch die Umgestaltung der Lehrter Straße werden keine weiteren angezogen. Weiter ist zu beobachten, was mit jener punktuellen Pioniernutzung, zum Beispiel Lehrter Straße/Kruppstraße, geschehen wird und ob sich diese Akteure im Gebiet halten können.

Sollte in einigen Jahren der geplante S-Bahnhof Perleberger Brücke am nördlichen Ende der Lehrter Straße tatsächlich realisiert werden (http://www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/politik_planung/oepnv/planungen/de/s21.shtml, Stand: 18.03.2013) und dieser Teil Moabits damit kein ÖPN-Niemandsland mehr zwischen Reinickendorfer Straße und Turmstraße darstellen, wäre auch eine weitere Barriere, die vom Zuzug in den Lehrter Kiez abhält, gefallen.

Die Lehrter Straße und damit der gesamte Lehrter Kiez werden sich langfristig und grundlegend verändern, wenn das Bauvorhaben im Mittelbereich der Straße abgeschlossen ist. Durch die angedachten Mietpreise der Groth Gruppe wird eine andere Anwohnerschaft angezogen werden, als man sie jetzt im Kiez und in Moabit Ost vorfindet. Dieser Bereich, der am nächsten an Zentrum liegt, wird sich im Preisniveau mit großer Wahrscheinlichkeit als erster den Preisen anpassen, die im restlichen Gebiet von Mitte als Standard gelten. Die Frage ist nun, ob der Lehrter Kiez seine Anbindung in Moabit einbüßen und ein Fremdkörper, wie es viele Anwohner befürchten, werden wird, ob er vielleicht die umliegenden Gebiete nach und nach mitreißen kann oder noch völlig unabsehbare Entwicklungen stattfinden werden. Zwar findet in diesem Bereich keine „klassische“ Gentrifizierung statt, jedoch wird man hier in den nächsten Jahren die wahrscheinlich interessantesten Veränderungen in Moabit beobachten können.

Teilgebiet 3: Wilsnacker-/Lübecker Straße

Das dritte Teilgebiet wird ‚eingegrenzt’ von der Turmstraße im Süden, der Stromstraße im Westen, der Rathenower Straße im Osten sowie der Perleberger Straße und der Birkenstraße im Norden (Abb.22). Dieser Bereich bildet einen Großteil des QM-Gebiet Moabit Ost (Abb.23).

Im Zuge der Gebietsuntersuchung konnte ein Interview mit dem Quartiersmanager Fadi Saad geführt werden. Herr Saad arbeitet seit 2010 für das QM Moabit-Ost und war vorher schon als Quartiersmanager in Neukölln und Reinickendorf tätig.

1.ZP.indd

Abb.22: Aufteilung Gebiet (Quelle siehe Bild)

Seiten aus Gebiet

Abb.23: QM Gebiet Moabit Ost (Quelle siehe Bild)

Anbindung

In fußläufiger Nähe befinden sich U-Bahnhof Birkenstraße und U-Bahnhof Turmstraße im Westen. Zudem gibt es einige Buslinien, die das Gebiet durchfahren. Die Perleberger Straße ist mit dem Bus M 27 und dem Bus 123 am besten erschlossen. Der Bus 123 fährt ebenfalls die Turm- und Rathenower Straße ab und fährt über die Lehrter Straße weiter Richtung Hauptbahnhof. Die südlichen Bereiche von Moabit Ost profitieren außerdem von den Bussen TXL und der Linie 245, die auf der Straße Alt-Moabit in regelmäßigem Abstand fahren.

Atmosphäre

Allgemein ist uns in Moabit Ost aufgefallen, dass die Straßen eher leer sind und es wenig Laufpublikum gibt. Auch Herr Saad bestätigte dies im Interview und begründete dies mit den wenigen ansässigen Firmen. Das Quartiersmanagement beschriebt die Lage wie folgt: „Die Kaufkraft im Quartier lag 2008 rund 20% unter dem Berliner Durchschnitt,  ein anhaltender Trend. Dies führt auch dazu, dass das Straßenbild eintöniger geworden ist und z.B. Billig-Läden, Bäckereien und Spielhallen sich ausbreiten können.” (http://www.moabit-ost.de/Gebiet.776.0.html, Stand 11.03.2013).

Außerdem wird erwähnt: “Bei einem Streifzug durch das Quartier erhält man einen sprichwörtlichen ‚Sonntag-Nachmittag-Eindruck‘. Die Seitenstraßen sind wenig befahren” (http://www.moabit-ost.de/Gebiet.776.0.html, Stand 11.03.2013).

Bei einer Stärken-/Schwächenanalyse des Quartiersmanagements (IHEK-Handlungskonzept 2012, http://www.moabit-ost.de/UEber-QM.764.0.html) nannten die Bewohner/-innen „die Verkehrsberuhigung und die begrünten Straßen“ als Stärke für Moabit Ost. Als Schwäche sahen sie unter anderem „zu viele Spielcasinos, die die Atmosphäre im Kiez negativ verändern“.

Einen Kontrast zu den „eingeschlafenen“ Seitenstraßen bietet z.B. die stark befahrene Perleberger Straße. Die vierspurige und ebenfalls stark befahrene Stromstraße bildet eine Art Barriere zum angrenzenden Nordkiez.

Quartiersmanagement und soziale Strukturen

Seit Juni 2009 wird Moabit Ost von einem Quartiersmanagement begleitet. Insgesamt gibt es 34 Gebiete in Berlin die von einem QM unterstützt werden.

Die Untersuchung „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“, im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, liefert die statistische Grundlage für die Entscheidung, ob ein Gebiet von einem QM betreut werden sollte. „Erfasst werden z.B. Zahlen zu Arbeitslosigkeit in bestimmten Altersgruppen, wie viele Menschen sogenannte Transferleistungen beziehen, wie hoch der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund dabei ist, Daten zu Zu- und Wegzug von Bevölkerungsgruppen usw.” (http://www.moabit-ost.de/UEber-QM.764.0.html, Stand 11.03.2013).

Das Quartiersmanagement beschreibt die sozialen Strukturen in Moabit wie folgt: “Die soziale Situation vieler Menschen in Moabit-Ost ist schwierig, mehr als ein Drittel lebt von sogenannten Transferleistungen, wie z.B. Hartz IV. Unter den Jugendlichen, insbesondere mit Migrationshintergrund, ist ein hoher Anteil arbeitslos, ohne Ausbildung und z.T. auch ohne Schulabschluss.” (http://www.moabit-ost.de/Gebiet.776.0.html, Stand 11.03.2013).

und

“Die Statistik zeigt die Vielfalt der Einwohnergruppen im Quartier und offenbart seine kulturelle Vielfalt. Mehr als die Hälfte der rund 10.000 Bewohner/innen hat einen Migrationshintergrund.
(…)Im Berliner Vergleich ist der Anteil der unter 18-jährigen hoch, es leben dafür weniger Senior/innen im Quartier als sonst im Bezirk oder der Stadt Berlin.” (http://www.moabit-ost.de/Gebiet.776.0.html, Stand 11.03.2013).

Aber Herr Saad sprach im Interview auch davon, dass es zwar keine direkten Zahlen gäbe, aber das immer mehr Studenten nach Moabit Ost ziehen würden. Durch Wohngemeinschaften könnten so die höheren Mieten aufgefangen werden. Zudem erwähnte er, dass es in Moabit wenig Großraumwohnungen (4-5 Zimmer) gäbe, d.h. Familien mit vielen Kindern wären teilweise so gezwungen, auszuziehen. Außerdem sprach er eine wachsende Anzahl von Kinderläden an: „Immer mehr Kinderläden, keine Kindertagesstätten, also von Elterninitiativen organisiert (…) Normalerweise hättest du nie an einem sozialen Brennpunkt eine Kita die von Eltern organisiert ist. Die haben keine Zeit dafür.“

Das hört sich ansatzweise nach einem Gentrifizierungsphänomen an. Es könnte für ein Gruppe von Gentrifizierern sprechen, welche allerdings bisher nicht wirklich in Moabit sichtbar ist. Oder es sind Eltern aus angrenzenden Stadtteilen, welche ihre Kinder in diese Kinderläden bringen.

Als Schwäche wird allerdings bei der Stärken-/Schwächenanalyse des QM ein „zunehmender Wegzug vor allem junger Familien vor der Einschulung der Kinder” (IHEK-Handlungskonzept 2012, http://www.moabit-ost.de/UEber-QM.764.0.html) genannt.

Gewerbestruktur

Auch die Gewerbestruktur in Moabit Ost bestätigt die soziale Situation, wie sie vom Quartiersmanagement beschrieben wird. In einem Bericht zur Bestanderfassung und Analyse der Struktur, Art und Nutzung des Gewerbes im QM Gebiet Moabit–Ost von 2011 (Gewerbebericht im Auftrag vom QM Moabit Ost von s + r goryanoff / Berlin, 2011) heißt es: „Die Aufteilung der gewerblichen Einrichtungen in Ladenlokale des Einzelhandels, Einrichtungen mit Dienstleistungsangeboten sowie Bauhandwerk und KFZ Werkstätten ergibt ein Bild über die Angebotsstruktur, wie sie für Quartiere mit niedrigem Durchschnittseinkommen, hoher Arbeitslosigkeit und hohem Migrantenanteil charakteristisch sind.“

Außerdem führt der Bericht weiter auf: „Das Angebotsniveau der gastronomischen Einrichtungen liegt im Fast Food und Billigsegment (Cafes und Imbiss). […] Mit 16 Einrichtungen ist das Frisörgewerbe relativ prominent vertreten. Dies gilt fast ebenso für die sozialen und kulturellen Einrichtungen. Hierbei handelt es sich meist um Betreuungs- und Beratungsstellen, die Unterstützung und Hilfe in sozialen und gesellschaftlichen Fragen anbieten. Auffallend ist auch der im Verhältnis zur Einwohnerzahl hohe Anteil von Wett- und Spielautomatencasinos.“

Neben den bemerkenswert vielen Frisörgeschäften und Casinos fällt aber vor allem der hohe Leerstand an Ladenlokalen in Moabit Ost auf. Der Gewerbebericht spricht von einer Leerstandsquote von ca. 24%. Einen interessanten Aspekt dazu erwähnte Herr Saad im Interview. Er berichtete, dass es zwar viel Leerstand gibt, aber die Eigentümer teilweise gar nicht daran interessiert sind, momentan zu vermieten, weil sie davon ausgehen, dass sie bald auf Grund der steigenden Preise höhere Mieteinnahmen erzielen könnten. Auch fehle den meisten Eigentümern das Interesse an Zwischennutzungsangeboten, für welche es eine Initiative vom QM gegeben hatte.

Wo genau sich dieser hohe Leerstand im Gebiet finden lässt und inwiefern die städtebauliche Situation bzw. die Bebauungsstruktur darauf Einfluss nimmt, zeigt sich bei einer genaueren Betrachtung des Gebietes:

Städtebau und Bebauungsstruktur

Mitten im Gebiet liegt das Gesundheits- und Sozialzentrum Moabit (GSZM).

Im Westen des GSZM liegt die Lübecker Straße, welche zu ca. 90% von Altbauten (Ende des 19. Jahrhunderts) geprägt ist (Abb.24). Dort kann man einige Ladenlokale finden, die jedoch zum größten Teil leer stehen, laut Gewerbebericht ca. 37% Leerstand. Jedoch gibt es ein paar Ladenlokale, die für eine Pioniernutzung bzw. eine gewisse „Szene“ sprechen könnten. Aufzuführen ist da die Galerie „Kurt-Kurt“ im Geburtshaus von Kurt-Tucholsky (Abb.25), außerdem einige Ateliers (Abb.26) und einen Kinderladen (Abb.27). Aber auch Frisörgeschäfte und Casinos sind in der Lübecker Straßezu finden.

Zugänglich von der Stromstraße befindet sich das Areal der ehemaligen Schultheiß-Brauerei. Der Gewerbebericht äußert sich hierzu folgendermaßen:  „Die Stromstrasse zwischen Turmstrasse und Birkenstrasse bezieht ihre Bedeutung aus dem Komplex der ehemaligen Schultheiß Brauerei. Dort sind mehr als die Hälfte der 42 Einrichtungen im Abschnitt der Stromstrasse konzentriert. Vor allem stark vertreten ist dort das Bauhandwerk sowie KFZ Werkstätten.“  Zudem findet man einige Casinos auf der Stromstrasse zwischen Perleberger- und Birkenstraße.

Durch die Anbindung an die U-Bahnstation Birkenstraße bildet die Kreuzung der Birken-/Strom- und Stephanstraße eine Art „Tor“ zum Quartier. Auch der neugebaute MOA-Bogen verstärkt diese Ecke zusätzlich. Dieses neue Einkaufzentrum (z.B. großer Edeka-Markt) versorgt einen weiten Teil des Quartiers. Aber das neugebaute Parkhaus des MOA-Bogen, welches sich weiträumig zur Birkenstraße hin öffnet, bietet nicht gerade eine freundliche Straßenatmosphäre und stört gar potenzielle Entwicklungen. Denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite präsentiert sich eigentlich ein relativ vielversprechendes Bild durch die Altbaustruktur und einige Cafes/Geschäfte. Auch wenn man die Birkenstraße weiter Richtung Osten läuft, spürt man spürt die Nähe zum angrenzenden Stephankiez.

An der Ecke Perleberger Straße/ Birkenstraße steht eine prächtige Kirche (Abb.28), es gibt eine Bibliothek und auch ein schönes Eckhaus mit Restaurant (Abb.29). Doch die Bibliothek liegt fast ein wenig versteckt und die vielbefahrenen, breiten Straßen dämmen einen Platzcharakter ein.

Die Perleberger Straße und auch der nördliche Bereich der Wilsnacker Straße bieten eine große Altbausubstanz (Abb.30). Außerdem gibt es viele Ladenlokale, wovon jedoch viele leer stehen (Abb.31). Auch der Gewerbebericht äußert sich dazu folgendermaßen:

„Die gebietsbezogene Hauptachse geschäftlicher Einrichtungen ist die Perleberger Strasse. Mit 71 Ladengeschäften (Verkaufsgeschäfte und Dienstleistung) stellt sie den höchsten Anteil. Konzentriert sind diese Einrichtungen in Höhe der Wilsnacker und Rathenower Strasse beidseitig und im nordöstlichen Teil der Perleberger Strasse. Allerdings hat die Perleberger Strasse heute deutlich ihre frühere Funktion der Gebietsversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs eingebüßt. Der hohe Durchgangsverkehr trägt zu einer weiteren Deattraktivierung dieser Strasse bei.“

Eine Bebauungsstruktur 50er und 60er Jahre grenzt im Osten an das GSZM (Abb.32). Diese Wohnblöcke reichen bis zur Rathenower Straße und somit bis zum Fritz-Schloss-Park (Abb.33). Altbauten findet man in diesem Bereich nur vereinzelt Richtung Turmstraße im Süden und vor allem in den südlichen Teilen Wilsnacker – und Bandelstraße. Unmittelbar angrenzend liegt das Amtsgericht Tiergarten.

Erdgeschossnutzung in Form von Gewerbe ist aufgrund der Bebauungsstruktur nur im Bereich der Turmstraße und im südlichsten Teil der Wilsnacker Straße möglich und vorhanden. Dort findet man auch einen Bioladen und einen der Kinderläden (Abb. 34/35). Der Gewerbebericht von 2011 äußert sich dazu wie folgt: „Der kurze Abschnitt der Turmstrasse zwischen Rathenower- und Stromstrasse ist zwar mit 46 Einrichtungen noch dichter besetzt wie die Perleberger Strasse, diese Geschäfte orientieren aber eher auf das Laufpublikum in der Verlängerung der Geschäftsachse Turmstrasse. Der Versorgungsbezug für das QM Gebiet Moabit Ost ist dagegen schwächer ausgerichtet.“ Und außerdem: „Die Wilsnacker und die Lübecker Strasse verfügen über 29 bzw. 27 Ladenlokale, wovon ebenfalls zwischen einem Viertel und einem Drittel als Leerstand erfasst wurde. Der hohe Rückgang von geschäftlichen Standorten bedeutet für diese Strassen eine immer stärkere Ausrichtung auf das Niveau von Wohnerschließungsstrassen.“

Potenzial

Durch die ‚Einkesselung’ von GSZM und Park und durch die neuzeitliche Bebauungsstruktur sehen wir grundsätzlich wenig Entwicklungspotenzial bzw. Streukraft in diesem Bereich. Der Park bietet grundsätzlich zwar eine große Qualität für das Gebiet, bildet aber auch eine Art Grenze. Außerdem ist er in weiten Teilen durch große Neubaustrukturen z.B. der Kurt-Tucholsky-Grundschule abgeschirmt. Grundsätzlich ist dieser Bereich aber durch zwei Buslinien (Turmstraße und Rathenowerstraße) und die Nähe zum TXL bzw. Bus 245 an der Straße Alt-Moabit relativ gut angebunden.

Eine kleine Entwicklung kann man am südlichen Ende der Wilsnacker Straße beobachten, ebenso in der beschriebenen Lübecker Straße. Wie auch schon erwähnt, beschreibt das QM die Situation im Quartier ähnlich: „[…] Vielmehr existieren kleine „Inseln“, die eine eigene Kiezkultur entwickelt haben, wie die Lehrter Straße oder die südliche Wilsnacker Straße, in der sich eine kleine „Öko-Szene“ mit Restaurant, Lebensmittelgeschäft und Kinderladen etabliert hat.” (http://www.moabit-ost.de/Gebiet.776.0.html, Stand 11.03.2013). (Abb. 34/35)

Damit geht das Quartiersmanagement auf das gesamte Quartier ein und bestätigt auch unsere Beobachtungen. Es gibt vereinzelte ‚Szene’-Entwicklungen, die aber noch sehr gering ausfallen und bisher wenig Strahlkraft haben bzw. haben können, primär durch die Bebauungsstruktur und durch das GSZM, welches das Gebiet ‚teilt’.

Auch nachfolgende Aussage spricht diesen wichtigen Punkt an: “Ein Teil der historischen Gründerzeitgebäude im Quartier wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
 Die verbliebenen Altbauten sind mittlerweile teils aufwändig saniert. Im Kontrast dazu stehen die Neubauten aus den späten 50er und 60er Jahren,  z.B. im Bereich der Wilsnacker/Dreysestraße.” (http://www.moabit-ost.de/Gebiet.776.0.html, Stand 11.03.2013). Die meisten Altbauten in Moabit Ost sind saniert, man findet wenig wirklich „heruntergekommene“ Fassaden. Im Zusammenhang mit den mittlerweile schon hohen Mieten spricht das gegen eine Ansiedlung von Pionieren. Ob die Neubauten mit der Zeit eine Attraktivität für Pioniere darstellen bleibt abzuwarten.

 

Ergebnis

Wir gehen davon aus, dass Moabit Ost eine Sonderstellung in Moabit einnimmt und nicht exemplarisch für die Entwicklungen in Gesamt-Moabit herangezogen werden kann. Die Hauptgründe hierfür sind, wie bereits beschrieben, seine spezielle Geschichte, genauer: seine militärische Nutzung bis Ende der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, seine starke Fragmentierung und seine isolierte Lage in Moabit und in Berlin.

Wir konnten bei unseren Untersuchungen keine Anzeichen für eine klassische Gentrifizierung feststellen. Zwar konnten wir einzelne Punkte und Nutzungen mit Gentrifizierungspotential ausmachen, deren Strahlkraft ist allerdings durch die bereits dargelegten Gründe stark eingeschränkt.

Im Allgemeinen konnten wir bei unserer Arbeit mit diesem Stadtteil eine große „Heimatverbundenheit“ feststellen – Moabiter ziehen ungern aus Moabit weg und betrachten das noch schlechte Image als Schutz vor übermäßigem Zuzug und der damit verbundenen Verteuerung ihres Kiezes.

Entwicklungen im Kiez werden vor allem durch infrastrukturelle Veränderungen vorangetrieben. Im Stephankiez waren es politisch motivierte Schutzmaßnahmen seit Anfang der 90er Jahre, durch die sich dieses Areal heute auf einem höheren Entwicklungsstand als der Rest befindet. Im Bereich Lehrter Straße sind große Veränderungen durch die Planung des neuen S-Bahnhofes und die Bauvorhaben der Groth-Gruppe zu erwarten. Wie diese genau aussehen werden, bleibt abzuwarten.

It\'s only fair to share...Email this to someonePrint this pageShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on Pinterest

Schreibe einen Kommentar